Praktica

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IHG Praktica-Kamera

Praktica ist ursprünglich der Markenname für eine Baureihe von Spiegelreflexkameras des Herstellers Kamera-Werke Niedersedlitz („KW“), der von Pentacon, Dresden, übernommen wurde. Die in der DDR gefertigten Fotoapparate wurden auch ins Ausland exportiert und beispielsweise in Westdeutschland vom Versandhaus Quelle unter dem Markennamen RevueFlex verkauft. Insgesamt wurden von 1948 bis 2001 etwa 9 Millionen Prakticas produziert.[1]

Der Markenname Praktica war von der Treuhandanstalt 1991 nicht dem Erben des früheren Besitzers der Kamera-Werke Niedersedlitz, John H. Noble, zurückgegeben worden. Stattdessen wurde er dem Pentacon-Betriebsteil zugeschlagen, der heute zur Dresdner PENTACON GmbH Foto- und Feinwerktechnik gehört (ein Unternehmen der Jos. Schneider-Gruppe, Bad Kreuznach). Über die Markenrechte war es 1994 zu einer gerichtlichen Auseinandersetzung zwischen Noble und der Schneider-Gruppe gekommen.[2]

Seit den 1990er Jahren tragen auch Ferngläser und Kompaktkameras die Markenbezeichnung PRAKTICA. 2001 wurde die Herstellung von Spiegelreflexkameras der Marke Praktica eingestellt. Seit 2002 gibt es Digitalkameras der Marke Praktica, 2004 wurde mit der Produktreihe Luxmedia begonnen. Optiken werden auch beispielsweise für Polaroid produziert.

Geschichte und Entwicklung[Bearbeiten]

Die Kamera-Werke Niedersedlitz waren ursprünglich 1919 als Kamera-Werkstätten Guthe & Thorsch GmbH von Benno Thorsch und Paul Guthe in Dresden-Niedersedlitz gegründet worden. Bereits 1938 – zwei Jahre nach der Kine Exakta von Ihagee – konnte die Kleinbild-Spiegelreflexkamera Praktiflex präsentiert werden. Zur Emigration gezwungen, wurde das Unternehmen an die deutschstämmige, US-amerikanische Unternehmerfamilie Noble übergeben. Das Unternehmen wurde von Charles A. Noble und dessen Sohn John H. Noble geleitet, welche die Praktiflex für die Markteinführung 1939 vorbereiteten.

Nach 1945 wurden die Nobles von der sowjetischen Besatzungsmacht enteignet, in NKWD-Lager verschleppt und der Betrieb verstaatlicht (Kamera-Werke Niedersedlitz).[3]

Die erste Praktica-Kamera wurde dann auf der Grundlage der Practiflex von Siegfried Böhm 1948 konstruiert und im Jahre 1949 (erneut) vorgestellt.[4] Eine für den professionellen Einsatz vorgesehene, ebenfalls von Böhm für das Kamerawerk Niedersedlitz entwickelte Kamera war die Praktina.

Zusammen mit einer Reihe anderer Dresdner Kamerabetriebe wurden die Kamera-Werke Niedersedlitz 1959 in den neu gegründeten VEB Kamera- und Kinowerke Dresden eingegliedert. Ab 1964 firmierte dieses Unternehmen als VEB Pentacon, Dresden. Daher erscheint die Praktica in neueren Dokumenten als Pentacon-Marke.

Produktgeschichte[Bearbeiten]

Einige Praktica-Modelle

Erste Generation[Bearbeiten]

Bei den Praktica-Kameras der ersten Generationen wurde ab 1948 das M42-Objektivgewinde genutzt. Das 1951 vorgestellte Nachfolgemodell der ersten Praktica, die Praktica FX, verfügte über Synchronbuchsen und beherrschte damit erstmals die Blitzsynchronisation.

Von Pentacon produzierte Kameras wurden auch unter anderen Namen als Praktica ins Ausland außerhalb des Ostblocks exportiert, zum Teil als Auftragsarbeiten für Firmen, welche die Modelle unter eigenem Namen vertrieben. Einige dieser Markennamen bzw. Auftraggeber waren Jenaflex, Kawenda, Hanimex, Revue (Foto-Quelle) und Porst.[5] Für den Vertrieb der Originalprodukte in Westdeutschland hatte Beroflex einen exklusiven Vertriebsvertrag.

Zur ersten Kamerageneration gehören:

  • Praktica
  • Praktica FX
Praktina FX

Zweite Generation[Bearbeiten]

Zur zweiten Kamerageneration, die im VEB Pentacon Dresden gefertigt wurde, gehören:

Dritte Generation („Praktica L“-Reihe)[Bearbeiten]

Auch die Kameras der dritten Generation nutzten noch das Schraubgewinde M42. Zu dieser Generation zählen folgende Modelle:

Aufgeschnittene Praktica L2
MTL 5 B
geöffnete MTL 5 B, gut zu erkennen: das PL-System

In den Typenbezeichnungen der dritten Generation (L-Modelle) hatten die Buchstaben und Zahlen folgende Bedeutung.

Erster Buchstabe:

L = Lamellenschlitzverschluss (als Unterscheidung zu den Vormodellen mit Tuchschlitzverschluss), V = variables Suchersystem (mit Auswahl aus Lichtschacht, Prismensucher und Makrookular), P = fest eingebauter Prismensucher (zur Unterscheidung zu ansonsten gleichen V-Modellen), D = Leuchtdioden zur Anzeige der Belichtungsmessung statt des sonst verwendeten Zeigerinstruments, M = Messwerkabgleich (mit Brückenschaltung zur Stabilisierung gegenüber Spannungsschwankungen der Batterie).

Weitere Buchstaben:

TL = Innenbelichtungsmessung mit Abblendtaste, LC = Innenbelichtungsmessung bei offener Blende mit elektrischer Blendenwertübertragung, B = Außenbelichtungsmessung, EE = Innenbelichtungsmessung mit elektronischer Steuerung der Verschlusszeit.

Zahlen:

2 (bzw. 3) = zweite (bzw. dritte) Variante des Modells, 500 (bzw. 1000) = kürzeste Verschlusszeit 1/500 s (bzw. 1/1000 s), 50 = Variante der MTL mit Leuchtdioden statt Zeigerinstrument zur Belichtungsanzeige.

Vierte Generation („Praktica B“-Reihe)[Bearbeiten]

Die vierte Generation der Praktica-Spiegelreflexkameras wurde mit der Praktica B 200 im Jahr 1978 auf der Leipziger Messe vorgestellt und von 1979 bis 1990 gefertigt. Eine wesentliche Neuerung war ein moderner Entwurf für Kameras und Objektive (Prakticar) sowie der Ersatz des M42-Anschlusses durch den Praktica-B-Bajonettanschlusses (auch PB-Mount genannt). Erstmals wurden auch Zoomobjektive, später auch Autofokus-Objektive vorgestellt.

Da das B-System für Kunden in der DDR sehr teuer war, wurde entgegen den Planungen die erschwinglichere M42-Kameralinie in verringertem Umfang weiter produziert. Später gab es speziell für den DDR-Markt technisch abgerüstete und damit billiger zu produzierende Modellvarianten (siehe dazu Praktica BCC und Praktica BCA). Umgekehrt wurden spezielle Modellversionen für den britischen, niederländischen und französischen Exportmarkt hergestellt, die sich nur in Designelementen und in der Namensgebung von den zugrundeliegenden Urtypen unterschieden (siehe dazu Praktica BCX, Praktica BC auto, Jenaflex AM-1, Jenaflex AC-1 und Praktica BC3).

Nachteil des PB-Bajonetts war, dass es eine Eigenentwicklung war und nicht mit anderen Quasi-Marktstandards wie dem Pentax K-Bajonett kompatibel war. Damit war im Gegensatz zum zuvor verwendeten Schraubgewinde die Nutzung von Objektiven auf neu zu kaufende Bajonett-Objektive mit PB-Mount eingeschränkt. Dies verringerte die Akzeptanz des Systems im Markt. Praktica selbst schaffte Abhilfe und stellte einen Adapter her, der es erlaubte, die M42-Objektive an das B-Bajonett anzuschließen.

Praktica BC 1 am Balgengerät mit Makroobjektiv Prakticar 55 mm f 2.8

Zur B-Kamerareihe gehören folgende Modelle:

BX-Modellreihe (Fertigung zwischen 1987 und 1990):

BX-Modellreihe aus der Nach-Wendezeit (Fertigung zwischen 1991 und 2001):

Weitere Kameras[Bearbeiten]

Digitalkamera Praktica DPix3000

Siehe auch[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

  • Herbert Blumtritt: Geschichte der Dresdner Fotoindustrie, Lindemanns: Stuttgart 2000, ISBN 978-3895062124
  • Herbert Blumtritt: Die Prakti, Lindemanns: Stuttgart 2002, ISBN 978-3895062346
  • K. Hartmann: Pentacon Praxis (1. Auflage), Fotokinoverlag: Halle 1960
  • Richard Hummel: Spiegelreflexkameras aus Dresden – Geschichte, Technik, Fakten (erste erweiterte und überarbeitete Nachauflage), Edition Reintzsch: Leipzig 1995, ISBN 978-3895061271
  • W. Mesow: Kleines Buch zur Praktica (1. Auflage), Fotokinoverlag: Leipzig 1980
  • Franz Pangerl: Das Praktica-Buch, Seebruck: Heering-Verlag 1967
  • Roger Rössing: Fotografie mit der Praktica (1. Auflage), Fotokinoverlag: Halle (Saale) 1959 (12. Aufl. 1977)

Film[Bearbeiten]

  • Praktica - Kameras aus Sachsen. Dokumentarfilm, Deutschland, 2011, 43:30 Min., Buch und Regie: Anna Schmidt, Produktion: MDR, Erstsendung: 31. Oktober 2011, Inhaltsangabe vom MDR, Online-Video und Filmbilder.

Weblinks[Bearbeiten]

Fußnoten[Bearbeiten]

  1. VEB Pentacon Dresden, Deutsches Technikmuseum Berlin, 2008
  2. Praktica - Gerangel um ein sächsisches Warenzeichen. In: Berliner Zeitung, 8. Oktober 1994
  3. : Sir John H. Noble im Porträt, MDR, Redaktion Riverboat, 11. Februar 2005, archiviert von Internet Archive
  4. Wolfgang Mesow, Heinz Kuhn: Photographie: 150 Jahre Kameras aus Dresden. Herausgeber: VEB Pentacon Dresden, 1988
  5. Angaben zur Baugleichheit der Photo-Porst-Modelle stammen von Josef Seidl, www.kamera-geschichte.de