Philippe Ariès

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Philippe Ariès (* 21. Juli 1914 in Blois; † 8. Februar 1984 in Toulouse) war ein französischer Mediävist und Historiker der Annales-Schule.

Seine frühen Werke sind von der historischen Demographie geprägt, später verfolgte er einen mentalitätengeschichtlichen Ansatz. In seinen international erfolgreichen, gleichwohl umstrittenen Monographien erforschte er u. a. die Geschichte der Kindheit und die Geschichte des Todes. Zusammen mit Georges Duby und Paul Veyne verfasste er eine fünfbändige Geschichte des privaten Lebens. Ariès war ein enger Freund Michel Foucaults.

Leben[1][Bearbeiten]

Sein Vater war aus der Gironde und seine Mutter aus Martinique; beide waren monarchistisch eingestellt und empfanden die päpstliche Verurteilung der Action française im Jahr 1926 als Enttäuschung. Seine Schulbildung erhielt Ariès an katholischen Schulen in Paris. Zunächst besuchte er eine von Dominikaner geführte und dann eine von Jesuiten geführte Schule.

Er studierte in Grenoble und Paris (dort an der Sorbonne) und erreichte zunächst den Universitätsabschluss in den Fächern Geschichte und Geographie. Im Jahr 1936 schrieb er eine weitere Qualifikationsarbeit mit dem Titel Les commissaires-examinateurs au Châtelet de Paris au XVIe Siècle. Während dieser Zeit ist er noch mit der monarchistischen Action française eng verbunden. Später, auch unter dem Eindruck des Vichy-Regimes, wendet er sich von ihr ab und definiert sich als "Traditionalist" und Anhänger des mittelalterlichen Königtums; ein gewisser Antimodernismus bleibt in allen seinen Werken erhalten.

Er scheiterte zweimal (1939 und 1941) am Versuch, den Universitätsabschluss der agrégation d’histoire zu erlangen. Durch den Militärdienst im Zweiten Weltkrieg kommt er an ein Institut für die Erforschung der kolonialen Landwirtschaft (l’Institut des fruits et agrumes coloniaux [IFAC]), wo er von 1943 bis 1978 mitwirkt.

1943 veröffentlicht er sein erstes Werk, das Thema sind die sozialen Traditionen im ländlichen Frankreich. Darauf folgt ein Werk zur Geschichte der französischen Bevölkerung und ihren Einstellungen zum Leben (1948). Im Jahr 1945 beging sein Bruder Jacques mit 26 Jahren Selbstmord an der deutschen Front in Uttenweiler. 1947 heiratete er seine Frau Primerose, die ihm in folgenden Jahren als Forscherin oft zur Seite stand.

In den 1950er Jahren versteht er sich als Schüler von Daniel Halévy und Gabriel Marcel. In Frankreich ist er nicht als Historiker bekannt, aber die amerikanische Publikation seines Buches Centuries of Childhood: A Social History of Family Life (Knopf) im Jahr 1962 bringt ihm das Ansehen englischsprachiger Kollegen. Ariès weilt nun öfters in den Vereinigten Staaten und veröffentlicht 1974 Western Attitudes toward Death (Johns Hopkins University Press). Daraus wird das große, 1977 in Frankreich veröffentlichte Werk L’Homme devant la mort (Seuil). Nun wird der Verfasser als Teil der Annales-Schule von Jacques Le Goff, Emmanuel Le Roy Ladurie, Georges Duby und Michel Vovelle anerkannt.

Weitere Forschungsschwerpunkte, zusätzlich zur Geschichte der Kindheit, sind die Geschichte der Sexualität, die Demographie und die Mentalitätsgeschichte. 1978 wurde er Direktor des Studien an der prestigeträchtigen École des hautes études en sciences sociales in Paris. Erst in diesem Jahr verließ er das Institut für landwirtschaftliche Forschung, an der er seit 37 Jahren gewirkt hatte. Er starb 1984 in Toulouse, wo er sich erst im Jahr zuvor niedergelassen hatte.

Ariès’ Position zur Geschichte und Entwicklung der Kindheit[Bearbeiten]

Laut Ariès leitete die „Entdeckung“ der Kindheit im 16.-18. Jahrhundert eine Entwicklung zum Negativen ein. Im Mittelalter hatte die Gesellschaft keine Vorstellung von Kindheit und somit auch nicht von Erziehung. Kinder waren bis ungefähr zum siebten Lebensjahr von ihren Eltern abhängig, danach wurden sie als eigenständige Mitglieder der Erwachsenengesellschaft anerkannt. Die Beziehung zwischen Eltern und Kindern war vergleichbar der zwischen einem Lehrherrn und seinem Lehrling. Es gab kaum emotionale Bindungen. In der Gesellschaft herrschte eine kollektive Lebensform, die keine Privatsphäre kannte. Die Funktion der Familie war weitgehend auf die Produktion von Nachkommen und auf den Fortbestand des Namens und Besitzes beschränkt.

Seit der „Entdeckung“ der Kindheit hat sich die Vorstellung vom Wesen und der Entwicklung des Kindes grundlegend verändert. Die Funktion der Familie lag nun stärker auf der Vermittlung von Normen und Werten sowie der Förderung von Individualität und Identität. Ariès ist der Ansicht, mit Beginn der Neuzeit sei es zu einer Isolation der Kinder von der Erwachsenengesellschaft und zu einer Trennung der Lebenssphären von Erwachsenen und Kindern gekommen. Schule, die auf Disziplin und Gehorsam großen Wert lege, schränke die Freiheit des Kindes ein. Ariès bezieht seine Argumentation ausschließlich auf die (vermeintliche) Freiheit des Kindes im Mittelalter und lässt das physische und psychische Wohlbefinden des Kindes außer acht. Er betrachtet lediglich die positiven Aspekte der Kindheit im Mittelalter und sieht nicht die negative Seite, beispielsweise die hohe Sterblichkeitsrate unter Kindern.

Schriften[Bearbeiten]

  • Geschichte der Kindheit. (Originaltitel: L’enfant et la vie familiale sous l’ancien régime. Plon, Paris 1960, übersetzt von Caroline Neubaur und Karin Kersten), Hanser, München 1975 (als Taschenbuch: 17. Taschenbuchauflage, dtv Sachbuch; Kultur & Geschichte 30138 , München 2011 (Erstausgabe 1978), ISBN 978-3-423-30138-1).
  • Studien zur Geschichte des Todes im Abendland, München und Wien: Hanser 1976 (2. Auflage 1981)
  • Geschichte des Todes, München und Wien: Hanser 1980 (11. Auflage 2005)
  • Bilder zur Geschichte des Todes, München und Wien: Hanser 1984
  • Die Masken des Begehrens und die Metamorphosen der Sinnlichkeit, Frankfurt am Main: Fischer 1984 (zusammen mit André Béjin und Michel Foucault, mehrere Auflagen, zuletzt 1995)
  • Zeit und Geschichte, Frankfurt am Main: Athenäum, 1988
  • Geschichte des privaten Lebens, Frankfurt am Main: Fischer, 1989-93, 5 Bände (zusammen mit Georges Duby und Paul Veyne, 2. Auflage 1999-2000)
  • Geschichte im Mittelalter, Frankfurt am Main: Hain, 1990
  • Die Geschichte der Mentalitäten In: Le Goff, Jacques (Hrsg): Die Rückeroberung des historischen Denkens: Grundlagen der Neuen Geschichtswissenschaft. Frankfurt am Main 1990. S.137-165.
  • Ein Sonntagshistoriker. Philippe Ariès über sich, Frankfurt am Main: Hain, 1990
  • Saint-Pierre oder die Süße des Lebens, Berlin: Wagenbach, 1994

Literatur[Bearbeiten]

  • Guillaume Gros: Philippe Ariès – Un traditionaliste non conformiste: De l’Action française à l’École des hautes études en sciences sociales, 1914–1984. Presses universitaires du Septentrion, Villeneuve-d’Ascq 2008, ISBN 978-2-7574-0041-8.
  • Patrick H. Hutton: Philippe Ariès and the politics of French cultural history. University of Massachusetts Press, Amherst 2004, ISBN 1-558-49435-9.

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Biographie online