Pier Luigi Nervi

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Pier Luigi Nervi (* 21. Juni 1891 in Sondrio, Lombardei; † 9. Januar 1979 in Rom) war ein italienischer Bauingenieur des 20. Jahrhunderts.

Leben[Bearbeiten]

Nervi wurde als Sohn der aus Savona stammenden Eltern Luisa und Antonio Bartoli geboren. Durch den Beruf des Vaters, der als leitender Postbeamter häufig seinen Dienstort wechselte, verbrachte Nervi seine Jugend in mehreren Städten Italiens. Schließlich studierte er an der Fakultät für Bauingenieurwesen der Universität Bologna und schloss dort am 28. Juli 1913 sein Studium mit dem Diplom ab. Danach arbeitete er bis 1923 in der technischen Abteilung der Gesellschaft für Betonkonstruktionen in Bologna und Florenz. Prof. Attilio Muggia, bei dem Nervi studiert hatte, war der Direktor dieses Unternehmens. Nach dem Ende des Ersten Weltkriegs übertrug er Nervi die Büroleitung der Niederlassung in Florenz. 1923 machte sich Nervi in Rom selbstständig und gründete zusammen mit Rodolfo Nebbiosi seine eigene Firma, die “Società Ingg. Nervi e Nebbiosi“. 1924 heiratete er Irene Calosi. Aus dieser Ehe gingen die vier Söhne Antonio, Mario, Carlo und Vittorio hervor. 1932 gründete er zusammen mit seinem Cousin, dem Ingenieur Giovanni Bartoli, in Rom das Büro "Società Ingg. Nervi e Bartoli". 1954 kam sein ältester Sohn Antonio (* 1925) in diese Bürogemeinschaft, 1960 folgten auch die beiden Söhne Mario (* 1926) und Vittorio (* 1930). Nervis vierter Sohn Carlo arbeitete als Facharzt für Onkologie in Rom.

Nervi war als Entwerfer, Tragwerksplaner, Ingenieur und Berater tätig. Sein erstes international beachtetes Werk war das städtische Stadion von Florenz (erbaut 1930–1932) mit 35.000 Plätzen (das heutige Stadio Artemio Franchi), eine kostengünstige, sichtbare Betonkonstruktion mit weit auskragenden Wendeltreppen und dem markanten Marathonturm. 1935 gewann er den Wettbewerb für Flugzeughallen in Orbetello, die bis 1938 fertiggestellt wurden.

In den meisten seiner Bauten nutzt Nervi die Geometrie zu einer anderen Art von Schalenbauweise. Sie ist oft gekennzeichnet durch ein räumliches Gitterwerk aus Betonrippen mit aufgelegten Betonflächen. Seine Bauwerke zielen auch immer auf eine kostengünstige Ausführung ab. Bei den Flugzeughallen in Orbetello und Torre del Lago (1940–1943) setzte er eine Leichtkonstruktionen mit zum Teil vorfabrizierten Betonelementen ein. Damit zeigte er neue Möglichkeiten hinsichtlich Fertigkeiten und Wirtschaftlichkeit auf.

1945 lehrte er zunächst an der "Scuola di Architettura Organica" (im Palazzo del Drago) für die von Bruno Zevi gegründete Vereinigung der organischen Architektur (APAO) in Rom das Fach "Konstruktionstechnik". Von 1946 bis 1961 führte er in Rom als ordentlicher Professor den Lehrstuhl für Konstruktionstechnik und Materialkunde an der Architekturfakultät der Università della Sapienza. In dieser Zeit erfand er den Ferrozement. Von 1948 bis 1949 plante und konstruierte er die Ausstellungshalle Torino Esposizioni in Turin. Für die Umsetzung des Baus konstruierte Nervi ein fahrbares Rohrgerüst, für das er ein Patent beantragte.

Weitere bedeutende Konstruktionsleistungen sind der Festsaal in Chianciano Terme mit einem netzartigen Gewölbe (1950–1952), der Sitz der UNESCO in Paris (1953–1958), das Pirelli-Hochhaus in Mailand (1955–1958) und das Stadio Flaminio in Rom. Eine besondere Leistung stellen die realisierten Sportstadien für die Olympiade 1960 in Rom dar. Dazu gehören u. a. die beiden Rundbauten Palazzo dello Sport (in Zusammenarbeit mit Marcello Piacentini) auf dem Gelände der EUR sowie der Palazzetto dello Sport. Zu den späteren Werken gehört die 1970 erbaute Vatikanische Audienzhalle.

Nervi hat zahlreiche wissenschaftliche Abhandlungen verfasst, darunter 'Kunst oder Wissenschaft des Bauens?' ('Sienza o arte del costruire?', 1945), 'Die Sprache der Architektur' ('El lenguaye Arquitectonico', 1950) und 'Neue Bauwerke' ('Nuove Strutture', 1963). 1968 wurde er mit dem internationalen Antonio-Feltrinelli-Preis ausgezeichnet.

Wichtige Bauten (Auswahl)[Bearbeiten]

Pirelli-Hochhaus in Mailand (mit Gio Ponti), 1956–1958

Literatur[Bearbeiten]

  • Pier Luigi Nervi junior, Paolo Desideri und Giuseppe Positano: Pier Luigi Nervi, Zürich: Artemis Verlag 1982, ISBN 3-7608-8112-2
  • Jürgen Joedicke (Hrsg.): Pier Luigi Nervi; Bauten und Projekte; mit einem Vorwort von Pier Luigi Nervi und einer Einführung von Ernesto Nathan Rogers, Stuttgart: Hatje Verlag 1957
  • Sebastian Redecke: Der Palazzo del Lavoro, in: Bauwelt, Heft 35/2009; Berlin, 11. September 2009
  • Claudio Greco: Pier Luigi Nervi, von den ersten Patenten bis zur Ausstellung in Turin, 1917–1948, Luzern: Quart Verlag 2008, ISBN 978-3-907631-45-4
  • Conny Cossa: Moderne im Schatten. Die Audienzhalle Pier Luigi Nervis im Vatikan, Regensburg, Schnell & Steiner 2010, ISBN 978-3-7954-2344-5

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Pier Luigi Nervi – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien