Otto-Wagner-Spital

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Das Otto-Wagner-Spital (genauer: Sozialmedizinisches Zentrum Baumgartner Höhe Otto-Wagner-Spital und Sozialmedizinisches Zentrum Baumgartner Höhe Pflegezentrum) befindet sich im 14. Wiener Gemeindebezirk Penzing auf der Baumgartner Höhe.

Es ist ein Krankenhaus, das in dieser Form am 1. August 2000 gegründet wurde. Fünf bis dahin selbständige Einrichtungen des Wiener Gesundheitswesens wurden zusammengelegt: das Förderpflegeheim (jetzt Sozialpädagogisches Zentrum) Baumgartner Höhe, das Neurologische Krankenhaus der Stadt Wien Maria Theresien-Schlössel, das Pflegeheim Sanatoriumstrasse, das Psychiatrische Krankenhaus Baumgartner Höhe und das Pulmologische Zentrum Baumgartner Höhe. Die Abteilungen blieben unverändert und wurden zu Zentren zusammengefasst.

Geschichte[Bearbeiten]

Zur Zeit ihrer Eröffnung (8. Oktober 1907)[1] war diese Anstalt der psychiatrischen Spitalsbehandlung von Wienern gewidmet. Die Anlage, die in den Jahren 1904 bis 1907 als Niederösterreichische Landes-Heil- und Pflegeanstalt für Nerven- und Geisteskranke Am Steinhof errichtet wurde, war damals eine der modernsten und auch größten solchen Anstalten in Europa, wurde in der Bauabteilung der Niederösterreichischen Landesregierung unter der Leitung von Carlo von Boog geplant und von Otto Wagner, dem führenden Wiener Architekten der Zeit, überarbeitet.

Nach dem Ersten Weltkrieg wurde die im Westen gelegene Sanatoriumsabteilung (für Privatpatienten) geschlossen und in ihrem Bereich eine von der psychiatrischen Anstalt unabhängige Lungenheilstätte errichtet.

Von 1938 bis 1945 wurde die Anstalt zu einer Institution der nationalsozialistischen Politik gegen „lebensunwertes Leben“. Eine unbestimmte Zahl an als erbkrank eingestuften Patienten wurde zwangssterilisiert. 1940 wurden aus der mit 4.300 Patienten völlig überbelegten Heil- und Pflegeanstalt im Rahmen der Aktion T4 etwa 3.200 Patienten in Vernichtungsanstalten abtransportiert. Ein Großteil von ihnen wurde in der Tötungsanstalt Hartheim umgebracht. Neun der nun leergeräumten Pavillons wurden zur Jugendfürsorgeanstalt Am Spiegelgrund umfunktioniert, zu der auch eine sog. Kinderfachabteilung gehörte und in der Kinder-Euthanasie betrieben wurde. Im ebenfalls durch die Aktion T4 frei gewordenen Pavillon 23 wurde am 1. November 1941 eine „Arbeitsanstalt für asoziale Frauen“ eröffnet, deren „Arbeitstherapie“ vom Küchendienst bis zu schweren Arbeiten wie Kohletransporten oder Straßenpflasterung reichte. Bei Übertretung der rigiden Disziplinarregeln wurden den Frauen Übelkeit, Erbrechen und Durchfall auslösende Apomorphin-Injektionen verabreicht und sie wurden in vollständig aus Beton bestehende Korrektionszellen gesperrt. Allerdings kam es in der Arbeitsanstalt für asoziale Frauen weder zu einem Todesfall noch zu einer (als Strafmaßnahme möglichen) Verschickung in ein Konzentrationslager. Im Zuge der Aktion Brandt fanden 1943 abermals zahlreiche psychiatrische Pfleglinge den Tod.[2]

Mahnmal und Jugendstiltheater

Aus der Lungenheilstätte entstand seit den 1960er Jahren die Krankenanstalt mit dem Namen Pulmologisches Zentrum, aus der wichtige und innovative Entwicklungen in diesem Fachbereich hervorgegangen sind. Das Gleiche gilt für die Orthopädische Abteilung, die sich aus einer Einrichtung zur Behandlung der Knochentuberkulose zu einer modernen Orthopädischen Abteilung mit einem chirurgisch-orthopädischen Schwerpunkt im Bereich des Gelenkersatzes entwickelt hat. Aus der Heil- und Pflegeanstalt für Nerven- und Geisteskranke wurde auch in den 60er-Jahren das Psychiatrische Krankenhaus Baumgartner Höhe.

Auf dem Grünareal vor dem Jugendstiltheater erinnern die 772 Licht-Stelen des Mahnmals für die Opfer vom Spiegelgrund an die Kinder und Jugendlichen, die in den Jahren 1940 bis 1945 in der nationalsozialistischen Euthanasie-Anstalt „Am Spiegelgrund“ ermordet wurden. Die Dauerausstellung Der Krieg gegen die Minderwertigen des Dokumentationsarchivs des österreichischen Widerstandes befindet sich im Pavillon V.

2012 wurde bekannt, dass der Medizinische Betrieb spätestens 2020 abgesiedelt werden wird. Über die Nachnutzung entspann sich eine breite Meinungsbildung unter Einbindung der Massenmedien. Im Rahmen einer Mediation mit den Bürgerinitiativen zur Erhaltung des Areals wurde von der Stadt Wien eine Expertengruppe zur Baulichen Zukunft des Geländes eingesetzt. Am 3. April 2013 gab die Expertengruppe Empfehlungen zum weiteren Vorgehen ab, die vor allem einen Verkauf auch von Teilen des Geländes ausschließt.

Kultur[Bearbeiten]

Anlage[Bearbeiten]

Direktionsgebäude

Die weitläufige Anlage des früheren Psychiatrischen Krankenhauses von 26 Krankenpavillons und Nebengebäuden, die den östlichen Teil des Geländes einnimmt (Eingang: Baumgartner Höhe 1), ist am Südhang des Gallitzinbergs terrassenförmig zu beiden Seiten einer Mittelachse errichtet. Auf der Mittelachse sind hangaufwärts das Verwaltungsgebäude, das einen Vorplatz in Art eines Ehrenhofs U-förmig umschließt, dahinter das hinter einen breiten Rampe und einer Freitreppe errichtete Gesellschaftshaus und Theater (so genanntes „Jugendstiltheater“), oberhalb davon der breit gelagerte Küchenbau und zuoberst die nach Plänen Otto Wagners selbst erbaute Kirche hl. Leopold, die über zwei Treppenrampen entlang der Mittelachse zu erreichen ist, angeordnet. Östlich und westlich der Mittelachse sind auf jeder Terrasse je drei Pavillons über vorwiegend U-förmigen Grundrissen gruppiert, die in Rohziegelbauweise mit Anklängen an das Neo-Biedermeier sowie Rückgriffen auf den Klassizismus gestaltet sind, wobei glatte Flächen und klare Formen dominieren. Einige der Pavillons weisen an der Südseite über ein bis zwei Geschoße reichende Gitterveranden auf. Die mittig angeordneten Eingänge sind durch originale Vordächer geschützt. Gittertüren und Stiegenhausgitter sind in secessionistischen Formen ausgeführt.

Kurhaus des ehemaligen Pulmologischen Zentrums

Der ursprünglich als Sanatorium für begüterte Kranke konzipierte westliche Teil der Heil- und Pflegeanstalt (später Pulmologisches Zentrum) nimmt den westlichen Teil des Areals ein (Eingang: Sanatoriumstraße 1). Entlang der Mittelachse, auf der auf einer Anhöhe das Kurhaus mit Festsaal und Hallenbad und oberhalb davon das Küchengebäude angeordnet sind, sind auf vier Terrassen zehn Pavillons symmetrisch gruppiert; lediglich das Verwaltungsgebäude ist Richtung Osten aus der Achse gerückt. Die Pavillons sind in Grundriss und Gliederung ähnlich denen des Psychiatrischen Krankenhauses, aber wie die Hauptgebäude mit Putzfassaden und Fliesenapplikationen ausgeführt; an den Südseiten sind Gitterveranden angeordnet.

Eine entlang des Heschwegs verlaufende Mauer umgibt die Steinhofgründe, die sich nördlich des Otto-Wagner-Spitals erstrecken, und wurde wie die ganze Anlage 1904–07 errichtet.

Kirche zum Heiligen Leopold[Bearbeiten]

Kirche am Steinhof

Die Kirche zum „Hl. Leopold“, besser bekannt als Kirche am Steinhof, die in 310 m Seehöhe an den Hängen des Galitzinberges als Krönung der gesamten Anlage prangt, gilt als die bedeutendste sakrale Bauschöpfung des Jugendstils. Sie wurde in den Jahren 1904–1907 erbaut und gilt als Hauptwerk von Otto Wagner.

Jugendstiltheater[Bearbeiten]

Das Jugendstiltheater war ursprünglich als Gesellschaftshaus konzipiert und wird heute für Theateraufführungen, Konzerte und Veranstaltungen genutzt.

Otto Wagner Galerie[Bearbeiten]

Die Otto Wagner Galerie hat sich zur Aufgabe gemacht, Kunst in die Psychiatrie zu bringen. In enger Zusammenarbeit mit Künstlern und Patienten entstehen stetig neue Vernissagen und Projekte.

Literatur[Bearbeiten]

  • Eberhard Gabriel: 100 Jahre Gesundheitsstandort Baumgartner Höhe: Von den Heil- und Pflegeanstalten am Steinhof zum Otto-Wagner-Spital. Facultas Universitätsverlag, ISBN 978-3708900612

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Otto-Wagner-Spital – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Die Eröffnung der neuen Landesheil- Pflegeanstalt für Geisteskranke. (Mit einer photographischen Aufnahme). In: Wiener Bilder, Nr. 42/1907 (XII. Jahrgang), 16. Oktober 1907, S. 4 Mitte. (Online bei ANNO)Vorlage:ANNO/Wartung/wrb;
    Eröffnung der Niederösterreichischen Landesheil- Pflegeanstalt für Geisteskranke. In: Neue Freie Presse, Abendblatt, Nr. 15492/1907, 8. Oktober 1907, S. 3, unten rechts. (Online bei ANNO)Vorlage:ANNO/Wartung/nfp.
  2. Susanne Mende: Die Wiener Heil- und Pflegeanstalt "Am Steinhof" in der Zeit des NS-Regimes in Österreich. Abgerufen am 20. Januar 2014 (Auszug aus dem Buch „NS-Euthanasie in Wien“ von Eberhard Gabriel und Wolfgang Neugebauer (Hg.), Seiten 61–73).

48.2087516.27962Koordinaten: 48° 12′ 32″ N, 16° 16′ 47″ O