Paul Natorp

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Paul Natorp

Paul Gerhard Natorp (* 24. Januar 1854 in Düsseldorf; † 17. August 1924 in Marburg) war ein deutscher Philosoph und Pädagoge, der als Mitbegründer der Marburger Schule des Neukantianismus bekannt ist.

Leben[Bearbeiten]

Paul Natorp war der Sohn des protestantischen Pfarrers Adelbert Natorp und seiner Frau Emilie Keller. Er studierte ab 1871 Musik, Geschichte, klassische Philologie und Philosophie in Berlin, Bonn und Straßburg. Seine auf Latein verfasste geschichtswissenschaftliche Dissertation schloss er 1876 in Straßburg bei dem Positivisten Ernst Laas ab. Nach vier Jahren Tätigkeit als Hauslehrer wurde er Hilfsbibliothekar in Marburg, wo er sich 1881 bei Hermann Cohen habilitierte. 1885 wurde er außerordentlicher Professor und erhielt 1893 das Ordinariat für Philosophie und Pädagogik in Marburg, das er bis zu seiner Emeritierung 1922 innehatte. Im Wintersemester 1923/24 führte Natorp mit dem nach Marburg berufenen Martin Heidegger einen intensiven Gedankenaustausch, dessen Arbeiten zu Duns Scotus er schon sehr früh genau gelesen und exzerpiert hatte. Paul Natorp hat sich - neben dem Anglisten Wilhelm Viëtor - auch als Organisator und Leiter der 1896 von dem Romanisten Eduard Koschwitz begründeten "Marburger Ferienkurse" verdient gemacht. Am 24. Januar 1924 erhielt er die Ehrendoktorwürde der theologischen Fakultät der Universität Marburg. Er war seit 1887 mit seiner Cousine Helene Natorp verheiratet und hatte fünf Kinder. Natorp war ein ambitionierter Komponist, der hauptsächlich Kammermusik komponierte (Cello-Sonate, Violinsonate, Klaviertrio). Außerdem schrieb er etwa 100 Lieder und 2 Chorwerke. Bekannt ist sein Briefwechsel mit Brahms, der ihm abriet, als Komponist sein Brot zu verdienen.

Philosophie[Bearbeiten]

In der Erkenntnistheorie vertrat Natorp ähnlich wie Cohen einen methodischen Idealismus. Die zwei Erkenntnisstämme Kants von Anschauung und Verstand wurden bei ihm zu Materie und Form der Erkenntnis. Raum und Zeit sind Denkbestimmungen der Relation und Größe. Das Gegebene wird zum Aufgegebenen, wonach zu fragen sinnlos ist. Erkenntnisse sind nicht subjektiv, sondern in der gesetzlichen Bestimmung der Erscheinungen zu objektivieren. Die synthetische Einheit ist dabei das Grundgesetz des Erkennens, das durch die Grundfunktionen der Kategorien (Qualität, Quantität, Relation und Modalität) bestimmt ist.

In Bezugnahme auf die regulativen Ideen Kants bestimmte Natorp „das Gesetz des Sollens“ in dem als Aufgabe aufzufassenden Streben nach Erkenntnis des Unendlichen. Hieraus leitete er die Stufen des Strebens als Trieb, Wollen und Vernunftwillen ab, die er mit einer Tugendlehre verband. Das wahrhaft Konkrete war für ihn nicht der Einzelne, sondern die Gemeinschaft. Im Praktischen hat sich Natorp für eine zu seiner Zeit durchaus umstrittene sozialistische Bildungspolitik, insbesondere für eine unentgeltliche Volksschule und gleiche Bildungschancen für alle eingesetzt.

Die Quelle der Religion war für Natorp das Gefühl, die unmittelbare Selbsterkenntnis. Der Wahrheitsgrund der Religion ist damit die Subjektivität. Die Unendlichkeit des Gefühls führt zur Transzendenz.

Wenn man den Grundgedanken des Werkes von Natorp in einem Satz zusammenfassen wollte, so könnte man formulieren:

  • Denken heißt nicht nur „Beziehen“ (Lotze), sondern Denken heißt in Beziehungen (Verhältnissen) stehen.

Damit übernimmt Natorp Gottlob Freges – von Lotze beeinflusstes – Programm einer „Begriffsgrundlegung“, das über Bertrand Russell und Ludwig Wittgenstein die analytische Philosophie auf den Weg brachte und mit Robert Brandoms Expressiver Vernunft wieder aktuell ist. Während aber in den sich auf Wittgenstein berufenden Traditionen analytischer und linguistisch-strukturalistischer Provenienz die Relationen als „Gegenstände“ unter anderen angesehen oder mit Berufung auf den Common Sense als ‚bloße‘ Relationen überhaupt abgewertet werden, so dass mit einem Maximum an inhaltlicher Applikation von Relationen – von „Struktur“ über „Syntax“, „Semantik“, „Pragmatik“ bis hin zu „Kompetenz“ und „Perfomanz“ – ein Minimum an deren Reflexion einhergeht, stellt Natorp „ganz klar und offen die Relation an die Spitze aller logischen Erwägung“ und macht sie damit zum „Begriff des Begriffs“. Dieser Übergang vom Substanzbegriff zum Relationsbegriff ist durch Natorps Schüler Cassirer als Übergang vom „Substanzbegriff zum Funktionsbegriff“ bekannt geworden – und, wie ihm von Seiten der Physik bescheinigt wird, von unverminderter Aktualität. Er nimmt das vorweg, was Richard Rorty 70 Jahre später in sein einprägsames und populäres Bild vom „Spiegel der Natur“ gebracht hat: dass nämlich „Repräsentation“, also die Vor- und Darstellung der Welt, diese nicht „abbildet“, sondern ursprünglich erzeugt.

Diesen Grundgedanken seines „monistischen Korrelativismus“, dass Erkenntnis als die Beziehung des Denkens auf den Gegenstand zugleich seinen Einbezug in das Medium des Denkens bedeutet, hat Natorp von Anfang an in den Dienst einer Umfassung der unterschiedlichsten Gebiete wie Natur und Kultur, Logik und Politik und vor allem Pädagogik gestellt. Alle Fachrichtungen, von der Mathematik bis zur Sprach- und Geschichtswissenschaft, sollten in die Bildung des ganzen Volkes hineinwirken und damit selbst den Weg zum Leben und zur Praxis zurückfinden. Damit sind Anspruch und Umfang des Natorpschen Werkes von einer für die Philosophie und Pädagogik (Erziehungswissenschaft) der Gegenwart nicht zu unterschätzenden Bedeutung.

Werke[Bearbeiten]

  • Descartes Erkenntnistheorie, 1882
  • Sozialpädagogik, 1899 (7. Aufl. 1974)
  • Platos Ideenlehre, 1903; Neuausgabe: Meiner, Hamburg 2001, ISBN 978-3-7873-1681-6
  • Logik in Leitsätzen, 1904
  • Gesammelte Abhandlungen zur Sozialpädagogik, 3 Bände 1907
  • Pestalozzi. Leben und Lehre, 1909
  • Die logischen Grundlagen der exakten Wissenschaften, 1910
  • Philosophie; ihr Problem und ihre Probleme, 1911; Neuausgabe: Edition Ruprecht, Göttingen 2008 (hg. und mit einer Einleitung von Karl-Heinz Lembeck), ISBN 978-3-7675-3055-3
  • Die allgemeine Psychologie nach kritischer Methode, 1912
  • Sozialidealismus, 1920
  • Beethoven und wir, 1920
postum
  • Allgemeine Logik (Veröffentlicht in: Flach und Holzhey, Erkenntnistheorie und Logik im Neukantianismus), 1979
  • Vorlesungen über praktische Philosophie, Erlangen 1925
  • Philosophische Systematik. Nachdruck der 1. Aufl. v. 1958. Meiner, Hamburg 2004. ISBN 978-3-7873-1687-8

Literatur[Bearbeiten]

  • Nina Dmitrieva: Der russische Neukantianismus: Marburg in Russland. Historisch-philosophische Skizzen. Moskau 2007, ISBN 978-5-8243-0835-8
  • Carl-Friedrich Geyer: Natorp, Paul. In: Biographisch-Bibliographisches Kirchenlexikon (BBKL). Band 6, Bautz, Herzberg 1993, ISBN 3-88309-044-1, Sp. 495–497.
  • Franz Gundlach: Catalogus Professorum Academiae Marburgensis. Die akademischen Lehrer der Philipps-Universität Marburg von 1527 bis 1910. Marburg 1927, S. 300
  • Helmut Holzhey: Natorp, Paul. In: Neue Deutsche Biographie (NDB). Band 18, Duncker & Humblot, Berlin 1997, ISBN 3-428-00199-0, S. 752 f. (Digitalisat).
  • Peter Hoeres: Der Krieg der Philosophen. Die deutsche und britische Philosophie im Ersten Weltkrieg, 2004, ISBN 978-3-506-71731-3.
  • Norbert Jegelka: Paul Natorp, Würzburg 1992
  • Christoph von Wolzogen: Die autonome Relation. Zum Problem der Beziehung im Spätwerk Paul Natorps. Ein Beitrag zur Geschichte der Theorien der Relation, Würzburg/Amsterdam 1984
  • Ders.: Schöpferische Vernunft. Der Philosoph Paul Natorp und das Ende des Neukantianismus, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, Samstag 17. März 1984, Bilder und Zeiten
  • Ders.: „Es gibt“. Heidegger und Natorps „Praktische Philosophie“, in: A. Gethmann-Siefert/O. Pöggeler (Hrsg.): Heidegger und die praktische Philosophie, Frankfurt 1988
  • Ders.: „Den Gegner stark machen“. Heidegger und der Ausgang des Neukantianismus am Beispiel Paul Natorps, in: E.W. Orth/H. Holzhey (Hrsg.): Neukantianismus. Perspektiven und Probleme, Würzburg 1994, S. 397-417

Weblinks[Bearbeiten]

 Wikisource: Paul Natorp – Quellen und Volltexte