Pfleiderer AG

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Pfleiderer GmbH
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Rechtsform GmbH
Gründung 1894
Sitz Neumarkt i.d.OPf., Deutschland
Leitung Michael Wolff (Sprecher der Geschäftsführung)
Mitarbeiter 3.500 (2013)
Umsatz Konzernumsatz > 1 Mrd. Euro (2012)
Branche Holzverarbeitung, Baustoffe
Website pfleiderer.com

Die Pfleiderer GmbH ist eine ehemals börsennotierte Aktiengesellschaft mit Sitz in Neumarkt i.d.OPf. (2012 bis November 2013 Düsseldorf). Das Unternehmen hat seinen Schwerpunkt in der Herstellung von Holzwerkstoffen, speziell von Faserplatten für Möbel und Innenausbau. Es beschäftigt (2013) an acht Standorten in Deutschland und Polen rund 3500 Mitarbeiter und ist im Marktsegment der Flachpressplatte, besser bekannt als Spanplatte, Marktführer in Deutschland. Alleiniger Eigentümer ist die Investmentgesellschaft Atlantik S.A. aus Luxemburg, deren Geldgeber allerdings nicht bekannt sind.[1]

Das 1894 im württembergischen Heilbronn gegründete Unternehmen wuchs in der Nachkriegszeit zu einem der größten Unternehmen Europas im Bereich Holzverarbeitung heran. Mit Übernahme der Geschäftsführung durch Hans Overdiek im Jahre 2003 wurde ein rasanter Expansionskurs eingeschlagen. Dabei gerieten übermäßig kreditfinanzierte und überteuerte Zukäufe, die vor allem auf den Häusermarkt in den USA abzielten, im Zuge der dortigen Immobilienkrise zu einem finanziellen Desaster. Die darauffolgende Insolvenz im März 2012 machte Pfleiderer mit knapp einer Milliarde Euro Schulden zu einem der größten Sanierungsfälle der jüngsten deutschen Geschichte.

Geschichte[Bearbeiten]

Das Unternehmen wurde 1894 als Holzhandel und Flößerei von Gustav Adolf Pfleiderer (1845–1896) in Heilbronn am Neckar gegründet und nach dessen frühen Tod von seinen Söhnen fortgeführt.[2] 1919 wurde ein Sägewerk in Neumarkt aufgekauft, später eine Papierfabrik in Teisnach. Gegen Ende des Zweiten Weltkriegs (1944) wurde dann der Firmensitz aufgrund von Kriegseinwirkungen nach Neumarkt in der Oberpfalz verlegt.[3][4]

Spanplattenwerk Neumarkt in der Oberpfalz
Werksgelände am Standort Neumarkt

Nach dem Krieg erweiterte das Unternehmen seine Produktpalette über das Bauholz hinaus auf den späteren Geschäftsbereich „Infrastrukturtechnik“, namentlich Eisenbahnschwellen und Betonmasten. Bereits 1960 war das Unternehmen das größte deutsche Holzwerk.[5] Im Jahre 1962 wurde die Produktion von Spanplatten aufgenommen und danach stetig ausgebaut. Um 1970 beschäftigte Pfleiderer bereits über 1.000 Mitarbeiter.[3]

Ab dem Beginn der 1980er Jahre expandierte das Unternehmen in verschiedene Beteiligungen, die auch andere Bereiche der Baustoffindustrie abdeckten. 1979 etwa die Moralt-Gruppe in Peiting und Bad Tölz, 1981 die EFP-Engineered Fibreglass Products Inc. in Estill im US-Bundesstaat South Carolina, 1983 die Thermopal Dekorplatten GmbH in Leutkirch, 1986 Duropal in Arnsberg sowie 1988 Wirus in Gütersloh. Sie alle wurden unter dem Dach der G.A. Pfleiderer Unternehmensverwaltungsgesellschaft GmbH & Co. KG und späteren Pfleiderer AG zusammengefasst.[3]

Ende der 1990er Jahre erwirtschaftete der Pfleiderer-Konzern rund drei Milliarden D-Mark Umsatz und beschäftigte 11.200 Mitarbeiter an 40 Standorten. 1997 brachte die bisherige Alleineigentümerin, die Familie Pfleiderer, das Unternehmen aufgrund geänderter eigener Interessen an die Börse, blieb aber vorerst Hauptaktionärin.[3] Erst in den folgenden 15 Jahren verkauften die Alteigentümer allmählich ihre Aktien und reduzierten damit ihren Einfluss auf die Geschicke des Unternehmens. Diese Entwicklung nahm mit dem Ausscheiden von Ernst-Herbert Pfleiderer aus dem Aufsichtsrat im Jahre 2010 ihren vorläufigen Abschluss. Neuer Hauptaktionär war zu dieser Zeit bereits der Finanzinvestor One Equity Partners (OEP), der (2009) 23,3 % der Anteile hielt.[6]

Nach der Jahrtausendwende erwiesen sich die in der Vergangenheit zugekauften Beteiligungen zunehmend als Verlustbringer, die die Gewinne aus der Sparte Holzwerkstoffe praktisch aufzehrten. Dies war insofern problematisch, als der Konzern zu diesem Zeitpunkt bereits Finanzschulden in Höhe von rund 500 Millionen Euro aufgetürmt hatte. 2002 wurden schließlich die Bereiche Türen und Fenster sowie Dämmstofftechnik unter erheblichen Verlusten verkauft, und das Unternehmen zog sich wieder auf das Kerngeschäft mit Holzwerkstoffen und Infrastrukturtechnik zurück.[7]

Kurz nach erfolgreichem Abschluss der Sanierung übernahm der bisherige Leiter der Sparte Holzwerkstoffe, Hans Overdiek, das Amt des Vorstandsvorsitzenden. Dieser leitete erneute Expansionsaktivitäten ein, diesmal in den Bereich Holzwerkstoffe und Laminatböden. Dazu übernahm Pfleiderer 2005 für 479 Millionen Euro die Kunz-Unternehmensgruppe (Uniboard)[8] sowie 2007 für umgerechnet 300 Millionen Euro die schwedische Pergo AB. Zielsetzung war dabei vor allem das massive Eindringen in den US-amerikanischen Häusermarkt. Dazu kam eine große Zahl neuer Betriebsstätten in Osteuropa und Russland, um auch in diesen Gebieten die Marktführerschaft bei Holzwerkstoffen zu erlangen. Auch dort wurde ein dreistelliger Millionenbetrag investiert.[9]

Diese rasante Expansion ließ sich nur zum Teil durch Eigenmittel und Kapitalerhöhungen finanzieren, so dass das benötigte Kreditvolumen erneut gefährlich hoch anstieg. Gleichzeitig hatte Pfleiderer mit seinen neuen Werken in Osteuropa Überkapazitäten geschaffen, die die Ertragskraft des Unternehmens schmälerten. Als der Konzernumsatz im Zuge der Wirtschaftskrise zurückging und der US-Häusermarkt zusammenbrach, geriet Pfleiderer tief in die Roten Zahlen und konnte die Zinsen nicht mehr bedienen. Nachdem ein 2011 ausgearbeitetes Sanierungskonzept an den Anleihe-Gläubigern scheiterte, musste der Konzern im März 2012 Insolvenz anmelden.[10][11]

Im Zuge der Restrukturierung wurden zahlreiche Werke in Europa geschlossen oder zum Zwecke der Schuldentilgung verkauft und das Nordamerika-Geschäft abgegeben. Der Konzern wurde dabei auf die heutigen acht Standorte mit ihren 3500 Beschäftigten verkleinert.[12]

Konzernstruktur[Bearbeiten]

Ehemalige Hauptverwaltung und jetzige Zentrale für Westeuropa in Neumarkt

Seit Abschluss des Sanierungsprozesses ist das operative Geschäft der Pfleiderer GmbH auf zwei Einheiten namens „Westeuropa“ und „Osteuropa“ aufgeteilt. Zur Geschäftseinheit Westeuropa gehören insgesamt fünf Standorte in Deutschland mit insgesamt 2000 Beschäftigten, die unter dem Dach der 100-%igen Tochtergesellschaft Pfleiderer Holzwerkstoffe GmbH mit Sitz in Neumarkt i.d.Opf. zusammengefasst sind. Die Werke befinden sich in Neumarkt, Arnsberg, Baruth, Gütersloh und Leutkirch. Neben Spanplatten Marke Pfleiderer werden hier auch spezialisierte Produktsortimente unter den Markennamen Duropal, wodego und Thermopal angeboten.

Werk Grajewo

Zum Business Center Osteuropa gehören drei Werke in Polen mit zusammen rund 1500 Beschäftigten. Sie stehen unter der Leitung der börsennotierten Pfleiderer Grajewo S.A., an der die Pfleiderer GmbH eine Mehrheitsbeteiligung von 65 %[13] hält. Hier werden in Wieruszów und einem weiteren, 2007 erbauten Werk in Grajewo MDF- und HDF-Platten sowie Spanplatten und Oberflächenveredelungen hergestellt. Dazu kommt als Drittes eine 50-%ige Beteiligung am Silekol-Werk in Kędzierzyn-Koźle, das den für die Produktion der Pressplatten benötigten Leim herstellt.[14][15]

Literatur[Bearbeiten]

  • Norbert Jung: Quadrat III, Grabreihe XIII, 28–30 – ein Beitrag zur Geschichte der Heilbronner Unternehmerfamilie Gustav Adolf Pfleiderer, Heilbronn 2010.

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Pfleiderer AG – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Pfleiderer findet Retter in unbekanntem Investor. Financial Times Deutschland, 16. August 2012, archiviert vom Original am 18. August 2012, abgerufen am 16. Februar 2013.
  2. Norbert Jung: Quadrat III, Grabreihe XIII, 28–30 – ein Beitrag zur Geschichte der Heilbronner Unternehmerfamilie Gustav Adolf Pfleiderer, Heilbronn 2010, S. 6.
  3. a b c d Unternehmensgeschichte. Pfleiderer AG, Düsseldorf, 2013, abgerufen am 16. Februar 2013.
  4. Meilensteine der Unternehmensgeschichte. Pfleiderer Teisnach GmbH & Co. KG, 2011, abgerufen am 16. Februar 2013.
  5. Neumarkter Tagblatt vom 3. August 1960, zitiert nach Norbert Jung: Quadrat III, Grabreihe XIII, 28–30 – ein Beitrag zur Geschichte der Heilbronner Unternehmerfamilie Gustav Adolf Pfleiderer, Heilbronn 2010, S. 4.
  6. Ende einer Ära: Ernst-Herbert Pfleiderer zieht sich zurück. nordbayern.de, 8. Mai 2010, abgerufen am 16. Februar 2013.
  7.  Pfleiderer AG, Neumarkt (Hrsg.): Neun-Monats-Bericht zum 30. September 2002. 2002 (http://pfleiderer.de/uploads/pfleiderer_annual_q3_2002_de.pdf).
  8.  Kunz-Übernahme durch Pfleiderer perfekt. In: BTH Heimtex. Nr. 2005-07/08, 2005 (http://www.raumausstattung.de/business/artikel-record_id-34866-Wirtschaft.htm).
  9. Pfleiderer-Chef Hans Overdiek: Zurück im Leben. Handelsblatt, 24. September 2007, abgerufen am 16. Februar 2013.
  10. Sanierungsplan von Pfleiderer gescheitert. Handelsblatt, 27. März 2012, abgerufen am 16. Februar 2013.
  11. Pfleiderer AG stellt Antrag auf Eröffnung des Insolvenzverfahrens. Pfleiderer AG, 28. März 2012, abgerufen am 16. Februar 2013.
  12. Unbekannter Investor rettet Pfleiderer. 17. August 2012, abgerufen am 16. Februar 2013.
  13. Führungswechsel bei der Pfleiderer AG. Pfleiderer AG, 17. Dezember 2012, abgerufen am 16. Februar 2013.
  14. zur Struktur von Pfleiderer Grajewo S.A. siehe:  Pfleiderer Grajewo S.A. (Hrsg.): Consolidated Quarterly Report QSr 3 / 2012. 2012, S. 9 (http://www.en.pfleiderer.pl/pliki/2536.pdf).
  15. Das Werk im russischen Novgorod wurde mittlerweile an Swedspan/IKEA verkauft. Siehe: Swedspan übernimmt Pfleiderer-Werk Novgorod. EUWID Europäischer Wirtschaftsdienst, 22. Oktober 2012, abgerufen am 17. Februar 2013.

49.26444444444411.462222222222Koordinaten: 49° 15′ 52″ N, 11° 27′ 44″ O