Otl Aicher

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Piktogramm aus dem visuellen Erscheinungsbild für die Olympischen Sommerspiele 1972, München – Basketball

Otl Aicher, eigentlich Otto Aicher, (* 13. Mai 1922 in Ulm; † 1. September 1991 in Günzburg) war einer der prägendsten deutschen Gestalter des 20. Jahrhunderts und genoss große internationale Anerkennung. Gemeinsam mit seiner Frau Inge Aicher-Scholl und Max Bill gründete er 1953 die Hochschule für Gestaltung Ulm (HfG).

Leben[Bearbeiten]

Otl Aicher wuchs in einem dem NS-Regime kritisch gegenüberstehenden Umfeld auf. Er war ein Schulfreund von Werner Scholl; ab Herbst 1939 kam er in engeren Kontakt mit dessen Geschwisterkreis; so entwickelte sich die Freundschaft mit den Geschwistern Scholl. Er war ein entschiedener Jungkatholik, der versuchte, sein Leben nach den Maßstäben des Augustinus auszurichten. Aicher weigerte sich, der Hitler-Jugend beizutreten, daher war er 1937 inhaftiert und durfte 1941 nicht an der Prüfung zum Abitur teilnehmen (nach dem Krieg wurde ihm das Abitur nachträglich zuerkannt). Dennoch erhielt er im selben Jahr bei seiner Einberufung in die Wehrmacht das Angebot einer Offizierslaufbahn, das er jedoch ablehnte. Konsequent verschloss er sich jeder Aufstiegsmöglichkeit im Militär. Aufgrund einer selbst beigebrachten Verletzung konnte er eine Zeit lang dem Kriegsdienst entgehen und stand 1943 Familie Scholl bei, als Hans und Sophie wegen ihrer Mitgliedschaft in der Weißen Rose verurteilt und hingerichtet wurden. Anfang 1945 desertierte Aicher und versteckte sich bei den Scholls auf dem Bruderhof in Ewattingen.

1946 begann er ein Studium der Bildhauerei an der Akademie der Bildenden Künste in München. Schon im Jahr darauf eröffnete er sein eigenes Atelier in Ulm.

1952 heiratete er Inge Scholl, die Schwester Hans und Sophie Scholls. Gemeinsam mit ihr war er Mitgründer der Ulmer Volkshochschule 1946. Er entwarf bis in die sechziger Jahre zahlreiche Plakate für die Ulmer Volkshochschule. Mit Max Bill und seiner Frau leistete er bereits seit Ende der 1940er Jahre theoretische und konzeptionelle Vorarbeiten für eine eigene Hochschule für Gestaltung, die 1953 mit der Grundsteinlegung am Kuhberg in Ulm realisiert wurden. Er wurde Dozent für Visuelle Kommunikation.

1956 wurde er, nach dem Austritt Max Bills, Mitglied eines Rektoratskollegiums, bevor er von 1962 bis 1964 alleiniger Rektor wurde. Nebenbei hatte er Gastprofessuren in Yale und Rio de Janeiro.

Von 1967 bis 1972 war er Gestaltungsbeauftragter der Olympischen Spiele von München, wofür er ein bis heute international weit verbreitetes System von Piktogrammen als Wegweiser entwickelte.

Atelier in Rotis[Bearbeiten]

Aichers Atelierhäuser in Rotis, einem Ortsteil von Leutkirch im Allgäu

Im Anschluss daran zog er nach Rotis ins Allgäu (heute ein Ortsteil von Leutkirch im Allgäu). Im Ortsteil Rotis, einer Mühlenanlage, entwarf und baute er in den 1980er Jahren für seine Bürogemeinschaft einige Atelierhäuser. Dort gründete er 1984 das Rotis Institut für analoge Studien und entwickelte in den Jahren darauf die Rotis-Schriftfamilie, die er nach dem Ortsteil benannte. Dort finden heute noch Fachseminare statt.

Otl Aicher war wichtiger Mentor der Zeitschrift Arch+.

Er verstarb am 1. September 1991 an den Folgen eines Verkehrsunfalls.

Lebenswerk[Bearbeiten]

Bücher gestaltet für Severin und Siedler
Schriftmuster der Rotis SemiSans
Logo des Leuchtenherstellers ERCO
Hängeregistratur entworfen von Otl Aicher

Aicher ist einer der Wegbereiter des Corporate Design: So entstand noch an der HfG Ulm das visuelle Erscheinungsbild der Lufthansa, das bis heute in einer leichten Modifikation verwendet wird. Für die Olympischen Spiele von München definierte er konsequente Gestaltungsrichtlinien, die von der Uniform bis zur Eintrittskarte reichten. Mit seinen radikal reduzierten Piktogrammen erfand das Team um Otl Aicher eine neue Zeichensprache, die von allen Menschen sofort verstanden wurde. Weitere Unternehmen, an deren Erscheinungsbild Aicher beteiligt war, sind das ZDF, ERCO Leuchten, FSB, Flughafen Frankfurt, Dresdner Bank, Westdeutsche Landesbank, Sparkasse, Raiffeisenbank, Bulthaup Küchen, Bayerische Rück, Durst Phototechnik, Braun, Schulz Bürozentrum sowie der Verlag Severin & Siedler. Der heute geläufige Begriff der Visuellen Kommunikation ist auf Aichers theoretische Arbeit zurückzuführen.

Aichers Arbeit hatte großen Einfluss auf das Erscheinungsbild Westdeutschlands in der Nachkriegszeit. Er steht für die optische „Läuterung“ deutschen Designs und deutscher Unternehmen (z. B. Lufthansa) nach dem Krieg. Dabei spielt auch seine konsequente Haltung gegenüber dem Nationalsozialismus und seine Freundschaft mit der Familie Scholl eine Rolle. In Ulm, wo Aicher mit anderen die Hochschule für Gestaltung gründete, war der erste Oberbürgermeister nach dem Krieg Aichers Schwiegervater Robert Scholl, der Vater der Geschwister Scholl.

In seiner Arbeit bezog Aicher sich auch auf große Vorbilder und vorhandene Ideen. Sein (später gescheiterter) Versuch der Integration des Schweizer Künstlers Max Bill in die Ulmer Hochschule für Gestaltung lief parallel mit einer inhaltlichen Anlehnung an dessen grafische und typographische Lehrmeinungen (Layout-Raster, Flattersatz, serifenlose Schriften, radikale kleinschreibung).

Für sein Schaffen benutzte Otl Aicher durch andere Typografen vorgelegte Schriften, so u. a. die Univers von Adrian Frutiger für die Olympischen Spiele in München. Erst gegen Ende seines Schaffens entwickelte er selbst eine erfolgreiche Schrift. Nach seinem Wohnort im Allgäu nannte er sie Rotis. Als Fließtext wird sie zwar nicht in jeder Hinsicht als optimal empfunden, aber bei Markenlogos hat sie bis heute Erfolg, u. a. bei ERCO Leuchten und Bulthaup.

Ehrungen[Bearbeiten]

Von Aichers Geburtsort Ulm zu dessen letztem Wohnort Rotis im Allgäu führt der Iller-Radweg, den ebenfalls ein Piktogramm im Sinne Otl Aichers ziert.

Im Sommer 2006 fasste die Schulkonferenz und der Gemeinderat der Stadt Leutkirch den Beschluss, die Realschule Leutkirch künftig „Otl-Aicher-Realschule“ zu nennen.

Im Zuge des Designparcours München 2008 wurde das Projekt „München braucht eine Otl-Aicher-Straße“ gestartet. Aicher soll als Kommunikationsdesigner und nicht zuletzt für seine Leistungen als Gestaltungsbeauftragter der Olympischen Spiele 1972 in München geehrt werden. Mit der Gründung eines Vereins wollten die Initiatoren die Benennung einer Straße nach dem bedeutenden Designer erwirken.[1] Am 6. Mai 2010 kam der Münchner Stadtrat dem nach und seither gibt es eine Otl-Aicher-Straße im Stadtbezirk 12 Schwabing-Freimann.

Anlässlich des 40-jährigen Jubiläums der Olympischen Sommerspiele 1972 in München fand von Juli bis September 2012 in der dortigen Volkshochschule Gasteig eine Ausstellung mit dem Titel „Otl Aicher – Design Olympia 72“ statt. Es wurden Plakate, Drucksachen und Objekte gezeigt, die Otl Aicher von 1967 bis 1972 mit seinem Team entwickelt hatte.[2]

Werke (Auswahl)[Bearbeiten]

Von oder mit Otl Aicher veröffentlichte Bücher:

  • Otl Aicher und Rudolf Saß: Flugbild Deutschland. Praesentverlag, Gütersloh 1968
  • Otl Aicher und Rudolf Saß: Im Flug über Europa. Otto Müller Verlag, Salzburg 1980
  • Otl Aicher und Martin Krampen: Zeichensysteme. Alexander Koch Verlag, München 1980, ISBN 3-433-02650-5
  • Otl Aicher: Die Küche zum Kochen. Callwey Verlag, München 1982, ISBN 3-936896-18-6
  • Otl Aicher: gehen in der wüste. Frankfurt 1982, ISBN 3-10-000430-2
  • Otl Aicher: Kritik am Auto - Schwierige Verteidigung des Autos gegen seine Anbeter. Callwey Verlag, München 1984, ISBN 3-7667-0747-7
  • Otl Aicher: innenseiten des kriegs. 1. Aufl., S. Fischer, Frankfurt am Main 1985, ISBN 3-596-13795-0
  • Otl Aicher, Gabriele Greindl, Wilhelm Vossenkuhl: Wilhelm von Ockham. Das Risiko modern zu denken (Ausstellungsreihe der Bayerischen Rück "Erkundungen"; Ausstellung Nr. 5). Callwey Verlag, München 1986, ISBN 3-7667-0804-X
  • Otl Aicher: typographie. Berlin. 1988, ISBN 3-87439-683-5, 1989 2. A., ISBN 3-433-02090-6. 256 S. Mit Beitrag von Josef Rommen.
  • Otl Aicher: typographie. Reprint der Originalausgabe. Hermann Schmidt, Mainz 2005. ISBN 978-3-87439-683-7
  • Otl Aicher et al.: Über das Farbliche. Hatje Verlag, 1993
  • Günter Behnisch et al.: Konstruktive Intelligenz. In: ARCH+, 1990, 102, S. 42–52
  • Otl Aicher et al.: Architektur des Machens. In: ARCH+, 1990, 102, S. 29–36
  • Otl Aicher: analog und digital. Berlin 1991, ISBN 3-433-02176-7
  • Otl Aicher: die welt als entwurf. Verlag Ernst & Sohn, 1991, ISBN 3-433-02185-6
  • Otl Aicher: schreiben und widersprechen. Verlag Janus Press, 1993, ISBN 3928942034.

Bücher für bzw. vom Klinkenhersteller FSB

  • Otl Aicher und Robert Kuhn: Greifen und Griffe. Verlag der Buchhandlung Walther König, Köln. 2. Auflage 1995
  • Otl Aicher und Jürgen W. Braun: Türklinken. Workshop in Brakel. Verlag der Buchhandlung Walther König. 1987
  • Otl Aicher und Jürgen W. Braun: Johannes Potente, Brakel. Design der 50er Jahre. Verlag der Buchhandlung Walther König. 1989
  • Otl Aicher und Jürgen W. Braun: Zugänge – Ausgänge. 2. Band. Verlag der Buchhandlung Walther König, Köln. 1990

Literatur[Bearbeiten]

Literatur mit Bezügen zu Otl Aicher:

  • Norman Foster: Otl Aicher 1991. In: David Jenkins (Hg.): On Foster ... Foster On, München: Prestel, 2000, S. 592-595, ISBN 3-7913-2405-5
  • Christian Gänshirt: Eine Theorie des Entwerfens? Zu den Schriften von Otl Aicher / A Theory of Design? On the Writings of Otl Aicher. In: Design Science in Architecture. Graz Architecture Magazine Nr. 02, Wien, New York: Springer, 2005, S. 174-191
  • Herbert Lindinger (Hrsg.): Die Moral der Gegenstände. Ausstellungskatalog, Hochschule für Gestaltung Ulm, Berlin 1987, ISBN 3-433-022720.
  • Eva Moser: Otl Aicher: Gestalter. Eine Biografie.. Hatje Cantz Verlag, Ostfildern 2011, ISBN 978-3-7757-3201-7.[3]
  •  Frank Raberg: Biografisches Lexikon für Ulm und Neu-Ulm 1802–2009. Süddeutsche Verlagsgesellschaft Ulm im Jan Thorbecke Verlag, Ostfildern 2010, ISBN 978-3-7995-8040-3, S. 9 f.
  • Markus Rathgeb: The early work of Otl Aicher. In: Baseline #31, 2001
  • Markus Rathgeb: Otl Aicher - Design as a method of action. PhD thesis at The University of Reading, 2001
  • Markus Rathgeb: Otl Aicher. Phaidon Press, 2006, ISBN 0714843962. (Monografie)
  • Hans und Sophie Scholl: Briefe und Aufzeichnungen. (u. a. einige Briefe von Hans und Sophie Scholl an Otl Aicher)
  • Nadine Schreiner: Vom Erscheinungsbild zum ”Corporate Design" – Beiträge zum Entwicklungsprozess von Otl Aicher. Dissertation, Bergische Universität Wuppertal, 2005
  • Nadine Schreiner: Das visuelle Erscheinungsbild der Olympischen Spiele 1972 in München. in: Im Designerpark, hg. K. Buchholz, K. Wolbert, Darmstadt, 2004
  • Barbara Schüler: Im Geiste der Gemordeten… Die 'Weiße Rose' und ihre Wirkung in der Nachkriegszeit. Schöningh, 2000, ISBN 350676828X (u.a. zur Jugend von Otl Aicher in Ulm, zu seiner "Biographie" innenseiten des krieges sowie den Anfängen und der Geschichte der Ulmer vh und der hfg.)
  • Eva von Seckendorff: Die Hochschule für Gestaltung in Ulm. Gründung (1949-1953) und Ära Max Bill (1953-1957)., ISBN 3-922-561810
  • René Spitz: hfg ulm. der blick hinter den vordergrund. die politische geschichte der hochschule für gestaltung ulm 1953-1968. Stuttgart/London 2002. ISBN 3-932565-16-9. (Zur Geschichte der HfG Ulm von der Gründung 1953 bis zur Schließung 1968.)
  • Hermann Vinke: Das kurze Leben der Sophie Scholl. Ravenburger Taschenbuch, ISBN 978-3-473-58011-8
  • Peter und Angelika Schubert: "Otl Aicher, der Denker am Objekt", Filmporträt 45 Minuten, Film Nr. 3 aus der edition disegno, Peter Schubert

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Otl Aicher – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Otl-Aicher-Straße. Archiviert vom Original am 19. Juli 2011. Abgerufen am 8. Juli 2012.
  2. Ausstellung: Otl Aicher – Design Olympia 72. In: Münchner Volkshochschule.
  3. Andrea Reidt: Ein Gestalter, der sich zwischen alle Stühle setzte.. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 9. Mai 2012.