Paillard-Bolex

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Paillard-Bolex-Kamera, Modell H 16 Reflex 5

Paillard-Bolex war eine Abteilung des schweizerischen Feinmechanikunternehmens Ernest Paillard & Cie, in der Schmalfilm-Apparate fabriziert wurden. Sitz des ursprünglichen Familienunternehmens ist Yverdon in der Romandie.

Getrieben durch die Wirtschaftskrise ab 1929–30 suchte Firmendirektor Albert Paillard neue Produkte für neue Märkte. Anfang des 20. Jahrhunderts produzierte das aufstrebende Unternehmen Bleistiftspitzgeräte, Rechenmaschinen, Metronome, Spieldosen und Grammophone.

Die meist jungen und innovationsfreudigen Ingenieure der Firma entwickelten bereits 1914 Schreibmaschinen, die unter dem Markennamen HERMES produziert wurden, ein internationaler Durchbruch für die mittlerweile 1000 Angestellte zählende Firma. Das nächste feinmechanische Wunder aus den Paillard-Werken sollte die tragbare HERMES Baby werden. Mitte der 1930er war sie eine der kleinsten Schreibmaschinen der Welt und bald geschätzt von Journalisten und Literaten. Daneben begann das Unternehmen eine Federwerkfilmkamera für die Reise zu entwickeln. Im September 1930 hatte Paillard die konkursite Genfer Firma Bol gekauft. Bolex war eine seit 1924 eingetragene Handelsmarke. Sie gehörte Jacques Bogopolsky und Charles Haccius.

Im April 1935 wurden erste Exemplare des Modells H nach England, Frankreich, Deutschland und Italien geschickt, um von Händlern angeboten und beworben zu werden. Die ersten zum Verkauf bestimmten H-Kameras für 16-mm-Film verließen die Fabrik im Juni 1935. Die von Bogopolsky vertriebenen Schmalfilmprojektoren führte Paillard-Bolex bis 1936 weiter.

Welterfolg H-Kamera[Bearbeiten]

Die Filmkamera, Modell H, war für 16-mm-Film und für 9,5-mm-Film erhältlich, ab 1938 auch für Doppel-8-Film. H 9 wurden vermutlich nicht mehr als 100 verkauft. Die H 8 wurde zum Nonplusultra des Kleinfilms.

Herausragende Eigenheiten der H 16 sind eine Filmeinfädelautomatik, eine Kupplung zwischen Feder und Mechanismus, zwei Möglichkeiten, die Feder aufzuziehen, und stark ausgedehnter unterer Bereich der Bildfrequenzen.

Mit der Einfädelautomatik sind die Paillard-Bolex-H-Kameras sehr schnell und stets korrekt geladen. Dank der Kupplung hat man die Möglichkeit, den Film mit Handkurbel beliebig vor- und zurückzudrehen. Die Feder konnte mit einem abklappbaren Schlüssel am Kern oder mit einer umklappbaren Kurbel über das Federhaus gespannt werden. Nachspannen der Feder am Kern ist bei laufendem Film möglich. Ein raumgreifender Fliehkraftregler besonderer Konstruktion begünstigt genaues Einstellen der Bildfrequenz zwischen 8 und 24 pro Sekunde, feiner noch als beim Ciné-Kodak Special von 1933.

Die H-Kameras sind in Leichtbauweise mit zwei Aluminiumplatinen in einem Aluminium-Druckgussgehäuse gestaltet. Die Druckgussteile kamen von der INJECTA, Teufenthal. Ein abgeschnittener Revolver für drei Objektive ist in Mittenstellung nicht breiter als das Gehäuse. Der Öffnungswinkel im Umlaufverschluss betrug ursprünglich 190 Grad. Diese vergleichsweise große Öffnung wurde mit einem etwas „steileren“ Steuerkörper im Greiferrahmen erreicht.

Ein auf die Objektivbrennweiten 15, 25 und 75 mm einstellbarer Schachtsucher mit Parallaxenausgleich, Tragebügel mit Federstahlblatt und ⅜-Zoll-Stativgewinde im Gehäuseboden ergänzten das Bauprogramm. Die äußerliche Gestaltung der Kamera entsprach der Ästhetik von Armbanduhr und Handtasche: Metallglanz und Lederimitat.

Vor dem Zweiten Weltkrieg wurde ein Einzelbildzählwerk erhältlich, das seitlich am Gehäuse angeschraubt und mit der Kurbelwelle gekoppelt wird. Durch die Jahre wurden das Bilderzählwerk nach innen verlegt, ein Einstellprisma hinter der oberen Objektivöffnung zugefügt und ein auf acht Brennweiten einstellbarer neuer Schachtsucher geliefert. 1952 erschien eine Stereo-Ausrüstung von Kern, 1954 wurden der Schleppgreifer und im selben Jahr noch ein kleinerer Verschlussöffnungswinkel eingeführt, 1956 kamen Reflexsucher, danach verstellbarer Verschluss und 1963-64 die herausgeführte Greiferwelle für Synchronmotoren. Verschiedene weitere Verbesserungen, wie geänderte Filmseitenführung oder beim Aufsetzen des Deckels aufspringende Schleifenformer sind immer wieder erfolgt. Auch unsichtbare Kleinigkeiten wie Muttern auf den Halteschrauben des Tragbügels gehören dazu.

Taschenkamera[Bearbeiten]

1940 erschien das Modell L 8 für den seit 1932 erhältlichen Doppel-8-Film. Die Bezeichnung steht für Lady oder Elle. Es ist ein Abkömmling des Sportster von Bell & Howell (1938). Diese kompakte Handtaschenkamera wurde bis 1966 in Varianten und zum Zoom-Automaten ausgebaut. Mit Zoom-Objektiv beziehungsweise in Form der S-, P- und K-Modelle mit fest angebautem Handgriff ist das Konzept der Taschenkamera jedoch verloren gegangen. Das Modell 7.5 MACROZOOM hatte die geschlossene äußere Form zuletzt doch noch geboten.

Projektoren und Zubehör[Bearbeiten]

1936 kam das Paillard-Bolex-Modell G heraus, ein in mehreren Formatvarianten gebauter Apparat, der nach dem Krieg veraltete. 1960 begann Paillard-Bolex die S-Serie zu liefern, über deren abenteuerliche Entstehung noch geforscht wird. Der M 8 ist einer der besten Projektoren für Normal-8-Film. Eine großzügig bemessene Steuerscheibe für den Greifer und Ölfilzschmierung mit zentraler Speisung zeichnen den Apparat aus. Er wurde 1961 vom geräuscharmen Modell 18-5 abgelöst, der flimmerfrei auch 5 Bilder pro Sekunde spielt.

Als Zubehör bot Paillard-Bolex Filmklebepressen an, Umroller, Spulen, ein Unterwassergehäuse für die H-Kamera, Aluminiumstativ, Handgriffe, Zwischentuben für Nahaufnahmen, ein Makro-Gerät, Elektromotoren und anderes mehr.

In der weiten Welt[Bearbeiten]

Dokumentarfilmer schätzten die relativ leichte und vielseitige Paillard-Bolex. Das 16-mm-Film-Format wurde weiterentwickelt für Schule, Industrie und Instruktion, denn das Material war günstiger als der übliche Normalfilm. Indes blieben den Amateuren und Hobbyfilmern die Formate 9,5 mm und Doppel-8, später auch Super-8 und Single-8.

1960 zählte Paillard-Bolex zu den renommiertesten Unternehmen im technischen „High-End“-Sektor. Das Unternehmen beschäftigte inzwischen über 6000 Mitarbeiter in Yverdon, Sainte-Croix und Orbe. Weltweit arbeiteten schätzungsweise sogar 10'000 Personen für Paillard. Somit zählte Paillard zu den grössten Industrie-Unternehmen der damaligen französischsprachigen Schweiz. Allerdings stieß der patriarchische Führungsstil bald auf wenig Gegenliebe bei den Angestellten.

Die H-Kamera ist ein mißverstandenes Produkt. Als Luxusartikel zum Mitnehmen lanciert, war die „H“ nicht gebaut für schwere Objektive. Deshalb wurden eine Feststellschraube und eine Klemmeinrichtung am Objektiv-Revolver eingeführt, damit die Revolverscheibe nicht von der Front abgehoben wird. Blattfedern ersetzten die Wendelfeder in der zentralen Haltebüchse. Scharfe Konkurrenz erhielt die H 16 Reflex mit der Beaulieu Reflex 16 ab 1958. Auch diese Kamera war eigentlich für drei kompakte Objektive zur Reportage entworfen worden, drei Kilogramm leichter als die ARRIFLEX 16.

Der Einbruch von Paillard-Bolex begann nach der 1965 auf den Markt gebrachten Super-8-Filmkassette des „gelben Riesen“ Kodak. Das revolutionäre Einwegprinzip des amerikanischen Filmherstellers und die in diesem Zuge neuentwickelten Kameras anderer Hersteller zwangen Paillard langsam, aber kontinuierlich in die Knie: Die Firma verpasste den Anschluss. 1974 wurde Paillard-Bolex liquidiert und von dem österreichischen Filmgerätehersteller Eumig aufgekauft.

Nach dem Konkurs von Eumig 1982 kam es zu einem Management-Buy-out des 16-mm-Sektors, der mit Bolex International, S. A., firmiert. Eine kleine Gruppe von Technikern montiert nach wie vor Kameras aus Teilen vorhandener Lagerbestände.

Auf dem Gebrauchtmarkt werden noch heute zahlreiche Paillard-Bolex-Kameras angeboten und von Liebhabern und Sammlern aufgekauft. An einigen amerikanischen Hochschulen sind Paillard-Bolex-H 16 verbindliches Ausbildungsmittel in den Einstiegskursen der Filmklassen. Paillard-Bolex-Kameras sind bei Trickfilm-Herstellern wegen ihrer technischen Vielseitigkeit und ihres günstigen Preises sehr beliebt. Für eine kommerzielle Auswertung werden heute vornehmlich Modelle für Super-16-Film eingesetzt.

d16 - die digitale Bolex[Bearbeiten]

Im Jahre 2012 gestattete Bolex International einem US-Startup unter Joe Rubinstein, Kamera-Entwickler in Los Angeles, die Verwendung des Namens für eine Digitale Kinokamera. Die „Digital-Bolex“ soll in der zweiten Jahreshälfte zunächst in den USA vertrieben werden und verfügt über einen Kodak-CCD-Sensor mit Super-16-Film-Übergröße, einen C-Mount-Objektivanschluss (PL-Mount ebenfalls verfügbar[1], weitere sollen folgen) und Aufzeichnung auf interne Festplatte und Compact Flash-Cards im CinemaDNG-Format.[2] Die Auslieferung der ersten Kameras begann an US-Adressen im Dezember 2013 [3], ein erstes Firmware-Update erschien März 2014 [4]. Bolex plante, diese neue Kamera im Jahr 2013 auf den internationalen Markt zu bringen.[5], allerdings wurde die internationale Bestellbarkeit ohne direkte Beteiligung von Bolex International durch Digital Bolex im Mai 2014 ermöglicht.[6]

Eines der einzigartigen Merkmale der Digital-Bolex D16 ist die Handkurbel. Die ursprüngliche Bolex H16 wurde wie eine Uhr, mittels Federwerk angetrieben. Man musste damals eine Kurbel an der Seite der Kamera drehen, um die Feder auf zu ziehen, bevor man filmen konnte. Die D16 nutzt die Kurbel zum Einstellen der Kamerafunktionen (Belichtung, Fokus, Frame-Raten, etc.), aber die Kamera wird wahrscheinlich die Möglichkeit bieten, die Videoaufzeichnung mittels der Kurbel zu steuern. Da die Kamera in diskreten, einzelnen Frames (RAW) aufnimmt, ist es vorstellbar, dass die Kamera so konfiguriert werden kann, Einzelbilder entsprechend der Kurbelgeschwindigkeit des Bedieners aufzuzeichnen. Diese Fähigkeit kann unverwechselbare Effekte bringen, Anmutungen wie früher in den Tagen der Stummfilm-Handkurbel-Kameras in der Dämmerung des Kinematographoie. Es ist unklar, ob diese Funktion in die D16 integriert wird, aber sie stehen auf der Wunschliste. [7]

Die D16 wird mit dem Programm "LightPost" der Münchner Firma Pomfort geliefert, um die rohen Bildsequenz-Dateien zu prozessieren ("Debayering") und die Dateien zu verwalten.

Auch eine monochrome Version mit dem gleichen Sensor, jedoch ohne Farbfilter über den Pixeln, wird angeboten [8].

Die Kosten für die Entwicklung der Kamera wurden über Crowdfunding aufgebracht.[9]

Literatur[Bearbeiten]

  • Andrew Vivian Alden: Bolex Bible. Everything You Ever Wanted to Know But Were Afraid to Ask; An Essential Guide to Buying and Using Bolex H16 Cameras. A2-Time-Based-Graphics, Huddersfield 1998, ISBN 0-95330-751-4 (englisch)
  • Andrew Vivian Alden: A Bolex History. Cameras, projectors and accessories. London 1999 ISBN 0-95330-750-6 (englisch)
  • Andrew Vivian Alden: Time-Lapse and Stop-Motion Animation using the Bolex H16. Or click-wait and click-fiddle. A2-Time-Based-Graphics, Huddersfield 2001, ISBN 0-95330-752-2 (englisch)
  • Heinrich Freytag: Schmalfilmen mit Bolex 8. Neuaufl. „Die Schönen Bücher Strache”, Stuttgart 1962 (deutsch)
  • Gerald Reynolds Sharp: Bolex 8mm. Guide. 5. Aufl. Focal Press, London 1962, ISBN 0-24044-722-0 (englisch)
  • Laurent Tissot: E. Paillard & Cie SA. Une entreprise vaudoise de petite mécanique (1920–1945). Entreprise familiale, diversification industrielle et innovation technologique. Delval, Cousset (Fribourg) 1987, ISBN 2-88147-036-X.

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. [1]
  2. digitalbolex.com
  3. [2]
  4. [3]
  5. offizielle Ankündigung auf der Bolex-Website
  6. [4]
  7. Artikel im creativeplanetnetwork, April 2012
  8. http://www.digitalbolex.com/d16m-native-monochrome-raw/
  9. Projekt-Seite auf kickstarter.com

Weblinks[Bearbeiten]