Otto Selz

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Dieser Artikel behandelt den Philosophen und Psychologen Otto Selz. Zum Fall der Ermordung des gleichnamigen jüdischen Vieh- und Güterhändlers aus Straubing siehe unter Gäubodenkaserne.

Otto Selz (* 14. Februar 1881 in München; † 27. August 1943 im KZ Auschwitz) war ein deutscher Philosoph und Psychologe.

Leben[Bearbeiten]

Selz studierte 1899–1907 Rechtswissenschaften, daneben auch Psychologie und Philosophie in Berlin und München. Er promovierte 1909 in Psychologie bei Theodor Lipps in München und habilitierte sich 1912 in Bonn bei Oswald Külpe. 1912–1921 war er, unterbrochen durch den Kriegsdienst, Privatdozent für Philosophie und Psychologie in Bonn und erhielt dort 1921 eine außerordentliche Professur für Rechtsphilosophie. 1923 wurde er Professor für Philosophie, Psychologie und Pädagogik an der Handelshochschule Mannheim. Von 1929 bis 1930 stand er der Hochschule als Rektor vor. Selz wurde am 4. April 1933 wegen seiner jüdischen Herkunft mit dem Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums in den vorzeitigen Ruhestand versetzt. 1938 wurde er für fünf Wochen ins KZ Dachau verschleppt und emigrierte daraufhin 1939 nach Amsterdam, wo er weiter forschte und lehrte. 1943 wurde Selz verhaftet und zum Durchgangslager Westerbork gebracht. Von dort wurde er am 24. August 1943 in einem Transportzug ins Konzentrationslager Auschwitz verschleppt, wo er am 27. August 1943 ermordet wurde.

Die Stadt Mannheim benannte 1996 eine Straße bei der Schlossuniversität nach ihm.[1] Im Juli 2011 wurde an seiner letzten Wohn- und Arbeitsstätte in Mannheim ein Stolperstein verlegt.

Anlässlich des 70. Todestages publizierte das Otto-Selz-Institut für Angewandte Psychologie der Universität Mannheim (OSI) mit Unterstützung der Universitätsbibliothek Mannheim Teile des Nachlasses als Digitalisate.

Denkpsychologie[Bearbeiten]

Selz wurde insbesondere durch Forschungen auf dem Gebiet der Denkpsychologie bekannt. Seine Arbeiten stehen in Beziehung zur Würzburger Schule. Er entwickelte Methoden zur Analyse der Denkvorgänge und versuchte, die unterschiedlichen kognitiven Leistungen – von reproduktiven zu produktiven Denkprozessen – in einer Theorie zu integrieren.

Die Würzburger hatten zwar den Assoziationismus widerlegt, ohne aber eine Theorie aufstellen zu können. Selz erarbeitete eine komplette nicht-assoziationistische Denktheorie, die Schemata des Erkennens und Problemlösens in den Mittelpunkt stellte. Denken sieht Selz als Kontinuum von reproduktiven und produktiven intellektuellen Operationen an. Wissen als eine mehr oder weniger vollständige Struktur („Wissenskomplex“). Das Problem fasste er als unvollständige Wissenstruktur auf, deren Leerstellen (Blankette) durch determinierte Mittelabstraktion ergänzt wird. Zusammen mit seiner Konzeption der Gesamtaufgabe als schematische Antizipation eines Zielbewusstseins nimmt er damit das Konzept des Problemraumes, die Ziel-Mittel-Analyse und die Grundstruktur von Produktionssystemen vorweg.

Seine Arbeiten wurden zuerst kaum rezipiert, gelten heute aber als wichtige Vorläufer der Kognitionswissenschaft.

Neben theoretischen Arbeiten galt sein Interesse auch Fragen der Angewandten Psychologie. In Mannheim befasste er sich mit den Problemen der Ausbildung in Schule und Beruf und der Auswahl zu Lehrgängen.

Er versuchte eine ‚synthetische Ganzheitspsychologie’ zu verfassen, die sich von der Zweiten Leipziger Schule um Felix Krueger und der Berliner Schule der Gestaltpsychologie radikal abzugrenzen suchte. (Bezüge auf Alexius Meinong und Edmund Husserl)

Der Kultur- und Musikpsychologe Julius Bahle ist ein Schüler von Selz.

Werke[Bearbeiten]

  • 1910 Die psychologische Erkenntnistheorie und das Transzendenzproblem. Arch ges Psychol 16, 1-110
  • 1913 Über die Gesetze des geordneten Denkverlaufes. Eine experimentelle Untersuchung. Speemann, Stuttgart
  • 1919 mit W. Benary, A. Kronfeld und E. Stern: Untersuchungen über die psychische Eignung zum Flugdienst. Schriften zur Psychologie der Berufseignung und des Wirtschaftslebens, hrsg. von Otto Lipmann und William Stern. Heft 8. Barth, Leipzig
  • 1922 Zur Psychologie der produktiven Denkens und des Irrtums. Cohen, Bonn
  • 1924 Die Gesetze der produktiven und reproduktiven Geistestätigkeit. Cohen, Bonn
  • 1991 Wahrnehmungsaufbau und Denkprozeß. Ausgewählte Schriften. hrsg. v. A[ndré]. Métraux und T[heo]. Hermann. Huber, Bern ISBN 3456819412

Literatur[Bearbeiten]

  • Herbert Beckmann (2001). Selz in Amsterdam. Der Denkpsychologe Otto Selz (1881–1943) im niederländischen Exil, In Psychologie und Geschichte 9 (S. 3–27).
  • N. H. Frijda & A. D. De Groot (Eds.) (1981). Otto Selz: His Contribution to Psychology. The Hague: Mouton Publishers.
  • Herrmann, T. (1999). Otto Selz und die Würzburger Schule. In W. Jahnke & W. Schneider (Hrsg.), Hundert Jahre Institut für Psychologie und Würzburger Schule der Denkpsychologie (S. 159-167). Göttingen: Hogrefe.
  • Alexandre Métraux (1999): Otto Selz. In: Illustrierte Geschichte der Psychologie. Hg. Helmut E. Lück und Rudolf Miller. Psychologie Verlags Union: Weinheim. 2.korr. Aufl. ISBN 3-621-27460-1 (formal falsche ISBN)
  • Walter Tetzlaff, 2000 Kurzbiographien bedeutender deutscher Juden des 20. Jahrhunderts, Askania-Verlag, Lindhorst 1982 ISBN 3-921730-10-4
  • Selz, Otto. In: Karl Otto Watzinger: Geschichte der Juden in Mannheim 1650-1945. Kohlhammer, Stuttgart 1984, S. 1133–1135. ISBN 3-17-008696-0.
  • Alexandre Métraux: Selz, Otto. In: Neue Deutsche Biographie (NDB). Band 24, Duncker & Humblot, Berlin 2010, ISBN 978-3-428-11205-0, S. 234 f. (Digitalisat).

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Stadtarchiv Mannheim: Mannheimer Straßennamen, Otto-Selz-Straße. Abgerufen am 1. April 2014.