Pedibus

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Haltestellentafel eines Pedibusses in Deutschland.
Haltestellentafel eines Pedibusses in der italienischen Stadt Zanica

Der Pedibus, auch Laufender Schulbus, (französisch Pédibus, englisch walking bus), ist kein richtiger Bus, sondern ein Schulbus auf Füßen. Die Kinder gehen also zu Fuß zum Kindergarten bzw. zur Schule und zurück. Dabei werden sie von einer erwachsenen Person (Chauffeuse) begleitet. Diese folgt einer vereinbarten Route und holt die Kinder zu bestimmten Zeiten an definierten Orten (Haltestellen) ab.

Sinn und Zweck des Pedibus ist zum einen, dass die Eltern die Schüler nicht mehr individuell – beispielsweise mit dem Auto – den ganzen Weg von und zur Schule bringen, sondern nur noch an den nächsten Sammelpunkt, die Haltestelle des Pedibus, und zum anderen, dass die Schüler sich im Alltag mehr bewegen.

Pedibusse gibt es in immer mehr Ländern der Welt. Bekannt sind Busse in Australien, Deutschland, Großbritannien, Frankreich, Italien, Kanada, Luxemburg, Österreich und der Schweiz.

Begriff[Bearbeiten]

Anders als der erste Eindruck des Worts und die Bezeichnungen walking bus, Laufender Schulbus oder Schulbus auf Füßen nahelegen, leitet sich der Begriff Pedibus nicht von dem verbreiteten Massentransportmittel Omnibus, verkürzt Bus, ab. Das Wort Pedibus (von lateinisch pes = Fuß, pedes = Fußgänger) ist vielmehr ein bereits in klassischer römischer Zeit gebräuchlicher Ausdruck für den nicht reitenden oder fahrenden Bürger oder Soldaten, der als Dativ Plural von pes mit zu Fuß, mit den Füßen, als Fußgänger zu übersetzen ist. Pedibus bedeutet also eigentlich: Sich mit den Füßen fortbewegen.[1]

Dennoch erscheint die verbreitete bildliche Veranschaulichung sinnvoll und kindgemäß, weil sie zum einen eine Verbindung zu dem bekannten Schulbus herstellt und zum anderen den Kindern eine bildhafte Vorstellung von ihrer neuen Verkehrsweise vermittelt: Die Ähnlichkeit wird den Kindern schon optisch deutlich und körperlich erfahrbar, wenn sie sich wie in einem Bus als Zweiergruppen mit Handfassung in einer Gehkolonne zusammengefasst finden, deutlicher noch, wenn die gesamte Marschkolonne durch ein Sicherungsseil miteinander verbunden ist.

Ausgangsgedanke[Bearbeiten]

Die Einrichtung von „Pedibussen“ entwickelte sich aus dem Bedürfnis engagierter Eltern und Erzieher, ihren Kindern unter Einschränkung des Motorverkehrs einen sicheren Fußweg zu Kindergarten und Schule zu ermöglichen.[2] Die zunehmende Praxis, Kinder in Schulbussen oder Privatautos zu transportieren, hatte sich zudem als kontraproduktiv sowohl für die Sicherheit der Kinder als auch für ihre physische und psychische Befindlichkeit zu Schulbeginn erwiesen:

Die Verdichtung des Verkehrs zu den Stoßzeiten von Unterrichtsbeginn und Unterrichtsende führt zu der sogenannten Schul-Rushhour, die mit einer deutlich erhöhten Gefährdung aller Kinder verbunden ist. Hinzu kommen Langeweile, Unmut, Verdrießlichkeit, Zank und Verletzungen durch die Einschränkung des kindlichen Bewegungsdrangs und das Eingesperrtsein in den engen Fahrzeugen. Die Lehrer registrierten eine gesteigerte Aggressivität und verminderte Aufnahmefähigkeit bei den sogenannten „Fahrschülern“ im Vergleich zu den ausgeglicheneren „Fußgängern“.[3]

Die von Australien ausgehende Idee des „walking bus“ verbreitete sich über Großbritannien sehr schnell in ganz Europa. Allein in München haben sich bis 2013 mehr als dreißig Grundschulen der Initiative angeschlossen.[4]

Situation in Deutschland[Bearbeiten]

In Deutschland (z. B. in Viersen (Grundschule an der Zweitorstraße)) ist die Idee Pedibus auch als „Walking-Bus“ bekannt. Hier befinden sich die Haltestellen entlang des Schulwegs. In München fördert die Stadtverwaltung im Rahmen ihrer Initiative "Gscheid mobil" die Einrichtung von Pedibussen.[5] In ihrem Auftrag hilft die Umweltorganisation Green City e.V. Schulen und Eltern dabei, einen „Bus mit Füßen“ zu organisieren. Die Umweltorganisation stellt den Bus mit Füßen auf Elternabenden vor, führt eine Routenplanung durch und steht Eltern bei Fragen zur Schulwegbegleitung ihrer Kinder zur Verfügung.[6] Leipzig führt zum Schuljahr 2013/14 erstmals einen Bus mit Füßen durch.[7] Der Verkehrsclub Deutschland ist bestrebt, das Modell in Deutschland bekannter zu machen.[8]

Situation in Österreich[Bearbeiten]

In Österreich findet sich die Idee Pedibus in mehreren Bundesländern ab 2009 verwirklicht. In Tirol wird das Projekt zum Beispiel vom Klimabündnis Tirol durchgeführt.

Situation in der Schweiz[Bearbeiten]

In der Schweiz hielt der Pedibus, gefördert durch den Verkehrs-Club der Schweiz (VCS), von Frankreich kommend 1998 zuerst in der Stadt Lausanne Einzug.[9] Nach einer kontinuierlichen Verbreitung in der Westschweiz (Stand Herbst 2009 existieren derzeit in dieser Region alleine 250 Linien), findet der Pedibus nun auch in der Deutschschweiz eine zunehmende Akzeptanz.

Kritische Beurteilung[Bearbeiten]

Die Idee des Pedibus wird vor allem von Naturschutzorganisationen, vom Umweltbundesamt[10] und den Verkehrsclubs mit ökologischem Schwerpunkt in den verschiedenen Ländern[11] [12] propagiert, weil sie der Reduzierung des Fahrzeugaufkommens und damit dem Umweltschutz dient.

Sie wird auch von den Sportverbänden und Schulen unterstützt, weil sie der natürlichen Bewegung der Kinder, der Kommunikation auf dem Schulweg und einem entstressten Unterrichtsbeginn entgegenkommt.[13]

Im Rahmen der Verkehrssicherung wird diese Verkehrshilfe jedoch nur als vorübergehende kurative Maßnahme gesehen, der unter der unabdingbaren Zielsetzung der Verselbstständigung des einzelnen Kindes als mündigem Verkehrsteilnehmer nur eine begrenzte Bedeutung zukommen kann: [14][15]

Die Eingliederung in eine von Erwachsenen geführte Gruppe verführt dazu, dass Aufmerksamkeit und Wahrnehmung in der Praxis (ähnlich wie im Schulbus) vornehmlich aufeinander, weniger auf das eigentliche Verkehrsgeschehen ausgerichtet sind. Eine Auseinandersetzung mit dem angemessenen Verkehrsumgang und ein verkehrspädagogischer Lernprozess finden nur in Ansätzen statt. Das Anfassen der Kinder zu Paaren und das Instrument der zusätzlichen Sicherung der Kinderkolonne durch ein Leitseil erschwert zwar das spontane Ausbrechen einzelner Kinder aus dem Verband. Andererseits schafft es eine erneute Gängelung und Fesselung der Kinder beim Verkehren. Die Befreiung aus der Enge des elterlichen Autos und die Wiederentdeckung des gemeinsamen Fußwegs unter der Verantwortung von Erwachsenen wird deshalb nur als ein erster Schritt zur Verselbstständigung des Kindes im Verkehrsumgang gesehen. Die Kinder werden vom „Mitfahrer“ in Fahrzeugen zum „Mitgeher“ in einer Kinderkolonne. Dies darf nicht zur Dauereinrichtung werden und kann eine zeitgemäße Verkehrserziehung zum mündigen Verkehrsteilnehmer nicht ersetzen. Verkehrspädagogen favorisieren daher eher eine frühzeitige Kompetenzausstattung der Kinder zu einem eigenständigen Verkehrsumgang. [16]

Nach den Vorstellungen der Verkehrspädagogik sollten die Kinder spätestens im ersten Schuljahr in die Lage versetzt sein, ihren Schulweg als Fußgänger eigenverantwortlich und sicher selbst zu gestalten.[17][18]

Siehe auch[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

  • M.A. Haller: Verkehrserziehung im Vorschulalter als Vorbereitung auf den Schulweg nach dem Karlsruher 12-Schritte-Programm. Wiss. Staatsexamensarbeit GHS. Karlsruhe 2001
  • Marco Hüttenmoser: Der Pedibus auf dem Schulweg - nicht sinnvoll und förderwürdig In: Verkehrszeichen. Heft 4, 2010 Seite 20-22. ISSN 0179-535X
  • Hermann Menge-Güthling: Enzyklopädisches Wörterbuch der lateinischen und deutschen Sprache. Berlin. 7. Auflage 1950
  • Philipp Spitta: Laufend lernen. Der Schulweg in der ersten Klasse. In: Sache-Wort-Zahl 30(2002) 17-22
  • Siegbert A. Warwitz: Die Entwicklung von Verkehrssinn und Verkehrsverhalten beim Schulanfänger – das Karlsruher Modell. In: Zeitschrift für Verkehrserziehung 4(1986) S. 93-98
  • Siegbert A. Warwitz: Kinder im Problemfeld Schul-Rushhour. In: Sache-Wort-Zahl 86(2007) 52-60
  • Siegbert A. Warwitz: Verkehrserziehung vom Kinde aus. Wahrnehmen-Spielen-Denken-Handeln. Baltmannsweiler. 6. Auflage 2009. ISBN 978-3-8340-0563-2
  • P. Wegener: Die Methode ‚Fußgängerdiplom’ als didaktisches Konzept zur Verkehrsertüchtigung des Schulanfängers. Wiss. Staatsexamensarbeit GHS Karlsruhe 1999

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Hermann Menge-Güthling: Enzyklopädisches Wörterbuch der lateinischen und deutschen Sprache. Berlin 7. Auflage 1950. Seite 565
  2. PDF Broschüre Info Pedibus Tirol
  3. Siegbert A. Warwitz: Kinder im Problemfeld Schul-Rushhour. In: Sache-Wort-Zahl 86(2007) 52-60
  4. Bus mit Füßen bei Green City e.V.
  5. http://www.muenchen.de/themen/bildung/schule/bus-mit-fuessen.html
  6. Bus mit Füßen bei Green City e.V.
  7. http://www.leipzig.de/imperia/md/content/51_jugendamt/lernen_vor_ort/03-2013_newsletter_bildungsmanagement_leipzig.pdf
  8. Vorlage:Internetquelle/Wartung/Zugriffsdatum nicht im ISO-FormatVorlage:Internetquelle/Wartung/Datum nicht im ISO-FormatVCD will Kinder „sicher zur Schule“ bringen. Eisenbahnjournal Zughalt.de, 4. August 2010, abgerufen am 22. August 2010.
  9. NZZ Online, Artikel Kinder zu Fuss statt mit dem Auto zur Schule begleiten vom 15. Oktober 2009
  10. Zu Fuß zur Schule - Laufender Schulbus Informationen des Umweltbundesamtes
  11. Verkehrs-Club der Schweiz (Hrsg.); Mit dem Pedibus zur Schule…; Broschüre
  12. Der VCD Laufbus - Sicher zur Schule Informationen des Verkehrsclub Deutschland VCD
  13. Philipp Spitta: Laufend lernen. Der Schulweg in der ersten Klasse. In: Sache-Wort-Zahl 30(2002) 17-22
  14. Marco Hüttenmoser: Der Pedibus auf dem Schulweg - nicht sinnvoll und förderwürdig In: Verkehrszeichen. Heft 4, 2010 S. 20-22
  15. Siegbert A. Warwitz: Verkehr als Raum zum Entdecken, als Herausforderung des Könnens und Adresse geselligen Handelns, In: Ders.: Verkehrserziehung vom Kinde aus. Wahrnehmen-Spielen-Denken-Handeln. Baltmannsweiler. 6. Auflage 2009. Seite 51-58
  16. Siegbert A. Warwitz: Der Weg zum ersten Alleingang. In: Ders.: Verkehrserziehung vom Kinde aus. Baltmannsweiler. 6. Auflage 2009 S. 190-215
  17. M.A. Haller: Verkehrserziehung im Vorschulalter als Vorbereitung auf den Schulweg nach dem Karlsruher 12-Schritte-Programm. Wissenschaftliche Staatsexamensarbeit GHS. Karlsruhe 2001
  18. P. Wegener: Die Methode ‚Fußgängerdiplom’ als didaktisches Konzept zur Verkehrsertüchtigung des Schulanfängers. Wissenschaftliche Staatsexamensarbeit GHS Karlsruhe 1999