Parusie

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Dieser Artikel erläutert Parusie als Begriff christlicher Eschatologie, für philosophische Bedeutungen vgl. die platonische Ideenlehre und die aristotelische Naturphilosophie.
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In der christlichen Theologie bezeichnet Parusie (griechisch Δευτέρα, Παρουσία, parusía, „Gegenwart, Anwesenheit, Ankunft, Wiederkunft“)[1] die erwartete Wiederkunft Jesu Christi und mit ihr die Vollendung der Heilsgeschichte, nämlich das Kommen des Reiches Gottes. Von den ersten Christen wurde die Parusie noch zu ihren Lebzeiten erhofft.[2] Die Parusieverzögerung wird in verschiedenen Schriften des Neuen Testaments thematisiert und auf verschiedene Weise gedeutet.

In der hellenistischen Philosophie beschreibt das Wort ursprünglich das wirksame Gegenwärtigsein (griech. παρά: daneben, dabei und ουσία: Dasein, Wesenheit)[3] von Gottheiten und Herrschern. Platon bezeichnet damit die Anwesenheit bzw. Gegenwart der Ideen in den Dingen.

Zeitpunkt der Parusie[Bearbeiten]

Hauptartikel: Naherwartung

Im Frühchristentum der ersten zwei bis drei Jahrhunderte nach der Zeitenwende wurde – aufgrund entsprechender Aussagen im Neuen Testament – diese zweite Ankunft für zeitlich nah erhofft, was als Naherwartung bezeichnet wird. In frühchristlicher Zeit drückte das Wort Maranatha diese baldige Erwartung Jesu Christi nach seiner Himmelfahrt aus.

Mehrere Aussagen im Neuen Testament legen ein Wiederkommen Jesu innerhalb sehr kurzer Zeit nahe. So schreibt z.B. Paulus im 1. Thessalonicherbrief:

„Denn dies sagen wir euch nach einem Wort des Herrn: Wir, die Lebenden, die noch übrig sind, wenn der Herr kommt, werden den Verstorbenen nichts voraushaben.(1 Thess 4,15 EU)“

Demnach scheint Paulus zu erwarten, Jesu Wiederkommen noch zu erleben. Diesen Brief schrieb er ungefähr 50 n.Chr., also 20 Jahre nach dem öffentlichen Wirken Jesu. Andere Aussagen des Paulus in den 50er Jahren wirken eher so, dass er mit seinem Sterben vor der Ankunft Jesu rechnet.[4]

Daneben finden sich Äußerungen, die in die Ferne weisen, oder vor einer zeitlichen Fixierung warnen, etwa: „Aber dieses Evangelium vom Reich wird auf der ganzen Welt verkündet werden, damit alle Völker es hören; dann erst kommt das Ende.“ (Mt 24,14), oder wenn Jesus sagte, dass der genaue Tag des Weltendes ungewiss sei.

In einem der jüngsten Texte des Neuen Testaments, dem so genannten Zweiten Petrusbrief wird explizit auf die Verwirrung in der christlichen Gemeinde wegen der ausbleibenden Parusie Bezug genommen: „Sie werden sich über euch lustig machen und sagen: Er hat doch versprochen wiederzukommen! Wo bleibt er denn? Inzwischen sind unsere Väter gestorben, aber alles ist noch so, wie es seit Beginn der Welt war... Meine Freunde, ihr dürft eines nicht übersehen: Beim Herrn gilt ein anderes Zeitmaß als bei den Menschen. Ein Tag ist für ihn wie tausend Jahre, und tausend Jahre sind ein Tag. Der Herr erfüllt seine Zusagen nicht zögernd, wie manche meinen; im Gegenteil, er hat Geduld mit euch, weil er nicht will, dass einige zugrunde gehen.“ (2 Petrus 3,4-9)

Die Betonung lag bei vielen Aussagen darauf, dass das Ende kommt (aber nicht so sehr, wann):

„Darum seid wachsam! Denn ihr wisst nicht, an welchem Tag euer Herr kommen wird.“

Mt 24,42 EU

Die Zeit davor wird in der Bibel als schrecklich geschildert, denn viele falsche Propheten würden auftreten (Mt 24,5 EU), das Böse werde überhandnehmen und die Liebe werde erkalten (Mt 24,11-12 EU). Dann erst werde die Auferstehung der Toten und das allgemeine Weltgericht stattfinden.

„Nach dieser Schreckenszeit wird sich die Sonne verfinstern und der Mond wird nicht mehr scheinen, die Sterne werden vom Himmel fallen und die Ordnung des Himmels wird zusammenbrechen.“

Mt 24,29 EU

Es sind nicht zuletzt diese Ankündigungen, die in den folgenden Jahrhunderten in Zeiten tatsächlicher oder vermeintlicher Krisen immer wieder Christen glauben ließen, nun stehe die Parusie des Messias unmittelbar bevor. Auch zu bestimmten Daten (so etwa 500 n. Chr., 1000 n. Chr., 1500 n. Chr. und natürlich 2000 n. Chr.) erwarteten manche Christen das Ende.

Ablauf[Bearbeiten]

Zuerst wird Jesus Christus mit einem gigantischen himmlischen Heer erscheinen, um gegen das „Tier“ und den falschen Propheten zu kämpfen. (Offb 19,11-16 EU). Nach dem Sieg Christi und der Verbannung des Satans wird das Tausendjährige Friedensreich anbrechen (Offb 20,1-6 EU).

Das Endgericht, nach dem Tausendjährigen Reich, wird in Offenbarung 20 beschrieben.

„Dann sah ich einen großen weißen Thron und den, der darauf sitzt. Die Erde und der Himmel flüchteten bei seinem Anblick und verschwanden für immer. Ich sah alle Toten, Hohe und Niedrige, vor dem Thron stehen. Die Bücher wurden geöffnet, in denen alle Taten aufgeschrieben sind. Dann wurde noch ein Buch aufgeschlagen: das Buch des Lebens. Den Toten wurde das Urteil gesprochen; es richtete sich nach ihren Taten, die in den Büchern aufgeschrieben waren.“

Bei Johannes(Offb 20,11-12 EU)

Wer wird gerichtet?[Bearbeiten]

Hauptartikel: Jüngstes Gericht

Seit Beginn des Christentums stellten sich die Gläubigen immer wieder die Frage, ob denn alle Menschen vor den Richter treten müssten. Die Theologen beriefen sich in ihren Antworten dabei stets auf zwei Passagen der Bibel, die unterschiedliche Auskunft darüber geben. Im Matthäus-Evangelium wird nur zwischen Guten und Bösen unterschieden. Alle werden beim Jüngsten Gericht nach ihren Taten beurteilt und dann entweder ins Paradies oder in die Hölle geschickt werden. Diese Stelle bezieht sich dem Wortlaut nach allerdings auf „die Völker“, mithin auf Personen, denen das Evangelium noch nicht gepredigt worden ist. Diese Leute werden nach der Frage beurteilt: Haben sie die Taten der Liebe getan? Anders ist der Maßstab bei denen, die reichlich Gelegenheit hatten, Jesus Christus kennenzulernen: Insofern ist das Jüngste Gericht im Johannes-Evangelium beschrieben. Hier entgehen die Nachfolger Jesu, die Gläubigen und Bekehrten dem Gericht: „Ich versichere euch: Alle, die auf mein Wort hören und dem vertrauen, der mich gesandt hat, werden ewig leben. Sie werden nicht verurteilt. Sie haben den Tod schon hinter sich gelassen und das unvergängliche Leben erreicht.“ ( Joh 5,24 EU. ) Zusätzlich zu diesen beiden Konzeptionen entstanden in theologischen Schriften weitere Interpretationen, die untereinander Überschneidungen, Wechselwirkungen, aber auch massive Widersprüche aufweisen. So findet sich in AugustinusEnchiridion ein Modell, das diese Ideen erweitert: Augustinus beschreibt, dass die Seelen beim Jüngsten Gericht in drei Kategorien eingeteilt würden: die vollkommen Guten, die keine Fürbitte brauchen, die ganz und gar Schlechten, die in jedem Fall verdammt werden – und diejenigen, die zwischen diesen beiden Extremen stehen: sie sind nicht gut genug, um keine Hilfe zu brauchen, aber auch nicht schlecht genug, um nicht Nutzen daraus ziehen zu können.

Infolge derartiger Diskussionen sind der Idee des Jüngsten Gerichts, dem die ganze Menschheit unterworfen ist und die in ihrer Grundkonzeption immer dieselbe bleibt, im Laufe der Jahrhunderte zwei weitere eschatologische Konzepte an die Seite gestellt worden. Zum einen die Vorstellung eines Einzel- oder Partikulargerichts, das direkt nach dem Tod eines jeden Individuums stattfindet – und zum zweiten die Schaffung eines ‚dritten‘ Ortes für die oben beschriebenen ‚Halb-Guten‘: das Fegefeuer.

Dem Thema der Erwartung eines Wiederkommens Jesu ist im Christentum besonders der Advent gewidmet, was aus dem Lateinischen übersetzt Ankunft bedeutet.[5]

Die Parusieverzögerung als Glaubensproblem[Bearbeiten]

Die Jesusbewegung war von einer starken Naherwartung geprägt. Man erwartete das Kommen Jesu nahezu stündlich. Die erste Generation der Christen lebte in der Hoffnung, noch im eigenen Leben das Kommen des Reiches Gottes zu erleben (1 Thess 4,13-17 EU). Dass einige Christen schon gestorben sind, bevor die Parusie eingetreten ist, ist für Paulus zunächst die Ausnahme. Da die Zahl der Todesfälle anstieg, musste Paulus reagieren. In 1 Kor 15,51f geht er wohl schon davon aus, dass die meisten vor der Parusie sterben werden, dass einige sie aber wohl noch erleben werden. In 2 Kor 5,1-10 EU scheint eine zunehmende Verzögerung ins Bewusstsein zu rücken. Daraus entwickelt Paulus die Vorstellung, dass jeder Christ bei seinem Tod einen verwandelten Leib erhält und dass das Kommen Jesu in eine fernere Zukunft rückt.[6]

Der Wandel im Glaubensverständnis, der durch die Parusieverzögerung hervorgerufen wurde, hat sich wohl allmählich vollzogen und ist nicht als ein abrupter Bruch vorstellbar.[7]

Zusammenhang mit der Auferstehung[Bearbeiten]

Hauptartikel: Auferstehung

Nach christlicher Auffassung werden dann alle Toten auferstehen. Was das konkret bedeutet, darüber besteht ein relativ breites Meinungsspektrum im Christentum. Eine der frühesten christlichen Aussagen dazu stammt vom Apostel Paulus, der zwischen irdischem und geistlichem Leib unterscheidet, prinzipiell aber festhält, dass von Lebenden über die Auferstehung nur fragmentarisch geredet werden kann. Stattdessen „bleiben Glaube, Hoffnung und Liebe, aber die Liebe ist die größte unter ihnen.“ (vgl. 1 Kor 13,13 EU)

Konfessionelle Interpretationen[Bearbeiten]

Parusie nach dem Credo des 4. Jahrhunderts[Bearbeiten]

Das christliche Glaubensbekenntnis, lateinisch auch Credo genannt, welches in der christlichen Ökumene bis heute Geltung beansprucht, bekennt die Parusie Christi mit den folgenden Worten:

Latein Deutsch

    Sedet ad dexteram Patris.
    Et iterum venturus est cum gloria
    iudicare vivos et mortuos,
    cuius regni non erit finis.

(lateinische Fassung nach dem Messbuch der römisch-katholischen Kirche und nach dem Evangelischen Gesangbuch)

    Er sitzt zur Rechten des Vaters
    und wird wiederkommen in Herrlichkeit,
    zu richten die Lebenden und die Toten;
    seiner Herrschaft wird kein Ende sein.

(deutsche Fassung ebenfalls nach dem Messbuch der katholischen Kirche und nach dem Evangelischen Gesangbuch)

Katholische Sichtweisen[Bearbeiten]

Traditionelle Lehre und Katechismus[Bearbeiten]

Die katholische Kirche stellt in ihrem Katechismus aus dem Jahre 2003 (lateinisch Vatikan 1997) ausdrücklich den Zusammenhang zwischen Parusie und Letztem Gericht her: „Das Letzte Gericht wird bei der herrlichen Wiederkunft Christi stattfinden.“[8] Alle Menschen, die Lebenden und die Toten, werden durch Jesus Christus gerichtet. Diejenigen, die ohne Reue im Zustand der Todsünde gestorben sind, werden am Jüngsten Tag zusammen mit den von Gott abgefallenen Engeln (den Teufeln) zu ewiger Strafe in der Hölle verurteilt. Genaue Aussagen über die Beschaffenheit dieser Strafe vermeidet die Kirche und warnt seit dem Konzil von Trient ausdrücklich vor extremen Darstellungen.

Der katholische Katechismus betont zum einen: „Niemand wird von Gott dazu vorherbestimmt, in die Hölle zu kommen“.[9] Zum andern lehrt die Kirche ausdrücklich: „Die Kirche betet darum, dass niemand verlorengeht“.[10]

Das Weltall wird aber nach christlicher Überzeugung schließlich vollendet (neu geschaffen), und die Christen, die ihre aus der zeitlichen Existenz verbliebenen Sündenstrafen verbüßt haben, werden sich mit Gott in mystischer Weise vereinigen; sie werden Gott von Angesicht zu Angesicht schauen (1 Kor 13,12 EU). In dieser Gemeinschaft mit der Dreieinigkeit, den Engeln und Heiligen werden sie sich dann für immer an der erlösten Welt erfreuen. „Das Letzte Gericht wird zeigen, dass die Gerechtigkeit Gottes über alle Ungerechtigkeiten, die von seinen Geschöpfen ausgeübt wurden, siegt und dass seine Liebe stärker ist als der Tod.“[8]

Evangelische Sichtweisen[Bearbeiten]

Die nahe Erwartung des Weltendes bei den Reformatoren war nur bei Martin Luther vorhanden. Für Zwingli war vor allem der gegenwärtige Tag, in dem Gott laufend handelt, wichtig.[11]

Parusie bei Martin Luther[Bearbeiten]

Der Reformator Martin Luther geht davon aus, dass mit der Wiederkunft Christi die Auferweckung der Toten anbricht. Hier ist für ihn kein Unterschied zwischen Menschen der Gegenwart und längst verstorbenen Menschen der Bibel.

„Es ist vor Gott alles auf einmal geschehen. Es ist weder vor noch hinter, jene (nämlich längst Geschichte gewordenen Gestalten, etwa Adam) werden nit eh(er) kommen an den jüngsten Tag dann (als) wir.“

Luther[12]

Der Moment der Parusie scheint bei Luther zugleich der Moment des Sterbens zu sein:

„Alsbald [wenn bei deinem Sterben] die Augen zugehen, wirst du auferweckt werden. Tausend Jahre werden sein, gleich als wenn du ein halbes Stündlein geschlafen hättest. … Ehe er sich umsieht, ist er ein schöner Engel.“

Luther[13]

Und umgekehrt ist das Kommen Jesu der Moment, in dem er uns zu sich ruft:

„Das sollen wir lernen, nämlich die große Macht, die Gott wird wirken an uns durch Christus am jüngsten Tag: mit einem Wort wird er uns hervorziehen. Er spricht: Doktor Martine, komm her!, und es wird geschehen im nu.“

Luther[14]

Parusie in der lutherischen Orthodoxie des 17. Jahrhunderts[Bearbeiten]

Die Gelehrten der lutherischen Orthodoxie im Nachgang zur Reformation, wie zum Beispiel Johann Gerhard oder Leonhard Hutter, lehren ein mehrstufiges Modell der sogenannten Vier letzten Dinge: die Auferstehung der Toten erfolgt am Ende der Zeit, sodann die Parusie, also das Erscheinen Christi zum letzten Gericht und zum Weltende. Mit dem Richten Christi ist ein doppelter Ausgang verbunden: ewiger Tod oder ewiges Leben.[15]

Strikt abgelehnt wird von der lutherischen Orthodoxie der mittelalterliche Gedanke, dass es bis zur Parusie Christi mehrere Aufenthaltsräume für Verstorbene gibt: das Fegefeuer (Purgatorium) kommt nicht mehr vor, das Wartezimmer für die ungetauft verstorbenen Kinder (limbus infantium) und der Aufenthaltsraum für die Väter des Alten Testaments (limbus patrum) werden aus der lutherisch-orthodoxen Dogmatik entfernt.[16]

Parusie in der Kirchlichen Dogmatik von Karl Barth[Bearbeiten]

Karl Barth beschäftigt sich in seiner Kirchlichen Dogmatik mit dem Thema der Parusie Christi an mehreren Stellen. Er unterscheidet dabei drei Gestalten der Parusie.[17]

  • Die erste Gestalt der Parusie Christi ist für ihn das Osterereignis, ist die Auferstehung Jesu Christi.
  • Die zweite Gestalt der Parusie, auch „die mittlere Gestalt“, ist „die Gabe des Heiligen Geistes“, ist das Pfingstereignis, die Ausgießung des Geistes an die Gemeinde und Kirche.
  • Die dritte Gestalt, „die letzte Form“, ist „das Herbeikommen Jesu Christi als des Zieles der Geschichte der Kirche, der Welt und jedes einzelnen Menschen.“ [18] So definiert Karl Barth den „Jüngsten Tag“. Es ist dies das „neue Kommen“ des zuvor Gekommenen, „das neue Bei-uns-Sein dessen, der bei uns war.“ [19]

Diese dreifache Gestalt der Parusie Christi darf nicht auseinandergerissen werden, sondern sie muss als Einheit verstanden werden.[20]

Sichtweise der Neuapostolischen Kirche[Bearbeiten]

In der Neuapostolischen Kirche ist die Parusie einer der zentralen Glaubensinhalte. Die Wiederkunft Christi zur „Heimholung seiner Braut“, ein sich anschließendes Millennium und das abschließende Jüngste Gericht sind Hauptbestandteile der Zukunftslehre der Kirche. Die Erwartungshaltung orientiert sich an dem Verständnis der ersten Christen, welche mit dem Wiederkommen Jesu zu ihrer Zeit rechneten.

In anderen apostolischen Kirchen (wie AJC, OAC) gibt es die Grundaussage, dass die Wiederkunft Christi bereits zu Pfingsten erfüllt war. Somit lebt Christus als das Gute Wesen und durch den Heiligen Geist schon im Menschen. Der Wiederkunftstag Christi ist somit für diese Christen der letzte gelebte Tag, also der Tag des jüngsten Gerichtes.

Die Geschichte der Parusie im Christentum[Bearbeiten]

Wichtigste Textgrundlage für die christliche Eschatologie ist die Bibel. Außerbiblische Schilderungen des Jüngsten Gerichts finden sich in den Apokryphen, in den Schriften der großen Kirchenväter und der Scholastiker. Aber auch in volkstümlicheren Textgattungen, in Predigten und Legenden, ist das Weltgericht ein zentrales Motiv. Die Vorstellung vom Jüngsten Gericht, wie sie dann in der mittelalterlichen Kunst ihren Ausdruck findet, ist letztlich ein Konglomerat aus verschiedensten schriftlichen und bildlichen Quellen.

Im Alten Testament finden sich bereits zahlreiche Hinweise auf das Jüngste Gericht, wobei hier besonders die Psalmen und das Buch Daniel zu nennen sind. Innerhalb der alttestamentlichen Schriften lässt sich ein Wandel von einer vom Volk Israel ausgehenden Vorstellung eines Weltgerichts, das exklusiv die Feinde Israels betrifft, hin zu einem umfassenden, für alle Menschen verbindlichen göttlichen Strafgericht erkennen. Damit ist die Basis gelegt für die differenzierte und heilsgeschichtlich relevante Ausformung des Themas in den beiden neutestamentlichen Hauptquellen, die die Vorstellung des Jüngsten Gerichts vor allem geprägt haben: dem Matthäus-Evangelium und der Apokalypse des Johannes.

Die präzise Schilderung des Jüngsten Gerichts im Matthäus-Evangelium (Mt 25,31 EU) stellt eine der wichtigsten biblischen Quellen dar. Darüber hinaus finden sich etwa in den Gleichnissen aller Evangelien fast durchgehend Gerichtsmetaphern, so beispielsweise in Mt 13,24–30 EU; Mt 13,36–43 EU, wo am Erntetag die Spreu vom Weizen getrennt werde. Vor allem im Matthäus-Evangelium liegt der Fokus dabei auf einer gewissen Werkgerechtigkeit: barmherzige Taten sind geeignet, das Urteil beim Jüngsten Gericht günstig für den Einzelnen zu beeinflussen.

Diese klare Ethik wird in der Johannesapokalypse relativiert. Hier überschneidet sich die Idee des Jüngsten Gerichts mit der zweiten eschatologischen Vision des Christentums: dem Tausendjährigen Reich Christi. Satan wird für tausend Jahre gefesselt werden und Christus wird zum ersten Mal wiederkommen, um während dieses Millenniums gemeinsam mit den Heiligen zu herrschen. Erst danach wird die zweite Wiederkehr Christi stattfinden, bei der er alle Lebenden und Toten zum Jüngsten Gericht ruft (Offb 20,1 EU). In der Apokalypse ist das Jüngste Gericht demnach Schlussstein einer gänzlich anderen eschatologischen Erzählung, in der der Teufel oder Antichrist als beständiger Versucher mit erheblicher Macht ausgestattet wird und das Heilsschicksal des Einzelnen in diesem kosmischen Kampf in den Hintergrund tritt.

Daneben finden wir zahlreiche außerbiblische Quellen, von denen hier nur einige wichtige genannt werden können.

  • Das um 170 bis 120 v. Chr. entstandene Buch Henoch. Es ist die älteste jüdische Schrift mit eschatologischem Inhalt überhaupt und schildert bereits ausführlich Gericht und Jenseits
  • Die Schriften Augustinus' von Hippo (354–430), vor allem das 20. Buch aus De Civitate Dei, die Weissagungen vom Jüngsten Gericht. Augustinus legt hier die für die Gerichtsvorstellung relevanten Stellen des Neuen und Alten Testaments aus. Er bestätigt, dass zunächst Christus zum Gericht wiederkommen werde, woraufhin die Toten auferstehen würden. Christus scheide die Guten und Bösen, dann käme es zum Brand und zur Erneuerung der Welt.
  • Die Legenda aurea des Jacobus de Voragine (entstanden 1263–1273). Sie beginnt mit der detaillierten Beschreibung der Wiederkunft des Herrn. Nachdem die Auferstandenen unmittelbar vor dem Richtspruch getrennt worden sind, die Ungläubigen direkt in die Hölle, die Bösen und Guten vor das Tribunal und die Heiligen als Gerichtsbeisitzer in den Himmel gekommen sind, zeigt Christus das Kreuz und die Wundmale als zweigesichtiges Zeichen des Gerichts und der Erlösung. Als Ankläger treten auf: der böse Geist, die eigene Missetat und die gesamte Welt. Anschließend werden die drei Zeugen gehört: Gott, das Gewissen und der Schutzengel des Einzelnen. Nun folgt das Urteil, gegen das kein Einspruch erhoben werden kann.
  • Das dritte Buch im Elucidarium des Scholastikers Honorius Augustodunensis (ca. 1080–1137). Die Schrift ist in Form eines Lehrer-Schüler-Gespräches abgefasst. Honorius geht ausgesprochen frei mit Quellentexten um, vor allem was die kreative Ausgestaltung von Details angeht. Gerade deshalb wurde er aber für die Gerichtsdarstellungen an den Tympana französischer Kathedralen so intensiv rezipiert.
  • Die Volkspredigten, beispielsweise des Franziskaners Berthold von Regensburg (1210–1271)
  • Zahlreiche Visionsberichte, wie etwa die Vision des Bauern Thurkill, die zwischen 1207 und 1218 im englischen Zisterziensermilieu entstanden ist. Sie enthält eine detaillierte Beschreibung der Topographie von Hölle und Fegefeuer. Bemerkenswert ist dabei, dass die Hölle mit einer Theaterszene verglichen wird: Jeden Samstag Abend müssen die Verdammten, zur Ergötzung der Teufel, die Sünden auf der Theaterbühne wiederholen, die sie während ihres Lebens begangen hatten.

Siehe auch[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten]

 Wiktionary: Parusie – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Hermann Menge, Griechisch-deutsches Wörterbuch Altgriechisch-Deutsch, 42. verb. Aufl., Langenscheidt, Berlin 1985, S. 340
  2. Werner Georg Kümmel: Die Theologie des Neuen Testaments nach seinen Hauptzeugen, Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 1976 (3.), S. 126f
  3. Hermann Menge, Griechisch-deutsches Wörterbuch Altgriechisch-Deutsch, 42. verb. Aufl., Langenscheidt, Berlin 1985, S. 323, 330
  4. Franz Graf-Stuhlhofer: „Das Ende naht!“ Die Irrtümer der Endzeit-Spezialisten. 3. erweiterte Auflage. Verlag für Kultur und Wissenschaft, Bonn 2007, ISBN 978-3-938116-30-2, S. 103f.
  5. Die Adventszeit, in: Karl-Heinrich Bieritz, Das Kirchenjahr – Feste, Gedenk- und Feiertage in Geschichte und Gegenwart, Berlin 1988, 2. Auflage, S. 179-188, hier: S. 179
  6. Gerd Lüdemann: Ketzer. Die andere Seite des Christentums, Radius, Stuttgart 1995, S. 86-93
  7. Oskar Köhler: Kleine Glaubensgeschichte. Christsein im Wandel der Weltzeit, Herderbücherei 987, Herder, Freiburg 1982, S. 48
  8. a b Katechismus der Katholischen Kirche, Deutsche Ausgabe, München 2003, S. 297
  9. Katechismus der Katholischen Kirche, Deutsche Ausgabe, München 2003, S. 296
  10. Katechismus der Katholischen Kirche, Deutsche Ausgabe, München 2003, S. 300
  11. Daniel Regli: Die Apokalypse Henry Dunants. Das Geschichtsbild des Rotkreuzgründers in der Tradition eschatologischer Naherwartung. (Zugl.: Zürich, Univ., Diss., 1993/94) Peter Lang, Bern 1984, ISBN 3-906752-72-0, S. 212.
  12. Martin Luther, Predigt vom 7. Juni 1523, Weimarer Ausgabe XII, S. 596; hier zitiert nach: Emanuel Hirsch, Hilfsbuch zum Studium der Dogmatik, Berlin 1964, 4. Auflage, S. 263
  13. Martin Luther, Hauspredigt 1532, „an die jungen Knechte und Mägde, vom Leben und Sterben im Glauben“, Weimarer Ausgabe XXXVI, S. 349; hier zitiert nach: Emanuel Hirsch, Hilfsbuch zum Studium der Dogmatik, Berlin 1964, 4. Auflage, S. 263
  14. Martin Luther, Hauspredigt vom 28. September 1533, Weimarer Ausgabe XXXVII, S. 149; hier zitiert nach: Emanuel Hirsch, Hilfsbuch zum Studium der Dogmatik, Berlin 1964, 4. Auflage, S. 264
  15. Darstellung nach: Heinrich Schmid, Die Dogmatik der evangelisch-lutherischen Kirche dargestellt und aus den Quellen belegt, Gütersloh 1983, 10. Auflage, S. 394–399
  16. Horst Georg Pöhlmann, Abriss der Dogmatik, Gütersloh 1980, 3. Auflage, S. 308.309
  17. unter anderem: Karl Barth, Kirchliche Dogmatik, Band IV/3, Seite 339
  18. unter anderem: Karl Barth, Kirchliche Dogmatik, Band IV/3, Seite 338
  19. unter anderem: Karl Barth, Kirchliche Dogmatik, Band IV/3, Seite 354-356
  20. dazu auch: Otto Weber, Karl Barths Kirchliche Dogmatik. Ein einführender Bericht, Neukirchen-Vluyn 1984, 10. Auflage, Seite 301 – ISBN 3-7887-0467-5