Photobioreaktor

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Photobioreaktor mit dem Laubmoos Physcomitrella patens
Open raceway pond
Glasrohr-Photobioreaktor
Kombination aus Kessel- und Rohr-Photobioreaktor im Labormaßstab
Tannenbaum-Reaktor
Platten-Photobioreaktor

Photobioreaktor im Allgemeinen[Bearbeiten]

Ein Bioreaktor ist eine Anlage zur Produktion von Mikroorganismen außerhalb ihrer natürlichen und innerhalb einer künstlichen technischen Umgebung. Die Vorsilbe „Photo“ beschreibt die Eigenschaft des Bioreaktors zur Kultivierung von phototrophen, das heißt Licht zur eigenen Energiegewinnung nutzenden Organismen zu dienen. Diese Organismen nutzen den Prozess der Photosynthese, um aus Licht und CO2 ihre eigene Biomasse aufzubauen. Zu diesen Organismen zählen Pflanzen, Moose[1], Makroalgen, Mikroalgen, Cyanobakterien und Purpurbakterien. Das Kernziel eines Photobioreaktors ist die kontrollierte Bereitstellung eines Lebensraums, der für den jeweiligen Organismus die optimalen Lebensbedingungen bietet. Damit ermöglicht ein Photobioreaktor deutlich höhere Wachstumsraten und Reinheiten, als es in einer natürlichen oder naturähnlichen Umgebung der Fall wäre. Grundsätzlich kann in Photobioreaktoren Biomasse aus nährsalzhaltigen Abwässern und kohlenstoffdioxidhaltigen Abgasen produziert werden.

Offene versus geschlossene Systeme[Bearbeiten]

Der erste Ansatz zur kontrollierten Aufzucht phototropher Organismen waren und sind offene Teiche oder Becken, sogenannte open ponds oder raceway ponds. Darin wird die Kultursuspension, die Flüssigkeit, die alle für den jeweiligen Organismus notwendigen Nährstoffe und CO2 enthält, im Kreis gefördert und über die offene Oberfläche direkt von der Sonne beleuchtet. Diese Bauform ist die einfachste Möglichkeit, phototrophe Organismen zu züchten, erreicht aber wegen der bis zu 30 cm tiefen Becken und dem damit geringen mittleren Lichteintrag nur geringe flächenbezogene Wachstumsraten. Zudem ist der Aufwand von Pumpenergie relativ hoch, da sehr viel Wasser mit geringer Produktkonzentration gepumpt werden muss.

In Bereichen der Erde, in denen viele Menschen leben, ist Fläche teuer; anderswo ist Wasser ein knappes Gut, welches bei offener Bauweise ungenutzt an die Atmosphäre abgegeben wird. Aus diesen Gründen wurde seit den 1950er Jahren versucht, geschlossene Systeme zu entwickeln, in denen die phototrophen Organismen zu höheren Biomassedichten gezüchtet werden und damit weniger Wasser gepumpt werden muss. Zusätzlich kommt es bei geschlossener Bauform zu keinen systembedingten Wasserverlusten und auch die Gefahr von Kontaminationen durch landende Wasservögel oder Staubeintrag wird minimiert.[2]

Photobioreaktor-Typen[Bearbeiten]

Allen modernen Photobioreaktoren ist gemein, dass die Entwicklung ein Balanceakt zwischen geringer Schichtdicke, optimaler Lichtnutzung, geringem Pumpaufwand, geringem Investitionsaufwand und mikrobieller Reinheit ist. Dies hat zu multiplen Ansätzen geführt, von denen sich nur wenige Systeme aktuell am Markt behaupten konnten.

Umgewandelte Labor-Fermenter[Bearbeiten]

Der einfachste Ansatz besteht in der Umnutzung von klassischen Glas-Fermentern, wie sie vielfach im biotechnologischen Labor-Maßstab zum Einsatz kommen. Ein Beispiel dafür ist der Moos-Reaktor[1], bei dem ein unangepasstes Glasgefäß von außen mit Licht versorgt wird. Über die vorhandenen Deckelöffnungen werden die Prozesswerte überwacht und der Gasaustausch vorgenommen. Dieser Typ ist im Labormaßstab recht häufig zu finden, hat den Sprung in den Produktionsmaßstab wegen der limitieren Behältergröße nicht geschafft.

Rohr-Photobioreaktoren[Bearbeiten]

Ein Prinzip, das den Sprung in den Produktionsmaßstab geschafft hat, sind die aus Rohren aufgebauten Systeme. Dabei werden Glas- oder Kunststoffrohre in horizontaler oder vertikaler Ausrichtung aufgebaut und von einer zentralen Einheit mit Pumpe, Sensoren und Nährstoffen bzw. CO2 versorgt. Systeme nach diesem Prinzip sind weltweit von Laborgrößen bis in den Produktionsmaßstab etabliert und werden zum Beispiel zur Produktion des Carotinoids Astaxanthin aus der Grünalge Haematococcus pluvialis oder der Herstellung von Nahrungsergänzungsmitteln aus der Grünalge Chlorella vulgaris genutzt. Vorteile der Systeme sind der hohe Reinheitsgrad und die guten Produktivitäten im System. Die Produktion kann auf hohem Qualitätsniveau stattfinden und die hohen Trockenmassegehalte am Ende der Produktion ermöglichen eine energieeffiziente Aufarbeitung. Der relativ hohe Preis der Anlagen wirkt sich nachteilig auf eine breite Nutzung der so produzierten Biomassen aus. Wirtschaftlich tragbare Konzepte finden sich nur bei Hochpreisprodukten in Nahrungsergänzung und Kosmetik.

Der Vorteil der Rohrreaktoren wird neben der großtechnischen Produktion von Biomasse auch im kleintechnischen Maßstab genutzt. In einer Kombination des oben genannten Glasbehälters mit einer dünnen Rohrschlange lassen sich auch im Labormaßstab relevante Menge an Biomasse erzeugen, die über eine komplexe Steuerungseinheit geregelt unter hochgradig kontrollierten Bedingungen heranwächst.[3]

Tannenbaum-Photobioreaktor[Bearbeiten]

Einen alternativen Ansatz beschreibt die Entwicklung eines Photobioreaktors, der aufgrund seiner kegelstumpfförmigen Geometrie und des helikal angebrachten, durchsichtigen Doppelschlauchsystems dem Aufbau einer Tanne ähnelt und deren Eigenschaften nachahmt. Das Reaktorsystem wird modular aufgebaut und kann damit auch im out-door-Einsatz auf landwirtschaftliche Maßstäbe skaliert werden. Die Standortwahl ist wegen der geschlossenen Bauform wie bei anderen Rohr-Photobioreaktoren nicht entscheidend; daher kann grundsätzlich auch nicht landwirtschaftliche Nutzfläche verwendet werden. Ein spezieller Werkstoff soll bei diesem Reaktor die Biobelagbildung bei der Kultivierung von Mikroalgen minimieren und damit die eine hohe Biomasse-Endkonzentration erreichen. In Kombination mit Turbulenzen und der Konzeption als geschlossenes System werde ein kontaminationsarmer Betrieb mit hoher Anlagenverfügbarkeit erreicht.[4]

Platten-Photobioreaktoren[Bearbeiten]

Ein weiterer Entwicklungsansatz ist der Aufbau aus Kunststoff- oder Glasplatten. Hierbei werden unterschiedlich ausgeformte Platten so angeordnet, dass zwischen ihnen eine dünne Schicht von Kultursuspension den Organismen eine gute Lichtversorgung bietet. Darüber hinaus ist durch die hier im Vergleich zu Rohrreaktoren einfachere Gestaltung die Nutzung von kostengünstigem Plastik möglich. Umgesetzt wurden derweil mäanderartig durchströmte oder von unten begaste Platten, die auch mit guten Produktivitäten überzeugt haben. Ungelöste Herausforderungen existieren etwa in der Langlebigkeit des Materials oder in der Entstehung von Immobililsierungen. Die großtechnische Verwendung wird zusätzlich von der beschränkten Skalierbarkeit der Systeme behindert.

Aktuell geht auf der IBA in Hamburg ab April 2013 ein Haus mit in die Fassade integrierten Glasplatten als Photobioreaktoren in Betrieb.[5]

Folien-Photobioreaktoren[Bearbeiten]

Im Zuge der preislichen Reduzierung der Photobioreaktoren sind auch verschiedene Systeme aus Folien konzipiert worden. Dabei werden günstige PVC- oder PE-Folien so aufgehängt, dass in Ihnen eine Kultursuspension aufgefangen und gehalten werden kann.[6] Preislich setzten diese Technologien Maßstäbe, allerdings handelt es sich bei den Reaktoren um wenig nachhaltige Wegwerfartikel. Zudem muss mit einem erhöhten Investitionsbedarf durch notwendige Halterungssysteme gerechnet werden.

Perspektiven der Photobioreaktor-Entwicklung[Bearbeiten]

Im Zuge der Diskussion um die CO2-Sequestrierung mit Mikroalgen oder ihrer Nutzung als Biokraftstoffquelle ist ein großer Entwicklungsdruck auf die Hersteller von Photobioreaktoren entstanden. Keines der vorgenannten Systeme ist bis heute in der Lage, phototroph gewachsene Biomasse auf einem Preisniveau zu produzieren, das den Wettbewerb mit fossilem Erdöl zulässt. Neue Entwicklungen gehen beispielsweise in Richtung von Tropf-Verfahren, in denen ultradünne Schichten unter Nutzung von Abgas und Abwasser zu maximalem Wachstum führen sollen.[7] Weltweit wird zudem sehr intensiv an gentechnisch veränderten Mikroalgen geforscht. Ob ein steigender Ölpreis zum Durchbruch führen wird bleibt abzuwarten.

Literatur[Bearbeiten]

  • Ayhan Demirbas und M. Fatih Demirbas: „Algae Energy: Algae as a New Source of Biodiesel Green Energy and Technology.“ Springer, 2010, S. 80.
  • Otto Pulz (2001): Photobioreactors: production systems for phototrophic microorganisms, Appl Microbiol Biotechnol (2001) 57:287–293, doi:10.1007/s002530100702
  • Christine Rösch, Juliane Jörissen, Johannes Skarka und Nicola Hartlieb: Wege zur Reduzierung von Flächennutzungskonflikten. In: TECHNIKFOLGENABSCHÄTZUNG – Theorie und Praxis, hrgg. vom Institut für Technikfolgenabschätzung und Systemanalyse (ITAS), Nr. 2 - Schwerpunkt: Flächennutzungskonflikte – Ursachen, Folgen und Lösungsansätze, 17. Jahrgang - September 2008, S. 66-71.
  • F. Cotta, M. Matschke, J. Großmann, C. Griehl und S. Matthes; „Verfahrenstechnische Aspekte eines flexiblen, tubulären Systems zur Algenproduktion“; DECHEMA 2011 (PDF)
  • Ullmann, J.; Ecke, M.; Steinberg, K.-H. (2007): Industrial scale production of microalgae. 125. Jahrestagung der Deutschen Botanischen Gesellschaft, 2007
  • Wencker,T and Pulz,O: Photobioreactor design principles, Submariner Project Cooperation Event 2011 (PDF; 2,5 MB)

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. a b Eva L. Decker, Ralf Reski (2008): Current achievements in the production of complex biopharmaceuticals with moss bioreactors. Bioprocess and Biosystems Engineering 31(1), 3-9, PMID 17701058
  2. Algae Observer: Algen in der Wüste - industrielle Algenzucht
  3. Algae Observer: IGV Biotech Presents Novel Algae Screening System
  4. Großmann Ingenieur Consult GmbH: Aufbau eines Biosolarzentrums in Köthen, 6. März 2011.
  5. art-magazin.de: IBA Hamburg - Eröffnung - Energiebunker, Algenhaus, Weltquartier
  6. klima-luegendetektor.de: RWE: Die Wahrheit unterm Algenteppich
  7. igv-biotech.de: IGV Biotech's neuer HORIZON-Photobioreaktor beim Deutschlandfunk