Philippe Jaccottet

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Erling Mandelmann: Philippe Jaccottet (1991)

Philippe Jaccottet (* 30. Juni 1925 in Moudon, Schweiz) ist ein französisch schreibender Lyriker, Essayist und Übersetzer.

Leben[Bearbeiten]

Philippe Jaccottet wurde 1925 in Moudon (Westschweiz, Kanton Waadt) geboren. Schule und Universität besuchte er in Lausanne. Er hielt sich in Rom und Paris auf, bevor er 1953 nach Grignan (Südfrankreich, Département Drôme) zog, wo er bis heute zusammen mit der Malerin Anne-Marie Haesler lebt, die er im gleichen Jahr heiratete. 1953 erschien auch sein erster Gedichtband (L'Effraie et autres poésies). Das erste Gedicht darin datiert von 1946, L'Effraie, "Das Käuzchen", deutsch in "Der Unwissende" (siehe unten, Bibliographie).

Schreiben[Bearbeiten]

Zusammen mit Yves Bonnefoy (* 1923), seinem Freund André du Bouchet (1924-2001), Francis Ponge (1899-1988) und anderen gehört Jaccottet einer Generation französischer Lyriker an, die unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg und unter dem Eindruck dieser Katastrophe zu schreiben begann. Charakteristisch für Jaccottets Dichtung ist der fließende Übergang von lyrischen, beschreibenden Passagen zu poetologischen Reflexionen über die Bedingungen des Schreibens selbst; Gedichte stehen neben tagebuchartigen oder aphoristischen Kommentaren. Oft einfache, alltägliche Beobachtungen der Landschaft, in der er lebt, bilden eine erste und immer wiederkehrende Schicht der Aufzeichnungen (Antworten am Wegrand, ein exemplarischer Titel). In diese beschreibende, phänomenologische Lyrik mischen sich Gedanken einer Vergewisserung literarischer Traditionen über kulturelle Grenzen hinweg.

Übersetzen[Bearbeiten]

Jaccottets übersetzerisches Werk ist in diesem Sinn nicht von seiner eigenen Produktion zu trennen; es umspannt die gesamte europäische Geschichte von Homer an, dessen Odyssee er übertrug, und umfasst das Deutsche, Italienische, Spanische, Russische und Tschechische. Besonders wichtig für sein eigenes Schaffen sind Friedrich Hölderlin, Rainer Maria Rilke, Giacomo Leopardi, Giuseppe Ungaretti, Luis de Góngora, Ossip Mandelstam. Von Robert Musil übertrug er "Der Mann ohne Eigenschaften", "Die Verwirrungen des Zöglings Törleß" sowie verschiedene Novellen, Essays, Aphorismen, Tagebücher und Briefe, von Thomas Mann "Der Tod in Venedig", von Goethe einige Gedichte, von Hölderlin "Hyperion" und ebenfalls eine Auswahl an Gedichten. Jaccottet edierte die umfangreiche Hölderlin-Ausgabe der Bibliothèque de la Pléiade und prägte damit maßgeblich die französische Hölderlin-Rezeption. Im Jahre 2008 veröffentlichte Jaccottet schließlich auch seine Übersetzung der "Duineser Elegien" von Rainer Maria Rilke. Eine Auswahl von Jaccottets Übersetzungen findet sich in dem Band "D'une lyre à cinq cordes". Für sein übersetzerisches Werk bekam er 1966 den Johann-Heinrich-Voß-Preis der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung und 1987 den Grand Prix national de Traduction (1987).

Malerei[Bearbeiten]

Jaccottet pflegt überdies ein intensives Verhältnis zur bildenden Kunst, das auch deutlich sichtbare Spuren in seiner Schreibweise hinterlässt. Sein bislang letztes Werk behandelt den italienischen Maler Giorgio Morandi. Dieser Essay, "Der Pilger und seine Schale", ist nicht als wissenschaftliche Abhandlung zu lesen, sondern als Dialog mit einem geistesverwandten Künstler und als Selbstverständigung der Kunst selbst.

Die zugrundeliegende Ästhetik wurde als eine der Verweigerung, des Widerstehens und der Ausstreichung gekennzeichnet: Jaccottet sucht in einem "Trotzdem", Et, néanmoins, nach Möglichkeiten, die Wirklichkeit (sprachlich) bewohnbar zu machen.

Auszeichnungen[Bearbeiten]

Philippe Jaccottets Werk erhielt zahlreiche Auszeichnungen, u.a.:

Bibliographie[Bearbeiten]

Werke, Auswahl[Bearbeiten]

  • L'Effraie, 1953
  • L'Entretien des muses, 1968
  • Paysages avec figures absentes, 1970
  • Rilke par lui-même, 1971
  • Chant d'en-bas, 1977
  • À la lumière d'hiver, 1977
  • Pensées sous les nuages, 1983
  • La Semaison, Carnets 1954-1967, 1984
  • Une Transaction secrète, 1987
  • Cahier de verdure, 1990
  • Requiem, 1991 (Neuausgabe)
  • Après beaucoup d'années, 1994
  • Observations et autres notes anciennes, 1998
  • Et, néanmoins, 2001
  • Le bol du pèlerin (Morandi), 2001
  • Truinas, le 21 avril 2001, 2005
  • Ce peu de bruits, 2008
  • Le cours de la Broye, 2008

Werke, deutsch[Bearbeiten]

  • Fin d'hiver. Winters Ende. Dt. von Walter Helmut Fritz. - Darmstadt: Bläschke 1965. - 18 unpaginierte S.
  • Gedichte. Übertragung u. Nachwort von Friedhelm Kemp. - Stuttgart: Klett-Cotta 1985. - 191 S.; ISBN 3-608-95178-4; Werkauswahl deutsche Originalausgabe.
  • Der Spaziergang unter den Bäumen. Aus d. Franz. von Friedhelm Kemp. Mit einer Nachbemerkung von Peter Handke. - Neuausg. Zürich: Benziger 1988. - 111 S.; ISBN 3-545-34077-5; Original: La promenade sous les arbres.
  • Elemente eines Traumes. Dt. von Friedhelm Kemp. - Stuttgart: Klett-Cotta 1988. - 142 S.; ISBN 3-608-95620-4; Original: Eléments d'un songe.
  • Die Kormorane, Beauregard. Dt. von Friedhelm Kemp München. - München: Edition Petrarca 1991. - 95 S. - Original: Les Cormorans, Beauregard.
  • Landschaften mit abwesenden Figuren. Dt. von Friedhelm Kemp. - Stuttgart: Klett-Cotta 1992. - 160 S.; ISBN 3-608-95262-4; Original: Paysages avec figures absentes.
  • Fliegende Saat. Aufzeichnungen 1954 - 1979. Aus dem Franz. von Sander Ort. - München/Wien: Hanser 1995. - 191 S.; ISBN 3-446-17316-1; Original: La semaison.
  • Nach so vielen Jahren. Dt. von Elisabeth Edl und Wolfgang Matz. - München/Wien: Hanser 1998. - 97 S.; ISBN 3-446-19484-3; Original: Après beaucoup d'années.
  • Antworten am Wegrand. Deutsch von Elisabeth Edl und Wolfgang Matz. - München/Wien: Hanser 2001. - 75 S.; ISBN 3-446-19995-0; Original: Cahier de verdure.
  • Der Unwissende: Gedichte und Prosa 1946 - 1998. Deutsch von Friedhelm Kemp, Sander Ort, Elisabeth Edl und Wolfgang Matz. - München/Wien: Hanser 2003. - 181 S.; ISBN 3-446-20274-9; Werkauswahl deutsche Originalausgabe.
  • Truinas, 21. April 2001. Deutsch von Elisabeth Edl und Wolfgang Matz. Mit einem Nachwort „Durch einen Quittenbaumgarten. Erinnerung an André du Bouchet“ von Wolfgang Matz. - München: Lyrik Kabinett 2005. - 80.S. - ISBN 3-9807150-7-8. - Original: Truinas, le 21 avril 2001.
  • Der Pilger und seine Schale. Giorgio Morandi. Dt. von Elisabeth Edl und Wolfgang Matz. - München/Wien: Hanser 2005. - 77 S. : Ill.; ISBN 3-446-20579-9; Original: Le bol du pèlerin (Morandi).
  • Die Lyrik der Romandie. Eine zweisprachige Anthologie. [Gedichte von: C.-F. Ramuz, B. Cendrars, P.-L. Matthey, G. Roud, E.-H. Crisinel, M. Chappaz, J. Cuttat, A. Perrier, Ph. Jaccottet, N. Bouvier, P. Chappuis, J. Chessex, P.-A. Tâche, J. Berger, P. Voélin, F. Wandelère, J.-F. Tappy]. Ausgewählt und eingeleitet von Philippe Jaccottet; deutsch von Elisabeth Edl und Wolfgang Matz. - München/Zürich: Nagel & Kimche 2008. - 265 S. - ISBN 978-3-312-00407-2; zweisprachige Originalausgabe.
  • Notizen aus der Tiefe. Deutsch von Friedhelm Kemp, Elisabeth Edl und Wolfgang Matz. München: Carl Hanser Verlag 2009. - 176 S. - ISBN 978-3-446-23287-7. - Original: Israël, cahier bleu (2004), Notes du ravin (2001), À partir du mot Russie (2002).
  • Le Combat inégal (Französisch/Italienisch/Deutsch). Mit Übersetzungen von Fabio Pusterla, Elisabeth Edl und Wolfgang Matz. Genf: La Dogana 2010.

Werke, englisch[Bearbeiten]

  • Words in the air / Derek Mahon. A selection of poems by Philippe Jaccottet. - Oldcastle : Gallery Press, 1998. - 79 S.; (engl., franz.)ISBN 1-85235-239-6, 1-85235-238-8

Übersetzungen[Bearbeiten]

  • D'une lyre à cinq cordes. Traductions de Philippe Jaccottet 1946 - 1995. Gallimard, Paris 1997 ISBN 2-07-074718-2
  • Noch ist nicht alles gesagt. In Deutsch und in Französisch. Übertragen von Kurt Meyer. (Frz. Text als Beilage). Keicher, Warmbronn 2011 ISBN 9783943148022

Literatur[Bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Philippe Jaccottet – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien