Paragone (Kunsttheorie)

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Guercino: Allegorie der Malerei und der Bildhauerei, 1637

Als Paragone (it.: Vergleich, Gegenüberstellung) wird in der Kunstgeschichte der „Wettstreit der Künste“ vornehmlich in der Renaissance und im Frühbarock bezeichnet, in dem es um die Vorrangstellung innerhalb der bildenden Künste und um das Verhältnis der Bildkünste zu anderen Schönen Künsten wie der Dichtkunst ging.

Geschichte[Bearbeiten]

Ausgehend von mehreren antiken Anekdoten[1], überliefert in der "Historia naturalis" von Plinius dem Älteren, entspann sich in der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts in Italien eine Debatte über die Frage, welche Kunstgattung aus ästhetischer Sicht und aufgrund des künstlerischen Könnens das Primat beanspruchen könne.[2]. Daran beteiligten sich Humanisten, Dichter, Musiker und führende Vertreter der bildenden Kunst. Ein Brennpunkt der Diskussionen war die Frage der Rangfolge von Malerei und Bildhauerei. Die heute in die italienische Hochsprache übertragene Bezeichnung des Streits, Paragone delle Arti, für die auch die Verbform paragonare existiert, leitet sich vom Namen des damals üblichen schwarzen Prüfsteins – dem Paragone – der Künstler ab.

Zu den Künstlern, die sich in Form von Traktaten am Paragone-Diskurs beteiligten, gehörten Leon Battista Alberti, Albrecht Dürer und Leonardo da Vinci, die sich alle der Malerei das Primat zusprachen, weil sie der von Fatica geprägten Bildhauerei intellektuell überlegen sei. Einen vergleichbaren Rang wie der Malerei attestierten sie höchstens der Reliefkunst als der der Malerei am nächsten stehende Ausdrucksform der Bildhauerei.[3] Andere Künstlerautoren stellten durch exemplarische Kunstwerke den Vorrang der gewählten Gattung dar. Allen Künstler war jedoch gemeinsam, dass sie die "mechanischen" (bildenden) Künste rhetorisch als artes liberales zu nobilitieren und über die Konkurrenz ihre Stellung und ihr Leistungsvermögen zu definieren suchten. Damit wurde der Paragone für Künstler zu einem zentralen Vehikel der Selbstvergewisserung und -definition.

Einen Kulminationspunkt erreichte die Diskussion 1547 mit den Vorlesungen von Benedetto Varchi zu diesem Thema und der von diesem initiierten Umfrage unter namhaften Malern und Bildhauern, darunter Michelangelo und Giorgio Vasari. Sowohl seine eigenen Ausführungen als auch die Antwortschreiben der Künstler veröffentlichte Varchi 1549 in Florenz.[4] Eine zweite Hochphase fand nach dem Tod Michelangelos (der sich für einen höheren Rang der Skulptur ausgesprochen hatte) im Jahr 1564 statt. Bildhauer wie Benvenuto Cellini wollten bei der Gestaltung seines Grabmals in Santa Croce, wo Personifikationen der Künste dargestellt wurden, dem Vorrang der Bildhauerei Ausdruck verleihen, jedoch wurde die Accademia del Disegno zu diesem Zeitpunkt von Personen dominiert, die – wie vor allem Vasari – die Malerei favorisierten.

Simon Vouet: Allegorie der Künste, um 1730

Nach diesen beiden Hochphasen lebte der Paragone bis ins 20. Jahrhundert weiter, wobei je nach Autor und Epoche der Malerei oder der Bildhauerei der Vorrang zugesprochen wurde.[5] So führte etwa die Hinwendung zur antiken Kunst im 18. Jahrhundert zu einer starken Aufwertung der Bildhauerei.[6] In den späten Traktaten in der Paragone-Tradition, wie etwa dem Laokoon von Lessing, trat der im 16. Jahrhundert vorherrschende Wettstreit häufig in den Hintergrund; es ging nun mehr um eine Charakterisierung der einzelnen Kunstgattungen mit ihren Ausdrucks- und Wirkungsmöglichkeiten ohne prononcierte Wertung.

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Vgl. Beth Cohen: Paragone. Sculpture versus painting, Kaineus and the Kleophrades Painter. in: Ancient Greek art and iconography. Madison, Wisc. 1983, S. 171–192.
  2. Im Mittelalter waren Streitgedichte zur Vorrangstellung der Artes liberales bzw. der Artes mechanicae.
  3. Joachim Poeschke: Virtus und Status des Bildhauers in der Renaissance, in: ders., Thomas Weigel, Britta Kusch-Arnhold (Hgg.): Die Virtus des Künstlers in der italienischen Renaissance. Symbolische Kommunikation und gesellschaftliche Wertesysteme , Münster/Westfalen 2006, S. 73-82.
  4. Benedetto Varchi: Paragone. Rangstreit der Künste. Italienisch und Deutsch. Übersetzt und kommentiert von Oskar Bätschmann und Tristan Weddigen, WBG, Darmstadt 2013, ISBN 978-3-534-21637-6.
  5. Sabine Hentschel: Der Wettstreit um die Lebendigkeit. Pygmalion und der Paragone im 19. Jahrhundert, Jena 2010; Andreas Schnitzler: Der Wettstreit der Künste. Die Relevanz der Paragone-Frage im 20. Jahrhundert, Berlin 2007.
  6. Stefan Hess: Der bürgerliche Paragone, in: ders.: Zwischen Winckelmann und Winkelried. Der Basler Bildhauer Ferdinand Schlöth (1818-1891), Berlin 2010, S. 47-54.

Literatur[Bearbeiten]

Historische Traktate[Bearbeiten]

Forschungsliteratur[Bearbeiten]

  • Eric Achermann: Das Prinzip des Vorrangs. Zur Bedeutung des 'Paragone delle arti' für die Entwicklung der Künste. In: Herbert Jaumann (Hrsg.): Diskurse der Gelehrtenkultur in der Frühen Neuzeit. Ein Handbuch. de Gruyter, Berlin, New York 2011, S. 179-209.
  • Sabine Blumenröder: Andrea Mantegna. Die Grisaillen; Malerei, Geschichte und antike Kunst im Paragone des Quattrocento. Mann-Verlag, Berlin 2008, ISBN 978-3-7861-2558-7 (zugl. Dissertation, Universität Hamburg 1999).
  • Beth Cohen: Paragone. Sculpture versus painting, Kaineus and the Kleophrades Painter. in: Ancient Greek art and iconography. Madison, Wisc. 1983, S. 171–192.
  • Alessandra Fregolent: Giorgione, Electa, Milano 2001. ISBN 88-8310-184-7
  • Sabine Hentschel: Der Wettstreit um die Lebendigkeit. Pygmalion und der Paragone im 19. Jahrhundert, Jena 2010
  • Ingo Herklotz: Paragone und maraviglia am Grabmal Urbans VIII. von Gian Lorenzo Bernini. In: Gerd Blum (Hrsg.): Pendant Plus. Praktiken der Bildkombinatorik. Reimer, Berlin 2012, S. 263–280, ISBN 978-3-496-01449-2.
  • Stefan Hess: Der bürgerliche Paragone, in: ders.: Zwischen Winckelmann und Winkelried. Der Basler Bildhauer Ferdinand Schlöth (1818–1891), Berlin 2010, S. 47–54.
  • Ekkehard Mai, Kurt Wettengl (Hrsg.): Wettstreit der Künste. Malerei und Skulptur von Dürer bis Daumier. Edition Minerva, Wolfratshausen 2002, ISBN 3-932353-58-7 (Katalog der gleichnamigen Ausstellung, Haus der Kunst, München, 1. Februar bis 5. Mai 2002).
  • Martin Miersch: Marc-Antoine Charpentiers Kurzoper „Les arts florissants“. Zum Wettstreit der Künste in einer Barockoper. In: Sabine Heiser, Christiane Holm (Hrsg.): Gedächtnisparagone. Intermediale Konstellationen (Formen der Erinnerung; Bd. 42). V & R Unipress, Göttingen 2010, S. 169–190, ISBN 978-3-89971-554-5.
  • Rudolf Preimesberger: Paragons and paragone. Van Eyck, Raphael, Michelangelo, Caravaggio, Bernini, Los Angeles 2011.
  • Renate Prochno: Konkurrenz und ihre Gesichter in der Kunst. Wettbewerb, Kreativität und ihre Wirkungen, Berlin 2006.
  • Andreas Schnitzler: Der Wettstreit der Künste. Die Relevanz der Paragone-Frage im 20. Jahrhundert, Berlin 2007.
  • Annette Simonis: Der Vergleich und Wettstreit der Künste. Der „Paragone“ als Ort einer komparativen Ästhetik. In: Achim Hölter (Hrsg.): Comparative Arts. Universelle Ästhetik im Fokus der vergleichenden Literaturwissenschaft. Synchron Edition, Heidelberg 2011, S. 73–86, ISBN 978-3-939381-41-9.
  • Christine Tauber: Paragone, in: Lexikon der Kunstwissenschaft. Hundert Grundbegriffe, hrsg. Stefan Jordan, Jürgen Müller, Stuttgart: Reclam 2012.

Weblinks[Bearbeiten]