Palomares

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Dieser Artikel behandelt den Ort; für den Radrennfahrer siehe Adrián Palomares.
Gemeinde Palomares
Wappen Karte von Spanien
Wappen von Palomares
Palomares (Spanien)
Finland road sign 311.svg
Basisdaten
Autonome Gemeinschaft: Andalusien
Provinz: Almería
Comarca: Levante Almeriense
Koordinaten 37° 15′ N, 1° 48′ W37.249166666667-1.7983333333333Koordinaten: 37° 15′ N, 1° 48′ W
Einwohner: 1.668 (Januar 2011)INE
Postleitzahl: E-04617
Verwaltung
Webpräsenz der Gemeinde
Lage des Ortes
Provinz Almería
Palomares (Almería)
Palomares
Palomares

Vorlage:Infobox Ortsteil einer Gemeinde in Spanien/Wartung/localidad

Palomares ist ein kleiner Ort an der spanischen Südostküste zwischen Almeria und Cartagena. Er gehört zur Gemeinde Cuevas del Almanzora und hatte 1966 rund 2.000 Einwohner. Im Jahr 2011 waren es 1.668 Einwohner[1].

Nuklearunfall[Bearbeiten]

Arbeitsplatz des Auslegerbedieners an Bord eines KC-135 Stratotanker, hier beim Betanken einer B-52 Stratofortress, 2006

Bekannt wurde Palomares durch einen Unfall mit US-amerikanischen Atomwaffen am 17. Januar 1966.[2][3][4] Dabei kollidierte bei einem Auftankmanöver in der Saddle Rock Refueling Area über der spanischen Mittelmeerküste ein mit Wasserstoffbomben vom Typ B28RI bestückter B-52G-Bomber der 68th Bomb Wing, der von North Carolina in den USA kam, mit einem KC-135-Tankflugzeug der US Air Force in 9.000 Metern Höhe. Es kam zu einer Explosion. Die gut 150.000 Liter Treibstoff an Bord der KC-135 gingen in Flammen auf und beide Flugzeuge stürzten ab. Alle vier Besatzungsmitglieder des Tankflugzeuges starben. Fünf Mitglieder der siebenköpfigen Bomberbesatzung konnten mit dem Schleudersitz aus dem Flugzeug aussteigen, allerdings öffnete sich bei einem der Fallschirm nicht, so dass insgesamt sieben der elf Soldaten starben. Ein Besatzungsmitglied landete auf dem spanischen Festland und drei weitere gingen einige Kilometer von der Küste entfernt im Meer nieder, wo sie durch spanische Fischer gerettet wurden.

Drei der vier Wasserstoffbomben mit jeweils einem 1.45 Mt-Gefechtskopf an Bord des B-52-Bombers stürzten im bewohnten Gebiet von Palomares auf den Boden, die vierte fiel 8 km vor der Küste ins Meer.[5] Die Sicherheitsvorkehrungen verhinderten eine thermonukleare Explosion, doch die hochexplosiven, konventionellen Sprengladungen in zwei der Bomben detonierten und verseuchten durch die radioaktiven Bestandteile der Sprengköpfe ca. 170 Hektar Agrarland.[6] In einer dreimonatigen Aktion wurden ca. 1.400 Tonnen Erdboden radioaktiv verseuchter Tomatenplantagen abgetragen und mit dem Schiff USNS Boyce nach Aiken, South Carolina auf das Gelände des Savannah River Site zur Entsorgung gebracht.[7]

Die aus dem Meer geborgene Wasserstoffbombe

Mehr als 33 US-Kriegsschiffe riegelten das Gebiet der Absturzstelle der vierten Wasserstoffbombe im Mittelmeer ab, die der spanische Fischer Paco Orts, der die Bombe am Fallschirm hatte herunterkommen sehen, markieren konnte.[8] Taucher und Tauchboote suchten daraufhin den Meeresgrund ab. Erst am 7. April 1966 konnte durch das Bergungs-U-Boot DSV Alvin die Bombe aus einer Meerestiefe von 869 Metern geborgen und an Bord der USS Petrel gebracht werden. Die Bergungsoperation kostete sechs Millionen US-Dollar. An dieser Bergungsaktion nahm der US-Navy-Taucher Carl Brashear teil, dessen Leben und militärische Laufbahn in dem Hollywood-Film Men of Honor dargestellt wird.

Der Vorfall rief Proteste von Atomkraft- und Nuklearwaffengegnern hervor und führte zu diplomatischen Verwicklungen zwischen Spanien und den Vereinigten Staaten. Vier Tage nach dem Vorfall erklärte die spanische Regierung, dass zukünftig keine Flüge von NATO-Flugzeugen über spanisches Territorium genehmigt würden und am 29. Januar folgte ein formelles Verbot. Dieser Unfall sowie der Absturz eines Nuklearwaffen-beladenen B52-Bombers nahe der Thule Air Base am 21. Januar 1968, bei dem es ebenfalls zu radioaktiver Kontamination kam, wobei nicht alle Teile der Wasserstoffbomben wiedergefunden werden konnten, führten schließlich zur Einstellung der Operation Chrome Dome, der Nuklearbomber-Strategie der Vereinigten Staaten.

In seinem Abschlussbericht 1975 hielt das US-Verteidigungsministerium fest, dass der am Unfalltag herrschende Wind plutoniumhaltigen Staub aufgewirbelt hat und dass „das ganze Ausmaß der Verbreitung nie in Erfahrung zu bringen sein“ würde.

Erst 1985 erhielten die Bewohner Zugang zu ihren medizinischen Unterlagen. Rund 522 Einwohner von Palomares erhielten eine Entschädigung der US-Regierung in Höhe von insgesamt 600.000 US-Dollar und die Stadt weitere 200.000 US-Dollar für eine Entsalzungsanlage.

Nachmessungen im Jahr 2004 offenbarten eine weiterhin hohe Radioaktivität im Erdreich einiger Flächen in der Umgebung von Palomares.[9] Die betroffenen Grundstücke (660 Hektar) wurden daraufhin im Eilverfahren enteignet, um eine Bebauung oder weitere landwirtschaftliche Nutzung zu verhindern. Im Oktober 2006 wurde zwischen der spanischen und US-amerikanischen Regierung die vollständige Dekontaminierung des betroffenen Geländes vereinbart. Die Kosten hierfür sollen zwischen beiden Staaten geteilt werden. Noch ist allerdings unklar, wie groß das Ausmaß der Verseuchung ist und auf welche Weise die Dekontaminierung erfolgreich durchgeführt werden kann. Im Oktober 2006 wurde bei Schnecken in der Nähe des Ortes deutlich erhöhte Radioaktivität festgestellt, woraufhin man weitere gefährliche Mengen Plutonium und Americium im Erdboden vermutete. Auch wurde belastetes Plankton im Meer festgestellt.[10][11] Im Dezember 2009 wurde durch eine Veröffentlichung von Depeschen US-amerikanischer Botschaften durch WikiLeaks bekannt, dass der damalige spanische Außenminister Miguel Ángel Moratinos der US-Außenministerin Hillary Clinton mitteilte, die Veröffentlichung der Studie über die aktuelle radioaktive Verseuchung könne dazu führen, dass sich die öffentliche Meinung in Spanien gegen die USA richten könnte.[12][13]

Die USA haben ihre Beteiligung an den fortlaufenden Kosten, die die Verseuchung verursacht, mit der letzten Zahlung am 7. September 2009 beendet.[14] Auch das Europäische Parlament befasste sich mit der Angelegenheit.[15]

Literatur[Bearbeiten]

  •  Fred Geher und Fred Helbig: Der Tod von Palomares (= Tatsachen. 150). Militärverlag der DDR, Berlin 1974.
  •  Barbara Moran: The day we lost the H-bomb: Cold War, hot nukes, and the worst nuclear weapons disaster in history. Presidio Press/Ballantine Books, New York 2009, ISBN 978-0-8914-1904-4.

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Palomares B-52 crash – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Bevölkerungszahlen siehe INE
  2. http://www.n-tv.de/719056.html
  3. http://www.spiegel.de/fotostrecke/fotostrecke-37062-2.html#backToArticle=589958
  4. http://www.tagesspiegel.de/zeitung/Sonntag;art2566,2070354
  5. brookings.edu; Broken Arrows: The Palomares and Thule Accidents Brookings Institution, abgerufen am 1. Mai 2012
  6. Palomares Incident, January 17, 1966 time.com, abgerufen am 1. Mai 2012
  7. brookings.edu; Savannah River Site
  8. Forgotten: The most radioactive town in Europe independent.co.uk, abgerufen am 2. Mai 2012
  9. Palomares bombs: Spain waits for US to finish nuclear clean-up bbc.co.uk, abgerufen am 5. November 2012
  10. Als vier US-Bomben Palomares radioaktiv verseuchten welt.de, abgerufen am 2. Mai 2012
  11. Joan-Albert Sanchez-Cabeza, et al.: Concentrations of plutonium and americium in plankton from the western Mediterranean Sea. Science of the Total Environment (2003), Vol.:311, Issue:1-3,S.233-245,abstract@PubMed, abgerufen am 2. Mai 2012
  12. Vorlage:Internetquelle/Wartung/Zugriffsdatum nicht im ISO-FormatVorlage:Internetquelle/Wartung/Datum nicht im ISO-FormatSecretary Clinton'December 14, 2009 conversation with Spanish Foreign Minister Miguel Angel Moratinos. Außenministerium der Vereinigten Staaten, 18. Dezember 2009, abgerufen am 18. Dezember 2010.
  13. Spain demands US clears earth from site of 1966 nuclear bomb mishap guardian.co.uk
  14. USA zahlen nicht mehr für Atomwaffenunfall. Abgerufen am 2. September 2010.
  15. Betrifft: Dekontamination von Palomares und WikiLeaks europarl.europa.eu, abgerufen am 2. Mai 2012