Passage du Gois

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Passage du Gois
Weg über die D 948 von Bellevue nach Noirmoutier

Die Passage du Gois ist eine straßenbauliche Kuriosität. Die Departementstraße D 948 befindet sich im Naturschutzgebiet Baie de Bourgneuf zwischen der Île de Noirmoutier und Beauvoir-sur-Mer auf dem Festland. Die Passage ist nur gezeitenabhängig nutzbar. Bei Niedrigwasser ist Autoverkehr möglich, bei Hochwasser ist die Fahrbahn von etwa 2 m bis 3 m Wasser vollständig überflutet. Die Höhe des Wasserspiegels schwankt allerdings stark: Bei einer Nippflut und ruhigen Wetterbedingungen ist die Fahrbahn auch beim Wasserhöchststand der Flut um weniger als 1 m hoch bedeckt; Bei einer Springflut und ungünstigen meteorologischen Bedingungen kann der Wasserhöchststand bis zu 4,5 m über der Fahrbahn liegen.[1]


Es gibt einige weitere Straßen dieses Typs – außergewöhnlich ist an der Passage du Gois die Länge von 4,5 km.

Etymologie[Bearbeiten]

Der in der Vendée verwendete Ausdruck "gois" hat die gleiche Bedeutung wie "gué" im Hochfranzösischen. Es bedeutet einfach "Furt".

Geschichte[Bearbeiten]

Bei der Entstehung der Baie de Bourgneuf im Quartär brachten Meeresströmungen aus Norden und Süden große Mengen Sand mit sich, die sich zwischen Insel und Festland ablagerten.

18. Jahrhundert[Bearbeiten]

Bereits 1702 überprüfte der französische Marschall Chamilly, ob die Gerüchte, dass man zu Fuß die Insel Noirmoutier erreichen und verlassen könne, zutreffen. Er fand 3 Inselbewohner, die bereit waren, bei Ebbe zu Fuß von der Insel zum Festland durch das Wasser zu waten. Er selbst fuhr mit dem Boot einen anderen Weg. 1 1/2 Stunden später trafen sie sich auf dem Festland an der vereinbarten Stelle und nahmen ihren Lohn in Empfang. Dann machten sie sich auf den Weg zurück zur Insel, wobei sie erklärten, dass sie noch genügend Zeit für den Rückweg hätten.[2]

Im Vendée-Krieg während der Französischen Revolution war die Île de Noirmoutier Zufluchtsort der Royalisten. Verfolger der revolutionären Armee wurden beim Marsch auf die Insel von der Flut erfasst.

Bis ins 18. Jahrhundert bewerkstelligten die Anlieger den gefährlichen Übergang zur Insel fußläufig über Sandbänke. Dann wurden Fundamente gegründet, um Bewegungen der Sandbänke zu verhindern. Sie sind die Grundlage für den heutigen Fahrbahndamm. Obwohl die Zeiten für Hoch- und Niedrigwasser an der Passage angezeigt werden, kommt es immer wieder zu Zwischenfällen mit Fußgängern und Fahrzeugen.

1920–1940[Bearbeiten]

Erhebliche Verbesserungen hinsichtlich Fahrkomfort und Sicherheit brachte das Jahr 1924, als die Passage geschottert wurde. Außerdem wurden drei Rettungsinselm mit einer Plattform errichtet, die auch bei Flut vom Meer nicht erreicht wird. In sie können sich Passanten flüchten, wenn sie von der Flut überrascht werden. Sechs weitere Dalben tragen eine lange Stange mit Sprossen, um außer Reichweite der See zu kömmen. Im Volksmund werden als « mâts de perroquets » (Papageienmast) bezeichnet.

In den Jahren 1935-39 wurde der Weg mit Platten belegt. Gearbeitet konnte nur bei Ebbe werden, d.h. zweimal täglich zwei Stunden lang. Gegen den Druck der Strömung ist die Fahrbahn durch Spundwände geschützt. Inzwischen wurde ein Teil der Strecke zusätzlich asphaltiert.

Der Gois während des Zweiten Weltkriegs[Bearbeiten]

Sowohl bei der Besetzung der Insel im Juni 1940 als auch beim Rückzug von der Insel im (Juli bis August 1944) benützte die deutsche Wehrmacht den Gois. In der Zeit der Besetzung war die Insel Sperrgebiet. Verlassen und Betreten der Insel war nur Personen erlaubt, die einen entsprechenden Passierschein hatten. An beiden Enden der Passage waren Kontrollstellen der Wehrmacht eingerichtet. Trotzdem gelang es in dieser Zeit mehr als 100 Personen, die ohne Passierschein waren, an den Kontrollen vorbei zu schmuggeln. Es handelte sich mehrheitlich um Menschen, die der Zwangsverpflichtung, am Bau der deutschen Verteidigungsstellungen mitzuwirken, entflohen waren.[3]

Der Gois seit 1945[Bearbeiten]

Mit zunehmender Motorisierung ab der Mitte des 20. Jahrhunderts nahm auch der Verkehr über die Passage immens zu: 1962 wurden rund 400.000 Überquerungen gezählt, 1970 waren es rund 910.000. Da sich der Verkehr auf wenige Stunden pro Tag beschränken musste kam es zunehmend zu Staus. Der Bau einer Alternativverbindung zwischen Festland und Insel wurde immer dringender. Seit Mitte 1971 steht zusätzlich eine Brücke zur Verfügung. Die Zahl der Fahrten über die Passage nahm daraufhin rapide ab, auch wenn die Brücke in den ersten Jahren mautpflichtig war: 1971 wurden 760.000 gezählt, 1980 waren es noch 530.000. Die Hauptreisezeit war jeweils der Monat August, in welchem jeweils rund 25% aller Überquerungen eines Jahres stattfanden. Die offiziellen Zählungen wurden mit Jahresende 1982 eingestellt.[4] Schätzungen gehen für die Jahre nach 2010 von jährlich etwa 200.000 bis 300.000 Fahrzeugen aus, die die Passage benützen.

Die Passage du Gois ist ein Teil der alten Nationalstraße 148 zwischen Noirmoutier-en-l’Île und Limoges, heute ist sie Teil der D 948.

Kuriosa[Bearbeiten]

Bei der Tour de France 1999 gab es auf der dritten Etappe von Nantes nach Laval auf der nassen und rutschigen Passage du Gois einen Massensturz, der das Fahrerfeld in zwei Gruppen teilte. Die erste Etappe der Tour de France 2011 wurde auf der Passage gestartet.

Seit 1987 finden jährlich an einem Samstag in der zweite Junihälfte Wettrennen über die Furt statt – genannt 'Les Foulées du Gois'. Das Programm für 2013 sieht folgendes vor: Die insgesamt etwa 1000 Teilnehmer starten in verschiedenen Altersklassen in insgesamt 6 Rennen: mit Längen von 1000 m, 1500 m, 3200 m, 2 Rennen (eins für Männer; eins für Frauen) über 8000 m. Höhepunkt und Abschluss der Veranstaltung ist der 6. Lauf, das sog. Rennen gegen das Meer (Course contre la mer): 30 Läufer starten 2 1/2 Stunden nach dem Wassertiefststand. Das ist der Zeitpunkt an dem das ansteigende Wasser die Fahrbahn erreicht. Rekordhalter ist seit 1990 Dominique Chauvelier mit 12 Minuten und 8 Sekunden.

Bilder[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

  • Henri Martin: Extraordinaire Histoire du Passage du Gois, Chantonnay 1985.

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Passage du Gois – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. name="Extraordinaire-Gois"
  2. name="Extraordinaire-Gois"
  3. name="Extraordinaire-Gois"
  4. Henri Martin: Extraordinaire Histoire du Passage du Gois, Chantonnay 1985.

46.930807-2.126026Koordinaten: 46° 55′ 50,9″ N, 2° 7′ 33,7″ W