Panafrikanismus

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Karte der heutigen Mitgliedsstaaten der afrikanischen Union
Marcus Garvey, bedeutender Vordenker des radikalen Panafrikanismus
W. E. B. Du Bois, bedeutender Vordenker des gemäßigten Panafrikanismus

Panafrikanismus (griechische Vorsilbe πᾶν pan ‚alles‘) bedeutet „die Einheit aller schwarzen/afrikanischen Menschen weltweit, unabhängig von ihrer Ethnie oder Nationalität“,[1] d. h. der Menschen, deren Vorfahren durch die atlantische und die arabische Versklavung mit Gewalt aus Afrika weggebracht wurden und nun in den USA, in der Karibik und Lateinamerika und auch in Teilen des Mittleren Ostens und Südasiens leben.

Die bedeutsamsten Zentren des Panafrikanismus waren London, New York und Paris. Von hieraus wurden „Colonial Bulletins“ an afrikanische Zeitungen lanciert, um dort über aktuelle europäische, seltener amerikanische Geschehnisse und Gesetze aufzuklären.

Strömungen innerhalb des Panafrikanismus und ihre Vertreter[Bearbeiten]

Einen einzigen Mann als Begründer des Panafrikanismus zu beschreiben, ist nur schwer möglich. Wahlweise fällt diese Rolle Edward Wilmot Blyden, Kwame Nkrumah, W. E. B. Du Bois, Marcus Garvey oder George Padmore zu.

Als Vorbilder wie Konkurrenten zugleich galten dem Panafrikanismus wahlweise Sozialismus, Kommunismus, Nationalismus oder Zionismus.

Als bedeutendste Vordenker des Panafrikanismus gelten W. E. B. Du Bois, Marcus Garvey und George Padmore. Während Du Bois einen gemäßigten, integrationistischen Panafrikanismus lehrte, propagierte Gravey einen radikalen, separatistischen Panafrikanismus, Padmore vertrat eine kommunistische Variante des Panafrikanismus. Er gilt als Mentor Kwame Nkrumahs, dieser berief sich jedoch auf Garvey und beauftragte Du Bois später mit der Encyclopedia Africana. Auf Garvey beriefen sich später auch Martin Luther King und Malcolm X.

Neben Kwame Nkrumah sahen sich mit Patrice Lumumba, Nelson Mandela, Léopold Sédar Senghor und Muammar al-Gaddafi auch andere Staatsoberhäupter in der Tradition des Panafrikanismus. Weitere bekannte Panafrikanisten waren Steve Biko, Cheikh Anta Diop und Amy Jacques Garvey. C. L. R. James, Sympathisant der panafrikanischen Bewegung, trug mit seinem Buch über Toussaint Louverture zur Bildung panafrikanischen Bewusstseins bei.

Geschichte[Bearbeiten]

Nach der Berliner Konferenz von 1884 bis 1885 entstand die wichtigste afrikanische Bewegung der Dekolonialiserungsgeschichte: der Panafrikanismus als Bindeglied vieler afrikanischer Befreiungsbewegungen. Die Basis dafür war der Widerstand schwarzer Arbeiter und Soldaten der afrikanischen Diaspora in Europa und Übersee, die gegen Rassenhierarchien und Ausbeutung aufbegehrten.[2]

Die Ziele des Panafrikanismus waren die Dekolonialisierung der afrikanischen Länder und nach dem Ende der Kolonialzeit die Vereinigung der durch die willkürlich Grenzen auseinandergerissenen Völker. Das von den Kolonialmächten oktroyierte Modell der Nationalstaaten sollte durch einen afrikanischen Kontinentalstaat ersetzt werden. 1893 veranstalteten die Panafrikanisten in Chikago ihren ersten Kongress.[3] Zum anderen existierte der Traum der Panafrikanisten, geopolitisch -sozial und -kulturell mitwirken zu können.

Als politische Bewegung begann der Panafrikanismus nicht in Afrika sondern auf den Westindischen Inseln. Henry Sylvester Williams aus Trinidad prägte den Begriff mit seiner ersten panafrikanischen Konferenz 1900. E. Chinenyengozi Ejiogu vom Centre for Africa Studies an der University of the Free State verweist auf eine bereits Ende des 19. Jahrhunderts in diesem Kontext aufkommende Forderung „Africa for Africans“ (deutsch etwa: Afrika den Afrikanern)[4][5]

Westindische und amerikanische Schwarze spielten im Prozess des „Sich-selbst-bewußt-Werdens“ eine maßgebliche Rolle; es waren die „Sierra Leonians“, die am frühen Modernisierungsprozess Westafrikas aktiv mitwirkten, ja am Vordringen der Briten ins Hinterland nicht unbeteiligt waren; eine ansehnliche Zahl afrikanischer Führer studierte in Amerika.[6]

Der Erste Weltkrieg verlieh dem Panafrikanismus neuen Schwung. Die Kolonialmächte, insbesondere England und Frankreich, griffen in diesem Krieg in großem Maße auf die militärischen und wirtschaftlichen Ressourcen ihrer Imperien zurück.[7] In den Vereinigten Staaten erlebten viele schwarze Soldaten nach ihrer Rückkehr uvon der Front eine große Enttäuschung. Der US-amerikanische Historiker und Bürgerrechtler W.E.B. Du Bois hatte die jungen Afroamerikaner aufgefordert, sich freiwillig zur Armee zu melden und in Europa für die Freiheit zu kämpfen, damit sie anschließend auch in Nordamerika mit größerem Nachdruck ihre Rechte einfordern konnten.[7]

Für das 20. Jahrhundert maßgeblich waren jedoch die fünf Pan-Afrikanischen Kongresse, die seit 1919 von W. E. B. Du Bois organisiert wurden. Erstmals fanden die Resolutionen der internationalen Delegierten für Chancengleichheit, gegen Rassismus und Imperialismus auch ein Echo in der Presse der Kolonialländer. An den Kongressen nahmen viele später bedeutende Protagonisten späterer afrikanischer Unabhängigkeitsbewegungen teil. Du Bois Initiative bot den philosophischen und politischen Nährboden für die beginnende Dekolonisation Afrikas.

Der Jamaikaner Marcus Garvey leitete bis 1928 die größte panafrikanische Vereinigung: die Universal Negro Improvement Association and African Communities League (UNIA-ACL), die er 1912 in Kingston gegründet hatte. Der „Garveyismus“ verbreitete sich rasch auch in den USA. 1914 verlegte Garvey sein Hauptquartier nach Harlem. Wichtigste Publikation war die Wochenzeitung Negro World. Garvey versuchte mit seiner Organisation Anfang der 1920er Jahre in Afrika neue Siedlungen für Afroamerikaner aufzubauen. Er kaufte sogar einen Passagierdampfer und gründete die Schifffahrtsgesellschaft Black Star Line, um monatliche Transportkontingente nach Liberia und Südafrika zu ermöglichen. Seine sozialutopischen Pläne und der Aufbau einer UNIA-Organisation in Liberia wurden von der liberianischen King-Regierung vereitelt.

Panafrikanismus in Afrika[Bearbeiten]

Am 7. Januar 1961 beschloss die dem radikalen Panafrikanismus zuneigende Staatengruppe in Casablanca eine „Afrikanische Charta“ (Casablanca-Gruppe). Die Mehrheit der inzwischen unabhängig gewordenen Staaten wollte diesem Weg nicht folgen und entwarf auf einer Konferenz vom 8. bis 12. Mai in Monrovia im selben Jahr ein Gegenpapier. Schließlich wurde am 25. Mai 1963 auf einer Konferenz in Addis Abeba eine gemeinsame „Charta der Organisation für Afrikanische Einheit“ verabschiedet und damit die Organisation für Afrikanische Einheit gegründet,[8] die jedoch wenig politische Durchschlagskraft entwickelte. Die Gründer der OAU bekannten sich zu einer Reihe von Prinzipien: Der Kontinent solle die Solidarität und Zusammenarbeit in allen Bereichen ständig verbessern; er solle die Befreiungskämpfe in den portugiesischen Kolonien, in Südafrika, Südwestafrika (heute Namibia) und Südrhodesien (heute Simbabwe) aktiv unterstützen; und er solle die aus der Kolonialzeit geerbten Grenzen nicht in Frage stellen, „damit wir nicht die Geburt eines schwarzen Imperialismus erleben“, wie der marxistisch orientierte Präsident Malis, Modibo Keita, in Addis Abeba sagte.[9]

Populäre Vertreter des Panafrikanismus in Afrika waren Kwame Nkrumah und Gamal Abdel Nasser. 2002 wurde die Afrikanische Union gegründet.

Während der Apartheidsperiode in Südafrika kämpften viele Organisationen, Gruppen und Einzelpersonen, so auch der Pan Africanist Congress, gegen die Unterdrückung der nichteuropäischstämmigen Südafrikaner und Südwestafrikaner. Außer Garveys UNIA-ACL gab es auch andere panafrikanische Organisationen wie TransAfrica und The Internal Peoples Democratic Uhuru Movement.

Nachfolgende Bewegungen[Bearbeiten]

Die Rastafari-Bewegung in Jamaika entstand aus der Panafrikanischen Bewegung: Nach der Marcus Garvey zugeschriebenen Erklärung look to Africa for the crowning of a Black king sahen die Rastafari zu Haile Selassie auf. Effektiv stammt diese Erklärung nicht von Garvey; vielmehr kritisierte Garvey Selassie in vielen Punkten.

Aus der panafrikanischen Bewegung ging die Black Athena-Bewegung hervor, zu deren Hauptvertretern Cheikh Anta Diop und sein „ideologischer Sohn“ Molefi Kete Asante gehören. Dieser Bewegung geht es darum die afrikanische Geschichte aus einer pro-Afrikanischen Perspektive im Gegensatz zu einer eurozentrischen Perspektive zu sehen, um eine Rückkehr zu traditionellen afrikanischen Vorstellungen und zur afrikanischen Kultur. Häufig wird die Ansicht vertreten, dass der schwarzafrikanische Ursprung der ägyptischen und einiger anderer Zivilisationen anerkannt werden sollte. Panafrikanismus wird auch mit Black Nationalism assoziiert.

Kritik[Bearbeiten]

Imanuel Geiss analysierte in seinem 1969 erschienenem Werk Panafrikanismus. Zur Geschichte der Dekolonisation den Panafrikanismus als „verspäteten Bumerang der Sklaverei“ im Dreieck des Sklavenhandels und der Antisklavereibewegung (Westindien/Amerika – Vereinigtes Königreich – Westafrika). Marcus Garveys Ideologie schilderte er als „imperialen Panafrikanismus“.[6] Die nach Geiss führenden Gestalten im Panafrikanismus, Du Bois und Padmore, beurteilt jener kritisch. Da es ihm zufolge den beiden an Kenntnissen über die Situation in Afrika, an klaren Zielen und an Organisationstalent gemangelt habe. Du Bois charakterisiert Geiss gar als „hoffnungslosen Romatiker“, der 1930 sogar die Sklaverei in Liberia gutgehießen habe.[6]

Panafrikanismus wird oft dafür kritisiert, die kulturellen und ethnischen Differenzen zwischen Menschen afrikanischer Herkunft sowie die Unterschiede zwischen den sozialen und politischen Verhältnissen in den Ländern, in denen Schwarze leben, zu ignorieren.

Panafrikanische Farben[Bearbeiten]

Hauptartikel: Panafrikanische Farben
Die panafrikanischen Farben
Grün, Gelb und Rot

Marcus Garvey gab der panafrikanischen Bewegung die rote, schwarze und grüne Flagge, wobei das Rot für das Blut steht, das Menschen für ihre Erlösung und Freiheit vergießen müssen, das Grün steht für die Vegetation des afrikanischen Mutterlandes und das Schwarz für die Menschen afrikanischer Herkunft selbst. In der panafrikanischen Bewegung wird auch die äthiopische Flagge mit den Farben grün, gelb, rot verwendet. Grün und rot stehen für dieselben Prinzipien wie in Garveys Flagge und gelb für die mineralischen Reichtümer Äthiopiens. Dieser Flagge kommt symbolische Bedeutung zu, weil Äthiopien (mit der Ausnahme von Liberia) das einzige Land war, das nicht unter europäische Herrschaft gefallen war, da die Italiener in der berühmten Schlacht von Adua besiegt worden waren. Die Flaggen vieler afrikanischer Staaten lehnen sich an Garveys Flagge oder an die äthiopische an.

Panafrikanismus in Kunst und Kultur[Bearbeiten]

Im Vereinigten Königreich erlaubte der frühe Parlamentarismus es den schwarzen Bürgern selbstbewusster einzutreten als in anderen europäischen Staaten. So entwickelten sich in den britischen Kolonien und Freiheitsbewegungen nach 1900, im Gegensatz zu den französischen Gebieten. Dort begann erst um 1920 die Négritude es den englischsprachigen Schwarzenbewegungen gleichzutun. Allerdings legte diese weitaus mehr Wert auf Literatur und Philosophie als der angelsächsische Panafrikanismus.

Der Panafrikanismus ist auch allgegenwärtig in der jamaikanischen Reggaemusik, wodurch der Musiker Bob Marley zum wohl bekanntesten Panafrikanisten aufstieg; auch andere jamaikanische Musiker wie Peter Tosh behandeln in ihren Liedern panafrikanische Themen. Gleiches gilt für den Erfinder des Afrobeat, Fela Kuti. Auch der Hip Hop wird bisweilen als panafrikanisches Produkt betrachtet. Joseph Ephraim Casely Hayfords Roman Ethiopia Unbound beeinflusste den Theoretiker Marcus Garvey, der wiederum die Rastafari beeinflusste.

Seit 1965 finden im Viehrjahrestakt die Panafrikanischen Spiele statt. Seit 1972 findet in unregelmäßigen Abständen das Panafrikanische Filmfestival statt.

Literatur[Bearbeiten]

  • Imanuel Geiss: Panafrikanismus. Zur Geschichte der Dekolonisation. Habilitation. EVA, Frankfurt am Main 1968. (englisch als: The Pan-African movement. Methuen, London 1974, ISBN 0-416-16710-1 und als: The Pan-African movement. A history of Pan-Africanism in America, Europe and Africa. Africana Publ., New York 1974, ISBN 0-8419-0161-9)

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. panafrikanismusforum.net
  2. Franziska Koller: Entwicklungszusammenarbeit und Ethik. (= St. Galler Beiträge zur Wirtschaftsethik. 40). Haupt, Bern u. a. 2007, ISBN 978-3-258-07149-7, S. 38 f.
  3. Franziska Koller: Entwicklungszusammenarbeit und Ethik. (= St. Galler Beiträge zur Wirtschaftsethik. 40). S. 39.
  4. E. C. Ejiogu: In search of a new spirit of African unity. In: Mail & Guardian. 24. Mai 2012 auf: www.mg.co.za (englisch)
  5. UFS: During 2011: Appointments. auf www.ufs.ac.za (englisch)
  6. a b c Vorlage:Internetquelle/Wartung/Datum nicht im ISO-FormatRudolf von Albertini: Panafrikanismus – ein Traum? Ein Deutscher schrieb die Geschichte dieser Bewegung. In: Die Zeit. 21. März 1969, abgerufen am 14. September 2014 (Rezension, deutsch).
  7. a b Andreas Eckert: Schwarz, schön und stolz. In: Die Zeit. 4. September 2014.
  8. Dominik A. Faust: Effektive Sicherheit. ISBN 978-3-531-13764-3, S. 361, abgefragt am 7. Januar 2011.
  9. Vorlage:Internetquelle/Wartung/Datum nicht im ISO-FormatIlan Halevi: Ist die panafrikanisch Idee tot? Heinrich-Böll-Stiftung, 11. Oktober 2010, abgerufen am 14. September 2014 (Artikel, deutsch).