Ouranopithecus macedoniensis

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Ouranopithecus macedoniensis
Schädelfragment mit Oberkiefer von Ouranopithecus macedoniensis aus der Fundstelle Xirochori 1

Schädelfragment mit Oberkiefer
von Ouranopithecus macedoniensis
aus der Fundstelle Xirochori 1

Zeitliches Auftreten
spätes Miozän (Vallesium)
10,0 bis 9,0 Mio. Jahre
Fundorte
Systematik
Unterordnung: Trockennasenprimaten (Haplorrhini)
Teilordnung: Affen (Anthropoidea)
Altweltaffen (Catarrhini)
Überfamilie: Menschenartige (Hominoidea)
Gattung: Ouranopithecus
Art: Ouranopithecus macedoniensis
Wissenschaftlicher Name
Ouranopithecus macedoniensis
Bonis et al. 1974

Ouranopithecus macedoniensis (auch: Graecopithecus freybergi ) ist eine ausgestorbene Art der Primaten aus der Gattung Ouranopithecus, die während des späten Miozäns in Griechenland vorkam. Das Alter der ihr zugeschriebenen Fossilien wurde anhand von magnetostratigraphischen Messungen und biostratigraphischen Analysen in die European Land Mammal Mega-Zone MN10 vor rund 10 bis 9 Millionen Jahren datiert.[1]

Die genaue Einordnung der Art in den Stammbaum der Menschenaffen ist ungeklärt.[2] Wiederholt wurde jedoch erörtert, dass Ouranopithecus macedoniensis aufgrund von Merkmalen der Zähne als möglicher Vorfahre der Australopithecinen in Erwägung zu ziehen sei.[3]

Eine Schwesterart ist Ouranopithecus turkae, deren Fossilien in Zentralanatolien (Türkei), am nordöstlichen Rand des Çankırı-Beckens, entdeckt wurden.

Funde und Namensgebung[Bearbeiten]

Erster Fund war 1973 ein gut erhaltener, fast vollständig bezahnter, jugendlicher Unterkiefer (Archivnummer RPl-54), der in Zentralmakedonien, im unteren Axios-Tal, ungefähr 25 Kilometer westlich von Thessaloniki und vier Kilometer östlich der Gemeinde Vathylakkos (Βαθύλακκος) an der Fundstelle „Ravin de la pluie“ geborgen wurde. Dieses nordgriechische Fossil erklärten seine Entdecker in der Erstbeschreibung im Jahr 1974 allerdings noch zum Holotypus von Dryopithecus macedoniensis[4] und grenzten ihn anhand diverser Merkmale insbesondere von Dryopithecus fontani ab; die Zuordnung aller miozänen Funde von Menschenartigen zu Dryopithecus – in Asien zu Ramapithecus – war seit 1965[5] üblich, wurde aber wenige Jahre nach der Entdeckung des nordgriechischen Fossils aufgegeben.

Nach der Entdeckung weiterer Unterkiefer und eines Oberkiefers (RPl-55, RPl-56; RPl-128) in „Ravin de la pluie“ wurde 1977 die Namensgebung zugunsten von Ouranopithecus macedoniensis revidiert.[6]

Bereits in der Erstbeschreibung hatten die Autoren jedoch erwähnt, dass ein Vergleich des jugendlichen Unterkiefers mit dem 1944[7] entdeckten und von Gustav Heinrich Ralph von Koenigswald erst 1972 als Graecopithecus freybergi [8] bezeichneten, relativ schlecht erhaltenen Unterkiefer von einem Fundort in der Nähe von Athen nicht möglich gewesen sei. Sollte dieses Fossil den als Ouranopithecus macedoniensis bezeichneten Funden zuzuordnen sein, wie einige Autoren unterstellen,[9][10] hätte die ältere Bezeichnung Graecopithecus freybergi Priorität für die Namensgebung.[11]

Nach erneuten Funden von Kieferfragmenten und isolierten Zähnen bei „Ravin de la pluie“ wurden auch an zwei weiteren Fundorten Fossilien entdeckt, die ebenfalls Ouranopithecus macedoniensis zugeordnet wurden, darunter ein Gesichtsschädel von der benachbarten Fundstelle „Xirochori 1“[12] und Kieferfragmente aus Nikiti, 100 Kilometer östlich von Thessaloniki.[13][14]

Überreste aus dem Bereich unterhalb des Schädels wurden bislang nicht entdeckt.

Merkmale und Lebensraum[Bearbeiten]

Anhand der fossilen Belege wurde Ouranopithecus macedoniensis als großer Primat, vergleichbar mit den weiblichen Gorillas, beschrieben, der einen ausgeprägten Sexualdimorphismus hatte.[1] Ein charakteristisches Merkmal seiner Bezahnung sind die relativ kleinen Eckzähne des Oberkiefers, die die benachbarten Schneide- und Backenzähne allenfalls geringfügig überragen. Ferner sind im Unterkiefer keine Zahnlücken (Diastemata) nachweisbar, an denen sich die langen oberen Eckzähne anderer Primatenarten durch stetigen Abrieb (so genanntes Honen) schärfen.

Die Zuordnung zur 1977 neu eingerichteten Gattung Ouranopithecus erfolgte vor allem in Abgrenzung von Dryopithecus sowie von Proconsul und Hispanopithecus; nahestehend seien hingegen die Gattungen Sivapithecus, Bodvapithecus, Ramapithecus und Gigantopithecus.[6]

Der Lebensraum von Ouranopithecus macedoniensis wurde 2007 anhand von gleich alten Fossilien – vor allem aus der Gruppe der Rinderartigen und der Pferde – und unter Rückgriff auf frühere Publikationen zum Abrieb an den Zähnen von Ouranopithecus rekonstruiert.[15] Demnach handelte es sich um ein offenes Gras- und Buschland mit wenigen Bäumen, in dem sich die Individuen der Art von Wurzeln, Knollen und Gräsern ernährten, vergleichbar den heute in Äthiopien lebenden Mantelpavianen. Die vermutlich teilweise recht hartfaserige Nahrung wurde als mögliche Ursache für morphologische Ähnlichkeiten mit einigen Arten der Australopithecinen – speziell mit Paranthropus – in Erwägung gezogen.[9]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. a b George D. Koufos: Potential Hominoid Ancestors for Hominidae. In: Winfried Henke und Ian Tattersall, Handbook of Paleoanthropology, Vol. 3. Springer Verlag, Berlin Heidelberg 2007, S. 1365, ISBN 978-3-540-32474-4, DOI:10.1007/978-3-540-33761-4_44
  2. Louis de Bonis, George D. Koufos: Phylogenetic Relationships of Ouranopithecus macedoniensis (Mammalia, Primates, Hominoidea) of the Late Miocene Deposits of Central Macedonia (Greece). In: Louis de Bonis et al. (Hrsg.): Hominoid Evolution and Climate Change in Europe, Vol. 2: Phylogeny of the Neogene Hominoid Primates of Eurasia. Cambridge, Cambridge University Press 2001, ISBN 0-521-66075-0, S. 254–268
  3. Erksin Savas Güleç, Ayla Sevim, Cesur Pehlevan und Ferhat Kaya: A new great ape from the late Miocene of Turkey. In: Anthropological Science, Band 115, Nr. 2, 2007 , S. 153–158, doi:10.1537/ase.070501
  4. Louis de Bonis, Geneviève Bouvrain, Denis Geraads und Jean Melentis: Première découverte d'un Primate hominoïde dans le Miocène supérieur de Macédoine (Grèce). In: Comptes Rendus de l'Académie des sciences Paris, Band 278, Série D, 1974, S. 3063–3066, Volltext (PDF; 471 kB)
  5. E. L. Simons, D. Pilbeam: Preliminary revisions oft the Dryopithecinae (Pongidae, Anthropoidea). In: Folia Primatologia, Band 3, 1965, S. 81–152
  6. a b Louis de Bonis, Jean Melentis: Un nouveau genre de Primate hominoïde dans le Vallésien (Miocène supérieur) de Macédoine. In: Comptes Rendus de l’Académie des Sciences, Paris, Band 284, Nr. 15 (Série D), 1977, S. 1393–1396
  7. David W. Cameron: Hominid – Adaptations and Extinctions. University of New South Wales Press, Sydney 2004, S. 163, ISBN 0-86840-716-X/
  8. G. H. R. von Koenigswald: Ein Unterkiefer eines fossilen Hominoiden aus dem Unterpliozän Griechenlands. In: Proceedings of the Koninklijke Nederlandse Akademie van Wetenschappen, Series B, Band 75, 1972, S. 385–394
  9. a b Tanya M. Smith et al.: An examination of dental development in Graecopithecus freybergi (= Ouranopithecus macedoniensis). In: Journal of Human Evolution, Band 46, Nr. 5, 2004, S. 551–577, doi:10.1016/j.jhevol.2004.01.006, Volltext (PDF; 2,4 MB)
  10. Winfried Henke, Hartmut Rothe: Stammesgeschichte des Menschen. Eine Einführung. Springer Verlag, Berlin 1999, S. 57, ISBN 3-540-64831-3
  11. Weitere Namensvorschläge in der Fachliteratur lauten für diese Fossilien: Graecopithecus macedoniensis und Sivapithecus macedoniensis.
  12. Louis de Bonis et al.: New hominid skull material from the late Miocene of Macedonia in Northern Greece. In: Nature, Band 345, 1990, S. 712–714, doi:10.1038/345712a0
  13. George D. Koufos: Mandible of Ouranopithecus macedoniensis (Hominidae, primates) from a new late Miocene locality of Macedonia (Greece). In: American Journal of Physical Anthropology, Band 91, Nr. 2, 1993, S. 225–234, DOI:10.1002/ajpa.1330910208
  14. George D. Koufos: The first female maxilla of the hominoid Ouranopithecus macedoniensis from the late Miocene of Macedonia, Greece. In: Journal of Human Evolution, Band 29, Nr. 4, 1995, S. 385–389, doi:10.1006/jhev.1995.1064
  15. Gildas Merceron et al.: Dental microwear analysis of bovids from the Vallesian (late Miocene) of Axios Valley in Greece: reconstruction of the habitat of Ouranopithecus macedoniensis (Primates, Hominoidea). In: Geodiversitas, Band 29, Nr. 3, 2007, S. 421–433, Volltext (PDF; 2,2 MB)