Otto zu Stolberg-Wernigerode

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche
Porträt von Otto zu Stolberg-Wernigerode

Graf (seit 1890 Fürst) Otto zu Stolberg-Wernigerode (* 30. Oktober 1837 in Gedern; † 19. November 1896 auf Schloss Wernigerode) war ein deutscher Politiker der Kaiserzeit und Vizekanzler unter Otto von Bismarck.

Leben[Bearbeiten]

Otto zu Stolberg-Wernigerode kam am 30. Oktober 1837 als drittes und letztes Kind des Erbgrafen Hermann zu Stolberg-Wernigerode und der Gräfin Emma zu Erbach-Fürstenau auf dem Schloss im hessischen Gedern zur Welt. Der Vater verstarb, erst 39 Jahre alt, kurz vor Ottos viertem Geburtstag aus Verzweiflung über den Verlust seines ältesten Sohnes Albrecht. Otto besuchte das Gymnasium in Duisburg, studierte dann in Göttingen und Heidelberg Jura sowie Verwaltungswissenschaften und diente von 1859 bis 1861 als Seconde-Lieutenant im Regiment der Gardes du Corps der preußischen Armee. Zwei Jahre später heiratete er die 26-jährige Prinzessin Anna Reuß, die ihm vier Söhne und drei Töchter schenkte.

Der politische Aufstieg ließ nicht lange auf sich warten. Erfolgreich leitete er von 1867 bis 1873 als erster Oberpräsident die Geschicke Hannovers, ein Amt, das er auf Vorschlag Bismarcks erhielt. Ihm gelang es, die frischgebackene Provinz fest in den preußischen Staat zu integrieren. Ebenfalls 1867 erreichte er einen Sitz im Norddeutschen Reichstag, wurde vier Jahre später als Mitglied der gemäßigt Konservativen Partei in den deutschen Reichstag (bis 1878) und 1872 zum Präsidenten des Preußischen Herrenhauses, der Ersten Kammer des Preußischen Landtages (bis 1877) gewählt, im März 1876 – wiederum auf Geheiß des Reichskanzlers – zum Botschafter des Deutschen Reiches in Wien ernannt und am 1. Juni 1878 in die Ämter des stellvertretenden Reichskanzlers und Vizepräsidenten des preußischen Staatsministeriums berufen. Damit war Stolberg-Wernigerode hinter Bismarck der zweite Mann im Kaiserreich. Seine größte Leistung in dieser Position gelang ihm zweifelsohne im Herbst 1879, als er den Widerstand von Kaiser Wilhelm I. gegen den geplanten Zweibund mit Österreich brechen konnte, womit das wichtige Bündnis beider Staaten gegen Russland unterzeichnet werden konnte. Im April 1880 brachte er für den krankheitsbedingt verhinderten Bismarck die Samoa-Vorlage in den Reichstag ein, die jedoch von den Abgeordneten mit 128 zu 112 Stimmen abgelehnt wurde, was der deutschen Kolonialpolitik einen Rückschlag versetzte. Aufgrund häufiger Meinungsverschiedenheiten mit dem „Eisernen Kanzler“ legte der Graf das Amt des Vizekanzlers am 20. Juni 1881 nieder.

Jedoch blieb er Preußen und dem Kaiserhaus treu verbunden und übernahm 1884 den Posten des Oberstkämmerers (bis 1894). Von 1885 bis 1888 war er Minister des königlichen Hauses. Im Jahre 1890 wurde ihm von Kaiser Wilhelm II. das Führen eines Reichsfürstentitels aus dem Jahre 1742 genehmigt, auf dessen Annahme sein Vorfahre Graf Christian Ernst verzichtete. 1891 wurde er Mitglied der Astrolabe-Compagnie.

Als Standesherr war er Mitglied der Ersten Kammer der hessischen Landstände. 1884 wurde er Corpsschleifenträger der Saxo-Borussia.[1] Er starb 59-jährig in Wernigerode.

Das hohe Ansehen, das er zeitlebens genoss, zeigt sich vor allem durch die vielen Ämter, die er außerhalb der Politik innehatte: Kanzler des Johanniterordens (1872–1876) und des Schwarzen Adlerordens, Vorsitzender der außerordentlichen Generalsynode (1875), des Zentralkomitees der deutschen Vereine und des preußischen Vereins vom Roten Kreuz.

Der Ottofels bei Wernigerode wurde nach ihm benannt.

Wirken[Bearbeiten]

Gedenktafel im Gederner Schlosspark mit falschem Sterbedatum

Noch vor Bismarck trat Otto zu Stolberg-Wernigerode für eine Sozialpolitik mit umfassender Fürsorge für das Wohl der Arbeiter, deren elendige Lebensumstände er erkannte, ein. Mit Zugeständnissen an die Arbeiterklasse wollte er den Einfluss der Sozialdemokratie verringern und die bestehende Ordnung erhalten. Gerade als Mitglied des Verbandes zur Verbesserung der ländlichen Arbeitsverhältnisse, der in erster Linie im Sinne der Großgrundbesitzer die wirtschaftlichen Verhältnisse seiner Zeit aufrechterhalten sollte, war ihm dies ein zentrales Anliegen. So stimmte er Bismarcks straffen Sozialistengesetzen von 1878 zwar zu, war aber keineswegs glühender Befürworter dieses Gesetzeswerks, weil er dessen Scheitern vermutlich voraussah.

Auch gehörte der Graf zu jenen adligen Kreisen, die sich als sehr heimatverbunden zeigten. Er residierte mit seiner Familie im Schloss Wernigerode. In den Jahren 1862 bis 1893 ließ er die Burg vom Architekten Carl Frühling im großen Stil umbauen und schuf damit ein Leitbild des norddeutschen Historismus. Im dortigen Schreibzimmer entwarf er die Stolberger Sozialgesetzgebung, die in der Grafschaft erstmals Arbeiterkrankenkasse, Pensionskasse und Unfallversicherung einrichtete. Außerdem trug er viel zur wirtschaftlichen Entwicklung des Gebietes bei. Ihm gehörten 520 km² Grundbesitz und zahlreiche Fabriken, darunter in Ilsenburg und Magdeburg, die ihm in den 1870ern etwa 1,5 Millionen Mark einbrachten. Da er Zugang zu fortschrittlichen Kreisen des Großbürgertums hatte, konnte er seinen Besitz wirtschaftlich auf der Höhe der Zeit halten. Er errichtete unter anderem Zuckerfabriken; die Erzeugnisse seiner Eisenhütte in Ilsenburg wurden international hoch gelobt und erhielten zahlreiche Auszeichnungen, beispielsweise auf der Weltausstellung 1867 in Paris.

Familie[Bearbeiten]

Er war seit dem 22. August 1863 mit Anna Reuß zu Köstritz verheiratet. Das Paar hatte folgende Kinder:

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Kösener Corpslisten 1960, 66, 899

Literatur[Bearbeiten]

  • Wilhelm Herse: Otto Fürst zu Stolberg-Wernigerode. In: Mitteldeutsche Lebensbilder. 1. Band: Lebensbilder des 19. Jahrhunderts. Selbstverlag der Historischen Kommission, Magdeburg 1926, S. 344–356.
  • Eduard Jacobs: Stolberg-Wernigerode, Otto Fürst zu. In: Allgemeine Deutsche Biographie (ADB). Band 54, Duncker & Humblot, Leipzig 1908, S. 551–564.
  • Heinrich Heffter: Otto Fürst zu Stolberg-Wernigerode (= Historische Studien. H. 434). Band 1. Herausgegeben von Werner Pöls. Matthiesen, Husum 1980, ISBN 3-7868-1434-1
  • Konrad Breitenborn: Im Dienste Bismarcks. Die politische Karriere des Grafen Otto zu Stolberg-Wernigerode. Verlag der Nation, Berlin 1984 (4., veränderte Auflage. ebenda 1986, ISBN 3-373-00394-6).
  • Konrad Breitenborn: Graf Otto zu Stolberg-Wernigerode (1837–1896). Deutscher Standesherr und Politiker der Bismarckzeit. Ausgewählte Dokumente. Verlag Jüttners Buchhandlung, Wernigerode 1993, ISBN 3-910157-01-7.
  • Konrad Breitenborn (Hrsg.): Die Lebenserinnerungen des Fürsten Otto zu Stolberg-Wernigerode (1837–1896). Verlag Jüttners Buchhandlung, Wernigerode 1996, ISBN 3-910157-03-3.
  • Steffen Wendlik: Otto Fürst zu Stolberg-Wernigerode (1837–1896) - Standesherr, Politiker und Unternehmer. In: Philipp Fürst zu Stolberg-Wernigerode, Jost-Christian Fürst zu Stolberg-Stolberg (Hrsg.): Stolberg 1210–2010. Zur achthundertjährigen Geschichte des Geschlechts. Verlag Janos Stekovics, Dößel 2010, ISBN 978-3-89923-252-3, S. 246–277.

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Otto zu Stolberg-Wernigerode – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien
Vorgänger Amt Nachfolger
Henrich Graf zu Stolberg-Wernigerode
1854–1896
Christian-Ernst
Vorgänger Amt Nachfolger
Hans Lothar von Schweinitz Deutscher Botschafter in Österreich
1876–1878
Heinrich VII. Reuß zu Schleiz-Köstritz