Otto Höfler

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Otto Eduard Gotfried Ernst Höfler, (* 10. Mai 1901 in Wien; † 25. August 1987 ebenda) war ein österreichischer germanistischer und skandinavistischer Mediävist.

Jugend und Ausbildung[Bearbeiten]

Otto Höfler stammte aus einer großbürgerlichen Familie mit rechtskonservativ-katholischem Hintergrund. Sein Vater Alois war Professor für Philosophie und Pädagogik an der Universität Wien, die Mutter, Auguste Dornhöfer, stammte aus Bayreuth.

Das Studium der Germanistik und Skandinavistik nahm Höfler 1921 in Wien auf, dort war er Schüler von Rudolf Much. Bereits während seiner Studienzeit trat Höfler einer nationalkonservativen Burschenschaft bei. 1921 wurde er Mitglied des völkisch gesinnten, antisemitischen Wiener akademischen Verein der Germanisten und 1922 Mitglied der „Ordnertruppe O.T.“, einem Vorläufer der SA.[1] Höflers Studium war breit und international angelegt. Es gab Studienaufenthalte an der Universität Lund, in Basel bei Andreas Heusler und Kiel.

Nach seiner Promotion mit einer Arbeit zu „Altnordischen Lehnwortstudien“ im Jahre 1926 arbeitete er ab 1928 bis zum Wintersemester 1933/1934 als Lektor für deutsche Sprache an der Universität Uppsala. Dabei gab er seine Verbindung zu Rudolf Much und Wien nicht auf, wo er sich 1931 mit einer Arbeit über „Kultische Geheimbünde der Germanen“ habilitierte. [2]

Wirken in der Zeit des Nationalsozialismus[Bearbeiten]

Diese Habilitationarbeit wurde 1934 veröffentlicht und enthielt ein offenes Bekenntnis zum Nationalsozialismus. Nachdem an der Universität Kiel nationalsozialistische Studenten im Verein mit nationalsozialistisch gesinnten Professoren, dem - im Urteil seines Vorgängers gegenüber den Nationalsozialisten „wachsweichen“, Rektor Otto Scheel und dem unter Führung des Nationalsozialisten Bernhard Rust stehendem Preußischen Kultusministerium drei „jüdische“ oder als Anhänger des demokratischen Systems bekannte Professoren des Fachbereichs Germanistik - darunter eine Frau - von ihren Lehrstühlen vertrieben hatten, wurden diese Lehrstühle mit Wissenschaftlern besetzt, die neben guter fachwissenschaftlicher Eignung die Gewähr von Linientreue im Sinne des Nationalsozialismus boten. [3]. 1935 wurde Höfler als Professor für germanische Altertumskunde und Philologie an der Universität Kiel berufen. Neben Otto Höfler kamen Gerhard Fricke und später Clemens Lugowski. Damit hielten in Kiel diejenigen Germanisten Einzug, die zu den „Propagandisten und Profiteuren“ des Nationalsozialismus gezählt werden müssen. [4]. Höfler und seine zwei Kollegen waren fachwissenschaftlich sehr angesehen, sie ragten weit über die Masse der Germanisten hinaus.

Die Germanisten hatten in dieser Zeit in ihrer Mehrheit eine starke Affinität zum Nationalsozialismus. Sie waren Vertreter einer neuen Deutschkunde, „die in sprachlichen und volkskundlichen Überresten nach Spuren suchten, die vom »deutschen Geist« beziehungsweise vom »deutschen Wesen«, den neuen Leitkonzepten der damaligen Zeit zeugten.“ [5] Höflers Theorie von der staatsbildenden Kraft sogenannter „germanischer Männerbünde“ – Höflers eigene und den Sachstand betreffend genauere Diktion lautete „Geheimbünde“ – machte ihn nach dem Aufstieg der SS zu einer wichtigen Macht im NS-Deutschland für deren Einrichtungen interessant. Denn Himmler versuchte, einen Zusammenhang zwischen der Germanenzeit und dem nationalsozialistischen Deutschland herauszufinden. Daher wurde Höfler wie Jan de Vries Mitglied im SS-Ahnenerbe. Zudem gehörte Höfler ab 1936 dem Sachverständigenbeirat des pseudowissenschaftlichen Reichsinstitut für Geschichte des Neuen Deutschland an.[6] Nach der Lockerung der Aufnahmesperre wurde Höfler 1937 Mitglied der NSDAP. [6] Auf Druck der SS-Führung erhielt Höfler 1938 einen Lehrstuhl für Germanistik, deutsche Volkskunde und Nordistik in München, wo er bis 1945 Professor war. Mitglied der SS war der Katholik Höfler allerdings nie, nutzte seine Position aber, um Konkurrenten vom akademischen Bereich fernzuhalten, so etwa den Germanisten Bernhard Kummer, der aktiver Nationalsozialist war, aber ein unwissenschaftliches Germanenbild verfocht und dem Amt Rosenberg nahestand. Zudem verband Höfler eine lebenslange Freundschaft mit dem Indogermanisten Julius Pokorny (ebenfalls ein Schüler Muchs), der jüdischer Herkunft war. Während des Zweiten Weltkriegs arbeitete Höfler am Projekt Kriegseinsatz der Geisteswissenschaften mit.[6] Im Sommer 1943 übernahm Höfler von Otto Scheel das Präsidentenamt des Deutschen Wissenschaftlichen Instituts in Kopenhagen.[1]

Nach der Zeit des Nationalsozialismus[Bearbeiten]

Da Höfler sich zwischen 1933 und 1945 stark für den Nationalsozialismus engagiert hatte, war er nach 1945 zuerst mit einem Berufsverbot belegt. Davon wurde erst befreit, nachdem er im Prozeß der Entnazifizierung in wiederholter Verfahren als unbelastet qualifiziert wurde. Als seine Wiederberufung an die Universität München in Betracht gezogen wurde, sollte die von ihm für den Nationalsozialismus nutzbar gemachte Volkskunde ausdrücklich nicht Bestandteil seines Lehrauftrags sein. Daher folgte er 1957 einem Ruf an die Universität Wien, wo er den Lehrstuhl für deutsche Sprache und ältere deutsche Literatur innehatte, bis er 1971 emeritiert wurde.

Forschung und Lehre[Bearbeiten]

Höfler befasste sich mit der germanischen Religionsgeschichte und dem sogenannten Sakralkönigtum (Königsheil), außerdem verfasste er Schriften zur historischen Lautlehre (Entfaltungstheorie) und zur Runenschrift. Alle Arbeiten stehen im Kontext der Theorie von der „Germanischen Kontinuität“, die behauptet, dass sich in jüngeren deutschen Volksbräuchen unverfälschtes Germanentum nachweisen lasse. In der heutigen Forschung gilt dieser Ansatz als grundsätzlich verfehlt.

Bei seiner Interpretation von Sagen, die er am wichtigsten Beleg für die Kontinuität heranzog, geriet Höfler in einen fachwissenschaftlichen Disput mit seinem Fachkollegen Friedrich Ranke, der auch nach dessen Tod (1950) bis 1973 anhielt.

Von seinen Ansichten, die auch von nationalsozialistischen Pseudowissenschaftlern thematisiert wurden, u.a. seiner „Theorie der germanischen Männerbünde“, distanzierte sich Höfler später teilweise aufgrund des öffentlichen Drucks, beharrte aber in einer 1973 erschienenen Schrift über Verwandlungskulte auf seinen Grundthesen, z. B. über die Ursprünge der Sagen um die Wilde Jagd, die er als einen „Kernmythos“ bezeichnete.

Akademische Schüler und Forscher die durch Höfler geprägt wurden sind oder waren: Heinrich Beck (Skandinavistik Bonn), Helmut Birkhan (Altgermanistik, Germanische Linguistik Wien), Klaus Düwel (Altgermanistik und Skandinavistik Göttingen), Alfred Ebenbauer (Altgermanistik Wien), Thomas Finkenstaedt (Anglistik Saarbrücken), Otto Gschwantler (Skandinavistik Wien), Leopold Hellmuth (Altgermanistik Wien), Heinz Klingenberg (Skandinavistik Freiburg/Brsg.), Fritz Peter Knapp (Altgermanistik Passau), Karl-Sigismund Kramer (Volkskunde Kiel), Peter Krämer (Altgermanistik Wien), Wolfgang Lange (Skandinavistik Göttingen), Edith Marold (Skandinavistik Kiel), Gunter Müller (Germanische Namenkunde Münster/Westf.), Mohammed Rassem (Kultursoziologie Salzburg), Hermann Reichert (Altgemanistik, Germanische Namenkunde Wien), Kurt Schier (Skandinavistik München), Richard Schrodt (Germanische Linguistik Wien), Gerlinde Weiss-Tuppa (Altgermanistik Salzburg), Peter Wiesinger (Altgermanistik Germanische Linguistik Wien), Manfred Zips (Altgermanistik Wien).

Werke[Bearbeiten]

  • Kultische Geheimbünde der Germanen. Diesterweg, Frankfurt 1934 – nur Band 1 erschienen. ( Habilitationsschrift an der Universität Wien aus dem Jahr 1931 mit dem Titel Totenheer – Kultbund – Fastnachtsspiel.)
  • Das germanische Kontinuitätsproblem. Nach einem Vortrag, Hanseatische Verlagsanstalt, Hamburg 1937. (In der Reihe Schriften des Reichsinstituts für Geschichte des neuen Deutschlands.)
  • Die politische Leistung der Völkerwanderungszeit. Rede, Wachholtz Neumünster 1939. Reihe: Schriften der wissenschaftlichen Akademie des NSD.-Dozentenbundes der Christian-Albrechts-Universität Kiel ; 7.
  • Friedrich Gundolf und das Judentum in der Literaturwissenschaft. In Schriften des Reichsinstituts für Geschichte des neuen Deutschlands, Reihe Forschungen zur Judenfrage 4, Hanseatische Verlagsanstalt 1940, S. 114-133.
  • Germanisches Sakralkönigtum, 1952 – nur Band 1 erschienen
  • Balders Bestattung und die nordischen Felszeichnungen, Wien 1952
  • Das Opfer im Semnonenhain und die Edda, erschienen in Edda, skalden, Saga. Festschrift für Felix Genzmer. Heidelberg 1952, Seite 1–67.
  • Goethes Homunculus, 1963
  • Verwandlungskulte, Volkssagen und Mythen, 1973
  • Theoderich der Große und sein Bild in der Sage, 1975
  • Siegfried, Arminius und der Nibelungenhort, 1978
  • Kleine Schriften. Ausgewählte Arbeiten zur germanischen Altertumskunde und Religionsgeschichte, zur Literatur des Mittelalters, zur germanischen Sprachwissenschaft sowie zur Kulturphilosophie und -morphologie, hrsg. v. Helmut Birkhan, Hamburg 1992

Literatur[Bearbeiten]

  • Birgit Aschmann: Deutsche Art in Sprache und Dichtung. Die Germanistik an der Christian Albrechts Universität in Kiel im Nationalsozialismus. In Christoph Cornelißen; Carsten Mish Hrsg.:Wissenschaft an der Grenze. Die Universität Kiel im Nationalsozialismus. Klartext, Essen 2009, ISBN 978-3-8375-0240-4, S. 204 (Mitteilungen der Gesellschaft für Kieler Stadtgeschichte. Bd. 86).
  • Heinrich Beck: Otto Höfler. In: Heinrich Beck, Dieter Geuenich, Heiko Steuer (Hrsg.): Reallexikon der Germanischen Altertumskunde, Bd. 15, de Gruyter, Berlin/New York 2000, ISBN 3-11-016649-6, S. 30–34.
  • Helmut Birkhan (Hrsg.): „Otto Höfler – Kleinere Schriften“. Hamburg 1992, IX-XVI.
  • Helmut Birkhan: Otto Höfler. Nachruf. In: Almanach der Österr. Akad. d. Wiss., Jg.138 (1988), S. 385 - 406.
  • Esther Gajek: Germanenkunde und Nationalsozialismus. Zur Verflechtung von Wissenschaft und Politik am Beispiel Otto Höflers. In: Walter Schmitz, Clemens Vollnhals (Hrsg.): Völkische Bewegung – konservative Revolution – Nationalsozialismus. Aspekte einer politisierten Kultur (= Kultur und antidemokratische Politik in Deutschland; 1). Thelem, Dresden 2005, ISBN 3-935712-18-9, S. 325–355.
  • Frank-Rutger Hausmann:"Auch im Krieg schweigen die Musen nicht": die Deutschen Wissenschaftlichen Institute im Zweiten Weltkrieg. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2001, ISBN 3-525-35357-X, S. 183–210.
  • Julia Zernack: Kontinuität als Problem der Wissenschaftsgeschichte. Otto Höfler und das Münchner Institut für Nordische Philologie und Germanische Altertumskunde. In: Kontinuität in der Kritik. Zum 50jährigen Bestehen des Münchener Nordistikinstituts. Historische und aktuelle Perspektiven der Skandinavistik, hrsg. v. Klaus Böldl u. Miriam Kauko. Rombach, Freiburg im Breisgau 2005. (= Rombach Wissenschaften; Reihe Nordica; 8) ISBN 3-7930-9379-4
  • Harm-Peer Zimmermann: Männerbund und Totenkult. Methodologische und ideologische Grundlinien der Volks- und Altertumskunde Otto Höflers 1933–1945. In: Kieler Blätter für Volkskunde 26 (1994), S. 5–27.
  • Harm-Peer Zimmermann: Vom Schlaf der Vernunft. Deutsche Volkskunde an der Kieler Universität 1933-1945. In: Hans-Werner Prahl (Hrsg.): Uni-Formierung des Geistes. Universität Kiel im Nationalsozialismus. Bd. 1, Kiel 1995, ISBN 3-89029-967-9, S. 171-274.

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. a b Frank-Rutger Hausmann: "Auch im Krieg schweigen die Musen nicht", S. 184
  2. Harm-Peer Zimmermann: Vom Schlaf der Vernunft. Deutsche Volkskunde an der Kieler Universität 1933-1945. In: Hans-Werner Prahl (Hrsg.): Uni-Formierung des Geistes. Universität Kiel im Nationalsozialismus. Bd. 1, Kiel 1995, ISBN 3-89029-967-9, S. 202.
  3. Birgit Aschmann: Deutsche Art in Sprache und Dichtung. Die Germanistik an der Christian Albrechts Universität in Kiel im Nationalsozialismus. In Christoph Cornelißen; Carsten Mish Hrsg.:Wissenschaft an der Grenze. Die Universität Kiel im Nationalsozialismus. Klartext, Essen 2009, ISBN 978-3-8375-0240-4, S. 204
  4. Birgit Aschmann: Deutsche Art in Sprache und Dichtung. Die Germanistik...... In Christoph Cornelißen; Carsten Mish Hrsg.:Wissenschaft an der Grenze. Die Universität Kiel im Nationalsozialismus.Essen 2009, S. 204
  5. Birgit Aschmann: Deutsche Art in Sprache und Dichtung. Die Germanistik...... In Christoph Cornelißen; Carsten Mish Hrsg.:Wissenschaft an der Grenze. Die Universität Kiel im Nationalsozialismus.Essen 2009, S. 206.
  6. a b c Ernst Klee: Das Personenlexikon zum Dritten Reich. Wer war was vor und nach 1945. Fischer Taschenbuch Verlag, Zweite aktualisierte Auflage, Frankfurt am Main 2005, S. 261.