Pferdebahn

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Eingang der Friedrich. Wilhelmstraße zu Braunschweig am Tage der Eröffnung der Pferdeeisenbahn, den 11. October 1879
Pferdebahn in New York, um 1895

Eine Pferdebahn, Pferdeeisenbahn, Pferdestraßenbahn, Pferdetramway, Pferdetram oder schweizerdeutsch Rösslitram ist ein auf Schienen laufendes Verkehrsmittel, bei dem Pferde oder seltener Maultiere als Zugtiere dienen. Pferdebahnen gelten als technische Vorläufer der heutigen Eisenbahnen und Straßenbahnen, die heute ausschließlich mittels Lokomotiven oder Triebwagen bewegt werden.

Eisenbahn[Bearbeiten]

„Bilder von der ersten österreichischen Eisenbahn, nach Aquarell-Skizzen des Ober-Officials Fr. Hölzlhuber“
Personenverkehr I. Klasse auf der Strecke Linz–Budweis, Zeichnung von A. Krúzner
1908: Letzte Fahrt auf der 1792 angelegten Derby Canal Railway
Ein Pferdebahn-Sommerwagen aus Köln

Die ersten Eisenbahnen auf eisenbeschlagenen Holzbohlen wurden mit Arbeitspferden als Zugtieren betrieben. Vom Umfang her waren dies meist kurze Grubenbahnen. Doch gab es auch längere Strecken, so war beispielsweise die Pferdeeisenbahn Budweis–Linz–Gmunden, auf der Pferde die Kutschen und Wagengespanne zogen, 128 Kilometer lang. Im Ruhrgebiet gab es schon vor der Eröffnung der ersten mit Dampflokomotiven betriebenen Eisenbahnen um 1835 bis 1838 ein Pferdebahn-Netz von etwa 50 Kilometern Gesamtlänge.

Folgende Eisenbahnstrecken wurden ganz oder teilweise als bedeutende Pferdebahn betrieben:

Die Strecken wurden entweder kurze Zeit später zu normalen Eisenbahnstrecken mit Dampflokomotiven umgerüstet oder stillgelegt.

Straßenbahn[Bearbeiten]

Pferdeeisenbahn in Stuttgart, 1896

Im Bereich der Straßenbahnen hielt sich der Antrieb mit Pferden länger. Die meisten der deutschen und auch ausländischen Straßenbahngesellschaften begannen bis Mitte der 1880er-Jahre ihren Betrieb mit Pferden. In Deutschland gab es über 90 Pferdestraßenbahnen, weltweit über 1700.

Europa[Bearbeiten]

Pferdestraßenbahnwagen 167 der Frankfurter Trambahn-Gesellschaft (FTG) im Frankfurter Verkehrsmuseum
Ein Fahrschein der FTG von 1875, das Hufeisen symbolisiert den Pferdebetrieb
Von Maultieren gezogene Straßenbahn 1951 im brasilianischen Limoeiro

Die meisten zunächst mit Pferden betriebenen Straßenbahnen wurden noch vor dem Ersten Weltkrieg auf elektrischen Betrieb umgerüstet. Die Straßenbahn Stadthagen wurde als letzte Pferdebahn in Deutschland auf dem Festland 1930 eingestellt. Viele ehemalige Pferdestraßenbahnwagen wurden als Beiwagen für die elektrische Straßenbahn weiterverwendet. Bis 1949 verkehrte noch auf der Insel Spiekeroog die Spiekerooger Inselbahn mit Pferdetraktion.

Asien[Bearbeiten]

Modell einer Pferdebahn in Lebensgröße am City Centre, Kalkutta. Die Calcutta Tramways Company wurde am 1880 in London eingetragen. Derzeit gehört sie der Staatsverwaltung von West Bengal
  • Die erste Pferdestraßenbahn Asiens in der irakischen Hauptstadt Bagdad war etwa vier Kilometer lang, wurde 1871 eingeweiht und vermutlich bis Mitte des 20. Jahrhunderts betrieben.[1]
  • Die zweite Pferdetram in Asien fuhr ab dem 24. Februar 1873 in Kalkutta zwischen Sealdah und Armenian Ghat (Armenischer Kai) über Bowbazar und Dalhousie Square (jetzt BBD Bag). Heute ist es die einzige Stadt Indiens mit einer – seit langem auch hier motorgetriebenen – Straßenbahn. Im Stadtzentrum steht ein Nachbau der ersten pferdegetriebenen Straßenbahn.

Afrika[Bearbeiten]

  • 1860 nahm die erste Straßenbahn Afrikas im türkisch-ägyptischen Alexandria ihren Betrieb auf. Später kamen weitere Linien hinzu, die heute elektrisch betrieben werden.
  • In Südafrika fuhr ab 1. April 1863 in Kapstadt die Cape Town and Green Point Tramway (Adderley Street–Somerset Road–Green Point).
  • In Liberias Hauptstadt Monrovia wurde noch um 1920 eine Pferdebahnlinie betrieben, die sich aber nicht zu rentieren schien.[2]

Amerika[Bearbeiten]

Pferdetram in Palm Beach 1905
  • Die weltweit erste pferdebetriebene Straßenbahn fuhr am 26. November 1832 in den Vereinigten Staaten in New York.
  • Am 26. März 1856 begann der Pferdebahnbetrieb in Boston. Da es dort bis heute ein Straßenbahnnetz gibt, die Green Line mit ihren vier Ästen, hat Boston das älteste ununterbrochen betriebene Straßenbahnnetz der Welt.
  • Das zweitälteste ist (bei heute nur noch acht Kilometern Straßenbahn) das am 30. Januar 1859 ebenfalls mit Pferdetraktion eröffnete in Rio de Janeiro.
  • Die erste Pferdestraßenbahn Lateinamerikas ging auf Kuba bereits am 3. Februar 1858 in Havanna in Betrieb,
  • Die erste Pferdestraßenbahn Südamerikas wurde in Chile am 10. Juni 1858 in Santiago de Chile eröffnet.

Australien[Bearbeiten]

Auch die 1861 in Sydney eröffnete erste Straßenbahn Australiens war eine Pferdebahn. Die Victor Harbor Horse Drawn Tram ist eine breitspurige Pferdestraßenbahn von Victor Harbor bis zur Granite Island in der Encounter Bay bei Adelaide in South Australia, die ursprünglich von 1894 bis 1956 in Betrieb war und seit 1986 mit doppelstöckigen Nachbauten wieder für Touristen fährt.

Feldbahn[Bearbeiten]

Ein Betrieb mit Pferden war auch auf Feldbahnen gebräuchlich, beispielsweise auf landwirtschaftlichen Zwecken dienenden Feldbahnen. Im landwirtschaftlichen Einsatz ging man davon aus, dass zwei Pferde auf annähernd ebenen Schienenstrecken mit gelegentlichen geringen Steigungen einen Wagen mit acht Tonnen Nutzlast und auf Steigungen bis fünf Prozent immerhin noch mit einer Nutzlast von drei Tonnen ziehen konnten. Dies war aber eineinhalb- bis zweimal soviel, wie das gleiche Gespann auf befestigter Straße zu leisten vermochte. Im Vergleich zum Zug eines Ackerwagens auf unbefestigten Feldwegen ging man sogar von der drei- bis vierfachen Leistung aus.[3][4][5]

Heutige Pferdebahnen[Bearbeiten]

Museumspferdebahn auf Spiekeroog an der Endhaltestelle

Zugkraft[Bearbeiten]

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Ein Pferd von 700 Kilogramm Masse hat rund 7000 Newton Eigengewicht und kann etwa 20 Prozent davon, also 1400 N Zugkraft leisten.

Am Beispiel der neuen Döbelner Pferdebahn ergibt sich bei einem unbesetzten Wagen, von 2.040 Kilogramm Masse, ein Zugwiderstand (Rollwiderstand „Eisen auf Eisen“) von nur 600 N. Mit 22 Fahrgästen besetzt (circa 1650 Kilogramm zusätzlich ergibt insgesamt etwa 3700 kg Masse) beträgt der Zugwiderstand auf ebener Strecke circa 800 N. Somit ist ein einspänniger Betrieb möglich, ohne dass der Tierschutz vernachlässigt wird. Mit der Zugkraftreserve von 600 N bewegen sich das Pferd und der besetzte Wagen auch noch bis zu 13 Promille Steigung bergauf. Zweispännig hat das Gespann dann 5100 kg Gesamtmasse 2000 N Zugkraft über dem Bedarf fürs Rollen reichen für 39 Promille Aufwärtsfahrt.

Tierschutz und Anzahl der Pferde[Bearbeiten]

Für den Betrieb einer Pferdebahn sind stets deutlich mehr Pferde als Wagen notwendig, da sich die Tiere nach jedem Einsatz erholen müssen und daher ständig durchgewechselt wurden. Diese Ruhepausen fanden meist an den Endstationen statt, wo sogenannte Reiterbuben – auch Trambahnreiter oder Vorspanner genannt – die Pferde abschirrten, fütterten und tränkten. Der Kutscher spannte anschließend für die Rückfahrt ein ausgeruhtes Tier ein. In Bonn legte ein Dienstpferd im ersten Betriebsjahr 1891 dabei durchschnittlich rund 19 Kilometer täglich zurück, in den Folgejahren stieg diese Leistung auf rund 19,5 Kilometer im Jahr 1892 beziehungsweise 20,4 Kilometer im Jahr 1893 an – bevor sie in den Jahren 1895 (17,44 Kilometer täglich) und 1896 (16,78 Kilometer täglich) wieder etwas absank.[6] Bei der Neuen Berliner Pferdebahn dauerten die Spanndienste im Schnitt drei Stunden täglich.[7]

Da die Pferdebahnwagen oft verhältnismäßig schwer waren, forderte man die Kutscher beispielsweise in Frankfurt am Main per Dienstanweisung auf, an den Haltestellen nicht vollständig zum Stehen zu kommen, damit die Pferde die Wagen nicht aus dem Stand heraus in Bewegung setzen mussten. Ebenfalls aus Gründen des Tierschutzes war der kurze Trab die vorgeschriebene Gangart, schnellere Gangarten waren grundsätzlich untersagt. An Steigungen hielten sich sogenannte Trambahnreiter bereit, um für die Bewältigung der Rampe zusätzliche Pferde anzuspannen. In Frankfurt waren die Zugtiere durchschnittlich zwischen viereinhalb und sechs Jahren bei der Pferdebahn im Einsatz, bevor die Straßenbahngesellschaft sie an Landwirte verkaufte.[8]

In der Regel galt bei Einspännern ein rechnerisches Verhältnis von fünf bis sieben Tieren pro Wagen. Im Gegensatz dazu begnügte sich die Zürcher Strassenbahn Gesellschaft mit durchschnittlich drei bis vier Pferden pro Wagen, was ihr den Vorwurf einbrachte, dass sie ihre Tiere zu Tode schinde.[9] In Köln hingegen entfielen auf einen Personenwagen im Jahre 1883 nur 2,6 Pferde und im Jahre 1899 nur 2,44 Pferde.[10]

Haltestellen[Bearbeiten]

Viele Pferdestraßenbahnen besaßen – außer den Endstationen – keine festen Haltestellen, auch bei der weltweit ersten Anlage in New York war dies der Fall.[11] Die Fahrgäste konnten jederzeit auf Zuruf vom Wageninneren beziehungsweise mittels Zuwinken vom Straßenrand aus das Anhalten verlangen. Selbst das Auf- und Abspringen während der Fahrt war oft erlaubt. Spätestens mit Einführung der schneller fahrenden Elektrischen führten dann schließlich alle Straßenbahngesellschaften die bekannten festen Zwischenhaltestellen ein,[12][13] wenn auch teilweise bis heute als Bedarfshalt. Von der 1881 eröffneten Straßenbahn Nürnberg ist überliefert, dass dort noch vor der 1896 erfolgten Elektrifizierung feste Punkte als Haltestellen eingerichtet wurden, um die Pferde zu schonen.[14] Die Straßenbahn Erfurt führte die festen Halte 1883 sogar schon nach nur einem knappen halben Jahr Pferdebahnbetrieb ein,[15] bei der 1865 eröffneten Straßenbahn Wien dauerte es vier Jahre.[16] Bei der Straßenbahn Hamburg wiederum führte erst das ab 1880 aktive dritte Pferdebahnunternehmen, die SEG, feste Haltestellen ein. Im Gegensatz dazu kannte die beiden älteren Vorgängergesellschaften PEG und HAT noch keine festen Haltestellen.[17] In Stuttgart bestand die Besonderheit, dass zwar ab 1878 feste Stationen existierten – die Pferdebahn aber auf Wunsch der Fahrgäste jedoch auch weiterhin an jedem Punkt der Strecke anhalten musste.[18]

Trivia[Bearbeiten]

Im Kinofilm Der letzte Scharfschütze (1976) von Don Siegel mit John Wayne, Lauren Bacall und James Stewart wird das Pferdetram von Carson City mehrmals prominent in Szene gesetzt.

Siehe auch[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Tram Views of Asia > Iraq
  2. Vorlage:Internetquelle/Wartung/Zugriffsdatum nicht im ISO-FormatA view of Monrovia... (1920/30). In: Internetportal der Getty Images, Inc. Abgerufen am 4. November 2010.(Histor. Bildmaterial)
  3. bzgl. Landwirtschaftsbahnen und Zugleistungen: Gustav Fischer: Landmaschinenkunde. Ulmer, Stuttgart 1928, Nachdruck durch Verlag Weltbild, Augsburg 2005, ISBN 3-8289-5400-6, S. 162 ff.
  4. bzgl. Pferdebetrieb bei der Heeresfeldbahn: Alfred B. Gottwald: Heeresfeldbahnen. Transpress, Stuttgart 1998, ISBN 3-613-70818-3, S. 78
  5. bzgl. Pferdebetrieb auf Baubahnen vgl. z. B. Joachim Jakubowski: Die Chronik der Brohltalbahn. Kersting, St. Augustin 1992, ISBN 3-925250-08-5, S. 20, 29
  6. Strom oder Hafer – Die Geschichte der Bonner Pferdebahn
  7.  Reinhard Demps: Seit 125 Jahren fährt die Straßenbahn nach Weißensee. In: Berliner Verkehrsblätter. Heft 6, 2002, S. 115–116.
  8. [1]
  9.  Hans-Rudolf Galliker: Tramstadt – Öffentlicher Nahverkehr und Stadtentwicklung am Beispiel Zürichs. Chronos Verlag, Zürich 1997, ISBN 3-905312-02-6.
  10. Geschichte der Kölner Pferdebahn auf www.api-reisen.de
  11. Erste Straßenbahn der Welt auf ultimateheroswelt.blog.de
  12. De Rostocker Pierbahn auf www.depot12.de
  13. Die Chemnitzer Straßenbahn auf www.altes-chemnitz.de
  14. Im Arbeiterwagen zum Dienst – Ab 1881 fuhr in Nürnberg eine Pferdebahn, Nürnberger Zeitung vom 10. Januar 2011
  15. Von der Pferdebahn zur Stadtbahn – 130 Jahre Nahverkehr in Erfurt
  16. Daten zur Geschichte des öffentlichen Stadtverkehrs in Wien auf www.tram.at
  17. Die Straßen-Eisenbahn-Gesellschaft in Hamburg auf fredriks.de
  18. Betriebschronik auf www.stuttgarter-bahnen.de

Weblinks[Bearbeiten]

 Wiktionary: Pferdebahn – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen
 Commons: Pferdebahnen – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien