Piaractus brachypomus

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Piaractus brachypomus
Piaractusbrachypomus.jpg

Piaractus brachypomus

Systematik
Unterkohorte: Ostariophysi
Otophysa
Ordnung: Salmlerartige (Characiformes)
Familie: Sägesalmler (Serrasalmidae)
Gattung: Piaractus
Art: Piaractus brachypomus
Wissenschaftlicher Name
Piaractus brachypomus
Cuvier, 1818
Jungfische
Schädelpartie von Piaractus brachypomus
Zubereiteter Piaractus brachypomus

Piaractus brachypomus, deutsch Gamitana-Scheibensalmler oder Riesenpacu[1], port.: Pirapatinga oder Caranha[2], span.: Cachama, engl.: Red-Bellied Pacu, ist eine große Sägesalmlerart aus dem tropischen Südamerika.

Die Art wurde von Cuvier 1818 als Myletes brachypomus erstbeschrieben und war früher auf Grund der engen Verwandtschaft mit dem Schwarzen Pacu (Colossoma macropomum) der Gattung Colossoma zugeordnet.[3]

Begriffsbestimmung[Bearbeiten]

Pacú ist ein Begriff der amazonischen Indianer. Es fallen mehrere Fischarten unter diese Bezeichnung. Pacus im engeren Sinne sind die Fischgattungen Metynnis, Mylossoma und Myleus. Die Gattung Piaractus ist mit ihren beiden Arten, dem Riesenpacu (Piaractus brachypomus) und dem Paraná Pacu[4] (Piaractus mesopotamicus) vertreten.

Verbreitung[Bearbeiten]

Piaractus brachypomus kommt überwiegend im Amazonas und Orinoco vor. Ursprünglich trat die Spezies in Brasilien, Kolumbien, Bolivien, Peru, Venezuela, Argentinien und Uruguay auf. Infolge von Besatzmaßnahmen wurde sie auch in den USA, Kanada, China, Myanmar, Papua-Neuguinea und Taiwan eingeführt.[2]

Beschreibung[Bearbeiten]

Piaractus brachypomus besitzt eine kompakte, seitlich komprimierte Körperform. Die Beschuppung besteht aus zahlreichen, kleinen Rundschuppen, die Anzahl der Schuppen auf der abwärts gekrümmten Seitenlinie beträgt 70-89.[5] Am Bauchkiel befinden sich die sägesalmlertypischen Abdominalzähne (Serrae), die Anzahl Ventralschuppen beträgt 46–63 (Machado-Allison, 1982).[3] Jungtiere zeigen noch eine gefleckte Körperfärbung. Adulte Tiere variieren in der Färbung von schmutzig, weißlich blau bis nahezu stahlblau[3] und entwickeln eine dunkle Rückenpartie und eine rote bis orange Bauchseite. Die Afterflosse ist lang, eine Fettflosse ist vorhanden, kann aber bei adulten Tieren reduziert sein oder fast völlig fehlen.[3] Während Piranhas spitze, rasiermesserscharfe Zähne in einem ausgeprägten Unterbiss haben, weisen Riesenpacus kompaktere, eckige Molarzähne mit einem leichten Überbiss aus. Der Unterkiefer wird von einer fleischigen Unterlippe verdeckt.[3] Riesenpacus werden sehr viel größer als Piranhas; sie erreichen Längen von 80–90 cm bei Gewichten von etwa 20 Kilogramm. Ein bei Tamarac in Florida gefangener Fisch wog 24,95 Kilogramm.[6] Die Tiere können bis zu 28 Jahre alt werden.[2]

Unterschiede zwischen Piaractus brachypomus und Colossoma macroponum[Bearbeiten]

Piaractus brachypomus und Colossoma macropomum bewohnen den gleichen Lebensraum und können leicht miteinander verwechselt werden. Der Habitus beider Arten ist sehr ähnlich. Während Colossoma macroponum häufig schwarze Flecken auf der Bauchunterseite aufweist, ist sie bei Piaractus brachypomus rötlich gefärbt. Die beiden Arten und ihre Hybriden können eindeutig anhand ihres Karyotyps voneinander differenziert werden.[7]

Lebensweise[Bearbeiten]

Jungtiere imitieren die Verhaltensweisen von Serrasalmus natteri, um potentielle Fressfeinde durch Mimikry abzuschrecken.[2] Während der Regenzeit wandern die Fische in die Überschwemmungswälder ein. Sie bewohnen überwiegend Flüsse mit langsam fließendem Wasser und Seen mit einem pH-Wert zwischen 4,8–6,8 sowie Wassertemperaturen zwischen 23 und 28 °C.[2] Milchner werden mit drei Jahren und Rogner mit vier Jahren geschlechtsreif. In ihrem natürlichen Habitat laichen die Fische bei Wassertemperaturen von 26 °C ab und produzieren 0,5 bis eine Million Fischeier.[8]

Im Caura-Fluss[9] in Venezuela ernährt sich Piaractus brachypomus von Früchten und Samen von über 100 Pflanzen. Der Lebenszyklus der Fischart ist an den Wasserstand der Gewässer gebunden. Während der Hochwassermonate und dem großen Nahrungsangebot durch ins Wasser fallende Früchte und Samen gewinnt Piaractus brachypomus Fettreserven, von denen er während der nahrungsarmen Trockenzeit zehrt. Während der Überschwemmungszeit findet man die Fische in den überfluteten Wäldern und während der Trockenzeit überwiegend an Flussmündungen und schneller fließenden Gewässerabschnitten mit Klarwasser. Teilweise ziehen sich die Fische in dieser Zeit auch in den Hauptstrom des Orinoco zurück.[10] Zusammen mit Colossoma spielt Piaractus brachypomus eine entscheidende Rolle bei der Verbreitung von Samen im überfluteten Regenwald.[11]

Ernährung[Bearbeiten]

Das außerordentlich kräftige Gebiss von Piaractus brachypomus ist an das Aufknacken von Nüssen angepasst, kann aber bei unsachgemäßer Handhabung mit dem Fisch zu schweren Verletzungen führen. Piaractus brachypomus ernährt sich überwiegend von Nüssen und Früchten (z.B. Samen des Gummibaumes Hevea ssp.), die in den Überschwemmungswäldern von Bäumen herabfallen. Geräusche von herabfallenden Samen und Früchten locken Pacus an. Jungfische ernähren sich noch von Insekten, Blättern und verrotteten Pflanzenteilen.[2]

Wirtschaftliche Bedeutung[Bearbeiten]

Piaractus brachypomus ist in Amazonien ein bedeutender Speisefisch[2] mit sehr wohlschmeckendem Fleisch. Aktuell ist er stark von Überfischung betroffen. Pacus werden weltweit in Warmwasser-Aquakulturen gehalten.[11] Sie eignen sich sehr gut für die Teichhaltung in Becken mit niedrigem Sauerstoffgehalt[12] und haben geringe Ansprüche an den Proteingehalt des Futters. In Hawaii wurden Untersuchungen zu Polykulturen von Piaractus brachypomus und anderen Arten wie der Welsart Clarius fuscus durchgeführt. Piaractus brachypomus zeichnet sich in der Aquakultur durch schnelles Wachstum, gute Futterverwertung (Futter mit hohem Kohlenhydrat und geringem Proteinanteil), Toleranz gegenüber schlechter Wasserqualität aus. Außerdem kann er in hohen Besatzdichten gehalten werden. Die höchsten Biomasse-Erträge zeigten sich in Polykultur mit den Welsen. Da beide Arten das Futter unterschiedlich verwerten, sanken die Futterstückkosten bei einer gesteigerten Effizienz.[13] Die Tageszeit der Fütterung hatte ebenfalls einen Effekt auf die Gewichtszunahme, wobei eine nächtliche Fütterung die größte Zunahme ergab.[14] Erklärt wird dieses Ergebnis dadurch, dass der Energieverbrauch bei Nacht geringer ist, als tagsüber. Man fand heraus, dass Piaractus brachypomus seine größte Aktivität während der Dämmerung und tagsüber eine Akrophase[15] mit verringerter Nahrungsaufnahme zeigt.[16] Im peruanischen Amazonas werden Pacus häufig in Käfigen in der Nähe von Hausbooten gehalten.[17] Darüber hinaus ist er aufgrund seiner hohen Gewichte und seines Kampfverhaltens ein beliebter Sportfisch für Fliegenfischer und wird in vielen Angelteichen Brasiliens und Kolumbiens eingesetzt. Aufgrund seiner Anfälligkeit gegenüber Wasserverschmutzung kann Piaractus brachypomus auch als Bioindikator bei Cadmiumverseuchung von Flüssen dienen, wie es in Kolumbien bereits praktiziert wird.[18] Piaractus brachypomus eignen sich gut für die Aquarienhaltung, wo sie z.T. hohe Handelspreise erzielen.

Aquarienfisch[Bearbeiten]

Kleinere Exemplare von Piaractus brachypomus können bei Wassertemperaturen von 24 bis 27 °C beispielsweise in Gemeinschaft mit Hypostomus plecostomus oder Osteoglossum bicirrhosum in Aquarien gehalten werden. Sie können in Gefangenschaft fünf bis 15 Jahre alt werden.[19]

Piaractus brachypomus als Neozoon[Bearbeiten]

Mittlerweile wurde Piaractus brachypomus in 16 Bundesstaaten[20] der USA eingeschleppt, wo er sich bei warmen Temperaturen schon weit verbreitet hat.[21][8] Die US Aquatic Nuisance Species (ANS) Task Force fordert Aquarienbesitzer auf, die Tiere nicht mehr in die freie Natur auszusetzen, sondern sie an die entsprechenden Händler zurückzugeben.[22] In Papua-Neuguinea wurde diese Spezies im Rahmen des FAO Programmes Fishaid 1994 in den Sepik River und 1997 in den Ramu River eingesetzt, um die Eiweißversorgung der dortigen Bevölkerung zu verbessern.[23][24] Die ursprünglich pflanzenfressende Fischart verursachte im Flusssystem ökologische Schäden an der lokalen Tier- und Pflanzenwelt, so reduzierte sich z.B. der Bestand der Tilapia-Buntbarsche und diverser Wasserpflanzenarten im Sepik River. Die eingeführten Piaractus brachypomus zeigten im Laufe ihrer Ausbreitung im neuen Ökosystem verstärkt carnivore Ernährungsweisen. Weiterhin kam es sogar zu Unfällen bei Schwimmern, die von großen Exemplaren von Piaractus brachypomus gebissen wurden.[25] Bei der einheimischen Bevölkerung trägt der Fisch den Beinamen „Ball Cutter[26][27][28]. Auch in anderen Ländern wurden sie eingeführt, wo sie häufig mit den verwandten Piranhas verwechselt werden.[29] Sogar in Kroatien wurden schon Fische dieser Art gefangen.[5]

Literatur[Bearbeiten]

  • A. Machado-Allison: Estudio sobre la subfamilia Serrasalminae (Teleostei, Characidae). Parte 1. Estudio comparado de los juveniles de las "cachamas" de Venezuela (generos Colossoma y Piaractus). Acta Biologica Venezuelica, 1982, 11(3), S. 1–101
  • J. Géry: Characoids of the world. Tropical Fish Hobbyist Publications, Inc., 1977, Neptune City/ NJ, USA
  • M. Goulding: Fishes of the forest: explorations in Amazonian natural history. University of California Press, 1980, Los Angeles/CA, USA

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Piaractus brachypomus – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Anmerkungen und Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Common names of Piaractus brachypomus bei Fishbase.org
  2. a b c d e f g Piaractus brachypomus auf Fishbase.org (englisch)
  3. a b c d e Stephen T. Ross,William M. Brenneman: The Inland Fishes of Mississippi. University Press of Mississippi, 2002, ISBN 978-1578062461, S. 295.
  4. die Spezies bewohnt das Flusssystem des Rio Paraná
  5. a b Marko Ćaleta et al.: How was a Pirapitinga, Piaractus brachypomus (Serrasalmidae) introduced in Croatian freshwaters? In: Cybium 2011, 35(3): 259–261. (Online; PDF; 860 kB)
  6. IGFA World Record Piaractus brachypomus
  7. M. Nirchio, A.S. Fenocchio, A.C. Swarça, J.E. Pérez, A. Granado, A. Estrada und E. Ron: Cytogenetic characterization of hybrids offspring between Colossoma macropomum (Cuvier, 1818) and Piaractus brachypomus (Cuvier, 1817) from Caicara del Orinoco, Venezuela. In: Caryologia. Vol. 56, S. 405–411, 2003 (Online; PDF; 4,1 MB)
  8. a b The Quiet Invasion: A Guide to Invasive Species of the Galveston Bay Area
  9. Nebenfluss des Orinoco
  10. Michael E. Mc Clain: The Ecohydrology of South American Rivers and Wetlands. In: IAHS Special Publication No. 6, 2002, S. 100–101 (Online; PDF; 114 kB)
  11. a b Development of sustainable Pond Aquaculture for Piaractus brachypomus in the Peruvian Amazon (PDF; 102 kB)
  12. Konrad Dabrowski, Jacques Rinchard, Joseph S. Ottobre, Fernando Alcantara, Palmira Padilla, Andrzej Ciereszko, Marcos J. De Jesus, Christopher C. Kohler: Effect of Oxygen Saturation in Water on Reproductive Performances of Pacu Piaractus brachypomus. (Abstact Online)
  13. Clyde Tamaru, RuthEllen Klinger-Bowen, Robert Howerton, Bradley Fox und Kathleen McGovern-Hopkins: Performance of Red Pacu, Piaractus brachypomus, cultured alone or co-cultured with Chinese Catfish, Clarius fuscus. (Online; PDF; 3,7 MB)
  14. E. Barasa, C. Mélarda, J. C. Grignarda und X. Thoreau: Comparison of Food Conversion by Pirapatinga Piaractus brachypomus under Different Feeding Times. In: The Progressive Fish-Culturist, Volume 58, Issue 1, 1996 doi:10.1577/1548-8640(1996)058<0059:COFCBP>2.3.CO;2
  15. Definition Akrophase: Zeitspanne zwischen Mitternacht und dem Zeitpunkt mit Tageshöchstwert der Körpertemperatur; Maximalwertes bei zirkadian rhythmisch variierenden Parameter
  16. Etienne Baras: Day–night alternation prevails over food availability in synchronising the activity of Piaractus brachypomus (Characidae). In: Aquatic Living Resources, 2000, 13, S. 115–120 (Online)
  17. B. Fernando Alcantara, V. Carlos Chavez, Luciano Rodríguez, Christopher C. Kohler, Susuan T. Kohler, William Camargo N., Marco Colace und S. Tello: Gamitana (Colossoma macroponum) and Paco (Piaractus brachypomus) culture in floating cages in the Peruvian Amazon., World Aquaculture Magazine, Vol. 34 No. 4, December 2003 (Contents Online)
  18. Y. Rojas, K. Barbosa und J. Gonzalez: White Cachama (Piaractus brachypomus) as a bioindicator of cadmium-polluted waters. (Online; PDF; 3,2 MB)
  19. Aquarium Fish Information
  20. Environmental Institute of Houston Invasive Species Inventory
  21. Leo Nico, Pam Fuller: Piaractus brachypomus In: USGS Nonindigenuous Aquatic Species Database
  22. http://www.habitattitude.net/
  23. Ursula M. Kolkolo: Quarantine Practices used in Papua New Guinea for Introductions and Transfers of Live Fish. (Online)
  24. Piaractus brachypomus introduced to Papua New Guinea from Malaysia. Introduced Species Fact Sheets
  25. J.D. Bell, J.E. Johnson und A.J. Hobday: Vulnerability of Tropical Pacific Fisheries and Aquaculture to Climate Change. Secretariat of the Pacific Community, Noumea, New Caledonia, 2011 (Online; PDF; 6,3 MB)
  26. Kastrator
  27. The Telegraph - Piaractus brachypomus
  28. Angler snares deadly fish that killed two men by biting off their testicles
  29. Scientists dispel fears of piranha invasion in Cat Tien Reserve