Otto Freundlich

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Otto Freundlich (* 10. Juli 1878 in Stolp, Pommern; † 9. März 1943 im KZ Lublin-Majdanek oder Sobibor)[1] war ein deutscher Maler und Bildhauer sowie Verfasser kunsttheoretisch-philosophischer Schriften. Freundlich war einer der ersten Vertreter der abstrakten Kunst.

Leben[Bearbeiten]

Freundlich entschloss sich nach unterschiedlichen Tätigkeiten, darunter auch ein Zahnmedizinstudium, Künstler zu werden. Er begann 1902 Kunstgeschichte, unter anderem bei Heinrich Wölfflin, Musiktheorie und Philosophie in München und Berlin zu studieren und veröffentlichte erste Aufsätze in Zeitschriften. Während einer Studienreise nach Florenz im Winter 1906/07 erkannte er die Bildhauerei und Malerei als seine stärksten Begabungen und nahm ab 1907 privaten Kunstunterricht in Berlin bei Lothar von Kunowski und Lovis Corinth (1907–1908).[2]

1908 ging er nach Paris und wohnte am Montmartre im Bateau-Lavoir unter einem Dach mit den damals jungen Pablo Picasso, mit Georges Braque und anderen. Hier fand er zu seinem persönlichen „figural-konstruktivistischen Stil symbolistischer Prägung“. Im Jahr 1911 entstanden seine ersten abstrakten Kompositionen. Nach der Revolution 1918 engagierte sich Freundlich als Mitglied in der Novembergruppe. 1919 organisierte er die erste Kölner Dada-Ausstellung zusammen mit Max Ernst und Johannes Theodor Baargeld. 1924 erfolgte der Umzug nach Paris. Ab 1930 war die deutsche Künstlerin Jeanne (Hannah) Kosnick-Kloss seine Lebensgefährtin, zur gleichen Zeit entwickelte er seine tektonisch aufgebaute Farbfeldmalerei. 1931 trat Freundlich in die neu gegründete Künstlerorganisation Abstraction-Création ein. In der Zeit des Nationalsozialismus galt Freundlich als „entarteter Künstler“ und seine Werke wurden in Deutschland aus den Museen entfernt. Bei Beginn des Zweiten Weltkriegs wurde er als deutscher Staatsangehöriger in Frankreich interniert, jedoch auf Betreiben Picassos von den französischen Behörden wieder freigelassen. Er floh 1940 in das Pyrenäen-Dorf Saint-Paul-de-Fenouillet. 1943 wurde er als Jude denunziert und am 23. Februar 1943 verhaftet. Von der deutschen Besatzungsmacht wurde er in einem Transport von rund 1000 Juden in den Osten deportiert und noch am Tag seiner Ankunft im KZ Lublin-Majdanek ermordet.

Werk[Bearbeiten]

Mein Himmel ist rot, 1933, Musée National d’Art Moderne, Paris
Bronzeguss der Skulptur Ascension in Münster

Otto Freundlich vertrat die Idee eines humanistisch verpflichteten Kunstschaffens. Seine Kompositionen formulieren und repräsentieren das Ideal eines sozialen Gefüges, in dem das Einzelne im Dialog mit dem Ganzen steht. 1938 machte Freundlich seinen gesellschaftlich-künstlerischen Anspruch in dem Text Der bildhafte Raum deutlich: Kunst und Gesellschaft basieren auf einer gemeinsamen ethischen Grundlage. Nach Freundlich ist sie eine alle Menschen verbindende Sprache, die besonders durch Malerei, Skulptur und Architektur zum Ausdruck gebracht wird. Kunstwerke sollen daran erinnern, dass die Menschheit die Aufgabe hat, eine soziale Einheit zu werden.

Visuell greifbar wird Freundlichs Utopie in seinen Gemälden und Gouachen durch den bewusst konzipierten Zusammenklang von Form und Farbe. Im bildhauerischen Werk wird der Anspruch explizit: Der Titel seiner ersten Monumentalskulptur Ascension (1929) verweist auf den Gedanken des Aufstiegs – den potentiellen Aufstieg einer benachteiligten Klasse, den Aufschwung des Geistes und die Entfaltung des Menschen an sich. Die eigene Wahrnehmung öffnet sich für die gemeinsame Aufgabe, das Soziale neu zu denken. Otto Freundlich war damit ein herausragender Vertreter jenes Kunstverständnisses, das in den 1960er Jahren Fluxus- und Aktionskünstler, allen voran Joseph Beuys, erweiterten.

Von Freundlich stammt die Idee einer völkerverbindenden „Straße der Skulpturen Paris-Moskau“: une voie de la fraternité humaine, une voie de la solidarité humaine en souvenir de la libération – „Weg der menschlichen Brüderlichkeit, Weg der menschlichen Solidarität in Erinnerung an die Befreiung“. 1971 wurde auf Initiative des Künstlers Leo Kornbrust in Erinnerung an diese Idee mit einer Straße der Skulpturen im Saarland begonnen. Eine zweite Skulpturenstraße im Saarland („Steine an der Grenze“), die ebenfalls der Idee Freundlichs gewidmet wurde, initiierte der saarländische Bildhauer Paul Schneider im Jahr 1985. Mittlerweile umfasst diese Straße etwa 30 Skulpturen internationaler Künstler. 1999 begann der Verkehrsverein Salzgitter-Bad nach einer Anregung des Künstlers Gerd Winner mit der Realisierung eines weiteren Skulpturenweges als Hommage à Otto Freundlich 1878–1943,[3] der mittlerweile (2006) sieben großformatige Stahlskulpturen renommierter internationaler Künstler zeigt.

Kornbrust griff Freundlichs Idee auf und initiierte eine „Straße des Friedens“, die von der Normandie bis nach Moskau quer durch Europa führen soll.

Der neue Mensch[Bearbeiten]

Der neue Mensch auf dem Titelblatt des Ausstellungsführers 1937

1912 schuf Otto Freundlich die Plastik Der neue Mensch. Die 139 Zentimeter hohe Gipsfigur erinnert an die Steinköpfe der Osterinsel und symbolisierte den erhofften „geistigen Neubeginn“ der Vorkriegszeit. 1930 kaufte der damalige Direktor Max Sauerlandt das Werk für das Museum für Kunst und Gewerbe in Hamburg. 1937 wurde es während der Aktion „Entartete Kunst“ beschlagnahmt, in der gleichnamigen Ausstellung in München vorgeführt und zudem auf dem Titelblatt des Ausstellungskataloges verwendet. Das fotografische Abbild (von unten aufgenommen) verzerrt den Kopf, so wirkt er hochmütig und schmerzvoll.

Während der Wanderung der Ausstellung durch weitere Städte ist die Plastik abhandengekommen und gilt seither als verschollen, vermutlich zerstört. Im Jüdischen Museum Berlin ist nun für diese Figur ein Stellvertreter, ein „Schwarzer Fleck“ ausgestellt (Gallery of the Missing), als Symbol für den Verlust und die Zerstörung von Kultur- und Kunstwerken durch den Nationalsozialismus.

Ausstellungen[Bearbeiten]

Im Jahr 1964 wurden postum Arbeiten von ihm auf der documenta III in Kassel gezeigt.

Der Maler Martin Noël veranstaltete 2006 eine Ausstellung „Hommage à Otto Freundlich“ im Mies van der Rohe Haus in Berlin.

Die Pinakothek der Moderne in München veranstaltete 2007 eine Ausstellung mit dem Titel „Otto Freundlich – Bilder einer sozialen Utopie“.

Das Mittelpommersche Museum in Słupsk (Stolp) präsentierte 2008 „Otto Freundlich – 1878-1943 Artysta ze Słupska/Ein Künstler aus Stolp“.[4]

Literatur[Bearbeiten]

  • Günter Aust: Otto Freundlich. Köln 1960.
  • Günter Aust: Otto Freundlich 1878-1943. Aus Briefen und Aufsätzen. Köln o.J. (1960).
  • Joachim Heusinger von Waldegg (Hrsg.): Otto Freundlich (1878–1943). Monographie mit Dokumentation und Werkverzeichnis. Ausstellungskatalog mit Beiträgen von Uli Bohnen, Joachim Heusinger von Waldegg, Andrèi B. Nakov. Drouin/Maillet/Kaniel, Bonn 1978, ISBN 3-7927-0413-7.
  • Uli Bohnen: Ein Wegbereiter der gegenstandslosen Kunst. Otto Freundlich. Schriften. Mit Beiträgen von Uli Bohnen und Andreas Reidemeister. Köln 1982, ISBN 3-7701-1263-6.
  • Joachim Heusinger von Waldegg: Otto Freundlich. Ascension. Anweisung zur Utopie. Fischer Kunststück, Frankfurt/M. 1987, ISBN 3-596-23943-5.
  • Musée départemental de Rochechouart / Association Les Amis de Jeanne et Otto Freundlich (Hrsg.): Otto Freundlich. Mit Beiträgen von Alain Bonfand, Christophe Duvivier, Edda Maillet, Jerôme Serri, Guy Tossato. Ausst.Kat. Rochechouart 1988, ISBN 2-7291-0313-9.
  • Otto Freundlich et ses Amis. Ausstellungskatalog. Pontoise 1993.
  • Otto Freundlich. Ein Wegbereiter der abstrakten Kunst. Mit Beiträgen von Uli Bohnen, Susanne Deicher, Lorenz Dittmann, Christophe Duvivier, Erich Franz, Joachim Heusinger von Waldegg, Gerhard Leistner, Karena Lütge, Thorsten Rodieck und Rita Wildegans. Ausstellungskatalog. Regensburg/Osnabrück 1994, ISBN 3-89188-068-5.
  • Karena Lütge: In der Malerei wird die Materie zum Geist. Otto Freundlich zwischen Jugendstil, Expressionismus und Konstruktivismus. Weimar 1997, ISBN 3-932124-27-8.
  • Carl Gneist, u. a.: Standpunkte der Ethik, 2000, ISBN 3-506-25000-0
  • Sebastian Giesen, Ulrich Luckhardt, Rüdiger Joppien: Freundlich, Gangolf, Kogan – Drei Künstlerschicksale. Ernst-Barlach-Haus, Hamburg 2004, ISBN 978-3-9807916-9-4
  • Joel Mettay: Die verlorene Spur. Auf der Suche nach Otto Freundlich. Wallstein, 2005, ISBN 978-3-89244-970-6
  • Jürgen Neumann: Von Wörschweiler nach New York. Film von Gabi Heleen Bollinger auf internationalem Festival in US-Metropole prämiert. In: Saarbrücker Zeitung, 24./25. Dezember 2011, S. C4

Film / Video[Bearbeiten]

  • Das geht nur langsam. Film über Otto Freundlich, Leo Kornbrust und die „Straße des Friedens“. Dokumentarfilm von Gabi Heleen Bollinger (DVD, 110 Min.)

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Otto Freundlich – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Helmut Mayer: Ausstellung „Kunst im Krieg“ Die Leinwand als letzter Fluchtpunkt, faz.net, 14. November 2012, abgerufen am 9. März 2013
  2. Kat. zur 15. Europäischen Kunstausstellung in Berlin 1977, S. 50
  3. skulpturenweg-salzgitter-bad.de
  4. fwpn.org.pl