Peter Schlemihls wundersame Geschichte

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Gestochenes Frontispiz und Titelblatt des Erstdruckes von 1814

Peter Schlemihls wundersame Geschichte ist eine Märchenerzählung des Dichters und Naturforschers Adelbert von Chamisso (1781–1838), verfasst im Sommer des Jahres 1813. Es ist die Geschichte eines Mannes, der seinen Schatten verkauft.

Entstehung[Bearbeiten]

Zur Entstehung der Erzählung berichtet Chamisso selbst:

„Die Weltereignisse im Jahre 1813, an denen ich nicht tätigen Anteil nehmen durfte – ich hatte ja kein Vaterland mehr, oder noch kein Vaterland, – zerrissen mich wiederholt vielfältig, ohne mich von meiner Bahn abzulenken. Ich schrieb in diesem Sommer, um mich zu zerstreuen und die Kinder eines Freundes zu ergötzen, das Märchen Peter Schlemihl, das in Deutschland günstig aufgenommen und in England volkstümlich geworden ist.“

Die „Weltereignisse“, auf die Chamisso anspielte, waren die Befreiungskriege gegen Napoleon, an denen er als in Preußen lebender gebürtiger Franzose nicht teilnehmen konnte.

Inhalt[Bearbeiten]

Nach einer anstrengenden Seereise lernt Peter Schlemihl den reichen Kaufmann Thomas John kennen, in dessen Garten er einem eigenartigen grauen Herrn begegnet. Dieser bietet ihm, im Tausch gegen seinen Schatten, einen Säckel voller Gold, der nie versiegt. Schlemihl willigt in den Handel ein.

Schon bald muss er erkennen, dass dies den Ausschluss aus der menschlichen Gesellschaft bedeutet. Sobald die Menschen merken, dass er keinen Schatten hat, bekommen sie Angst und halten sich von ihm fern oder verspotten ihn. Er reist deshalb über das Gebirge zu einem Badeort und richtet sich dort mit Hilfe seines treuen Dieners Bendel so ein, dass seine Schattenlosigkeit zunächst nicht bemerkt wird.

Schließlich verliebt er sich aber in die schöne Mina, und sein Geheimnis wird von seinem zweiten Diener Rascal verraten. Nur wenn er seinen Schatten zurückbekommt, erklärt ihm Minas Vater, darf er Mina heiraten. Da erscheint der graue Mann erneut. Peter Schlemihl fordert seinen Schatten zurück, als sich ihm die wahre Natur des grauen Mannes offenbart: Er ist der Teufel, freilich ein sehr höflicher, der Interessenausgleich fordert: Der Teufel ist nur dann bereit, Schlemihl den Schatten zurückzugeben, wenn dieser ihm dafür seine Seele überlässt.

Schlemihl versucht, vor ihm zu fliehen, wird aber immer wieder eingeholt. Noch einmal versucht der Teufel, ihn zu überreden, indem er ihm leihweise seinen Schatten zurückgibt und ihm so vor Augen führt, wie viel Ansehen und Prestigegewinn Peter Schlemihl erwerben könnte. Dieser lehnt ab und wirft schließlich das Säckchen, welches er mit seinem Schatten bezahlt hatte, in einen Abgrund. Damit kappt er die letzten Bande zum Teufel. Von seinem letzten Geld kauft er sich ein Paar alte Stiefel, die sich als Siebenmeilenstiefel erweisen. Bis zum Ende der Erzählung lebt er einsam als Naturforscher.

Rezeption[Bearbeiten]

Peter Schlemihls wundersame Geschichte; Radierung von G. Cruikshank, 1827

Wohl auf Vorlage dieser Geschichte entstand in der Folge ein volkstümliches Lied, das die Geschichte (verkürzt) wiedergibt:

Es war einmal ein Mensch mit Namen Schlemihl
den sprach einst einer an,
ob er ihm nicht seinen Schatten verkauft?
Er wär alsbald ein reicher Mann!

Nach kurzem Bedenken willigt er ein und bekam einen Beutel zum Lohn
„Dies Säcklein, das wird niemals leer“ sprach der düstre Schattenkäufer voll Hohn
„Ja ich denk ich tat einen guten Tausch“, sagt sich unser Schlemihl alsdann
„ich kauf mir Schloß und Gut und Hof, was fang ich schon mit einem Schatten an?“

Der Herr Schlemihl, der zog in ein and’res Land, kauft sich Schloß und Gut und Hof
und heiraten wollt er dann auch bald, eine Auserwählte gab es schon
Er ging zu seiner Geliebten Haus, fragt „Willst du mich nehmen zum Mann?“
„Drei Tage Bedenkzeit bitt’ ich mir aus, bevor ich Ja sagen kann.“

Doch die Sonne sie schien auf seine Gestalt, und ohne Schatten stand er da
„Niemals nehme zum Manne ich dich, ohne Schatten bist du auch der Seele bar“
In der Tat, Schlemihl hat seinen Schatten verkauft, dabei seine Seele verlor’n
Danach hat man niemals mehr von ihm gehört, und niemand weiß mehr, daß er einst gebor’n.

Nachbildungen, Fortsetzungen, künstlerische Umsetzung[Bearbeiten]

Kirchner - Peter Schemihls wundersame Geschichte.jpg

In E. T. A. Hoffmanns Das Abenteuer in der Silvesternacht tritt Schlemihl als Nebenfigur auf und verdeutlicht so das Schicksal des Protagonisten in Die Geschichte vom verlorenen Spiegelbild. Letztere diente als Vorlage für Jacques Offenbachs Oper Hoffmanns Erzählungen, in der das Motiv von Schlemihls verlorenem Schatten erneut aufgegriffen und umgedeutet wird. Schlemihl tritt dort als Nebenbuhler des Haupthelden auf.

Zwei Schriftsteller des 19. Jahrhunderts setzen Chamissos Geschichte von Peter Schlemihl fort: Friedrich Christoph Förster 1843 mit Peter Schlemihl's Heimkehr und Ludwig Bechstein mit Die Manuscripte Peter Schlemihl's (2 Teile) 1851.

Hans Christian Andersen verarbeitete 1847 das Motiv des verlorenen Schattens in seinem Märchen Der Schatten.

David Kalisch benutzte den Stoff für ein Bühnenstück: Peter Schlemihl. Posse mit Gesang in 1 Aufzug, das im Mai 1850 im Berliner Friedrich-Wilhelmstädtischen Theater uraufgeführt wurde.

August Brunetti-Pisano komponierte eine Oper Peter Schlemihl, die 1908 in Ludwigsburg aufgeführt wurde.

Der Künstler Ernst Ludwig Kirchner erstellte 1915 einen mit Titelblatt siebenteiligen Zyklus über dieses Werk, um seiner eigenen Zerrissenheit, in der er Parallelen zu Peter Schlemihl sah, Ausdruck zu verleihen. In Kirchners Augen ist die Geschichte Schlemihls die eines Verfolgungswahnsinnigen, der sich plötzlich seiner unendlichen Kleinheit bewusst wird.[1]

Die Folk-Rock-Band Ougenweide vertonte das Volkslied mit dem oben angegebenen Text auf ihrem 1976 erschienenen Album Ohrenschmaus.

James Krüss adaptierte die Geschichte mit ausdrücklichem Verweis auf die Vorlage: bei ihm wird allerdings das Lachen verkauft.

Ausgaben[Bearbeiten]

  • Friedrich Baron de la Motte Fouqué (Hg.): Peter Schlemihl’s wundersame Geschichte. Mitgeteilt von Adelbert von Chamisso. Mit einem Kupfer als Frontispiz. Johann Leonhard Schrag, Nürnberg 1814. (Digitalisat und Volltext im Deutschen Textarchiv)
  • Adelbert von Chamisso: Peter Schlemihls wundersame Reise. Mit Illustrationen von Emil Preetorius. Verlag Kurt Wolff, Leipzig 1908.
  • Adelbert von Chamisso: Peter Schlemihls wundersame Geschichte. Mit 25 zweifarbigen Illustrationen von Franziska Walther. Kunstanstifter Verlag, Mannheim 2011, ISBN 978-3-942795-00-5.[2]

Siehe auch[Bearbeiten]

  • Schlemihl, die weitere Verwendung des Motivs bis heute

Verfilmung[Bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Peter Schlemihls wundersame Geschichte – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Zitiert nach M. M. Moeller (Hrsg.), Ernst Ludwig Kirchner. Meisterwerke der Druckgrafik, Stuttgart 1990.
  2. http://www.page-online.de/emag/bild/artikel/illustrationen_zu_chamisso