p.t.t.red

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p.t.t.red (paint the town red) war ein deutsches Künstlerduo, bestehend aus Stefan Micheel („st.eel“) und Hans Hs Winkler. Das Aktions- und Installationskünstlerpaar war von 1988 bis 2001 in Berlin und anderen Orten aktiv.

Ausstellungen und Projekte[Bearbeiten]

Das Duo arbeitete im Bereich Kunst im öffentlichen Raum und prägte den Begriff „Stadtrauminstallation“ durch die Stadtraumarbeiten goldener schnitt durch Berlin 1988 und Rotverschiebung 1990, in Berlin.

Bei der Aktion „Der Berg und die Maschine“ 1989 unternahm p.t.t.red eine Bergtour zur Zugspitze und entfernte den geologischen höchsten Parameter in Deutschland, die Zugspitze. Das Gipfelgestein wurde ins Tal getragen und nach Berlin zur Maschine transportiert, wo es in den Räumen von p.t.t.red in einem vierwöchigen Prozess zermalmt wurde.[1]

Während der Aktion „Ursa in orbit“: wanderte p.t.t.red 1993 auf der Suche nach den alten Bärengründen zwei Tage in Bärenkostümen gekleidet durch den Nationalpark Berchtesgaden. Inszenierte Begegnungen mit Touristen auf gewisse Distanz ließen sich nicht vermeiden.[2]

Die Aktion „How much red does the Statue of Liberty bear“ fand 1996 ab und erfolgte nach einer 14-tägigen Beobachtung des Sicherheitssystems der Freiheitsstatue. Es zeichnete sich für p.t.t.red eine Sicherheitslücke von 15 Minuten ab, was den Freiraum brachte, rote Filter an 56 Richtscheinwerfern zu platzieren. In der Nacht zum 25. Juni 1996 erstrahlte die Freiheitsstatue vor den Toren New Yorks erstmals im roten Licht.[3] Ab 1994 setzte p.t.t.red vollkommen autarke Naturroboter als Zwitschermaschinen in urwüchsige Naturräume aus wie auf La Gomera, in Island und am Walchensee in Bayern. Weitere Zwitschermaschinen wurden im Central Park in New York, in Berlin und mitten im Garten des Vatikan installiert. Das Geheimnis der Maschinen war, dass sie versteckt und unsichtbar ihren Sound in den Naturraum einbrachten.[4]

1997 initiierte p.t.t.red das Projekt Außerparlamentarische Situation in Langenhagen (Ulrike Meinhof spricht über ihre Verhaftung in Langenhagen). Die Verhaftung von Ulrike Meinhof am 15. Juni 1972 in der Walsroder Straße 11 ist im kollektiven Gedächtnis der Stadt Langenhagen hängen geblieben. 25 Jahre später erinnert p.t.t.red in einer einwöchigen künstlerischen Aktion (24.–28. Februar 1997) zur Kunst im öffentlichen Raum daran. Die Künstlergruppe weist mit 59 im Stadtgebiet aufgehängten Plakaten auf eine (fiktive) Veranstaltung hin und löst damit eine heftige Diskussion aus. Der für den 28. Februar 1997 angekündigte Vortrag von Ulrike Meinhof auf dem Marktplatz war mit einem Rednerpult und Stühlen für die Zuschauer vorbereitet und bot Raum zum Nachdenken, schließlich erschien niemand; das Publikum blieb unter sich und diskutierte die unklare Situation. Über diese künstlerische Aktion im Rahmen der Reihe Vor-Ort in Langenhagen wurde in der örtlichen[5] und überörtlichen Presse[6] aufmerksam berichtet, später auch in verschiedenen Fachbeiträgen.[7] Sogar bis in den SPIEGEL[8] und die beiden Kunstfachzeitschriften art - Das Kunstmagazin[9] und das Kunstforum[10] schaffte es p.t.tred mit diesem Projekt.

1998 folgte das Projekt treffpunkt niemandsland am Brenner mit Beteiligung von Künstlern aus Deutschland, Österreich, Italien und den USA, darunter Maurizio Cattelan und Walter Niedermayr.[11][12] Zweitausend Meter über dem Brennerpass funktionierte p.t.t.red eine Berghütte zur Einsiedlerbibliothek um. Die Bibliothek war mit Buchvorschlägen von über 50 angeschriebenen Philosophen, Schriftstellern und Wissenschaftlern aus aller Welt bestückt. Im Niemandsland zwischen den italienischen und österreichischen Grenzlinien konnte ein Besucher, wenn er sich zuvor den Schlüssel im Bahnhofsrestaurant am Brenner geholt hatte, in Büchern lesen und übernachten.[3]

Werkliste[Bearbeiten]

  • der berg und die maschine, Zugspitze/Berlin, 1989[13]
  • Im Lärm der Stadt, 10 Installationen in Hannovers Innenstadt, 1991[14]
  • Oppositionen und Schwesterfelder Wiener Secession, Fridericianum Kassel, 1993[15]
  • ursa in orbit project, Nationalpark Berchtesgaden, 1993.[16]
  • twittermachine, Berlin/ Gomera/ Rome/ Island/ New York/ Walchensee 1994.[4]
  • Gewalt/Geschäft. NGBK Berlin, 1995[17]
  • How much red does the Statue of Liberty bear?, Freiheitsstatue New York, 1996[18]
  • In the ruins of the twentieth century institute for contemporary art, P.S.1, New York, 1996[19]
  • "Außerparlamentarische Situation in Langenhagen, 1997
  • treffpunkt niemandsland, Einsiedlerbibliothek, Museumsakademie Berlin, 1998[20]
  • ...ein/räumen..., Inventur Hamburger Kunsthalle, 2001[21]
  • Engagement in de Fotografie, Foto Biennale Rotterdam, 2000[22]
  • Territorien des In/Humanen Gemeinschaftsausstellung Württembergischer Kunstverein Stuttgart im Schloss Solitude, 2010[23]

Rezeption[Bearbeiten]

Das Tip-Magazin aus Berlin schrieb 1990: „Paint the town red haben mit ihren Formen von Kunst schon lange das Atelier verlassen. (…) Kunst entsteht so als Ergebnis der Planung und des Eingreifens in und Teilnehmens an täglichen Arbeitsprozessen. Die Strategie bedeutet eine neue Form des Realismus der Erkundung konkreter Zusammenhänge. Kunst wird zu einem strategischen Spiel, bei dem es zwar immer noch um die sinnliche Aneignung der Welt geht, nicht mehr aber um die Ausprägung einer individuellen Handschrift.“[24]

In Kunstforum international schrieb Marius Babias 1994 über p.t.t.red: „Dem kalkulierten Eingriff in städtische Räume, seiner ästhetischen Steuerung und seiner sozialen Gegensteuerung gilt das Hauptaugenmerk des Künstlerduos [...]“.[25]

Die Berliner Zeitung schrieb 1997 über die „ungewöhnliche Ausstellung internationaler Künstler in der Hellersdorfer Galerie ‚HO‘“, in der p.t.t.red das ursa in orbit project von 1993 dokumentierte: „Im Berchtesgadener Wald waren die beiden in Bärenkostümen unterwegs. Die bierernsten Reaktionen der Lokalpresse ‚Bär erschreckte Wanderer‘ hängen neben den Bildern.“[26]

Das Magazin art – Das Kunstmagazin bezeichnete im Jahr 2000 die Kunstprojekte von p.t.t.red als „eine Mischung aus Dada und Happening, Land Art und Eulenspiegelei“. Das Berliner Duo narre die Sehgewohnheiten des Publikums „mit hintergründigen, pfiffigen und bisweilen poetischen Eingriffen in den Alltag“.[16]

Stipendien[Bearbeiten]

  • 1995–1996 Senatsauslandsstipendium Berlin, PS1 New York[27]
  • 1997 Kunstfonds Bonn A2[28]

Veröffentlichungen[Bearbeiten]

  • p.t.t.red (Hrsg.): Treffpunkt Niemandsland. AR/GE Kunst 1997[20]
  • p.t.t.red(Hrsg.): Paint the Town Red. Stefan Micheel and Hans Winkler, (Weiß) 1986–1988[29]
  • p.t.t.red (Hrsg.): Paint the Town Red. Stefan Micheel and Hans Winkler, (Blau) 1989[30]
  • p.t.t.red (Hrsg.): Paint the Town Red. Stefan Micheel and Hans Winkler, (Grau) 1989[31]

Literatur[Bearbeiten]

  • Jochem Schneider, Christine Baumgärtner (Hrsg.): Offene Räume –Open spaces. Stuttgart/ London 2000, ISBN 3-930698-99-4, S. 215.[15]
  • Bernhard van Treek (Hrsg.): Street-Art Berlin - Kunst im öffentlichen Raum. Berlin 1999, Der Kuss der Götter - p.t.t.red. ISBN 3-89602-191-5, S. 224–253.
  • Heinz Schütz (Hrsg.): Stadt.Kunst - Kai Bauer - Kunst vor Ort - Projekte in Langenhagen 1992–1997 - 6.Private und öffentliche Wahrnehmung. ISBN 3-929970-43-0, S. 219–222.
  • Georg Jappe (Hrsg.): Ressource Kunst - Die Elemente neu gesehen - antarktisches alluvium. ISBN 3-7701-2436-7, S. 144, 207, 216; Farbabb, S. 145.
  • Lothar Romain (Hrsg.): IM LÄRM DER STADT – 10 Installationen in Hannovers Innenstadt - Marius Babias - Werk und Wirkung -. ISBN 3-7774-5770-1, S. 75–79.
  • NGBK, Berlin (Hrsg.): Gewalt/Geschäfte 1994 M-Mord im öffentlichen Raum - p.t.t.red. ISBN 3-926796-34-0, S. 9–16.
  • Bernd Löbach-Hinweiser (Hrsg.): Künstlerbanknoten - Artists' Banknote Works 2000 - Geld für kulturelle Angelegenheiten. ISBN 3-923971-59-1, S. 269.
  • Christoph Tannert (Hrsg.): REVIEW 32 Jahre Künstlerhaus Bethanien. 2007, Alluvium 1988, S. 32–33
  • Aleandra Glanz: Gemischte Eis-Zeiten. In: Der Tagesspiegel. 3. Januar 1989, ISBN 3-932754-88-3.
  • Wiener Secession, Sabine B. Vogel(Hrsg.): Oppositionen & Schwesterfelder. 1993, ISBN 3-900803-62-5, S. 20–23, S. 90–92.

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. taz 17/11/89 ZUGSPITZE WEG >>Der Berg und dir Maschine<< Katrin Bettina Müller
  2. Street-Art Berlin - Kunst im öffentlichen Raum, Berlin 1999, p.t.t.red. ISBN 3-89602-191-5, S. 235.
  3. a b vor ort - Langenhagen 1997 Christine und Irene Hohenbüchler, p.t.t.red, ISBN 3-931441-04-0.
  4. a b atelier - Magazine of international Art Nov.94, The Art Journeys of p.t.t.red
  5. "Gesellschaft muß Provokationen aushalten", in: Nordhannoversche Zeitung vom 26. Februar 1997, "Finger auf die Wunde. "vor Ort" in Langenhagen: Kunst um Ulrike Meinhof", in: Nordhannoversche Zeitung vom 3. März 1997, "Tote Terroristin als lebendiges Kunstobjekt: Künstler ließen Meinhof-Debatte auf dem Marktplatz aufleben", in Langenhagener Echo vom 5. März 1997
  6. "Aufregung um Ulrike Meinhof", in: Münsterländische Tageszeitung vom Februar 1997, "Für die multiple Autorenschaft. Im hannoverschen Langenhagen ist "vor-Ort-Kunst" zur Institution geworden", in die tageszeitung von 19. März 1997, Cristian Schröder: Die Kunst liegt auf der Straße, Tagesspiegel online vom 15. Juni 1999, abgerufen am 8. August 2012.
  7. Kai Bauer: Kunst vor Ort – Projekte in Langenhagen 1992–1997, S. 219-222 (mit Abbildung); in: Heinz Schütz (Hg.): Stadt.Kunst, München 2001 ISBN 3-929970-43-0, Kai Bauer: Treffpunkt Niemandsland: Artists, Zen und High Mountains Brenner Pass, Austria (en), Zingmagazine 12, 2000, abgerufen am 8. Oktober 2012. siehe hier en:Zingmagazine
  8. Nachricht zum Projekt von p.t.t.red in DER SPIEGEL 10/1997
  9. Ulrich Clewing: Aktionskunst zwischen Dada und Eulenspiegelei, art – Das Kunstmagazin, März 2000, s. 46ff. (online)
  10. Claudia Wahjudi: p.t.t. red – das Ereignis findet nicht statt. museumsakademie berlin, 2. Juni – 19. Juli 2000, Kunstforum international, Band 152 (2000), S. 313 (eingeschränkter Zugang)
  11. I. Kathan scalini, Forschungsinstitut Brenner-Archiv der Universität Innsbruck
  12. AR/Ge Kunst
  13. taz 17/11/89, ZUGSPITZE WEG! >>Der berg und die Maschine<< Katrin Bettina Müller
  14. IM LÄRM DER STADT – 10 Installationen in Hannovers Innenstadt, ISBN 3-7774-5770-1, S. 75–79.
  15. a b (Digitalisat)
  16. a b Ulrich Clewing: Aktionskunst zwischen Dada und Eulenspiegelei In: art – Das Kunstmagazin Ausgabe: 3/2000, S. 46–51.
  17. [1] I. Kunstforum Band 130, 1995, S. 346.
  18. Martin Conrads:  »legal/illegal. Wenn Kunst Gesetze bricht«
  19. The Institute for Contemporary Art, the national and international studio artists programm P.S.1 1995/1996
  20. a b AR/GE Kunst
  21. Inventur. Wertschätzung der Hamburger Kunsthalle 2000
  22. Positions Attitudes Actions, Engagement in de fotografie, ISBN 90-76085-10-2.
  23. Territorien des In/Humanen
  24. tip- Magazin 19/90, S. 80–81 'RotLicht für Engel' Katrin Bettina Müller
  25. Marius Babias: p.t.t.red - paint the town red In: Kunstforum international. Band 125, 1994, S. 193.
  26. Silvia Schmidt: Kunst, Tiere und Kreaturen. In: Berliner Zeitung. 13. Oktober 1997.
  27. P.S.1 Studio Artists since 1976 (englisch)
  28. Kunstfonds
  29. urban books
  30. [2]
  31. [3]