Papierwerd

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Papierwerdinsel 1792 auf dem Stadtmodell von Hans Langmack

Die Papierwerd oder manchmal auch Papierwerd-Insel war bis 1950 eine Insel in der Limmat in der Stadt Zürich.

Name[Bearbeiten]

Der Name Werd geht auf das altdeutsche Wort warid, werid beziehungsweise das mittelhochdeutsche wert oder werth zurück und bedeutet Insel, Halbinsel, Flussinsel oder Niederung zwischen Flüssen und Seen.[1][2] Der Name Papierwerd stammt von der Zürcher Papiermühle, die jahrhundertelang auf der Insel stand.

Geschichte[Bearbeiten]

Am 15. Mai 1320 wird erstmals der «Werdsteg» urkundlich erwähnt, der als «niederer Mühlesteg» das rechte Limmatufer (Limmatquai) mit den ehemaligen fünf Mühlen auf der Flussinsel verband. Auf dieser waren unter anderem auch Pulver- und Papiermühlen angesiedelt, wie bereits auf dem Murerplan (1576) von Jos Murer zu erkennen ist.[3] Die Mühlen in Limmat und Sihl gehörten im Mittelalter zum umfangreichen Grundbesitz der Fraumünsterabtei.

In der Mitte des 16. Jahrhunderts hatte Christoph Froschauer die Pacht der städtischen Papiermühle auf der Papierwerd inne. Als ab 1642 bis in die Mitte des 18. Jahrhunderts die dritte Stadtbefestigung erbaut wurde, bezog man beim Schanzengraben die Papierwerd in die Befestigung mit ein.

Papierwerd und das gedeckte Brüggli um 1780
Ansicht von Zürich um 1863 auf einem Kupferstich von Charles Fichot. Die Papierwerd liegt direkt hinter dem Bahnhof, erkennbar am geschwungenen gedeckten Brüggli.
Limmatraum zwischen Urania, Bahnhof und Central um 1910. In der Bildmitte deutlich sichtbar die Magazine zum Globus auf der und die Bahnhofbrücke rittlings über die Papierwerd, darunter gegen das Central die Mühlen des unteren Mühlesteges. Ballonaufnahme von Eduard Spelterini.
Das ehemalige Globusprovisorium, Ansicht vom Mühlesteg, am linken Bildrand ist das «Du Pont» zu erkennen.

Am 29. August 1865 verpflichtete sich die «Aktiengesellschaft der mechanischen Papierfabrik an der Sihl» gegenüber der Stadtgemeinde Zürich vertraglich «... das Stück Gartenland, zum Papierwerd genannt, abzutreten, damit dort eine öffentliche Promenade errichtet werden kann. Auf diesem Areal sollen keinerlei Hochbauten errichtet werden ...»[4]

1882 baute Josef Weber auf der Papierwerd den «Bazar ohne Grenzen», aus dem später das Warenhaus Globus wurde. 1950 wurden das Warenhaus und das gedeckte Brüggli beim Restaurant «Du Pont» abgebrochen sowie der trockengelegte Limmatarm zur Strassenunterführung umgebaut; die Papierwerd war damit keine Insel mehr.

1951 wurde ein geplanter Neubau des Globus-Warenhaues, um einen freien Limmatraum zu gewinnen, in einer Volksabstimmung abgelehnt. Stattdessen erfolgte der Bau eines Provisoriums, um dem Warenhaus an seinem neuen Standort einen Neubau zu ermöglichen.

Im Herbst 1967 verliess Globus das Provisorium auf der Papierwerd. Umgehend forderte eine Jugendbewegung von der Stadt, die leerstehende Liegenschaft «Globusprovisorium» bis spätestens Mitte 1968 für ein Jugendzentrum zur Verfügung zu stellen. Im Juni 1968 erteilte die Stadt dem Ultimatum eine Absage und verwies auf abgeschlossene Mietverträge mit der ETH und dem Lebensmittelverein Zürich (LVZ, seit 1969 Coop). Daraufhin kam es am 29. Juni zu einer Kundgebung, die schliesslich im sogenannten Globuskrawall mündete, dem Höhepunkt der Zürcher Jugendunruhen.

Direkt oberhalb der Papierwerd wurde 1982 mit dem neuen Mühlesteg die Verbindung geschlossen, welche seit dem im gleichen Zusammenhang («freie Limmat») erfolgten Abbruch des oberen (1943) und unteren (1949) Mühlestegs gefehlt hatte.[5][6][7][8]

Projekte[Bearbeiten]

Unzählige Projekte zur Nutzung, Umnutzung und Neunutzung der Papierwerd wurden in den vergangenen hundert Jahren lanciert.

  • Eine «Hausbrücke» zwischen der Bahnhofbrücke und einer neuen Beatenbrücke etwa in der Lage des heutigen Mühlestegs wurde von Bischoff und Weideli 1915/18 im Auftrag von Stadt und Kanton projektiert.[9]
  • Stadtbaumeister Friedrich Wilhelm Fissler und Prof. R. Rittmeyer griffen diese Idee in den Jahren 1943/45 unabhängig voneinander wieder auf. Fissler vertrat im Schweizer Baublatt die Meinung, mit einem Querbau als Neubau für den Globus könne das Raumbild gewahrt bleiben.[10]
  • Weitere Projekte stammen etwa von Dolf Schnebli, Ralph Baenziger, Claudia Bersin, Rudolf und Esther Guyer (alle 1979).[11] Zwei neuere Nutzungsvorschläge beispielsweise von der ETH Zürich sind die Projektideen Art & Shopping Papierwerd-Areal und Pairi-daeza: Tür, Tor, Schwelle.[12][13]

Verwirklicht wurde bisher nichts davon, und noch immer steht das Globus-Provisorium auf der Papierwerd. «... Alle Anläufe für eine Aufwertung des Papierwerd-Areals sind nicht an den architektonischen Visionen gescheitert, sondern es fehlte ein überzeugendes, tragfähiges Nutzungskonzept ...»[14]

Aktuelle Entwicklung[Bearbeiten]

Eine am 16. Januar 2008 vom Gemeinderat (Legislative) der Stadt Zürich dem Stadtrat (Exekutive) vorgelegte Motion forderte:

„... Der Stadtrat soll einen Prozess anstossen, der zur Projektierung einer Anlage führt, die dem zentralen Ort gerecht wird und eine dem Ort entsprechende Nutzung hat [15]

Die Motion wurde vom Stadtrat zwar abgelehnt, dieser führt aber in seiner Stellungnahme vom 18. Juni 2008 an den Gemeinderat aus:

„... Der Stadtrat schlägt deshalb vor, einen Prozess zu starten, der zu einem überzeugenden Nutzungskonzept an diesem zentralen Ort führt. In einem zweiten Schritt kann darauf die entsprechende Projektierung erfolgen. In diesem Sinn wird der Stadtrat den Gemeinderat im Postulatsbericht über ein Nutzungskonzept, planerische und rechtliche Randbedingungen, eine städtebaulich-architektonische Machbarkeitsstudie sowie die dazugehörige Kostenschätzung orientieren. Damit diesmal der Anlauf für ein neues Projekt an diesem Ort gelingt, soll der komplexe Prozess sorgfältig angegangen werden. Wie die Erfahrung zeigt, wird das mehr als zwei Jahre dauern. Ein Nutzungs- und Projektvorschlag kann bis Ende 2011 erarbeitet werden. Falls der Gemeinderat den Bericht zustimmend zur Kenntnis nimmt, wird der Stadtrat in einem zweiten Schritt einen allfällig notwendigen Projektierungskredit beantragen [14]

Galerie[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. canoo.net: Worth, Werth, Werd und Werder
  2. Deutsches Wörterbuch: Werder
  3. Gang dur alt-Züri: Der untere Mühlesteg mit Holzbrücke, abgerufen am 12. November 2008
  4. Stadtarchiv Zürich, Urkunde I.B. 103.:15, abgerufen am 12. November 2008
  5. Rudolf Schilling: Ideen für Zürich.
  6. Hallocity: Mühlesteg
  7. Neue Zürcher Zeitung (24./25. Februar 2001): Ein Zürcher Provisorium von Dauer: Der Irrweg des Projektes «Freie Limmat» von Alfred Cattani
  8. Freie Limmat - ausgeräumt und ausgeträumt mit zeitgenössischen Fotos, abgerufen am 12. November 2008
  9. Rudolf Schilling: Ideen für Zürich. S. 92.
  10. Rudolf Schilling: Ideen für Zürich. S. 93.
  11. Rudolf Schilling: Ideen für Zürich. S. 94–97.
  12. ETH Zürich, Departement Architektur, Professur Miroslav Sik, Wintersemester 2001-2002: ART & SHOPPING PAPIERWERD - AREAL, abgerufen am 12. November 2008
  13. ETH Zürich, Institut für Landschaftsarchitektur, Professur Günther Vogt: Tür, Tor, Schwelle (Pairi-daeza), abgerufen am 12. November 2008
  14. a b Antwort des Stadtrats auf die Motion vom 16. Januar 2008 (PDF; 48 KB), abgerufen am 12. November 2008
  15. Gemeinderat der Stadt Zürich: Motion GR-Nr. 2008/15 vom 16. Januar 2008, abgerufen am 12. November 2008

47.3764148.542253Koordinaten: 47° 22′ 35″ N, 8° 32′ 32″ O; CH1903: 683347 / 247872