Perfektionismus (Psychologie)

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche

Perfektionismus ist ein psychologisches Konstrukt, das versucht, interindividuelle Unterschiede bezüglich des Strebens nach möglichster Perfektion und Fehlervermeidung zu erklären. Eine einheitliche Definition existiert nicht; Forschergruppen haben zahlreiche Facetten des Konstruktes herausgearbeitet.

Allgemeines[Bearbeiten]

Einigkeit besteht darin, dass man Perfektionismus im Wesentlichen als ein Konstrukt mit Ausprägungen auf zwei Dimensionen auffassen kann:

  1. Perfektionistischen Streben: fasst unter anderem die Eigenschaften hohe persönliche Standards zu verfolgen und Organisiertheit zusammen.
  2. Perfektionistische Besorgnis: umfasst u. a. die Eigenschaften des Leistungszweifelns und Fehlersensibilität und aber auch Bewertungsängstlichkeit, besonders durch Eltern.

Dabei wird ein Perfektionismus mit einer hohen Ausprägung auf der Dimension des perfektionistischen Strebens und aber einer niedrigen Ausprägung auf der Dimension der perfektionistischen Besorgnis als gesunder oder funktionaler Perfektionismus bezeichnet, wogegen eine hohe Ausprägung auf beiden Dimensionen mit einem ungesunden oder dysfunktionalen Perfektionismus in Zusammenhang gebracht wird.

Geschichte[Bearbeiten]

Traditionell wurde der Perfektionismus mit pathologischen Eigenschaften in Zusammenhang gebracht.

Erst 1978 hat Don E. Hamachek eine differenziertere Sichtweise vorgeschlagen, indem er den Perfektionismus in einen normalen (funktionalen) und einen neurotischen (dysfunktionalen) Typus unterteilt hat.[1] Gleichwohl war die allgemeine Sichtweise in den 80ern, dass der Perfektionismus ausschließlich neurotisch und dysfunktional ist. Diese Ansicht wurde u. a. durch einige empirische Befunde belegt, die allerdings auf einem eindimensionalen Perfektionismus-Modell basierten. In Patientenstudien wurden erhöhte Perfektionismuswerte in Zusammenhang mit Depressionen, Zwangsstörungen und Essstörungen gebracht, und Studien mit nichtklinischen Probanden zeigten einen Zusammenhang zwischen hohem Perfektionismus und Stress, depressiven Symptomen, Ängstlichkeit und gestörtem Essverhalten.

Diese Sichtweise änderte sich, als zwei Forschergruppen unabhängig voneinander demonstrieren konnten, dass Perfektionismus multidimensional ist und jeweils ein mehrdimensionales Messinstrument anbringen konnten, um möglichst alle Facetten des Konstruktes erfassen zu können.

Randy O. Frost und Kollegen haben 1990 ein Modell mit sechs Facetten des Perfektionismus herausgearbeitet:

  • hohe persönliche Standards,
  • Organisiertheit,
  • Fehlersensibilität,
  • leistungsbezogene Zweifel,
  • Erwartung der Eltern und
  • Kritik durch Eltern.[2]

Dieses Modell impliziert, dass Perfektionisten sich hohe Standards setzen, über eine ausgeprägte Werteordnung und Organisiertheit verfügen, Fehler zu vermeiden versuchen, Unentschlossenheit zeigen und großen Wert auf die vergangene bzw. aktuelle Bewertung durch die Eltern legen.

Dagegen haben Paul L. Hewitt und Gordon L. Flett 1991 ein Drei-Facetten-Modell vorgestellt:

  • selbstorientierter Perfektionismus,
  • sozial vorgeschriebener Perfektionismus und
  • fremdorientierter Perfektionismus.

Dieses Modell legt nahe, dass Perfektionisten hohe Standards als selbst auferlegt oder von anderen auferlegt wahrnehmen und selbst von anderen viel erwarten.

Es hat sich anschließend gezeigt, dass beide Modelle in einem zweidimensionalen Modell zusammengefasst werden können: Eine Dimension fasst die Facetten hohe persönliche Standards, Organisiertheit, selbst-orientierter Perfektionismus und fremd-orientierter Perfektionismus zusammen; die andere Dimension vereinigt Fehlersensibilität, leistungsbezogene Zweifel, sozial auferlegten Perfektionismus sowie Erwartungen und Kritik durch die Eltern.

Diese zwei Dimensionen können als perfektionistisches Streben und perfektionistische Besorgnis bezeichnet werden.

Perfektionismus und Gesundheit[Bearbeiten]

Es konnte ein Zusammenhang hergestellt werden zwischen dem Streben und positiven Empfindungen sowie einem hohen Selbstwertgefühl, im Besonderen bei der Bewältigung anspruchsvoller Aufgaben und ein Zusammenhang zwischen Besorgnis und negativen Affekten sowie Depressionen.

Des Weiteren wurden dysfunktionale Facetten des Perfektionismus mit klinischen Störungsbildern wie Alkoholismus, Anorexia nervosa, Bulimia nervosa, Depression, Angst- und Zwangsstörungen, sexuelle Funktionsstörungen sowie Selbstmordgedanken in Verbindung gebracht.

Personen mit funktionaler Ausprägung des Perfektionismus begegnen Stress mit aktiven Copingstrategien, wodurch sie ihr Stresserleben reduzieren und positive Verstärkung erfahren, was ihre Befindlichkeit verbessert und ihre Anfälligkeit für psychische Störungen senkt.

Messmethoden[Bearbeiten]

Funktionale und dysfunktionale Facetten des Perfektionismus können mit der mehrdimensionalen Perfektionismus-Skala von Frost et al. (MPS-F) ermittelt werden. Dieser Fragebogen besteht aus 35 Fragen, mit denen die sechs von Frost postulierten Facetten erfasst werden [2], dieser wurde von Altstötter-Gleich & Bergemann (2006) ins deutsche übersetzt und validiert.

Der MPS-F basiert zum Teil auf früheren eindimensionalen Ansätzen.

  • Burns Perfectionism Scale von Burns, 1980
  • Eating Disorder Inventory (EDI), Perfektionismus Subskala von Garner et al., 1991
  • Measure Obsession and Compulsions (MOCI) von Rachmann und Hodgson, 1980

Ursachen[Bearbeiten]

In diesem Artikel oder Abschnitt fehlen folgende wichtige Informationen: Neurologische Ursachen (Frontalhirn, Amygdala ? , Nucleus Accubens ?) , evtl. endokrine Ursachen (Cortisol ?;Noradrenalin ?)

Du kannst Wikipedia helfen, indem du sie recherchierst und einfügst, aber kopiere bitte keine fremden Texte in diesen Artikel.

Nach dem Ergebnis zahlreicher Studien wurzelt der dysfunktionale Perfektionismus im Verhalten der Eltern, das zum einen hohe Standards setzt und zum anderen zu wenig Wärme und Akzeptanz schenkt.[3] Eine Zwillingsstudie von Tozzi stellte einen moderaten genetischen Effekt heraus.[4]

Perfektionismus und Persönlichkeit[Bearbeiten]

Stumpf und Parker stellen einen hohen Zusammenhang zwischen dem MPS-F und den Big Five heraus. So korrelieren funktionale Perfektionismus-Facetten wie hohe persönliche Standards und Organisiertheit mit Gewissenhaftigkeit. Dagegen korrelieren dysfunktionale Facetten wie leistungsbezogene Zweifel und Fehlersensibilität mit Neurotizismus.[5]

Perfektionismus im Berufsleben[Bearbeiten]

Ulf Tödter und Jürgen Werner beleuchteten 2006 den Perfektionisten im Berufsleben. Sie nennen unter anderem folgende Beobachtungen bzw. Thesen:

  • Perfektionisten engagieren sich besonders gern bei Reformvorhaben, denn sie streben eine bessere Welt an. Sie wollen dabei selbst ein gutes Vorbild geben.
  • Normen, Werte, Regeln und Prinzipien spielen bei ihrer Definition von Erfolg eine große Rolle.
  • Ihr Erfolgsmotto: „Es gibt für alles eine perfekte Lösung!“
  • Helfer empfinden es als Erfolg, wenn andere ihre Hilfe oder ihren Rat annehmen oder wenn die von ihnen 'gesäte Saat aufgeht'. Darum arbeiten sie gerne als Mentor oder Berater.
  • Das Wachsen und Gedeihen von wichtigen zwischenmenschlichen Beziehungen hat bei ihnen mehr Gewicht als bei anderen. Hauptregler in diesem System ist das Gefühl, gebraucht zu werden.

Sie streben nicht nur nach Erfolg in der Sache, sondern sie strengen sich immer auch um ihrer Bezugsmenschen willen so an.[6]

Siehe auch[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

  • Altstötter-Gleich, C., Bergemann, N. (2006). Testgüte einer deutschsprachigen Version der Mehrdimensionalen Perfektionismus Skala von Frost, Marten, Lahart und Rosenblate (MPS-F). Diagnostica, 52, 105-118.
  • Stoeber, J., Otto, K. (2006). Positive Conceptions of Perfectionism: Approaches, Evidence, Challenges. Personality and Social Psychology Review, 10, 295-319.

Quellen[Bearbeiten]

  1. Hamachek, Don E. Psychodynamics of normal and neurotic perfectionism. Psychology: A Journal of Human Behavior. 1978 Feb Vol 15(1) 27-33
  2. a b Frost, R. O., Marten, P., Lahart, C., & Rosenblate, R. (1990). The dimensions of perfectionism. Cognitive Therapy and Research, 14, 449-468.
  3. Flett, G. L., Hewitt, P. L., Oliver, J.M., & MacDonald, S. (2002). Perfectionism in children and their parents: A developmental analysis. In G. L. Flett & P. L. Hewitt (Eds.). Perfectionism: Theory, research, and treatment. Washington: APA.
  4. Tozzi, F., Aggen, S., Neale, B., Anderson, C., Mazzeo, S. E., Neale, M. C., & Bulik, C.M. (2004). The structure of perfectionism: A twin study. Behavior Genetics, 34, 483-494.
  5. Stumpf, H., & Parker, W. D. (2000). A hierarchical structural analysis of perfectionism and its relation to other personality characteristics. Personality and Individual Differences, 28, 837-852.
  6. Ulf Tödter und Jürgen Werner: Das professionelle 1 x 1: Erfolgsfaktor Menschenkenntnis: Mitarbeiter, Kollegen und Chefs besser verstehen. Entwicklungspotenziale erkennen und fördern. Das Selbstmanagement im Berufsalltag optimieren. Cornelsen Verlag Scriptor 2006, ISBN 978-3589235070
Gesundheitshinweis Bitte den Hinweis zu Gesundheitsthemen beachten!