Paul Löbe

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Paul Löbe (1924)
Paul Löbe, 1930 in Berlin
Briefmarke aus dem Jahr 1975 zum 100. Geburtstag Löbes
Das Paul-Löbe-Haus vom Bundeskanzleramt aus gesehen
Grab Löbes, Friedhof Potsdamer Chaussee 75, in Berlin-Nikolassee

Paul Gustav Emil Löbe (* 14. Dezember 1875 in Liegnitz, Schlesien; † 3. August 1967 in Bonn) war ein deutscher Politiker (SPD) und Reichstagspräsident.

Leben und Beruf[Bearbeiten]

Löbe kam als erstes von vier Kindern des Tischlers Heinrich Löbe (1843–1898) und der Pauline Löbe, geb. Leuschner, (1852–1947) zur Welt. Schon als Junge trug er als Laufbursche mit dem Austragen von Zeitungen und Semmeln zum Unterhalt der Familie bei. Zwischen 1882 und 1890 besuchte er die evangelische Volksschule Dornbusch in Liegnitz und absolvierte im Anschluss von 1890 bis 1895 in der Druckerei Krumbhaar, in der unter anderem der Liegnitzer Anzeiger gedruckt wurde, eine Schriftsetzerlehre. Als solcher war er bis Dezember 1898 in einer Breslauer Druckerei tätig. Zwischendurch kam er auf Wanderschaft nach Süddeutschland, Österreich-Ungarn, Italien und in die Schweiz. Zwischen November 1891 und April 1892 veröffentlichte er unter dem Pseudonym Alu Pöbel erste Artikel in der sozialdemokratischen Breslauer Volkswacht, war ab 1899 Redakteur und von 1903 bis 1919 Chefredakteur des Blattes. Wegen seiner Arbeit saß er mehrmals im Gefängnis oder musste Geldstrafen zahlen[1]. Zum Beispiel wurde wegen des Aufrufs zu einer Demonstration gegen das Dreiklassenwahlrecht zu 1 Jahr wegen "Aufreizung zum Klassenhass" verurteilt[1]; diese verbrachte er 1906 in Einzelhaft. 1901 heiratete er Clara Schaller (1879–1964). Aus der Ehe ging ein Sohn hervor. Am Ersten Weltkrieg nahm Löbe nicht teil, da er wegen einer Lungenkrankheit nicht eingezogen wurde.

In den Jahren um 1924 ergriffen Politiker wie Aristide Briand, Edvard Beneš, Ignaz Seipel, Konrad Adenauer und auch Paul Löbe die Initiative in der 1922 gegründeten Paneuropa-Union. Zeitweise war Löbe Präsident der Paneuropa-Union Deutschland.

Im Namen der SPD sprach er sich für einen Ausgleich mit Polen aus.[2] 1927 reiste er deshalb zu Gesprächen mit polnischen Politikern nach Warschau und Łódź. Nach der Reise beklagte er sich über mangelnde Kompromissbereitschaft auf polnischer Seite.

Löbe gehörte zur Zeit der Weimarer Republik dem Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold an. Die Nationalsozialisten inhaftierten Paul Löbe nach der Machtergreifung 1933 ein halbes Jahr lang. Bis Anfang Juli 1933 saß er in den Berliner Gefängnissen am Alexanderplatz und in Spandau, dann bis Mitte August im KZ Breslau-Dürrgoy, danach bis Ende Dezember im Gefängnis Berlin-Alexanderplatz. Nach seiner Freilassung arbeitete er beim wissenschaftlichen Verlag Walter de Gruyter. Trotz Löbes oppositioneller Haltung zum NS-Regime wurde ihm als ehemaligem Reichstagspräsidenten später auf Anweisung Hitlers eine Pension in Höhe von 600 RM gewährt, die bis 1945 pünktlich ausbezahlt wurde. Aufgrund seiner Kontakte zum Goerdeler-Kreis wurde er jedoch nach dem Attentat vom 20. Juli 1944 am 23. August erneut verhaftet. Im Schattenkabinett Beck/Goerdeler war Löbe für den Fall eines gelungenen Staatsstreiches als Reichstagspräsident eingeplant worden, was den vernehmenden Gestapomitarbeitern jedoch nicht bekannt war. Daher wurde Löbe nicht mit dem Tode bestraft, sondern nach kurzer Gefängniszeit in Breslau im KZ Groß-Rosen inhaftiert, aus dem er im Frühjahr 1945 entlassen wurde.

Das Ende des Zweiten Weltkrieges erlebte er in der Grafschaft Glatz in Niederschlesien. Als dieses Gebiet gemäß den Bestimmungen des Potsdamer Abkommens dem polnischen Staat zugeschlagen wurde, wurden die deutschen Bewohner vertrieben. Mit Hunderten von Landsleuten in Viehwagen gepfercht, musste Löbe im Sommer 1945 Schlesien für immer verlassen. Er schlug sich nach Berlin durch, wohnte im amerikanischen Sektor und war wieder in der SPD aktiv. Bis an sein Lebensende blieb Löbe in der westdeutschen SPD und setzte sich besonders für die Belange der Heimatvertriebenen ein.

Noch 1945 wurde er Redakteur der Tageszeitung Das Volk, später dann Lizenzträger des Telegraf im britischen Sektor Berlins. Von 1949 bis 1951 war Löbe der Gründungspräsident des Deutschen Rates der Europäischen Bewegung.[3] 1954 wurde er Vorsitzender des Kuratoriums Unteilbares Deutschland und blieb es bis zu seinem Tode. Er erhielt ein Ehrengrab des Berliner Senats auf dem Waldfriedhof Zehlendorf. Die Grabstätte befindet sich in der Abt. III U-24.

Partei[Bearbeiten]

Löbe war seit 1895 Mitglied der SPD. Er gründete 1898 den SPD-Ortsverein von Ilmenau. 1899 wurde er Vorsitzender der SPD in Mittelschlesien. Schon 1919/20 bemühte er sich um eine Verständigung mit dem gemäßigten Flügel der USPD, der sich 1922 der SPD wieder anschloss. Der Reichsvorstand der SPD schlug ihn nach Friedrich Eberts Tod 1925 als Kandidaten für die Reichspräsidentschaft vor. Löbe lehnte jedoch ab, weil er seinen Platz im Parlament sah. 1932/33 war er außerdem Redakteur des Vorwärts, 1933 wenige Tage lang Vorsitzender eines gewählten „Direktoriums“ der Inlands-SPD. In dieser Zeit soll er, einigen Quellen zufolge, den SPD-Vorstand „judenfrei“ gemacht haben, um so ein Verbot der SPD zu verhindern.[4] Tatsächlich waren von den 20 Mitgliedern des Ende April gewählten Parteivorstandes zwölf bis Mitte Juni bereits emigriert, die meisten nach Prag, wo der Vorstand zu der Zeit eine Exil-Organisation (SoPaDe) aufbaute; in Deutschland wurde die SPD genau drei Tage nach der Wahl des „Direktoriums“ verboten. Diesem gehörten fünf der acht in Berlin verbliebenen Vorstandsmitglieder an: „Nicht gewählt wurden somit drei Personen, von denen unbekannt ist, ob sie an der Sitzung teilgenommen haben und von denen keine ´jüdisch´ war.“[5] Friedrich Stampfer hat sich über Löbe später wertschätzend geäußert und, soweit bekannt, keinen Antisemitismus-Vorwurf gegen ihn erhoben[6]

Nach dem Zweiten Weltkrieg beteiligte sich Löbe maßgeblich am Wiederaufbau der SPD und wurde Mitglied des Berliner Zentralausschusses der Partei. Dabei lehnte er die Zwangsvereinigung mit der KPD zur SED in der sowjetischen Besatzungszone strikt ab. Er verließ deshalb den Zentralausschuss der (Ost-)Berliner SPD und engagierte sich in der SPD der Westsektoren, die selbständig blieb. 1947 wurde er zum Vorsitzenden des Außenpolitischen Ausschusses der SPD ernannt.

Abgeordneter[Bearbeiten]

Von 1904 bis 1919 war er Breslauer Stadtverordneter und von 1915 bis 1920 Mitglied im Provinziallandtag von Schlesien. Im Juni 1919 wurde er Vizepräsident der Weimarer Nationalversammlung, von 1920 bis 1933 war er Mitglied des Reichstags. Von 1920 bis 1924 und von 1925 bis 1932 war er auch Reichstagspräsident, danach von 1932 bis 1933 Vizepräsident. 1921 wurde er Mitglied des Preußischen Staatsrates.

Löbe war 1948/1949 Mitglied im Parlamentarischen Rat und dort stellvertretender Vorsitzender der SPD-Fraktion. Von 1949 bis 1953 war Löbe schließlich auch Mitglied des Deutschen Bundestages, wobei er als aus Berlin stammender Abgeordneter wegen der alliierten Vorbehalte nicht vom Volk gewählt werden konnte, sondern vom Abgeordnetenhaus West-Berlins als nicht stimmberechtigter Abgeordneter nach Bonn delegiert wurde. Er war der älteste Parlamentarier und damit der Alterspräsident des ersten Deutschen Bundestages; an zweiter Stelle stand der drei Wochen jüngere Konrad Adenauer, den er um 3½ Monate überlebte.

Trauerfeier[Bearbeiten]

Für Paul Löbe fanden in West-Berlin am 9. August 1967 ein Staatsbegräbnis und eine vermutlich als Satire-Event zur Durchführung gebrachte Trauerfeier statt, letztere vor dem Rathaus Schöneberg. Der spätere RAF-Terrorist Andreas Baader, Ulrich Enzensberger, Rainer Langhans, der später als Verfassungsschutz-Agent enttarnte Peter Urbach, der den Sarg bereitstellte, und andere trugen einen Sarg mit der Aufschrift „SENAT“ auf dem Rathausvorplatz und verteilten Flugblätter: „Ihr wollt heute Paul Löbe durch den Schornstein feiern. […] Wir wollen ein paar smarte Leichen verscharren, die langsam schon zum Himmel stinken“, mit Auflistung der damaligen Mitglieder des Berliner Senats. Obwohl 24 der Demonstranten festgenommen wurden, konnten die Beteiligten Baader, Enzensberger und Gudrun Ensslin entkommen.[7]

Ehrungen[Bearbeiten]

Löbe wurde 1951 mit dem Großkreuz des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland ausgezeichnet.[8] Am 14. Dezember 1955 erhielt er die Ehrenbürgerwürde der Stadt Berlin. Er war Ehrenmitglied der Freien Universität Berlin. Außerdem war er Träger der Ehrenplakette des Bundes der Vertriebenen. 1960 verlieh ihm der Berliner Senat die Ernst-Reuter-Plakette. Das Paul-Löbe-Haus des Deutschen Bundestages ist nach ihm benannt und die Allee südlich des Hauses, ebenso die Paul-Löbe-Schule, eine integrierte Sekundarschule in Berlin-Reinickendorf. In einigen Städten und Gemeinden sind Straßen nach Paul Löbe benannt (→ Paul Löbe als Namengeber von Straßen).

Veröffentlichungen[Bearbeiten]

  • Erinnerungen eines Reichstagspräsidenten. Arani Verlag Berlin 1949
* Die veränderte und erweiterte 2. bis 5. Auflage erschien 1954 bis 2002 bei Arani unter dem Titel: Der Weg war lang. Lebenserinnerungen. Zuletzt ISBN 3-7605-8625-2.
  • Gegenwartsfragen des Parlamentarismus. In: Für und Wider. Lebensfragen deutscher Politik. Offenbach am Main 1952, S. 39–48.
  • Aus dem Parlamentarischen Leben. In: Hessische Hochschulwochen für Staatswissenschaftliche Fortbildung. Band 3, 1953, S. 312–318.
  • Reichstag und Bundestag. Edition eines wiederentdeckten Vortrags von Paul Löbe aus dem Jahre 1951, eingeleitet und hrsg. von Michael F. Feldkamp, in: Zeitschrift für Parlamentsfragen. Band 38, 2007, S. 376–400.

Literatur[Bearbeiten]

  • Arno Scholz und Walther G. Oschilewski (Hrsg.): Lebendige Tradition. Paul Löbe zum achtzigsten Geburtstag am 14. Dezember 1955. Berlin 1955.
  • Wilhelm W. Schütz: Der gerade Weg. Paul Löbe und die deutsche Einheit. Berlin 1966.
  • Arno Scholz und Walther G[eorg] Oschilewski (Hrsg.): Ein großes Vorbild. Paul Löbe zum Gedächtnis. Berlin 1968.
  • Willy Albrecht: Die Bemühungen des schlesischen Sozialdemokraten Paul Löbe um den Erhalt der deutschen Einheit in den Jahren nach 1945. In: Wolfgang Schulz (Hrsg.): Große Schlesier. Berlin 1984, S. 216–220.
  • Helmut Neubach: Löbe, Paul. In: Neue Deutsche Biographie (NDB). Band 15, Duncker & Humblot, Berlin 1987, ISBN 3-428-00196-6, S. 20 f. (Digitalisat).
  • Helmut Neubach: Paul Löbe. In: Schlesische Lebensbilder. Band 6, 1990, S. 222–233.
  • Helmut Neubach: Paul Löbe. Bund der Vertriebenen, Bonn 2000, ISBN 3-925103-94-5.
  • M.d.R. Die Reichstagsabgeordneten der Weimarer Republik in der Zeit des Nationalsozialismus. Politische Verfolgung, Emigration und Ausbürgerung 1933–1945. Eine biographische Dokumentation. Mit einem Forschungsbericht zur Verfolgung deutscher und ausländischer Parlamentarier im nationalsozialistischen Herrschaftsbereich, hrsg. von Martin Schumacher u.a., Düsseldorf 3. Auflage 1994, S. 291, 293f. (= Veröffentlichung der Kommission für Geschichte des Parlamentarismus und der politischen Parteien in Bonn).
  • Gerhard Beier: Löbe, Paul. In: Manfred Asendorf und Rolf von Bockel (Hrsg.): Demokratische Wege. Deutsche Lebensläufe aus fünf Jahrhunderten. Stuttgart und Weimar 1997, S. 393–395.
  • Erhard H. M. Lange: Gestalter des Grundgesetzes. Die Abgeordneten des Parlamentarischen Rates. 15 historische Biographien. Brühl/Rheinland 1999, S. 111–119.
  • Theodor Oliwa: Paul Löbe. Ein sozialdemokratischer Politiker und Redakteur. Die schlesischen Jahre (1875–1919). Neustadt 2003 (= Quellen und Darstellungen zur schlesischen Geschichte, Band 30).
  • Jürgen Mittag: Vom Honoratiorenkreis zum Europanetzwerk: Sechs Jahrzehnte Europäische Bewegung Deutschland. In: 60 Jahre Europäische Bewegung Deutschland. Berlin 2009; Seite: 12–28. Online
  • Ditmar Staffelt: Der Wiederaufbau der Berliner Sozialdemokratie 1945/46 und die Einheitsfrage – ein Beitrag zur Nachkriegsgeschichte der unteren und mittleren Organisationsgliederungen der SPD, Verlag Peter Lang 1986, ISBN 978-3-8204-9176-0, Seite 431

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Paul Löbe – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. a b Friedrich-Ebert-Stiftung: Übersicht zu Archivbeständen
  2. Im Oktober 1930 kam es zum Abschluss des Deutsch-Polnischen Liquidationsabkommen. Es regelte den gegenseitigen Verzicht auf finanzielle Forderungen beider Staaten und schuf Rechtssicherheit für die deutsche Minderheit in Polen.
  3. Mittag 2009: S. 15.
  4. So zum Beispiel Heinz Niemann in: Geschichte der deutschen Sozialdemokratie 1914-1945, Berlin 2008, S. 529. Der ehemalige DDR-Historiker erneuert in diesem Werk eine Behauptung, die schon in den 1960er Jahren dort lanciert wurde, vgl. Vorwärts vom Oktober 2001: „Juden aus dem Vorstand?“ (Sonderteil „125 Jahre Vorwärts“, keine Seitenzahl)
  5. Vorwärts, a.a.O. (zweite Seite)
  6. vgl. Vorwärts, ebenda
  7. Klaus Stern und Jörg Herrmann: Andreas Baader. Das Leben eines Staatsfeindes. 3. Auflage, dtv, München 2007, S. 86.
  8. Bekanntgabe von Verleihungen des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland. In: Bundesanzeiger. Jg. 3, Nr. 250, 29. Dezember 1951.