Phryger

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Phryger ist die griechische Bezeichnung eines indoeuropäischen Volkes, das spätestens im 8. Jahrhundert v. Chr. in Anatolien ein großes Reich errichtet hatte. Seine Hauptstadt war Gordion am Sangarios (dem heutigen Sakarya), etwa 80 km westlich vom heutigen Ankara, weitere urbane Zentren waren Midasstadt und Kelainai.

Ursprung der Phryger[Bearbeiten]

Schriftquellen[Bearbeiten]

Mann in einem phrygischen Anzug aus der hellenistischen Epoche (3.-1. Jh. v. Chr.), Fundort Zypern

Homer (8. Jh. v. Chr.) erwähnt in der Ilias an verschiedenen Stellen Phryger als Verbündete der Trojaner. Sie lebten ihm zufolge zur Zeit des Trojanischen Kriegs in der Troas sowie jenseits der Dardanellen in Thrakien. An einer Stelle heißt es, dass in Priamos’ Jugend Phryger ihr Lager am Sangarios aufgeschlagen hatten. Nicht nur wegen Homer, sondern auch wegen ihrer Bestattungsweise in Tumuli wurde als Urheimat der Phryger Thrakien angenommen.

In Zusammenhang mit der Frühgeschichte der Phryger sind auch die Muschki/Muški zu erwähnen, die in den Annalen von Tiglat-Pileser I. (ca. 1114–1076 v. Chr.) genannt werden. Im ersten Jahr seiner Herrschaft kämpfte er gegen Muschki, die unter dem Befehl von fünf Königen standen, am oberen Euphrat-Bogen. Seinen Berichten nach hatten sich die Muški bereits fünf Jahrzehnte zuvor in Ostanatolien niedergelassen. Ob hier – wie in knapp vier Jahrhunderte späteren Quellen (s. u.) – die Muški mit den Phrygern gleichgesetzt werden können, ist allerdings sehr strittig. In diesem Fall hätten sich (proto-)phryge Elemente bereits im 12. Jahrhundert v. Chr. bis nach Ostanatolien ausgebreitet.

Mindestens zwei antike Quellen berichten (siehe Brixhe), dass die Phryger vor ihrer Auswanderung aus dem Balkan noch den Namen Bryger gehabt hätten. Julius Pokorny etymologisiert dies urindogermanisch als „aus den Bergen Hervorbrechende“. Phryger wäre also nur die Gräkisierung dieses Eigennamens. Die Ilias berichtet außerdem, dass an ihrer nördlichen Grenze in Paphlagonien, also nahe dem Schwarzen Meer, aber südlich des Küstengebirges, (V)enetoi, also Veneter ansässig waren. Wenn beide Völker gemeinsam um 1200 v. Chr. nach Anatolien eingewandert sind, deutete dieses auf eine Herkunft vom nördlichen Balkan hin. Von dort her stammen auch die Myser, auch als Dako-Myser in Dakien (Rumänien) bekannt.

Archäologische Ausgrabungen[Bearbeiten]

Phrygische Trachten in einer Illustration von 1894

Bis vor wenigen Jahrzehnten fehlten Hinterlassenschaften der Phryger aus der Zeit vor 750 v. Chr. völlig. Die Frühgeschichte dieses Volks lag im Dunkeln. Mittlerweile zeichnet sich ein klareres Bild ab: so ist Gordion bereits im 12. Jahrhundert v. Chr. – nur kurz nach der Aufgabe der Stadt durch die Hethiter – wieder besiedelt worden. Die Keramik der neuen Bewohner weist teilweise starke Ähnlichkeiten zur ungefähr gleichzeitigen sogenannten Handmade Knobbed Ware aus Troja, Schicht VIIb1 (12. Jahrhundert v. Chr.) auf. Ein anderer Keramik-Typus in Gordion aus jener Zeit gilt als Vorläufer der sogenannten ,phrygischen polierten Ware‘ des 8. Jahrhunderts v. Chr. Ähnliche Befunde scheinen sich mittlerweile auch für andere Orte Zentralanatoliens (z. B. Hattuscha, Kemal Kalehüyük), in denen gegenwärtig Grabungen stattfinden, zu ergeben. Damit ist durch Keramikfunde belegt, dass sich im 12. Jahrhundert v. Chr. Menschen in Zentral-Anatolien (vor allem auch in Gordion) niederließen, die Keramik in nordwestanatolischer (Gebiet von Troja) Tradition anfertigten. Im Laufe der nächsten Jahrhunderte entwickelte sich – wohl auch durch Vermischung mit anatolischen Elementen – das, was als phrygische Kultur bezeichnet wird, deren Träger spätestens im 8. Jahrhundert ein Großreich beherrschten. Die Neuankömmlinge errichteten Grubenbauten sowie Gebäude in Fachwerkbauweise. Diese ist für die Architektur Gordions in späterer Zeit charakteristisch. Die eingetieften Bauten und die vergesellschaftete grobe Keramik lassen sich schwer zuordnen. Möglicherweise stehen sie in altanatolischer Tradition.

Da in Gordion zu Beginn der Eisenzeit offenbar verschiedene Elemente siedelten, sind die historisch fassbaren Phryger und deren Kultur wahrscheinlich aus einer Verschmelzung verschiedener Bevölkerungsgruppen hervorgegangen.

Phrygisches Großreich[Bearbeiten]

Nach griechischen und assyrischen Quellen muss das Phrygerreich in der zweiten Hälfte des 8. Jahrhunderts von großer Bedeutung gewesen sein. Legendär sind mehrere Könige mit den Namen Gordios und Midas in griechischen Schriften. Der historische Midas von Phrygien ist aus griechischen Quellen gut bekannt. Er heiratete eine Griechin und spendete in Delphi einen kostbaren Thron. In assyrischen Annalen taucht erstmals 738 v. Chr. ein gewisser Mita von Muschki auf. Eine Gleichsetzung mit Midas von Phrygien wird – im Gegensatz zu den Muschki zur Zeit Tiglatpilesars I. (s. o.) – allgemein akzeptiert. In den Annalen Sargons (ca. 722–705) ist Mita an verschiedenen Stellen erwähnt. Zwar wurde er letztlich tributpflichtig, bemerkenswert ist jedoch die Tatsache, dass das Phrygerreich sowohl geographisch (Ostanatolien) in den Blickpunkt der Assyrer geriet, als auch, dass Mita als bedeutender Herrscher und Taktierer galt. Man kann daher berechtigterweise von einem phrygischen Großreich sprechen.

Gegen Ende des 8. Jahrhunderts fielen die Kimmerier aus dem nordöstlichen Schwarzmeergebiet über den Kaukasus in Kleinasien ein. Zunächst bedrängten sie das Reich von Urartu. Dann wandten sie sich gen Westen und griffen das Phrygerreich an. 696 oder 675/674 – neuerdings wird in der Forschung das letztere Datum favorisiert – fiel Gordion. Midas starb dabei den Freitod – der Überlieferung nach durch Trinken von Stierblut. Das Ende des Phrygischen Großreichs war besiegelt.

Zeit nach 675 v. Chr.[Bearbeiten]

Relief in Midasstadt

Nach der Eroberung Gordions existierten sehr wahrscheinlich phrygische Fürstentümer. Indizien dafür sind zahlreiche phrygische Monumente, Felsenreliefs und Heiligtümer aus dem 7./6. Jahrhundert v. Chr. Beeindruckende Zeugnisse finden sich u. a. in Midasstadt in der westanatolischen Hochebene. Auch die phrygische Kunst lebt ohne erkennbaren Bruch weiter. Über die damaligen machtpolitischen Verhältnisse in Kleinasien sind wir ausgesprochen schlecht informiert. Die Kimmerier waren zwar bis Ende des 7. Jahrhunderts in Kleinasien, haben aber vermutlich keinen zusammenhängenden Staat gebildet. Ab der zweiten Hälfte des siebten Jahrhunderts begann das Reich der Lyder zu expandieren. Ob die phrygischen Staaten dabei unter lydische Vorherrschaft kamen oder teilweise autonom blieben, ist nicht klar. 585 v. Chr. fiel das ganze Gebiet östlich des Halys an die Meder und 546 v. Chr. wurde ganz Phrygien von den Persern erobert, was aber nicht das Ende der phrygischen Kultur bedeutet. Die phrygische Sprache lässt sich noch bis ins 5. nachchristliche Jahrhundert nachweisen.

Phrygische Kultur[Bearbeiten]

Architektur[Bearbeiten]

Terrakottaplatten von Pazarli

Die teils mehrstöckigen Gebäude des 8./7. Jh. v. Chr. in der Oberstadt von Gordion waren zumeist in Megaron-Form gebaut. Charakteristisch ist eine Ständerbauweise der Gebäude sowie der Stadtmauer, die als phrygische Fachwerkbauweise bezeichnet wird. Die Fassaden waren teilweise oder vollständig mit bemalten Terrakottaplatten verkleidet, von denen einige in Pazarli gefunden wurden und heute im Museum für anatolische Zivilisationen ausgestellt sind. Auffallend ist die häufige Darstellung von Satteldachkonstruktionen mit Firstständern bei phrygischen Felsheiligtümern und Kultnischen; sie scheinen eine Besonderheit der phrygischen Haus- oder Tempelbauten gewesen zu sein.

Bestattungssitten[Bearbeiten]

Felskammergrab Aslantaş

In der Gegend um Gordion wurden Reste von Tumuli mit Holzgrabkammern gefunden, die teils sehr reich ausgestattet waren. Der bedeutendste Tumulus gilt als Midas-Grab. In ihm wurden sterbliche Reste eines 60–70 jährigen Mannes gefunden. Es könnte sich tatsächlich um das Grab des bekanntesten Phrygers handeln. Das späteste, bautechnisch der phrygischen Tumulus-Tradition zuzuweisende Grab fand sich bei Tatarli, unweit von Kelainai. Es war vollständig bemalt und zeigt bereits deutliche persische Einflüsse in der Ikonographie. Viele Metallgegenstände aus den Gräbern, oft kostbar gearbeitet, zeugen einerseits vom Reichtum der Phryger, andererseits vom regen Handel mit den Metallzentren, vor allem über Urartu. In der Kunst entstand aus der Vermengung von urartäischen, iranischen und hethitischen Einflüssen ein eigener phrygischer Stil. Imposant ist eine Reihe reich verzierter Felsendenkmäler (siehe Arslankaya oder Maltaş), darunter auch Kammergräber (Aslantaş und Yilantaş) im sogenannten Phrygischen Tal, nahe Midasstadt.

Keramik[Bearbeiten]

Die bemalte Keramik zeigt deutlich griechische Einflüsse. Neben geometrischen Verzierungen waren Tiermotive sehr beliebt. Die Phryger verwendeten in Inschriften ein Alphabet, das sehr wahrscheinlich auf dem griechischen Alphabet aufgebaut ist.

Religion[Bearbeiten]

In der Religion nahm Kybele eine herausragende Stellung ein. Wichtigstes Kulturzentrum war Pessinus (130 km südwestlich von Ankara) mit dem Kybele-Heiligtum. Die Galater übernahmen im 3. Jahrhundert v. Chr. die Verwaltung in Pessinus. Über Pergamon gelangte der Kybele-Kult durch Überbringung des schwarzen Meteoriten als Symbol (s. a. Steinkult) der Göttin nach Rom. Später wurde Kybele als Magna Mater im Römischen Reich verehrt. Manche sprechen von einem phrygischen Ursprung des Adonismythos.

Siehe auch[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

  • Ekrem Akurgal: Phrygische Kunst. Archaeologisches Inst. der Univ., Ankara 1955.
  • Ekrem Akurgal: Anadolu uygarliklari, 3. Aufl., Istanbul 1990.
  • Dietrich Berndt: Midasstadt in Phrygien. Zabern, Mainz 2002, ISBN 3-8053-2855-9
  • Claude Brixhe: Le Phrygien, Paris 1994 p. 165-178, in Francoise Bader (ed.) Langue Indo-Europeannes CNRS editions, ISBN 2-271-05043-X
  • E. L. Kohler: The Lesser Phrygian Tumuli I. The Inhumations. The University Museum, Philadelphia 1995, ISBN 0-934718-39-3
  • Rodney S. Young: Gordion. Univ. Museum, Philadelphia 1969.
  • Rodney S. Young: Three Great Early Tumuli. Univ. Museum, Philadelphia 1981.
  • Gustav Körte: Gordion. Ergebnisse der Ausgrabung im Jahre 1904. Berlin 1904.
  • Elke und Hans-Dieter Kaspar: Phrygien - ein sagenumwobenes Königreich in Anatolien, Hausen 1990, ISBN 3-925696-07-5
  • Latife Summerer-Alexander von Kienlin: Tatarli. Rückkehr der Farben, Istanbul 2010

Fast jährlich gibt es Kurzberichte über die laufenden Ausgrabungen in Gordion im

  • American Journal of Archeology (AJA).

Weblinks[Bearbeiten]

  • "Eine gordische Affäre": Artikel zum Streit um phrygische Antiken in Deutschland in zenith - Zeitschrift für den Orient vom Juli 2010