Pingsdorfer Keramik

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Übersicht über das Formenspektrum der Pingsdorfer Keramik nach Koenen 1898

Die Pingsdorfer Keramik ist eine hartgebrannte irdene Warenart, die zwischen dem späten 9. Jahrhundert und dem 13. Jahrhundert in verschiedenen Töpferzentren am Ostrand der rheinländischen Vorgebirgsschwelle sowie am Niederrhein produziert wurde. Charakteristisch für Gefäße der Pingsdorfer Ware ist ein gelblicher, feinsandgemagerter Scherben und eine rote Bemalung. Sie ist an zahlreichen mittelalterlichen Siedlungsplätzen in Nordwesteuropa archäologisch nachweisbar und somit ein wichtiger Zeitmarker für die Mittelalterarchäologie. Eponymer Herstellungsort ist der Brühler Ortsteil Pingsdorf.

Produktionsorte[Bearbeiten]

Bekannte Produktionsorte der Pingsdorfer Ware und verwandter Keramikarten Rheinischer Keramik entlang der Vorgebirgsschwelle sind neben Pingsdorf und zahlreichen weiteren Orten bei Brühl wie Badorf und Walberberg auch Liblar, Wildenrath, Langerwehe und Jüngersdorf, Meckenheim, Urbar am Mittelrhein. Daneben wurde auch in Siegburg während der frühen Produktionsphase die Pingsdorfer Ware hergestellt. Für den Niederrhein ist besonders das südlimburgische Brunssum zu nennen. In Paffrath wurde parallel mäßig harte Grauware hergestellt, die stilistische Anlehnungen an die Pingsdorfer Ware zeigt, deren Spektrum jedoch hauptsächlich Kochgeschirr beinhaltet.

Entlang der rheinischen Vorgebirgsschwelle stehen oberflächennah eisenarme Tone an, die sich hervorragend zur Herstellung von Gefäßkeramik eignen. Diese Tonlagerstätten stehen im Zusammenhang mit dem Rheinischen Braunkohlerevier. Abgesehen von den Aufschlüssen entlang der Vorgebirgsschwelle streichen diese Tone auch an geologischen Störungszonen am Niederrhein aus.[1]

Neben der Verfügbarkeit von geeigneten Tonen waren auch das Vorhandensein von Brennmaterial (Wald) sowie der Zugang zu Handelswegen entscheidend für die Entstehung eines erfolgreichen Töpferortes im Mittelalter.

Formenentwicklung und Verbreitung[Bearbeiten]

Pingsdorfer Becher (12. Jahrhundert),
Museum Burg Linn
Krug der Pingsdorfer Ware (12. Jahrhundert)

Im Frühmittelalter wurde im rheinischen Vorgebirge die Badorfer Keramik hergestellt. Aus der ursprünglich unbemalten, hellen Vorgebirgsware mit Rollstempelverzierung entwickelte sich zunächst ein bemalter Typ der Badorfer Keramik. Diese bemalte Badorfer Ware gliedert sich in eine Gruppe rollstempelverzierter Hunneschans Keramik, die teilweise bereits eine Feinsandmagerung aufweist, und eine zweite Gruppe spätkarolingischer Ware mit roter Fingerstrichbemalung aber noch mit kreidiger Oberfläche.[2]

Die Pingsdorfer Ware stellt sich als Weiterentwicklung aus der bemalten Badorfer Ware dar, die sich ab dem späten 9. Jahrhundert als eigenständige Gruppe etabliert. Sie zeichnet sich durch eine sandpapierartige Oberfläche aus, die aus der Magerung mit Feinsand herrührt. Innerhalb der Gruppe dominieren bauchige Töpfe und Becher sowie Kannen und frühe Formen von Ofenkacheln. Die frühen Pingsdorf-Gefäße haben noch den für Badorf typischen Wackelboden, der jetzt durch einen Wellenfuß stabilisiert wird.

In der annähernd 400-jährigen Periode, in der Pingsdorfer Ware hergestellt wurde, scheint das Formenspektrum kaum nennenswerte Änderungen erfahren zu haben. Bislang liegen jedoch nur spärlich stratifizierte Funde vor, die eine Feinchronologie sichern könnten. Generell lässt sich allerdings eine Entwicklung von hellen, glattwandig aufgedrehten Gefäßen zu härter gebrannten, dunkleren gerieften Gefäßen feststellen, die ihrerseits durch Gefäße mit deutlich herausgearbeiteten, außen liegenden Drehrillen abgelöst werden. Der Wandel zu den gerieften Formen vollzog sich im späten 12. Jahrhundert.

Bislang konnte eine zeitliche Abfolge nur anhand der Bemalung nicht stichhaltig belegt werden. Rote Pinselstrichmuster kommen in allen Perioden der Pingsdorfer Ware vor. Gitternetzmuster scheinen tendenziell erst im 12. Jahrhundert aufzukommen.[3] Die rote Bemalung wurde in der Spätphase am Ende des 12. Jahrhunderts[4] nach und nach aufgegeben.

Um 1200, kurz bevor die Pingsdorfer Ware aus der Mode kam, wurde das Formenspektrum noch durch die Zylinderhalskanne sowie dem Zylinderhalskrug ergänzt.

Gefäße aus Pingsdorfer Keramik wurden im Mittelalter über den Handelsweg Rhein bis nach England, Skandinavien und die Niederlande verhandelt. Als hartgebrannte Irdenware war sie die geeignete Warenart als Transportgefäße für Konsumgüter aus dem Rheinland.[5] Rheinaufwärts war die Pingsdorfer Ware weniger verbreitet.

Zu Beginn des 13. Jahrhunderts wurde die hart gebrannte Irdenware durch Gefäße aus Protosteinzeug abgelöst.

In der Forschung umstritten ist die Einordnung einer 1949 gefundenen Feldflasche aus Zelzate, die zwischen 870 und 880 zusammen mit einem karolingischen Münzhort vergraben wurde.[6] Dieser Fund wird in der älteren Literatur häufig als ältestes datiertes Gefäß aus dem Spektrum der Pingsdorfer Gruppe genannt. Mittlerweile wird die Feldflasche von Zelzate jedoch der bemalten karolingischen Keramik des Typs Badorf zugeordnet.[7] Allgemein wird heute ein Münzschatzgefäß aus Wermelskirchen[8], das um 960 datiert, als ältestes absolutchronologisch datiertes Gefäß der Pingsdorfer Ware angesehen.

Forschungsgeschichte[Bearbeiten]

Bereits Ende des 19. Jahrhunderts setzte sich erstmals Constantin Koenen wissenschaftlich mit der Pingsdorfer Ware auseinander. 1898 führte Koenen eine erste systematische Ausgrabung in einem Töpfereikomplex im Hof der Gastwirtschaft Klein in Brühl-Pingsdorf durch. Dabei untersuchte er ein 80 m³ großes Scherbenlager, das etwa ein Dutzend unterschiedliche Gefäßformen enthielt. Die Publikation dieser Ausgrabung in den Bonner Jahrbüchern enthält die bis heute vollständigste Übersicht des Pingsdorfer Formenspektrums.[9] Koenens Arbeit führte zur Benennung der Warengruppe nach dem Fundplatz Brühl-Pingsdorf.

Franz Rademacher legte 1927 den Versuch einer Chronologie der mittelalterlichen Keramik vor, die auf einer kunstgeschichtlichen Betrachtung der Gefäßwaren beruhte. Er ordnete die rotbemalte Pingsdorfer Ware in die karolingische Zeit, wobei er diese von Tongefäßen der ottonischen Zeit abgrenzte. Als ottonisch bezeichnete Rademacher unbemalte, stark geriefte irdene Gefäße.[10]

Archäologische Untersuchungen an niederländischen Siedlungsplätzen des Mittelalters relativierten in den 1930er Jahren Rademachers kunstgeschichtlichen Ansatz. Wouter C. Braat sah eine Entwicklung der Pingsdorfer Ware in der Nachfolge der Hunneschans Keramik und nahm ein Einsetzen der Pingsdorfer Ware um 900 an. Weiterhin postulierte Braat bereits ein Auslaufen um 1200.[11]

Wichtig für die zeitliche Einordnung der Pingsdorfer Ware erwies sich die Bachbettstratigraphie der systematischen Ausgrabung der Wikingersiedlung Haithabu an der Schlei von 1930 bis 1939. Während die Badorfer Keramik noch in den ältesten Horizonten des Fundplatzes vertreten ist, wird diese um oder kurz nach 900 durch die Pingsdorfer Keramik abgelöst, die dort dann bis ins 13. Jahrhundert archäologisch nachweisbar bleibt. Eine Feinstratigraphie einzelner Gefäßtypen konnte anhand des in Haitabu gefundenen Materials nicht erfolgen.[12]

In der Folgezeit finden sich zahlreiche Einzelpublikationen verschiedener Fundplätze. Beckmann legte 1975 eine Seriation der Funde aus der Siegburger Aulgasse vor, konzentrierte sich hierbei jedoch nur auf die bei der Grabung gefundenen vollständigen Gefäße. 2002 veröffentliche Markus Sanke erstmals eine fundortunabhängige Übersicht des Pingsdorfer Formenspektrums.

Anmerkungen[Bearbeiten]

  1. Janssen 1983, S. 353-373.
  2. Zur bemalten spätkarolingischen Ware: Wilhelm Winkelmann: Meschede. In: Westfälische Forschungen 19, 1966. S. 135 f. Ders.: Alles Hohle klingt besser. In: Kölner Römer-Illustrierte 2, 1975. S. 233 f.
  3. Friedrich 2002, S. 225 f.
  4. Friedrich 1988, S. 278 ff.
  5. Janssen 1968, S.200 ff.
  6. Paul Naster: Trouvailles de monnaies carolingiennes à Zelzate (1949). In: Revue belge de numismatique et de sigillographie. 96, 1950, S. 208-224.
  7. Friedrich 2002, S. 214.
  8. Lobbedey 1968, S. 123; Friedrich 2002, S. 214.
  9. Koenen 1898.
  10. Franz Rademacher: Karolingische Keramik am Niederrhein. In: Altes Kunsthandwerk 5, 1927, S. 173-180.
  11. Wouter C. Braat: Funde mittelalterlicher Keramik in Holland und ihre Datierung. In: Bonner Jahrbücher 142, 1937, S. 157-176.
  12. Hübener 1959, S. 122–132.

Literatur[Bearbeiten]

  • Kurt Böhner: Frühmittelalterliche Töpferöfen in Walberberg und Pingsdorf. In: Bonner Jahrbücher 155/156, 1956, S. 372–385.
  • Reinhard Friedrich: Eine chronologisch bedeutsame Bechergruppe der Pingsdorfer Ware. In: David Gaimster, Mark Redknap, Hans-Helmut Wegner: Zur Keramik des Mittelalters und der beginnenden Neuzeit im Rheinland. Medieval and later pottery from the Rhineland and his markets. BAR International Series 440, Oxford 1988, S. 271-297.
  • Reinhard Friedrich: Mittelalterliche Keramik aus rheinischen Motten. Rheinische Ausgrabungen Band 44. Köln 2002, S. 213-227.
  • Andreas Heege: Die Keramik des frühen und hohen Mittelalters aus dem Rheinland. Holos, Bonn 1995, S. 82 ff.
  • Wolfgang Hübener: Zur Ausbreitung einiger fränkischer Keramikgruppen nach Nord- und Mitteleuropa im 9.–12. Jahrhundert. In: Archaeologia Geographica Band 2, Hamburg 1951, S. 105 ff.
  • Wolfgang Hübener: Die Keramik von Haithabu. Ausgrabungen in Haithabu 2, Neumünster 1959.
  • Walter Janssen: Produktionsbezirk mittelalterlicher Keramik in Brühl-Pingsdorf. Rheinische Ausgrabungen 76. Köln 1977, S. 133-138.
  • Walter Janssen: Die Importkeramik von Haithabu. Ausgrabungen in Haithabu 9. Neumünster 1987.
  • Antonius Jürgens: Neues zu einem alten Thema. Raubgrabungen in rheinischen Töpfereizentren. In: Werner Lichtwark, Friederike Lichtwark [Hrsg.]: Zur Regionalität der Keramik des Mittelalters und der Neuzeit. Beiträge des 26. Internationalen Hafnerei-Symposiums, Soest 5.-9. Oktober 1993. Denkmalpflege und Forschung in Westfalen Band 32. Bonn 1996. S. 27-35.
  • Constantin Koenen: Karlingisch-fränkische Töpfereien bei Pingsdorf. In: Bonner Jahrbücher 103, 1898, S. 115–122 Tafel VI.
  • Uwe Lobbedey: Untersuchungen mittelalterlicher Keramik vornehmlich aus Südwestdeutschland. Arbeiten zur Frühmittelalterforschung 3. Berlin 1968.
  • Hartwig Lüdtke: Die mittelalterliche Keramik von Schleswig. Ausgrabungen Schild 1971–1975. Ausgrabungen in Schleswig. Berichte und Studien 4. Neumünster 1985, S. 60 ff.
  • Hartwig Lüdtke: The Bryggen Pottery. Introduction and Pingsdorf Ware. The Bryggen Papers Band 4. Oslo, 1989.
  • Markus Sanke: Gelbe Irdenware. In: Hartwig Lüdtke, Kurt Schietzel (Hrsg.): Handbuch zur mittelalterlichen Keramik in Nordeuropa. Wachholtz, Neumünster 2001, S. 271–428. ISBN 3-529-01818-X (= Schriften des Archäologischen Landesmuseums Schleswig 6).
  • Markus Sanke: Die mittelalterliche Keramikproduktion in Brühl-Pingsdorf. Technologie - Typologie - Chronologie. Zabern, Mainz 2002, ISBN 3-8053-2878-8 (= Rheinische Ausgrabungen 50).

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Pingsdorf Ware – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien