Otto Harder

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Otto Fritz („Tull“) Harder (* 25. November 1892 in Braunschweig; † 4. März 1956 in Hamburg) war ein deutscher Fußballspieler und Aufseher in verschiedenen Konzentrationslagern.

Leben[Bearbeiten]

Fußballspieler[Bearbeiten]

Otto Harder begann seine fußballerische Karriere im Alter von 16 Jahren bei Hohenzollern Braunschweig. Zuvor hatte er sich, wie auch Adolf Jäger vom Altonaer FC von 1893, eher zur Leichtathletik hingezogen gefühlt. Bereits nach einem Jahr wechselte Harder zu Eintracht Braunschweig. 1911 kam Harder anlässlich des Gastspiels der englischen Profimannschaft Tottenham Hotspur zu dem Spitznamen „Tull“, wie der Engländer Walter Daniel Tull hieß, ein dem 1,90 m großen Harder in der Statur ähnlicher Schwarzer (der erste schwarze Feldspieler im britischen Profifußball).[1] Im Frühjahr 1912 wechselte „Tull“ Harder erstmals (aber nur für kurze Zeit) zum Hamburger FC 1888, aus dem 1919 der Hamburger SV hervorgehen sollte. Fans der „Eintracht“ wollten Harder gewaltsam an der Fahrt nach Hamburg hindern, dieser jedoch hatte Wind von der Aktion bekommen und stieg in Peine in den Zug. Schließlich spielte Harder doch noch ein weiteres Jahr in Braunschweig und ging erst danach zum HFC 1888. Otto Harder leistete Kriegsdienst im Ersten Weltkrieg und erhielt das Eiserne Kreuz erster und zweiter Klasse. Ein Fußball-Teamfoto aus dem Jahr 1917 zeigt ihn als Gastspieler des Stettiner SC.[2]

Die Viktoria holten die Hamburger erstmals 1923 in die Hansestadt. 1928 wiederholte der HSV den Erfolg.

Nach der Gründung des Hamburger SV gehörte Harder zu jenen Spielern, die am Endspiel zur Meisterschaft 1922 teilnahmen. 1923 wurde Harder zum ersten Mal offiziell Deutscher Meister mit dem Hamburger SV, 1928, mit 36 Jahren, gewann er seinen zweiten Meistertitel und stellte dabei einen Rekord auf, als er in der „Alsterstaffel“ (Name der Liga) im Treffen mit dem Wandsbeker FC 12 Tore erzielte.[3] Trotzdem nahm Reichstrainer Otto Nerz Harder nicht mit zu den Olympischen Spielen, die damals noch den Status einer Weltmeisterschaft hatten. Insgesamt kam Harder von 1914 bis 1926 auf 15 Länderspiele, in denen er 14 Treffer erzielte. In seinen letzten fünf Länderspielen war er Kapitän der Nationalmannschaft und schoss insgesamt zehn Tore. 1929 gewann der Hamburger SV ein Duell mit dem CA Peñarol mit 4:2. Harder schoss alle vier Treffer. Im Januar 1931 wechselte Harder zum SC Victoria Hamburg, um zwei Jahre später, mit 41 Jahren, angeblich noch ein kurzes Gastspiel beim VfB Kiel zu geben[4] und dann endgültig seine Karriere zu beenden.

Harders fußballerische Stärke waren seine berühmten Alleingänge. „Wenn spielt der Harder Tull, dann heißt es drei zu null…“ sang man in den Hamburger Kabaretts – ein Lied, das es auch auf Schallplatte gab. Seine Karriere war 1927 Anlass für den Stummfilm „Der König der Mittelstürmer“ mit Paul Richter als „Tull Harper“ (sic!) und Aud Egede-Nissen in den Hauptrollen. Der ehemalige Hauptschriftleiter des Kicker-Sportmagazin, Friedebert Becker, charakterisierte Harders Stil, wie folgt: „Gerade heute im Zeitalter des WM-Systems weiß man, daß es mit Laufen und Schießen nicht mehr ganz getan ist. Harder war … ein Techniker erster Klasse, aber sein Stil brauchte die Technik, die sich namentlich im ungeheuer sicheren Ballführen, klarem Schießen und Köpfen auswirkte, nicht zum Schnörkeln. Sie war ihm zur Voraussetzung seiner ureigensten Art mit einer beispiellosen Sicherheit und Kraft, mit einem selten gesehenen explosiven Start auf dem kürzesten Weg auf das Tor zuzusteuern, gegeben. Tull Harder zerbrach sich nicht den Kopf, wie man eine Aktion anlegen konnte, sondern er handelte sofort. Adolf Jäger führte seine Elf mit Raffinesse, wie Schachfiguren, Harder dagegen bot, so schnell wie es ging, Schach!

Kriegsverbrecher[Bearbeiten]

Harder wurde 1932 Mitglied der NSDAP und trat 1933 in die SS ein.[5] Nach seiner Einberufung zur Waffen-SS wurde er ab Ende August 1939 Wachmann im KZ Sachsenhausen in Oranienburg. Von November 1939 bis zum Frühjahr 1940 war er zunächst bei der Wachmannschaft und ab April 1940 in der Lagerverwaltung des KZ Neuengamme in Hamburg. Seit August 1944 war Harder als SS-Hauptscharführer Kommandant des KZ Hannover-Ahlem.[5] Am 30. Januar 1945 erfolgte noch seine Beförderung zum SS-Untersturmführer. Ein britisches Militärgericht verurteilte ihn im Rahmen der Curiohaus-Prozesse am 16. Mai 1947 als Kriegsverbrecher zu 15 Jahren Zuchthaus, die später auf zehn Jahre Haft reduziert wurden. Während der Verhandlung distanzierte er sich nicht vom Nationalsozialismus und bekannte sich „nicht schuldig“.

Der Hamburger SV schloss sein Mitglied vorübergehend aus. Bereits Weihnachten 1951 wurde Harder vorzeitig aus dem Zuchthaus Werl in Westfalen entlassen. Bei seiner Rückkehr wurde Harder „vom HSV und seinen Anhängern frenetisch gefeiert“.[6] Otto Harder starb am 4. März 1956 im Alter von 63 Jahren. Am Begräbnis nahmen zahlreiche Vereinsvertreter des Hamburger SV teil, und Jugendspieler des Vereins bildeten eine Ehrenwache.[6] Anlässlich der Fußball-Weltmeisterschaft 1974 gab der Hamburger Senat eine Broschüre heraus, in der Tull Harder neben Uwe Seeler und Jupp Posipal als Vorbild für die Jugend genannt wurde. Dies fiel erst einen Tag vor der Verteilung auf, daher ließ man die entsprechende Seite aus allen 100.000 Exemplaren der Auflage entfernen.[7]

Literatur[Bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. So eine Legende; „Tull“ oder „Tulle“ waren aber auch gängige plattdeutsche Verniedlichungsformen des Vornamens Otto. „1912“ kann nicht stimmen, da Walter Tull zu dem Zeitpunkt bei Northampton Town spielte. Im Mai 1911 allerdings hatte Tottenham in Braunschweig gespielt.
  2. Traditionsgemeinschaft pommerscher Turn- und Sportvereine: Pommern am Ball. Hamburg 1970, im Anhang.
  3. Nach anderen Quellen elf (so Prüß/Irle, Tore Punkte, Spieler. Die komplette HSV-Statistik. Hamburg 2008, S. 35.) oder zehn. Ob es sich um einen Weltrekord gehandelt hat oder noch handelt, ist unbekannt.
  4. Siehe Jubiläumsschrift des VfB Kiel, daselbst 2010; möglicherweise ein Irrtum.
  5. a b Ernst Klee: Das Kulturlexikon zum Dritten Reich. Wer war was vor und nach 1945. S. Fischer, Frankfurt am Main 2007, S. 216.
  6. a b Nils Havemann: „Fußball unterm Hakenkreuz - der DFB zwischen Sport, Politik und Kommerz“. Campus Verlag, Frankfurt/Main 2005, ISBN 3-593-37906-6, S. 303.
  7. Utz Rehbein: Asbjörn und „Tull“: Zwei Lebenswege. auf ndr.de