Paul Bonatz

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche

Paul Bonatz (* 6. Dezember 1877 in Solgen (Lothringen, Reichsland Elsaß-Lothringen, heute Solgne, Département Moselle, Frankreich); † 20. Dezember 1956 in Stuttgart; vollständiger Name: Paul Michael Nikolaus Bonatz) war ein deutscher Architekt, einflussreicher Hochschullehrer und Brückengestalter. Er zählt neben Paul Schmitthenner zu den Hauptvertretern der Stuttgarter Schule und – international gesehen – zu den bedeutendsten Architekten des Traditionalismus.

Leben[Bearbeiten]

Sein Vater war Beamter bäuerlicher Herkunft aus Mecklenburg, seine Mutter Luxemburgerin. Nach dem Abitur im elsässischen Hagenau studierte er an der Technischen Hochschule München zuerst Maschinenbau, nach einem Jahr dann Architektur bis zur bestandenen Diplom-Prüfung im Jahr 1900. Nach seiner Hochzeit 1902 ging Bonatz nach Stuttgart, wo er bis 1905 als Assistent von Theodor Fischer, dann bis 1908 als Lehrbeauftragter und außerordentlicher Professor an der Technischen Hochschule Stuttgart arbeitete. Als Fischer 1908 nach München zurückkehrte, wurde Bonatz als Nachfolger auf dessen Stuttgarter Lehrstuhl berufen, den er bis 1943 behielt. 1908 wurde Bonatz Mitglied im erst ein Jahr zuvor gegründeten Deutschen Werkbund.

In einzelnen Fällen, meist bei Wettbewerbsentwürfen, arbeitete Paul Bonatz mit seinem jüngeren Bruder Karl Bonatz (1882–1951) zusammen. Für die Bearbeitung seiner zahlreichen privaten Bauaufträge (neben seiner Lehrtätigkeit) gründete Bonatz 1910 gemeinsam mit seinem Studienfreund Friedrich Eugen Scholer (1874–1949) ein Architekturbüro in Stuttgart („Bonatz und Scholer“); diese Zusammenarbeit endete erst 1943/1944. Wie groß der Anteil Scholers an den gemeinsamen Projekten war, lässt sich nicht mehr objektiv feststellen.

1928 war Bonatz Gründungsmitglied der konservativ orientierten Architektenvereinigung „Der Block“, aus der er im April 1931 wieder austrat. Ähnlich Paul Schmitthenner zählte er zu den erklärten Gegnern des „Neuen Bauens“, wie es sich 1927 in der Stuttgarter Weißenhofsiedlung manifestierte. In den 1930er Jahren war er künstlerischer Berater von Fritz Todt, bei vielen Entwürfen von Brücken der Reichsautobahnen beteiligt und regelmäßiger Verfasser von Fachbeiträgen in der programmatischen Zeitschrift Die Strasse.

Nach dem ungeklärten Flugzeugabsturz, bei dem Todt ums Leben kam, machte dessen Nachfolger Albert Speer die Reichsautobahnen zu einem Bestandteil des Reichsministeriums für Bewaffnung und Munition. Der parteilose Bonatz erhielt 1943 ein Angebot, als Berater im Baubüro für technische Schulen des türkischen Kulturministeriums zu arbeiten. Im September 1943 zog er nach Ankara. Als im August 1944 die neutrale Türkei ihre diplomatischen Beziehungen zu Deutschland abbrach, blieb er in der Türkei und kam trotz Anweisung nicht zurück nach Deutschland, wo weiterhin seine Familie lebte.[1] Von 1946 bis 1954 war er Professor an der İstanbul Teknik Üniversitesi. 1947/48 war er in den Umbau einer ehemaligen Ausstellungshalle zur Staatsoper von Ankara involviert. Nachdem ausländische Architekten nicht mehr ohne türkische Kooperationspartner bauen durften, kehrte er 1954 nach Stuttgart zurück. 1955 war er an der Gestaltung der Neckarbrücke in Neckarweihingen beteiligt.[2] 1956 starb Bonatz und wurde auf dem Waldfriedhof beerdigt.

Bauten (Auswahl)[Bearbeiten]

Den endgültigen Durchbruch erreichten Bonatz und Scholer mit dem 1. Preis im Wettbewerb für den neuen Stuttgarter Hauptbahnhof 1911, dem sich der Ausführungsauftrag 1913 anschloss. 1914 wurde der Grundstein für das Empfangsgebäude gelegt; am 22. Oktober 1922 wurde der erste Bauabschnitt (südlicher Teil mit Turm) in Betrieb genommen, die Fertigstellung des zweiten Bauabschnitts erfolgte 1927.

  • Beteiligung an der Planung des Zeppelindorfs (Arbeitersiedlung in Friedrichshafen), 1914–1915
  • Kraftwerk Rottweil, Kraftwerk der Pulverfabrik Rottweil, 1915–1916
  • Zeppelin-Saalbau, Friedrichshafen, 1915–1917[3]
  • Grabmal für General (von) Lotterer in Ludwigsburg, 1916
  • diverse Entwürfe für Gefallenendenkmäler, 1917 und 1918
  • Wohnhaus für den Fabrikanten Fritz Roser in Stuttgart, 1919–1922
  • drittes eigenes Wohnhaus in Stuttgart, 1921–1922
  • Villa für den Industriellen Alfred Vorster in Köln, 1921–1922
  • Villa für den Bankier Herstatt in Köln, 1921–1923
  • Villa für den späteren nationalsozialistischen Außenminister Joachim von Ribbentrop in Berlin-Schmargendorf, Lentzeallee 7–9, 1922–1923
  • Verwaltungsgebäude der Gebr. Stumm GmbH, das „Stummhaus“, in Düsseldorf, 1922–1925 (ein frühes deutsches Hochhaus)
  • Ehrenmal für die Gefallenen des Ersten Weltkrieges auf dem Waldfriedhof in Stuttgart-Degerloch, 1923
  • Wohnhaus Liebrecht in Hannover, 1923–1924
  • Villa für Ferdinand Porsche in Stuttgart, Feuerbacher Weg 48–50, 1923–1924
  • Villa für den Fabrikanten Fritz Hornschuch bei Kulmbach, 1924–1925
  • Villa für den Fabrikanten Paul Eberspächer in Esslingen, 1925–1926
  • Villa für den Antiquitätenhändler Arno Kramer in Bonn, 1926

Von 1926 bis 1928 war Bonatz für die architektonische Gestaltung der Bauwerke der Neckar-Kanalisierung verantwortlich; er entwarf die Staustufen Ladenburg bei Mannheim, Rockenau, Heidelberg, Hirschhorn, Cannstatt sowie das Kraftwerk Oberesslingen, das Schützenwehr Oberesslingen sowie die beiden Neckarbrücken in Heidelberg und in Heilbronn. Die Ausführung einzelner Anlagen zog sich dabei bis in die 1930er Jahre hin.

Ein wichtiger Schwerpunkt in Bonatz Schaffen war die architektonische Ausgestaltung von Brückenbauwerken – ein Thema, mit dem er sich schon seit dem Beginn seiner Karriere (1904, s. o.) immer wieder beschäftigt hatte. Ab 1934 war Bonatz als künstlerischer Berater nicht nur, aber doch in erster Linie im Rahmen des von der nationalsozialistischen Propaganda begleiteten Autobahnbaus im Brückenbau tätig. Hierbei kam es häufiger zu Kooperationen mit den Brückenbau-Ingenieuren Emil Mörsch, Karl Schaechterle, Gottwalt Schaper oder Fritz Leonhardt.

Nachkriegsbauten

Ehrungen[Bearbeiten]

1952 erfolgte die Aufnahme in den Orden Pour le Mérite. 1958/1959 stiftete die Stadt Stuttgart den undotierten Paul Bonatz Preis, der „für besondere Verdienste und Leistungen auf dem Gebiet der Architektur oder des Städtebaus“ innerhalb der Stuttgarter Gemarkung vergeben wird.[5]

Zitate[Bearbeiten]

„Der Bau des Bahnhofs in Stuttgart ist für meine Entwicklung als Baumeister das wichtigste Kapitel.“

Paul Bonatz: Leben und Bauen, S. 61

Bewertungen[Bearbeiten]

„Der Stuttgarter Bahnhof hat mir immer gefallen. Sein Architekt war vielleicht etwas konservativ. Aber er war ein sehr guter Architekt.“

Peter Zumthor [6]

Schriften[Bearbeiten]

  • Leben und Bauen. Engelhornverlag Adolf Spemann, Stuttgart 1950.
  • mit Fritz Leonhardt: Brücken. Langewiesche, Königstein im Taunus 1951 (Reihe Die Blauen Bücher.)

Literatur[Bearbeiten]

  • Helmut Gebhard über Paul Bonatz. In: Winfried Nerdinger: Süddeutsche Bautradition im 20. Jahrhundert. Architekten der Bayerischen Akademie der Schönen Künste. Georg D. W. Callwey, München 1985, ISBN 3-7667-0771-X, S. 119–123.
  • Gerd Kaldewei (Hrsg.): Paul Bonatz (1877–1956). Bauten und Projekte im Norden (= Schriften der Museen der Stadt Delmenhorst, Reihe Stadtmuseum, 7). Aschenbeck & Holstein, Delmenhorst 2005, ISBN 3-932292-92-8. (Begleitveröffentlichung zur Sonderausstellung der Museen der Stadt Delmenhorst Paul Bonatz (1877–1956) – Bauten und Projekte im Norden vom 24. Juli bis 4. September 2005 in Oldenburg im Rahmen des Projekts Jahrhundertschritt 05)
  • Fernanda de Maio: Wasser-Werke. Paul Bonatz. Die Neckarstaustufen. 2. Auflage, Akademie Schloß Solitude, Stuttgart 2001, ISBN 3-92908553-4.
  • Roland May: Pontifex maximus. Der Architekt Paul Bonatz und die Brücken. Monsenstein und Vannerdat, Münster i.W. 2011, ISBN 978-3-86991-176-2.
  • Matthias Roser: Der Stuttgarter Hauptbahnhof. Ein vergessenes Meisterwerk der Architektur. Silberburg Verlag, Stuttgart 1987, ISBN 3-925344-13-6.
  • Matthias Roser: Paul Bonatz. Wohnhäuser. Hatje, Stuttgart 1992, ISBN 3-77570305-5.
  • Matthias Roser: Der Stuttgarter Hauptbahnhof. Vom Kulturdenkmal zum Abrisskandidaten? Schmetterling, Stuttgart 2008, ISBN 3-89657-133-8.
  • Wolfgang Voigt, Roland May (Hrsg.): Paul Bonatz (1877–1956). Wasmuth, Tübingen 2010, ISBN 978-3-8030-0729-2.
  • Ralf Werner Wildermuth: Der Bonatzbau der Universitätsbibliothek Tübingen. Funktionelle Bibliotheksarchitektur am Anfang des 20. Jahrhunderts (= Contubernium. Band 30). Mohr, Tübingen 1985, ISBN 3-16-444977-1.

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Paul Bonatz – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Roland May: Pontifex maximus. Der Architekt Paul Bonatz und die Brücken. Monsenstein und Vannerdat, Münster 2011, ISBN 978-3-86991-176-2, S. 463
  2. Roland May: Pontifex maximus. Der Architekt Paul Bonatz und die Brücken. Monsenstein und Vannerdat, Münster 2011, ISBN 978-3-86991-176-2, S. 472
  3. Infotafel 4.11, Geschichtspfad Friedrichshafen
  4.  Hiltrud Kier, Landeskonservator Rheinland (Hrsg.): Denkmälerverzeichnis Köln Altstadt und Deutz. 12.1, Rheinland Verlag, Köln 1979, ISBN 3-7927-0455-2, S. 44.
  5. Paul Bonatz Preis bei kulturpreise.de, zuletzt abgerufen am 11. April 2012
  6. "Seht Ihr, ich habe recht gehabt", DER SPIEGEL Nr. 50/13. Dezember 2010, S.144