Paul Althaus

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Paul Althaus (* 4. Februar 1888 in Obershagen bei Celle; † 18. Mai 1966 in Erlangen) war ein protestantischer Theologe. Bedeutung erlangte er durch seine Ur-Offenbarungslehre, durch seine Schöpfungsethik und als Lutherforscher. Umstritten ist er wegen seiner zunächst positiven Einstellung zum Nationalsozialismus (er selbst vertrat völkische und nationalistische Positionen), seiner antisemitischen Äußerungen und seines Eintretens für die Einführung eines Arierparagraphen in der Kirche.

Leben[Bearbeiten]

Paul Althaus, Sohn des gleichnamigen evangelischen Theologen Paul Althaus (1861–1925), studierte in Tübingen und Göttingen Evangelische Theologie. In Tübingen wurde er vor allem durch Adolf Schlatter geprägt. In Göttingen wurde er bei Eduard Stange zum Dr. theol. promoviert und habilitierte sich 1913/14 ebenda. Im Ersten Weltkrieg diente er als Lazarettpfarrer. Ab 1919 war Paul Althaus ordentlicher Professor für Systematische Theologie an der Universität Rostock. 1925 erhielt er den Ruf auf den Lehrstuhl für Systematische und Neutestamentliche Theologie in Erlangen. Er war ab dem Sommersemester 1929 Ehrenmitglied der Studentenverbindung Uttenruthia Erlangen. Bis 1932 lehrte er ausschließlich systematische Theologie, ab 1932 auch neutestamentliche Theologie. Paul Althaus war von 1932 bis 1964 Universitätsprediger. Zwischen 1926 und 1964 war er Präsident der Luther-Gesellschaft. 1933 begrüßte er die „Machtergreifung“ der Nationalsozialisten als ein „Geschenk und Wunder Gottes“.[1]

Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs war er 1945 zunächst Leiter der universitätsinternen Entnazifizierungskommission.[2] Nachdem jedoch seine Verstrickung in den Nationalsozialismus bekannt geworden war, wurde er am 31. Januar 1947 von der amerikanischen Militärregierung im Zuge der Entnazifizierung seines Dienstes enthoben. 1948 erhielt er erneut die Lehrerlaubnis an der Universität Erlangen,[2] wo er bis zu seiner Emeritierung im Jahr 1956 wirkte.[3] 1953 wurde Althaus zum Mitglied der Bayerischen Akademie der Wissenschaften berufen.

Seinen Nachlass verwaltet Gotthard Jasper.

Lehre[Bearbeiten]

Ur-Offenbarungslehre[Bearbeiten]

Mit der Lehre von der Ur- oder Grund-Offenbarung wandte sich Althaus gegen die christozentrische Offenbarungstheologie der Dialektischen Theologie um Karl Barth, die eine Selbsterschließung Gottes außerhalb Christi abstritt. Nach Althaus offenbart sich Gott auch außerhalb Jesu Christi (in der menschlichen Existenz, im Schicksal, in der Geschichte, der Natur und dem menschlichen Wahrheits- und Sündenbewusstsein). Die Ur-Offenbarung bleibt jedoch der Heilsoffenbarung in Christus untergeordnet, da sie mit den Attributen der sündigen Welt behaftet ist.

Schöpfungstheologie[Bearbeiten]

Althaus betrachtete Institutionen wie Ehe, Familie, Arbeit, Wirtschaft, Recht, Volk, Staat, Kirche und Gesellschaft als von Gott mit dessen guter Schöpfung von Beginn an vorgegebene Seinsordnungen. Sie sind nicht als bloße Erhaltungs-, sondern als Schöpfungsordnungen zu verstehen, da Gott in ihnen fortwährend wirkt. Die Ordnungen sind Gottes Mittel, die Welt auf sein Reich hin zu erhalten und das Zusammenleben der Menschen zu gewährleisten. Dafür binden sie den Menschen, der in seiner Freiheit zur verantwortlichen Entscheidung für sie in Anspruch genommen wird. – Althaus’ Ansicht vom Volk als Schöpfungsordnung hat zu seinen umstrittenen Aussagen zum Nationalsozialismus und zum Judentum geführt.

Lutherforscher[Bearbeiten]

Paul Althaus gilt als hervorragender Kenner der Theologie Martin Luthers. Seine Veröffentlichungen „Die Theologie Martin Luthers“ und „Die Ethik Martin Luthers“ gelten auch heute noch als Standardwerke.

Todesstrafe[Bearbeiten]

Althaus forderte auch nach der Verabschiedung des bundesdeutschen Grundgesetzes 1949 die Einführung der Todesstrafe.[4]

Kritik (Verhältnis zum Nationalsozialismus, Antisemitismus)[Bearbeiten]

Althaus begrüßte wie viele evangelische Theologen die Machtergreifung der Nationalsozialisten. Ab 1936 distanzierte er sich immer mehr vom Dritten Reich, auch aufgrund der zunehmend kirchenfeindlichen Politik Hitlers. Bereits in Althaus’ Schriften vor 1933 finden sich einige antisemitische Äußerungen, die sich aus Althaus’ Lehre vom Volk als Schöpfungsordnung ergeben. 1933 entwarf Althaus mit seinem Kollegen Werner Elert das Gutachten der Erlanger Theologischen Fakultät zu einem geplanten Arierparagraphen der Reichskirche. Althaus und Elert fordern in ihrem Gutachten, „nichtarische“ Bewerber um ein kirchliches Amt auszuschließen. Bereits eingestellte „Nichtarier“ sollten jedoch – entgegen den Forderungen der Deutschen Christen – nicht aus ihren Ämtern entlassen werden.

Auszeichnungen[Bearbeiten]

Im Jahr 1959 wurde Paul Althaus mit dem Bayerischen Verdienstorden ausgezeichnet.

Schriften (Auswahl)[Bearbeiten]

  • Luther und das Deutschtum, Leipzig 1917
  • Kirche und Volkstum. Der völkische Wille im Lichte des Evangeliums, Gütersloh 1928
  • Grundriß der Ethik, Erlangen 1931 (frühere Aufl. u. d. T.: Leitsätze)
  • Die deutsche Stunde der Kirche, Göttingen 1934
  • Obrigkeit und Führertum. Wandlungen des evangelischen Staatsethos in Deutschland, Gütersloh 1936
  • Der Christenglaube und das Sterben, Gütersloh 1941
  • Vom Sterben und vom Leben, Gütersloh 1950 (frühere Aufl. u. d. T.: Der Christenglaube und das Sterben)
  • Die Theologie Martin Luthers, Gütersloh 1962
  • Der Brief an die Römer (NTD 6), Göttingen, 10. Auflage 1966
  • Die Christliche Wahrheit. Lehrbuch der Dogmatik, 8. Aufl., Gütersloh 1969

Literatur[Bearbeiten]

  • Jörg Baur: Vermittlung in unversöhnten Zeiten. Zum Gedenken an Paul Althaus. In: Jörg Baur, Einsicht und Glaube. Aufsätze, Bd. 2, Göttingen 1994, 173–196.
  • Friedrich Wilhelm Bautz: Althaus, Paul. In: Biographisch-Bibliographisches Kirchenlexikon (BBKL). Band 1, Bautz, Hamm 1975. 2., unveränderte Auflage Hamm 1990, ISBN 3-88309-013-1, Sp. 130–131.
  • Robert P. Ericksen: Theologians under Hitler, New Haven and London: Yale University Press, 1985. (deutsch: Theologen unter Hitler. Das Bündnis zwischen evangelischer Dogmatik und Nationalsozialismus. München - Wien 1986)
  • Martin Meiser: Paul Althaus als Neutestamentler. Eine Untersuchung der Werke, Briefe, unveröffentlichten Manuskripte und Randbemerkungen, Calwer Theologische Monographien A 15, Stuttgart 1993.

Zitat[Bearbeiten]

„Und schließlich darf man an die Judenfrage erinnern. Wie immer wir Deutsche sie lösen - an einem wird nichts zu ändern sein: daß die Juden in unserem Lande wie unter den anderen Völkern der Welt sitzen bleiben. Mir scheint, daß dieses Schicksal jenseits aller schweren Aufgaben und Nöte, die es mit sich bringt, einen klaren Sinn von Gott her hat: daß die Juden überall, wohl besonders empfindlich bei uns, die völkische Geschlossenheit sprengen, soll hinweisen auf die Grenze und Relativität völkischer Sonderung und Geschlossenheit und das Auge vorwärts richten auf das kommende Reich Gottes.“

– Die deutsche Stunde der Kirche (S. 48)

„Sie (die Kirche) weiß sich selbst in der gegenwärtigen Lage zu neuer Bestimmung auf ihre Aufgabe, Volkskirche der Deutschen zu sein, gerufen. Dazu gehört, daß sie heute ihren Grundsatz von der völkischen Verbundenheit der Amtsträger mit ihrer Gemeinde bewusst neu geltend macht und ihn auch auf die Christen jüdischer Abstammung anwendet. Für die Stellung der Kirche im Volksleben und für die Erfüllung ihrer Aufgabe würde in der jetzigen Lage die Besetzung ihrer Ämter mit Judenstämmigen im allgemeinen eine schwere Belastung und Hemmung bedeuten. Die Kirche muß daher die Zurückhaltung ihrer Judenchristen von den Ämtern fordern.“

– Erlanger Gutachten zum Arierparagraphen

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Paul Althaus – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Vollständiges Zitat bei Ernst Klee: Das Personenlexikon zum Dritten Reich. Wer war was vor und nach 1945. Fischer Taschenbuch Verlag, Zweite aktualisierte Auflage, Frankfurt am Main 2005, S. 13.
  2. a b Ernst Klee: Das Personenlexikon zum Dritten Reich.. Fischer Taschenbuch 2005, S. 13.
  3.  Uwe Swarat: Althaus, Paul. (1888-1966). In: Helmut Burkhardt und Uwe Swarat (Hrsg.): Evangelisches Lexikon für Theologie und Gemeinde. 1, R. Brockhaus Verlag, Wuppertal 1992, ISBN 3417246415, S. 54.
  4. Paul Althaus: Die Todesstrafe als Problem der christlichen Ethik, Teil 2. Verlag der Bayerischen Akademie der Wissenschaften in Kommission bei C. H. Beck, München 1955