Paul Cassirer

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Porträt Paul Cassirers von Leopold von Kalckreuth, 1912

Paul Cassirer (* 21. Februar 1871 in Görlitz; † 7. Januar 1926 in Berlin) war ein deutscher Verleger und Galerist jüdischer Herkunft in Berlin. Der Paul Cassirer Verlag existierte von 1908 bis zur Machtergreifung der Nationalsozialisten im Jahr 1933.

Leben und verlegerische Tätigkeit – Der Anfang[Bearbeiten]

Paul Cassirer war der Sohn des Unternehmers Louis Cassirer und dessen Frau Emilie (geb. Schiffer). Sein Bruder war Alfred Cassirer. Er studierte Kunstgeschichte in München und wurde anschließend Mitarbeiter des Simplicissimus, der satirischen Wochenzeitschrift des Albert Langen Verlags. Nach seiner Übersiedlung nach Berlin gründete er gemeinsam mit seinem Cousin Bruno Cassirer am 20. September 1898 die „Bruno & Paul Cassirer, Kunst- und Verlagsanstalt“. Zusammen lernten sie die Künstler Max Liebermann und Max Slevogt kennen, die ihnen viele kulturell bedeutende Persönlichkeiten Berlins vorstellten. Die Maler waren Mitglieder der am 2. Mai 1898 gegründeten Künstlervereinigung Berliner Secession, zu der die Cassirers (u. a. auf Vorschlag des Präsidenten Liebermann) als Sekretäre berufen wurden. Dies brachte ihnen nicht nur innerhalb der Vereinigung, sondern auch auf dem Kunstmarkt eine herausgehobene Position ein.

Jury für die Ausstellung der Berliner Secession, 1908: Paul Cassirer (fünfter von links), außerdem von links nach rechts: Fritz Klimsch, August Gaul, Walter Leistikow, Hans Baluschek, Max Slevogt (sitzend), George Mosson (stehend), Max Kruse (stehend), Max Liebermann (sitzend), Emil Rudolf Weiß (stehend), Lovis Corinth (stehend)

In den folgenden drei Jahren stellten sich die Verleger zum vorrangigen Ziel, die Kunstströmung des Impressionismus zu fördern. Dazu veröffentlichen die Vetter Werke von Slevogt, Liebermann und Lovis Corinth, die ihrer Meinung nach die künstlerische Avantgarde Deutschlands darstellten. Nach einem Zerwürfnis mit Bruno Cassirer führte Paul Cassirer den Kunsthandlungszweig ab 1901 allein weiter. Beide Cousins beschränkten sich bis 1908 auf ihren jeweiligen Geschäftsbereich. Während sein Cousin den Kontakt zur „Secession“ abbrach, blieb Paul Cassirer Mitglied der Vereinigung und wurde 1912 Präsident der Gesellschaft.

Mit der Aufhebung der Sperrfrist wurde auch gleich der erste Titel von Lovis Corinth im Verlag veröffentlicht. Sein Handbuch Das Erlernen der Malerei wurde sehr erfolgreich und konnte noch im selben Jahr in die zweite Auflage gehen. 1907 holte Cassirer Arthur Holitscher als Lektor in sein Unternehmen, von dem er sich ein Gespür für neue Talente erhoffte. In den kommenden Jahren konnten Frank Wedekind, Carl Sternheim, Ernst Toller und Hermann Bahr als Autoren für den Verlag gewonnen werden. Von 1910 bis 1913 wurde hier sogar das Gesamtwerk von Heinrich Mann publiziert. Das Verlagssignet, ein ruhender Panther auf einem Baumstrunk, entwarf der Künstler Max Slevogt. Das Originalgemälde von 1901 ist heute in der Kunsthalle Bremen zu sehen.

Der Bereich der schöngeistigen Literatur umfasste in den folgenden Jahren Autoren wie Adolf von Hatzfeld, Walter Hasenclever, René Schickele und Kasimir Edschmid. Auch die Lyrikerin Else Lasker-Schüler, die von dem Verleger sehr geschätzt wurde, ließ ihre Werke bei Cassirer veröffentlichen.

Die Pan-Presse[Bearbeiten]

Mit dem Programm seines Hauses setzte sich der Verleger von der herrschenden wilhelminischen Kunstauffassung ab und verhalf impressionistischen und expressionistischen Künstlern zum Durchbruch. Seit 1908 war er im Besitz einer eigenen Druckanstalt, der „Pan-Presse“, die er unter der Leitung des Xylographen Reinhold Hoberg und des Druckers Georg Schwarz gegründet hatte. Die Presse sollte die besten Künstler der Zeit vereinen und eine Verbindung von Buchdruck mit Originalillustrationen in Lithografie, Radierung und Holzschnitt eingehen. Als Vorbild für diese Idee diente ihm die Kelmscott Press des Engländers William Morris.

Logo des Verlages

Die erste Publikation der Pan-Presse erschien 1909 und erzeugte sofort Aufsehen. Der gewaltige Lederstrumpf-Band von James Fenimore Cooper enthielt über 150 Lithografien von Max Slevogt, einen Einband und das Vorsatzpapier von Karl Walser sowie die von Emil Rudolf Weiß gezeichneten Initialen. Nur 60 Exemplare wurden von der A-Ausgabe hergestellt, die in rotes Ganzmaroquin handgebunden waren. Ein weiteres Prachtstück der Druckanstalt war der Band XVII, die Randzeichnungen zu Mozarts Zauberflöte von Slevogt. Nur 100 Anfertigungen sollten 1920 von den exklusiven Künstlerbüchern angefertigt werden, die bereits vor der Auslieferung völlig vergriffen waren. Leo Kestenbergs Idee war es hierbei, die handschriftliche Partitur aus der Berliner Bibliothek als Druckvorlage zu benutzen, um die schwierige Zusammensetzung gedrucktes Notenbild/ Radierung zu vermeiden.

Zwischen 1909 und 1921 konnte Paul Cassirer die Künstler Lovis Corinth, Jules Pascin, Rudolf Großmann, Ernst Barlach, Max Slevogt, August Gaul, Max Oppenheimer, Willi Geiger, Emil Pottner, Otto Hettner und Max Pechstein für die Pan-Presse gewinnen, die in den insgesamt 19 Werken zum Teil mehrmals vertreten waren. Außerdem wurden hier auch Illustrationen für andere Vorzugsdrucke des Verlages und zahlreiche graphische Einzelblätter aufgelegt. Zu nennen wären unter anderem Oskar Kokoschka, Walter Leistikow, Hermann Struck, Marc Chagall oder Max Liebermann.

Exil in der Schweiz[Bearbeiten]

Zu Beginn des Ersten Weltkriegs meldete sich der Verleger mit dreiundvierzig Jahren freiwillig zum Kriegsdienst, war aber bald von seinen Erfahrungen im Lazarett und an der Westfront erschüttert. Auf Grund seiner nun kriegsfeindlichen Gesinnung war er zahlreichen – oft antisemitischen – Anfeindungen ausgesetzt und floh schließlich mit der Hilfe Harry Graf Kesslers und anderer Freunde nach Bern. Hier gründete er am 16. November 1917 mit Max Rascher und Dr. Otto Rascher die Max Rascher Verlags AG, die pazifistische Schriften von deutschen und französischen Autoren publizierte. 1922 musste das Unternehmen jedoch wieder aufgelöst werden, da Cassirer durch die Inflation in Deutschland finanziell starke Einbußen hinnehmen musste. Sein Unternehmen wurde derweilen in Deutschland von Walter Feilchenfeldt weitergeführt. Es erschienen Werke von Georg Lukács und Karl Kautsky. Eine herausragende Leistung des Verlages während der Nachkriegszeit war die Herausgabe der Lassalle-Gesamtausgabe.

Rückkehr nach Berlin[Bearbeiten]

Wieder nach Berlin zurückgekehrt, schloss Cassirer sich der USPD an und setzte sich ausdrücklich für das Verlagsprogramm ein.

Während der Inflationszeit kam den Luxusausgaben des Geschäftes eine besondere Rolle zu, da Sachwerte gesucht wurden, die eine bleibende Gegenleistung zur entwerteten Mark darstellten.

In den zwanziger Jahren wurden Werke von Ernst Bloch (Geist der Utopie, Durch die Wüste, Spuren), Franz Marc (Die Briefe, Aufzeichnungen und Aphorismen) und Marc Chagall (Mein Leben) bei Cassirer publiziert. Verkaufsstarke Bücher dieser Zeit, die bereits 1908 zum ersten Mal erschienen waren, waren Bernhard Kellermanns Spaziergänge in Japan und Karl Walsers Sassa yo Yassa. Das bedeutendste Kunststück jener Jahre war jedoch die 14-bändige Ausgabe Altniederländische Malerei von Max J. Friedländer, die ab 1924 verlegt wurde. Die letzten drei Bände mussten von 1935 bis 1937 allerdings in einem befreundeten holländischen Verlag herausgegeben werden.

Am 7. Januar 1926 starb Cassirer an den Folgen eines Suizidversuchs in Berlin. Das Unternehmen wurde bis zur Machtübergabe an die Nationalsozialisten von seinen Verlagspartnern Walter Feilchenfeldt und Grete Ring weitergeführt, die 1933 bzw. 1938 aus Deutschland emigrierten. Grete Ring, eine angesehene Kunsthistorikerin, löste das Geschäft schließlich vollkommen auf. Weder ihr noch Feilchenfeldt gelang es, den Verlag weiterzuführen. Lediglich die Kunsthandlung konnten sie in den ersten Jahren der Verlagsauflösung in ihren Exilländern (Holland, Schweiz und England) kurzzeitig aufrechterhalten.

Zeitschriften des Verlages[Bearbeiten]

Gemeinsam mit Wilhelm Herzog, der zwischen 1909 und 1911 als Lektoratsleiter im Verlag tätig war, rief Cassirer 1910 das kulturpolitische Blatt PAN ins Leben, das später von Alfred Kerr herausgegeben wurde. 1911 nahm er Jung Ungarn, die Kulturzeitschrift für deutschsprachige Ungarn, in sein Programm mit auf und zeigte sich von 1913 bis zum Ausbruch des Krieges für den Vertrieb des französischen Modemagazins La Gazette du Bon Ton in Deutschland verantwortlich. Während des Ersten Weltkrieges veröffentlichte das Haus die patriotische Zeitschrift Kriegszeit (August 1914 bis Anfang 1916), die geschäftlich ein Erfolg war. Bildermann hingegen (April bis Dezember 1916) hatte gemäßigt pazifistische Themen zum Inhalt und konnte kaum verkauft werden. Zwischen 1919 und 1920 publizierte er mit René Schickele die Zeitschrift Die Weißen Blätter.

Ehen[Bearbeiten]

Beisetzung von Paul Cassirer, am Grab die Witwe Tilla Durieux.

Seit 1895 war Paul Cassirer in erster Ehe mit Lucie Oberwarth (1874–1950) verheiratet. 1904 ließ das Paar sich scheiden.[1] Aus dieser Verbindung gingen die Kinder Suzanne Aimée (1896–1963, später Psychoanalytikerin) und Peter (1900–1919 Suizid) hervor.

1910 heiratete er die Schauspielerin Tilla Durieux (1880–1971). Nachdem sich Tilla Durieux scheiden lassen wollte, nahm sich Paul Cassirer Anfang 1926 das Leben, noch bevor die Scheidung rechtskräftig wurde. Er ist in Berlin auf dem Städtischen Waldfriedhof Charlottenburg beigesetzt.[2] Die Ehrengrabstätte mit einem Grabmal von Georg Kolbe, befindet sich mit der Ehrengrabstätte von Tilla Durieux im Feld 5-D-4-5-C-3/4

Literatur[Bearbeiten]

  • Bernhard Echte, Walter Feilchenfeldt (Hrsg.): Kunstsalon Cassirer. Die Ausstellungen 1: 1898–1905. Nimbus, Wädenswil 2011, ISBN 978-3-907142-40-0.
  • Christian Kennert: Paul Cassirer und sein Kreis: ein Berliner Wegbereiter der Moderne. Frankfurt am Main, Berlin [u.a.]: Lang 1996, ISBN 3-631-30281-9
  • Eva Caspers: Paul Cassirer und die Pan-Presse: ein Beitrag zur deutschen Buchillustration und Graphik im 20. Jahrhundert. Sonderdruck. Univ. Diss. Hamburg 1986, Buchhändler-Vereinigung, Frankfurt am Main 1989, ISBN 3-7657-1542-5.
  • Georg Brühl: Die Cassirers: Streiter für den Impressionismus. Edition Leipzig, Leipzig 1991, ISBN 3-361-00302-4.
  • Rahel E. Feilchenfeldt, Markus Brandis: Paul-Cassirer-Verlag Berlin 1898–1933: eine kommentierte Bibliographie; Bruno-und-Paul-Cassirer-Verlag 1898–1901; Paul-Cassirer-Verlag 1908–1933. Saur, München 2004, ISBN 3-598-11711-6.
  • Rahel E. Feilchenfeldt, Thomas Raff (Hrsg.): Ein Fest der Künste – Paul Cassirer: der Kunsthändler als Verleger (zur gleichnamigen Ausstellung im Max-Liebermann-Haus, Berlin 17. Februar bis 21. Mai 2006). München: Beck 2006, ISBN 978-3-406-54086-8 (Rezension)
  • Renate Möhrmann: Tilla Durieux und Paul Cassirer: Bühnenglück und Liebestod. 1. Aufl. Rowohlt Berlin, Berlin 1997, ISBN 3-87134-246-7.
  • Karl H. Salzmann: Cassirer, Paul. In: Neue Deutsche Biographie (NDB). Band 3, Duncker & Humblot, Berlin 1957, ISBN 3-428-00184-2, S. 169 f. (Digitalisat).

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Von 1907–1916 war Lucie Oberwarth verheiratet mit dem ersten Ehemann Ricarda Huchs - Ermanno Ceconi (1870–1927). (Online in der Google-Buchsuche)
  2. Das Grab von Paul Cassirer auf knerger.de

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Paul Cassirer – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien