Papiertheater

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Papiertheater (aus einem Nürnberger Spielzeug-Musterbuch des 19. Jahrhunderts)

Unter dem Namen Papiertheater fasste der Lehrer und Sammler Walter Röhler Mitte des 20. Jahrhunderts alle Bezeichnungen, die im 19. Jahrhundert für diese Theater gebräuchlich waren, zusammen. Er definiert „Papiertheater“ folgendermaßen: „Kleine Bühne aus Papier, auf der sich die technische Vielfalt einer Menschenbühne in modellmäßiger Form nachahmen oder erproben lässt“.[1]

Um das Jahr 1810 entstanden diese Miniaturbühnen in Deutschland und England etwa zeitgleich. Die Ausschneidebögen waren im Biedermeier Bestandteil der „Bilderbogenkultur“ des 19. Jahrhunderts. Vorläufer waren die Papierkrippen, Guckkästen mit spektakulären Ereignissen und die „Mandlbögen“ (Personalbögen zu Berufsgruppen oder dem Militär). Als Kind der Romantik hat das Papiertheater in fast keinem Bürgerhaus gefehlt.

Der Aufbau[Bearbeiten]

Wie bei seinem Vorbild, dem großen Theater, hat das Papiertheater ein „Proszenium“ (Bühnenportal) und einen Vorhang. Oftmals waren die Bühnenportale bekannten Bühnen nachgebildet. Außerdem sind ein oder mehrere Bühnenbilder und Figuren für das Stück erforderlich. Die heute gebräuchlichste Figurenführung ist die Führung von der Seite. Dabei werden die Figuren einzeln oder in kleinen Gruppen von der Seite durch die Kulissengassen eingeschoben und geführt beziehungsweise herausgenommen. Für die Zuschauenden kommt so das Moment der Bewegung hinzu. Aber es gibt auch die Möglichkeit der Figurenführung von oben und unten.

Die Texte wurden entweder auswendig gesprochen oder nach Textbüchern mit verteilten Rollen vorgelesen. Heute werden meist Tonaufnahmen verwendet.

Die früher mitgelieferten Bühnenbilder konnten mehr oder weniger umfangreich ausgestattet sein: Minimum ist dabei ein „Bühnenprospekt“ (die hintere Begrenzung) und ein bis mehrere seitliche Kulissenpaare, die die Tiefenwirkung des Bühnenbilds hervorrufen. Gab es zwei Sets an Kulissen, konnte das Schauspiel beziehungsweise die Oper bereits als Zweiakter mit unterschiedlicher Ausstattung aufgeführt werden.

Diese Bogen waren zunächst über Jahrzehnte schwarz-weiße Lithografien, die entweder unkoloriert, hand- oder auch schablonenkoloriert angeboten wurden. Die Kolorierung erfolgte oft in Heimarbeit und wurde lediglich mit Minimallöhnen vergütet. Die mit diesen Arbeiten betrauten Personen entstammten vorwiegend jenen Schichten der Bevölkerung, die sich damals weder die Bögen, geschweige denn einen Theaterbesuch leisten konnten.

AKT II, ZWEITER AUFTRITT AGATHE

Die Farblithografie wurde erst später erfunden. Sie trug sehr zur Verbreitung des Papiertheaters bei. Die Bögen wurden ausgeschnitten, auf Pappe etc. aufgetragen (kaschiert), zusammengeklebt und erst einmal bestaunt. Irgendwann kam man auf die Idee, diese Theater zu bespielen. So kamen mit den Mitteln der Hausmusik, geräuschspendenden Utensilien, wie einer mit Erbsen gefüllten Papprolle als Regenmaschine, Topfdeckeln, Pfeifen und Donnerblechen sowie Textkurzfassungen von Dramen Aufführungen zustande, die dem im großen Theater Erlebten bestimmt nur um weniges nachstanden (vgl. heute die Freude am Karaoke).

Als Beleuchtung genügten zunächst einfache Kerzen oder Öllampen. Später waren die Figuren in unterschiedlichen Kostümen und Haltungen mehrfach beigefügt.

Erst die ambitionierten Spielstätten arbeiteten mit einem Bühnenhaus (Bühnenturm), das meist doppelt so hoch war wie die sichtbare Höhe des Bühnenraums, um Dekorationen etc. schnell zu wechseln.

Das Repertoire und der Bildungsanspruch[Bearbeiten]

Diese Bilderbogen wurden vorwiegend von bürgerlichen Schichten zur Erbauung, Unterhaltung und Erziehung der Kinder gekauft und genutzt. Die Papiertheater waren Symbol und Identifikationsmedium der Theaterbegeisterung der Bürger, die die Oper und das Schauspiel gerade in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts für sich entdeckten.

Das Repertoire der Papiertheater umfasste daher die Spielpläne der zeitgenössischen Theater. Opern wie Die Zauberflöte, Fidelio, Der Freischütz, Zar und Zimmermann, Die Hugenotten und Oberon waren gewünscht, was sich in den verschiedenen Figuren-/Kulissenbögen und Textbüchern der zahlreichen Verlage niederschlug.

Im Schauspiel waren im deutschsprachigen Raum unter anderem Faust (frei nach Goethe oder der Sage), Egmont (Goethe), Wallensteins Lager, Wilhelm Tell (beide von Schiller), Der Alpenkönig und der Menschenfeind (Raimund), Das Käthchen von Heilbronn (Kleist) sowie Shakespeares Hamlet, Romeo und Julia und Othello verfügbar. So weist Walter Röhler darauf hin, dass nach dem Erfolg des Freischütz 1821 in Berlin bei seiner Uraufführung mindestens 16 Firmen 25 verschiedene Figurenbögen zu dieser Oper herausbrachten.

Verständnis der technischen Aspekte einer Theaterbühne[Bearbeiten]

Das Papiertheater förderte das Verständnis für die technischen Funktionen einer Bühne. So erwarben die Theaterschaffenden beim Modellbau unter anderem Kenntnisse über Bühnentechnik, Hauptvorhänge, barocke Kulissenbühnen, Winkelrahmenbühnen sowie über die Zentral-Perspektive.

Weitere geschichtliche Entwicklung[Bearbeiten]

Was die Inszenierung nicht hergab, ergänzte die Fantasie des Zuschauers. Das waren Freunde, Nachbarn und Verwandte der Spieler. Damit ließ sich ein winterlicher Sonntagnachmittag sehr schön gestalten. Erst in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts wandelte sich das Papiertheater zum Kindertheater, in dem zunehmend Märchen gespielt wurden. Nach 1918, auch mit der Entwicklung von Radio, Fernseher und PC, geriet es als Vermittlungsinstrument für Bildung zunehmend in Vergessenheit.

Ab den 1970er Jahren wurde es von Sammlern in London, Nürnberg oder Kopenhagen vereinzelt im Spielwarenhandel oder bei Antiquaren wiederentdeckt und erlebt seitdem eine Renaissance als eigenständige Figurentheater-Form.

Die bekanntesten Verlage im deutschsprachigen Raum im 19. Jahrhundert waren:

  • Renner, Nürnberg
  • Matthäus und Joseph Trentsensky, Wien, 1819, ab 1837 von Matthäus allein geführt, nach seinem Tod 1868 von seiner Witwe. (Der Verlag war auf Lithographien spezialisiert, insbesondere auf den Druck von Mandelbogen)
  • Winckelmann und Söhne, Berlin
  • Gustav Kühn und Oehmigke & Riemschneider, Neuruppin
  • Joseph Scholz, 1829, Mainz
  • J.F.Schreiber, seit 1831, noch existent, Esslingen am Neckar[2]
  • Ad. Engel, Berlin

Ein bedeutender Hersteller in England war der Verlag Benjamin Pollock.

Papiertheater heute[Bearbeiten]

Heute sind Papiertheater wieder als Ausschneidebögen erhältlich. Es gibt ein Museum in Hanau (Schloss Philippsruhe) mit regelmäßigen Papiertheater-Aufführungen, einen Verein, der sich um die Belange des Papiertheater kümmert und eine Zeitschrift unter dem Titel PAPIERTHEATER herausgibt.

Szene aus der alten Kreisstadt Lennep

Gängige Größenkategorien:

  • A Breite: 52–57,5 cm – Höhe: 34–40 cm – Figuren: um 11,5–15 cm
  • C Breite: 37–50 cm – Höhe: 31–32 cm – Figuren: um 10–11,5 cm
  • F Breite: 38 cm – Höhe: 26 cm – Figuren: um 10 cm
  • D Breite: 26,5 cm – Höhe: 19 cm – Figuren: 7 cm

Es gibt ein international besetztes jährliches Festival (Preetzer Papiertheatertreffen)[3] in Preetz, Schleswig-Holstein. Ebenso bestehen in Kitzingen seit 2003 unter einem Dach zwei selbständige Papiertheaterbühnen Anderwelt und Der blaue Schleier[4]. In Berlin besteht seit 2011 das Papiertheater-an-der-Oppermann.[5] In Remscheid führt „Haases Papiertheater“ stationär und mobil die alte Tradition fort.[6]

Vom 1. bis 3. August 2014 fanden erstmals in Wolgast Papiertheatertage statt. Initiiert wurde dies Treffen durch den Betreiber des Papiertheaters Heringsdorf, Robert Jährig. Es handelt sich dabei um das größte Treffen von Papiertheaterbühnen mit deutschsprachigem Programm. Die Wolgaster Papiertheatertage sollen alle zwei Jahre stattfinden.

Multum in Parvo Papiertheater. Seit April 2014 fanden an dieser festen Spielstätte im bayerischen Mering regelmäßig – privat gebuchte – Opern-Aufführungen statt. Am 5. September 2014 wird das kleinste Opernhaus Deutschlands seinen offiziellen Spielbetrieb mit der Oper „Die Zauberflöte“ feierlich eröffnen.

Literatur[Bearbeiten]

  • Zeitschrift für Papiertheater. ISSN 1616-8585, Solingen. (2005 = 5. Jg. mit 31 Ausgaben)
  • Walter Röhler: Große Liebe zu kleinen Theatern, Hamburg, Marion von Schröder, 1963, 160 S.
  • Peter Baldwin: Toy Theatres of the World. London, Zwemmer, 1992. ISBN 0-302-00614-1 (engl.)
  • Georg Garde: Theatergeschichte im Spiegel der Kindertheater. Eine Studie in populärer Graphik. Kopenhagen, Borgens, 1971. 355 S.
  • John Hadfield: Victorian Delights. New York, New Amsterdam, 1987. ISBN 0-941533-02-6 (engl.)
  • Theodor Kohlmann: Das Papiertheater, Führungsblätter des Museums für Deutsche Volkskunde, Berlin, 1976.
  • Wilfried Nold: Museumstheater mit Kindern, Frankfurt, 1980. ISBN 978-3922220-06-0
  • Kurt Pflüger, Helmut Herbst: Schreibers Kindertheater, Pinneberg, Renate Raecke, 1986. 212 S. ISBN 3-923909-13-6
  • Annegret Reitzle: Die Texthefte des Papiertheaters, Ein Beitrag zur Rezeption von populären Theaterstoffen und Kinder- und Jugendliteratur. Dissertation. Stuttgart, Betr. Reinhard Döhl, 1990.
  • George Speaight: The History of the English Toy Theatre, London, Studio Vista, 1969. (engl.)
  • Povl Syskind, Paul Brandt: Alfred Jacobsens Danske Teaterdekorationer & Danske Billeder. Kopenhagen: Dansk Dukketeaterforening, 1967 (dän.)
  • Adolf Wild (Red.): Papiertheater aus dem Verlag Josef Scholz-Mainz. Mainz, 1997 (Veröffentlichungen der Stadtbibliothek und der Öffentlichen Bücherei Mainz – Anna Seghers; Nr. 51; Begleitheft zu einer Ausstellung im Staatstheater Mainz)
  • Katharina Siefert: Papiertheater – Die Bühne im Salon. Einblicke in den Sammlungsbestand des Germanischen Nationalmuseums, Nürnberg 2002
  • Katharina Siefert: Papiertheater – die Bühne im Salon. Elektronische Ressource. Nürnberg, Verl. d. Germanischen Nationalmuseums, 2003. – 1 CD-ROM. ISBN 3-926982-93-4

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Papiertheater – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Nachlass Walter Röhler Nachbarschaftsheim Darmstadt e.V. 1963
  2. Ausstellung im Stadtmuseum Esslingen am Neckar. (Oktober 2006 bis 25. Februar 2007)
  3. Preetzer Papiertheatertreffen. Abgerufen am 26. Mai 2014.[]
  4. Papiertheater Kitzingen. Abgerufen am 3. November 2014.
  5. Papiertheater-an-der-Oppermann
  6. Haase’s Papiertheater unter’m Dach in Remscheid. Abgerufen am 26. Mai 2014.