Paul Lendvai

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche
Paul Lendvai (2012)

Paul Lendvai [ˈlɛndvɒ.i] (* 24. August 1929 in Budapest) ist ein aus Ungarn stammender österreichischer Publizist und Moderator. Er ist politischer Kommentator der österreichischen Tageszeitung Der Standard sowie in ungarischen und englischsprachigen Medien. Von 1982 bis 1987 war Lendvai Leiter der Osteuropa-Redaktion des ORF. Heute ist er Leiter der Diskussionssendung Europastudio und gilt als einer der profundesten Kenner Ost- und Südosteuropas.

Leben[Bearbeiten]

Als Sohn jüdischer Eltern wurde er mit seinem Vater 1944 verschleppt. Dank eines Schweizer Schutzpasses überlebten sie in Budapest. Nach dem Krieg und einem anschließenden Jusstudium begann er als Journalist bei sozialdemokratischen Zeitungen zu schreiben. Auf Grund seiner Tätigkeit wurde er 1953 von den Kommunisten verhaftet und erhielt drei Jahre Berufsverbot. Im Zuge des Ungarn-Aufstandes floh er aus Ungarn über Prag und Warschau 1957 nach Wien, obwohl der Eiserne Vorhang schon ziemlich unüberwindlich war. Einer seiner ersten Freunde in Österreich wurde Hugo Portisch.

In Wien begann er zuerst als Übersetzer ungarischer Nachrichten und verfasste später eigene Artikel für Die Presse und die Neue Zürcher Zeitung – zum Schutz seiner Mutter, die in Budapest geblieben war, unter verschiedenen Pseudonymen.

1959 erhielt er die österreichische Staatsbürgerschaft. Von 1960 bis 1987 war er Auslandskorrespondent für die Londoner Financial Times in Wien. Er gründete die Zeitschrift Europäische Rundschau und wurde 1982 Leiter der Osteuropa-Redaktion des ORF und später Intendant von Radio Österreich International.

Als überzeugter Sozialdemokrat und Mitteleuropäer versuchte er, sowohl bei der Waldheim-Affäre als auch bei den Sanktionen der EU nach der Regierungsbeteiligung der FPÖ durch Vorträge und Artikel seine neue Heimat Österreich objektiv zu beleuchten und gegen Pauschalurteile anzukämpfen.

In seinem jüngsten Buch Mein verspieltes Land wirft er dem konservativen Fidesz-Vorsitzenden und ungarischen Ministerpräsidenten Viktor Orbán autokratische Tendenzen vor. Er spricht von Ungarn als „verführbare Nation“[1], die das Trianon-Trauma niemals überwinden konnte. Durch den Vertrag von Trianon verlor Ungarn einen Großteil seines Staatsgebietes und seiner Bevölkerung als Folge der Niederlage im Ersten Weltkrieg. So finden sich bis heute große ungarische Minderheiten in Rumänien, der Slowakei und Serbien. Orbán versteht sich als Ministerpräsident aller Ungarn, auch der Ungarn jenseits der heutigen Staatsgrenzen.

Bei der Parlamentswahl 2010 errang Orbáns Partei Fidesz eine Zweidrittelmehrheit, die es ihr im Parlament erlaubt, wesentliche Teile der Verfassung zu ändern. Orbán spricht von einem neuen „System der Nationalen Zusammenarbeit“[2]. Lendvai versucht in seinem Buch aufzuzeigen, wie die neue Regierung die unabhängigen Institutionen auf Parteilinie zu bringen versucht. So wurde ein neues Mediengesetz verabschiedet, das der Regierung angeblich die Kontrolle über die Medien verschaffen soll.[3] Lendvai weist nach, dass Orbán mit der angestrebten Macht über die Medien einer langfristig angelegten Strategie folgt.[4] Kurz nach dem Erscheinen des Buches wurden in der regierungsnahen ungarischen Wochenzeitung Heti Válasz Dokumente des ungarischen Geheimdienstes veröffentlicht, nach denen er mit den kommunistischen Behörden Ungarns kooperiert haben soll,[5] was Lendvai jedoch in Abrede stellt.[6] In der Folge dieser Anwürfe gab es auch Mobilisierungen und Drohungen gegen Lendvai, woraufhin die Heinrich-Böll-Stiftung eine Lesung Lendvais aus Sicherheitsgründen absagte.[7]

Schriften[Bearbeiten]

  • Der rote Balkan. Zwischen Nationalismus und Kommunismus. Fischer, Frankfurt am Main 1969.
  • Antisemitismus ohne Juden. Europaverlag, Wien 1972, ISBN 3-203-50417-0.
  • Kreisky. Portrait eines Staatsmannes. Zsolnay / Econ, Wien / Hamburg / Düsseldorf 1972, ISBN 3-430-17808-8.
  • Die Grenzen des Wandels. Spielarten des Kommunismus im Donauraum. Europaverlag, Wien 1977, ISBN 3-203-50611-4
  • Der Medienkrieg. Wie kommunistische Regierungen mit Nachrichten Politik machen. Ullstein, Frankfurt am Main 1980, ISBN 3-548-34515-8
  • Religionsfreiheit und Menschenrechte. Bilanz und Aussicht. Styria, Graz 1983, ISBN 3-222-11476-5.
  • Das einsame Albanien. Reportage aus dem Land der Skipetaren. Edition Interfrom, Zürich 1985, ISBN 3-720-15177-8.
  • Das eigenwillige Ungarn. Von Kádár zu Grosz. Edition Interfrom, Zürich 1986, ISBN 3-720-15195-6.
  • Zwischen Hoffnung und Ernüchterung. Reflexionen zum Wandel in Osteuropa. Jugend und Volk, Wien 1994, ISBN 3-224-16577-4.
  • Auf schwarzen Listen. Erlebnisse eines Mitteleuropäers. Hoffmann und Campe, Hamburg 1996, ISBN 3-455-11077-0.
  • Die Ungarn. Ein Jahrtausend Sieger in Niederlagen. Bertelsmann, München 1999, ISBN 3-570-00218-7, als TB: Goldmann, München 2001, ISBN 3-442-15122-8.
  • Reflexionen eines kritischen Europäers. Kremayr und Scheriau, Wien 2005, ISBN 3-218-00758-5.
  • Der Ungarnaufstand 1956. Eine Revolution und ihre Folgen. Bertelsmann, München 2006, ISBN 3-570-00579-8.
  • Mein Österreich. 50 Jahre hinter den Kulissen der Macht. Ecowin, Salzburg 2007, ISBN 3-902-40446-9.
  • Best of Paul Lendvai. Begegnungen, Erinnerungen, Einsichten. Ecowin, Salzburg 2008, ISBN 978-3-902404-66-4.
  • Als der Eiserne Vorhang fiel. Texte aus dem „Wiener Journal“ und der „Europäischen Rundschau“ aus dem annus mirabilis 1989. Herausgegeben mit Rudolf Bretschneider, Einleitung von Michael Spindelegger, Edition Atelier, Wien 2009, ISBN 978-3-902498-26-7.
  • Mein verspieltes Land. Ungarn im Umbruch. Ecowin, Salzburg 2010, ISBN 978-3-902404-94-7.
  • Leben eines Grenzgängers. Erinnerungen. Aufgezeichnungen im Gespräch mit Zsófia Mihancsik. Kremayr & Scheriau, Wien 2013, ISBN 978-3-218-00864-8.

Auszeichnungen (Auswahl)[Bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Paul Lendvai – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Mein verspieltes Land. Ungarn im Umbruch, S. 121
  2. Mein verspieltes Land. Ungarn im Umbruch, S. 215
  3. Pester Lloyd, abgerufen am 6. Dezember 2010
  4. Mein verspieltes Land. Ungarn im Umbruch, 10. Kapitel: Die Macht der diskreten Pressezaren, S. 155–172
  5. Gregor Mayer: Rufmord-Kampagne gegen Paul Lendvai, bei Der Standard, 18. November 2010
  6. Ungarisches Blatt wirft Paul Lendvai Spitzeltum vor, bei Die Presse, 19. November 2010
  7. Angst vor Gewalt: Böll-Stiftung sagt Lendvai-Lesung ab auf ORF vom 25. November 2010, abgerufen am 26. November 2010
  8. a b c d e f Prof. Paul Lendvai ORF-Kundendienst, abgerufen am 24. März 2010
  9. a b c d e f Lendvai Paul Prof. In: Hübners Who is who., abgerufen am 26. Juni 2010.
  10. Aufstellung aller durch den Bundespräsidenten verliehenen Ehrenzeichen für Verdienste um die Republik Österreich ab 1952 (PDF; 6,9 MB)
  11. Buchhandel ehrt Paul Lendvai auf ORF, abgerufen am 28. Oktober 2008