Ottakringer Brauerei
| Ottakringer Brauerei AG | |
|---|---|
| Rechtsform | Aktiengesellschaft |
| ISIN | AT0000758032 |
| Gründung | 1838 (Braubewilligung 1837) |
| Sitz | Wien (Ottakring), Österreich |
| Leitung | Christiane Wenckheim, Vorstand |
| Mitarbeiter | 207 (09/2008) [1] |
| Umsatz | 73,3 Mio € (2007) [2] |
| Branche | Brauerei |
| Website | www.ottakringer.at |
Die Ottakringer Brauerei ist die letzte verbliebene Großbrauerei in Wien. Sie befindet sich im 16. Wiener Gemeindebezirk, Ottakring, im Westen der Stadt.
Inhaltsverzeichnis |
Geschichte [Bearbeiten]
Die Ottakringer Brauerei wurde vom Müllermeister Heinrich Plank 1838 unter dem Namen Planksche Brauerei eröffnet, nachdem die damalige Grundherrschaft, das Stift Klosterneuburg, 1837 die Braubewilligung erteilt hatte.
- Gründerzeit
Im Jahr 1850 (Ottakring war soeben autonome Ortsgemeinde in Niederösterreich geworden, Wien hatte sich bis zum Linienwall erweitert) wurde sie von den aus Lundenburg in Mähren stammenden Cousins Ignaz und Jakob Kuffner, die zuvor das dortige Brauhaus gepachtet hatten, übernommen. Die beiden bauten den Betrieb zu einer Großbrauerei aus. Innerhalb von 10 Jahren steigerte sich der Ausstoß von 18.318 hl auf 64.183 hl.
Ähnlich anderen Industriellen der Gründerzeit, wie den Mautner Markhofs in Wien Mariahilf, traten auch die Kuffner als Förderer „ihrer“ Gemeinde auf; so ließ Ignaz Kuffner 1866 im Preußisch-österreichischen Krieg in Ottakring ein Spital für verwundete Soldaten errichten.[3] Als Kaiser Franz Joseph 1857 den Abbruch der Mauern um die Altstadt verfügte und damit in Wien die Gründerzeit mit beträchtlichen Investitionen Vermögender einleitete, wuchs die Ottakringer Brauerei mit. Ein neuer Gärkeller und größere Lager wurden in Betrieb genommen. 1878 wurde Ignaz Kuffner vom Kaiser in den österreichischen Adelsstand erhoben, den in diesen Jahrzehnten auch andere erfolgreiche und wichtige Unternehmer erhielten.
- Vergrößerung der Stadt, Ausbau der Brauerei
Moriz von Kuffner, Sohn Ignaz von Kuffners, erbte 1882 die Brauereianteile seines Vaters und 1891 auch die seines kinderlosen Onkels Jakob. Er konnte es sich leisten, ab 1884 den Bau und Betrieb der Kuffner-Sternwarte zu finanzieren. Er war 1869–1882 Bürgermeister von Ottakring, das seit 1890 / 1892 Teil Wiens ist (die Stadt erweiterte sich bis 1905 neuerlich stark). Die Brauerei steigerte den Ausstoß von über 170.000 hl um 1890 auf über 350.000 hl im letzten Vorkriegsjahr; eine Menge, die in der Zwischenkriegszeit nie mehr erreicht wurde. 1905 ließ Kuffner die Brauerei in eine Aktiengesellschaft umwandeln. Den Ersten Weltkrieg und die Zwischenkriegszeit überstand das Unternehmen unter der Führung Moriz von Kuffners trotz mancher wirtschaftlicher Probleme relativ unbeschadet.
- „Arisierung“ 1938
Im Jahr 1938, in dem Österreich an das Deutsche Reich „angeschlossen“ wurde, war der damals 85-jährige Moriz Kuffner (das Adelszeichen „von“ war 1919 weggefallen) aufgrund seiner jüdischen Herkunft gezwungen, seinen Betrieb zu verkaufen. Er wurde um 14 Millionen Schilling (nach heutigem Wert etwa 36 Mio Euro) an Gustav Harmer, einen Spiritusfabrikanten aus Spillern bei Stockerau, verkauft.[4] Harmer wiederum wurde nach dem Zweiten Weltkrieg für zwei Jahre ebenfalls aus dem Betrieb vertrieben. In den Jahren 1949 und 1950 wurden die Erben des 1939 im Zürcher Exil verstorbenen Moriz Kuffner von der Familie Harmer mit rund elf Millionen Schilling abgefunden.
Der Historiker Oliver Rathkolb stellte in seinem Gutachten Restitutionsvergleich – Die Dokumentation eines Falles, Wien, 2000, unter anderem folgendes fest: In der Gesamtbeurteilung kann festgehalten werden, dass die Familie Harmer sowohl 1938 als auch nach 1945 bestrebt war, eine – unter den Rahmenbedingungen des NS-Regimes – korrekte Abwicklung des durch die Gestapo-Drohungen gegenüber der Familie Kuffner initiierten Verkaufs durchzuführen. Nach 1945 suchte die Familie aktiv Kontakt zum Familienoberhaupt Stephan Kuffner in den USA und strebte eine endgültige Regelung – noch vor Erlassung der Rückstellungsgesetze – an. Und weiter: Es gibt wohl wenige Restitutionsfälle, aber auch Erwerbungen nach der Machtübernahme des NS-Regimes 1938, in denen die bestehenden politischen Rahmenbedingungen zugunsten der Opfer und ursprünglichen EigentümerInnen so extensiv ausgenützt wurden, wie im Falle der Ottakringer-Kuffner-Gruppe.
- Nachkriegszeit
Nach Kriegsende wurde die Brauerei provisorisch von der sowjetischen Besatzungsmacht verwaltet, ehe es der Familie Harmer gelang, ihren rechtmäßigen Erwerb zu beweisen. 1955 bis 1962 konnte der Bierausstoß von 125.000 auf 236.000 Hektoliter gesteigert werden. 1962 treten Dr. Gustav Harmer und sein Schwager Engelbert Wenckheim in das Unternehmen ein und übernahmen gemeinsam schrittweise die Führung der Brauerei von Seniorchef Gustav Harmer.[5]
Im Jahr 1977 trug die Brauerei durch ihren Austritt aus dem Bierkartell wesentlich zu dessen Sprengung bei. Seither kann sich jeder Gastronom unabhängig von seinem Standort aussuchen, welche Bierbrauerei er als Lieferant wählt. 1986 erfolgte der Börsengang der Ottakringer Brauerei AG und die Brauerei Kapsreiter in Schärding wurde erworben.
- Teil eines Getränkekonzerns
1989 führte Ottakringer neu entwickelte, grüne Schulterflaschen ein und verzichtete fortan auf die österreichweit genormten braunen Bierflaschen.[6] Dr. Gustav Harmer schied 1995 als Alleinvorstand der Ottakringer Brauerei aus und wurde Generaldirektor der Harmer Holding mit den Marken Kapsreiter Bier und Grieskirchner Bier. Im Jahr 2000 wurde Siegfried Menz zum Vorstandsvorsitzenden der Holding (nach Umstrukturierung seit 2010 Ottakringer Getränke AG) und Christiane Wenckheim, Tochter von Engelbert Wenckheim, zum Vorstand der Ottakringer Brauerei AG, seit 2010 Tochterfirma der Ottakringer Getränke AG, bestellt.[7]
Firmenstruktur [Bearbeiten]
Seit die Eigentümerfamilien Wenckheim, Menz, Trauttenberg und Pfusterschmid 2009 13,43 % der Ottakringer-Aktien vom niederländischen Bier-Konzern Heineken zurückkauften, die einst die Brau Union erworben hatte, befindet sich die Ottakringer Brauerei wieder ganz in österreichischem Besitz. Die Firmengruppe Ottakringer Getränke AG, zu der die Brauerei gehört, ist Österreichs einziger börsenotierter Getränkekonzern.[8][9] Die Muttergesellschaft der Brauerei ist zu 94,31 % im Besitz der Ottakringer Holding AG, die wiederum im Besitz der Familien Wenckheim, Menz, Pfusterschmid und Trauttenberg steht.
2013 besteht die Ottakringer Getränke AG aus folgenden Unternehmen:
- Ottakringer Brauerei AG
- Vöslauer Mineralwasser AG
- Innstadt Brauerei AG, Passau (Anteil 49 %)
- Brauerei Pécsi Sörfözde zrt, Ungarn (Anteil 92,87 %)
- Kolarik & Leeb GmbH (Getränkefachgroßhandlung, Anteil 74 %)
- Del Fabro Gesellschavt mbH (Getränkefachgroßhandlung, Anteil 50 %)
- Trinkservice GmbH (früher Vöslauer Getränkevertriebs GmbH - VGV)[10]
Produkte [Bearbeiten]
Die beliebteste Marke ist Ottakringer Helles mit einem Alkoholgehalt von 5,2 % und einer Stammwürze von 11,8°. Weitere Marken sind Goldfassl Spezialbier bzw. Goldfassl Pils sowie der Ottakringer Radler, der aus 50 % Bier und 50 % Zitronenlimonade besteht. Ebenfalls zum Produktsortiment gehört das alkoholfreie Bier Null Komma Josef, dessen aus dem Wiener Dialekt stammender Markenname Alkoholfreiheit suggeriert (tatsächlicher Alkoholgehalt: unter 0,5 %). Das Bier mit dem höchsten Alkoholgehalt der Ottakringer Brauerei ist Ottakringer Bock (17° Stammwürze, 7,6 % alc.), das allerdings nur zu Weihnachten und Ostern produziert wird. Das Urban Ottakringer (urban = städtisch; englisch ausgesprochen wie örbän) wird nur in Flaschen und nur in der „Szenegastronomie“ verkauft und hieß ursprünglich Unten Ohne, da sich am Bauch der Flasche kein Etikett befindet.
2011 wurde der Radler Johannisbeere, ein Biermischgetränk, eingeführt. Als weitere Produkte werden Kühles Blondes (nur bei der Supermarktkette Hofer KG) und Kühles Blondes Radler angeboten, die ausschließlich pfandfrei erhältlich sind.
Sonstiges [Bearbeiten]
Im Wienerischen findet man für Ottakringer Bier, entsprechend der Herkunft aus dem 16. Gemeindebezirk, die Ausdrücke 16er-Blech, auch 16er-Hüs'n (Metallhülse) für eine Dose, wobei fälschlich „Hülse“ mitunter auch zu Flaschenbier gesagt wird. Anfang 2007 machte sich die Brauerei den seit geraumer Zeit bestehenden Ausdruck zunutze und begann Dosenbier in speziell gestylter Aufmachung unter dem Namen 16er Blech zu vermarkten.
Die Brauerei ist langjähriger Sponsor des österreichischen Fußballrekordmeisters SK Rapid Wien. Im Zuge der Fußball-EM 2008 versprach sie jedem ÖFB-Spieler, der ein Tor bei der EM schießen würde, lebenslang jedes Jahr 110 Liter Freibier. Es gab jedoch bei dem gesamten Turnier nur ein Tor der österreichischen Mannschaft durch Ivica Vastić.[11]
Mehrere aufgelassene Produktionshallen des historischen Brauereigebäudes, darunter der Gerstenboden, werden heute regelmäßig für Konzerte, Clubbings und andere Veranstaltungen genutzt.
Seit 2009 wird Ottakringer Bier auf österreichischen Musikfestivals unter dem Namen „Ottarocker“ verkauft.
Weblinks [Bearbeiten]
Einzelnachweise [Bearbeiten]
- ↑ Ottakringer Brauerei AG: Dritter Quartalsbericht 2008. Abgerufen am 31. Januar 2009 (PDF).
- ↑ Ottakringer Brauerei AG: Jahresfinanzbericht 2007. Abgerufen am 31. Januar 2009 (PDF).
- ↑ Geschichte der Ottakringer Brauerei http://www.ottakringer.at
- ↑ Geschichte der Ottakringer Brauerei http://www.ottakringer.at
- ↑ Geschichte der Ottakringer Brauerei http://www.ottakringer.at
- ↑ Brauereigeschichte mit Genehmigung von Michael Kranewitter www.brauereifuehrer.com
- ↑ 175 Jahre Hopfen-Saft aus Ottakring, Text vom 1. Oktober 2012 auf der Website der Wiener Tageszeitung Kurier
- ↑ Website der Ottakringer Getränke AG, Stand vom 21. März 2013
- ↑ DJ EANS-Adhoc: Ottakringer Brauerei AG / vom 15. September 2009 abgerufen am 16. September 2009
- ↑ Konzern & Tochterunternehmen Webpräsenz der Ottakringer Getränke AG, abgerufen am 20. März 2013
- ↑ Vastic bekommt lebenslang Freibier für EM-Tor (ORF Wien vom 18. November 2008)
48.21194444444416.323888888889Koordinaten: 48° 12′ 43″ N, 16° 19′ 26″ O