Plattform (Automobil)

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Eine Plattform bezeichnet bei Automobilen eine technische Basis, auf der äußerlich verschiedene Modelle aufbauen. Dazu gehören Blechteile der Karosserie wie Bodenplatte, innere Teile der Radkästen, Spritzwand, vordere Längsträger, aber auch andere nicht direkt sichtbare Baugruppen wie Teile des Fahrwerks, Tank, Auspuffanlage und Heizung. Der Aufbau der Karosserie, also Frontmaske, Kotflügel, Seitenteile und Heck sind modellspezifisch. Auf der Plattform können technische Komponenten wie Motor oder Getriebe aus einem Baukastensystem montiert werden, so dass einzelne technische Entwicklungen in mehreren Modellen verwendet werden können. Dadurch werden die Entwicklungskosten pro Modell gesenkt.

Entwicklung[Bearbeiten]

Vor dem Zweiten Weltkrieg, als Karosserien nicht selbsttragend waren, sondern auf einem Fahrgestellrahmen (Chassis) ruhten, war die Plattform als technische Basis unabhängig. Besonders in der Oberklasse waren individuell gefertigte Karosserien kleiner Hersteller üblich.

Unterscheiden sich Fahrzeuge nur in Ausstattung und kleinen Gestaltungsmerkmalen wie dem Kühlergrill, dann sind sie baugleich. Stammen sie vom gleichen Hersteller, spricht man von Badge-Engineering, wie etwa beim BMC ADO 15, der als Austin Seven und Morris Mini-Minor auf den Markt kam. Auch in Lizenz gefertigte Fahrzeuge sind baugleich, wie etwa der Renault 12 und der Dacia 1300. Zeitlich versetzt wurde der Opel Kadett E nach Auslaufen der Produktion bei Opel als Daewoo Nexia weitergebaut, alte Fiatmodelle wurden in Indien, Polen, der Sowjetunion und Russland noch lange weiterproduziert.

Damit verbunden ist eine stückkostengünstige Fertigung der Einzelteile in größeren Serien. Ferner werden Entwicklungskosten eingespart. Nachteil ist ein Stillstand fast aller Bänder des jeweiligen Plattformmodells, wenn wegen Fertigungsproblemen, Streiks etc. eine Komponente ausbleibt. Baugleiche Fahrzeuge müssen nur einmal entwickelt werden, nur wegen des Austauschs des Markenlogos sind keine zusätzlichen Crashtests notwendig.

Auch muss die technische Zuständigkeit bei der Konstruktion und Auslegung vollständig geklärt sein. Wird zum Beispiel ein Blechteil ohne Absprache mit der technischen Entwicklung der anderen Konzernmarke geändert, so kann das negative Auswirkungen auf die planmäßige Fertigung eines Automobils haben.

Unterschiedliche Heckformen wie Schrägheck, Stufenheck oder Kombi lassen sich auf gleicher Plattform billiger herstellen, auch wenn sich Länge und Radstand unterscheiden. Hier ist meist auch die Karosserie bis zur B-Säule gleich.

Merkmale einer gemeinsamen Plattform[Bearbeiten]

Plattformen werden häufig von verschiedenen Marken innerhalb eines Konzernverbunds genutzt. Wesentliche Merkmale einer gemeinsamen Plattform sind Fahrwerk und Antrieb.

Es gibt einen fließenden Übergang, in welchem Maß sich zwei oder mehr Autos gleichen oder auf gleiche Komponenten zurückgreifen. Typische Stufen sind:

  • Baugleichheit: Nur Markenlogo, Kühlergrill und ggf. Scheinwerfer sind unterschiedlich
  • Gleiche Plattform: Unterschiedliche Karosserien haben gleiche Fixationspunkte, so dass Radaufhängung, Motor, Getriebe etc. ausgetauscht werden können.

Beispiel: VW Golf (4. Generation)[Bearbeiten]

Exemplarisch für eine Plattformstrategie ist die des Volkswagen-Konzerns. Dieser baut äußerlich verschiedene Modelle seiner Marken auf der gleichen Plattform auf. So wurde die Plattform des VW Golf IV (in Deutschland zwischen 1997 und 2003 gebaut) unter anderem auch für den VW Bora, VW New Beetle, Škoda Octavia I, Seat Leon I, Seat Toledo II, Audi A3 8L und Audi TT 8N benutzt.

Die VW-interne Bezeichnung dieser Plattform lautet PQ34. Die Abkürzung bedeutet:

  • P = Plattform
  • Q = Einbaulage Motor, Q = Quer (von „links nach rechts“), L = Längs (von „vorne nach hinten“)
  • 3 = Fahrzeugtyp A-Klasse („Golfklasse“)(1=Mini, 2=Kleinwagen, 3=Kompaktklasse, 4=Mittelklasse)
  • 4 = 4. Generation (vgl. Golf IV)

Analog sitzen aktuelle Projekte auf der Plattform PQ35 des Golf V. Der aktuelle Passat (Modelljahr 2014) baut auf der Plattform MQB auf, der Vorgänger war auf PQ46 gebaut. Die anderen Bezeichnungen s.o.

Die Plattform enthält beim VW-Konzern folgende Funktionsgruppen:

  • Motor, Getriebe und deren Lagerung
  • Vorderachse
  • Lenkung und Lenksäule
  • Schaltung
  • Fußhebelwerk
  • Hinterachse
  • Bremsanlage
  • Kraftstoffbehälter
  • Abgasanlage
  • Räder (Größen)
  • Reifen
  • Vorderwagen (Längsträger, Radhäuser)
  • Stirnwand (inkl. Heizung und Klima)
  • Mittelboden (Boden vorn)
  • Hinterwagen (Boden hinten, Längsträger, Radhäuser innen)
  • Sitzgestelle
  • Verkabelung genannter Komponenten

Die restlichen Teile des Fahrzeuges werden in Hutteile und Systemteile unterteilt. Der "Hut" ist dann unter anderem die Rohkarosse, die sich erheblich unterscheiden kann (vergleiche VW Golf V und Seat Altea). Systemteile sind eigentlich Gleichteile (COP = Carry Over Parts), die übernommen, aber der jeweiligen Konzern-Marke angepasst werden. Beispiele: Radzierblende oder das Airbagmodul im Lenkrad, völlig gleich, nur anderes Markensymbol. Dies kann zu Produktionsproblemen führen, wie in der Anfangszeit der Plattform des VW Sharan I / Seat Alhambra I / Ford Galaxy, als Systemteile in die falschen Fahrzeuge eingebaut wurden.

Kraftfahrzeuge mit gemeinsamer Plattform[Bearbeiten]

Beispiele für Plattformen innerhalb eines Automobilkonzerns oder eines Gemeinschaftsunternehmens, das oft hierzu zur Kostensparung gegründet wird. Unterschiedliche Bauarten werden nur aufgeführt, sofern sie einen anderen Markennamen tragen.

PKW[Bearbeiten]

DaimlerChrysler[Bearbeiten]

DaimlerChrysler/Mitsubishi[Bearbeiten]

Fiat[Bearbeiten]

Fiat/Alfa/Lancia/Saab[Bearbeiten]

Fiat/PSA[Bearbeiten]

Fiat/Ford[Bearbeiten]

Ford[Bearbeiten]

Siehe auch[Bearbeiten]

GM[Bearbeiten]

GM/Fiat[Bearbeiten]

Hyundai/Kia[Bearbeiten]

Lotus[Bearbeiten]

Porsche[Bearbeiten]

x entspricht der Generation, wobei dieses nicht normal hochgezählt wird.

PSA[Bearbeiten]

PSA und Toyota[Bearbeiten]

Renault/Nissan[Bearbeiten]

Suzuki/Fiat[Bearbeiten]

Volkswagenkonzern (VW, VW Nutzfahrzeuge, Audi, Seat, Škoda, Bentley, Porsche)[Bearbeiten]

Volvo[Bearbeiten]

Vans[Bearbeiten]

GM / Suzuki[Bearbeiten]

Volkswagen und Ford[Bearbeiten]

Kastenwagen und Nutzfahrzeuge[Bearbeiten]

DaimlerChrysler/Volkswagen[Bearbeiten]

Fiat und PSA[Bearbeiten]

PSA[Bearbeiten]

Renault/Nissan[Bearbeiten]

Renault/Nissan und GM[Bearbeiten]

Renault/Nissan und Mercedes-Benz[Bearbeiten]

Panzer[Bearbeiten]

Leopard 1 und Leopard 2 basierten auf einer gemeinsamen Plattform, die in Grenzen variabel war.

Mitte der 1990er Jahre begann in Deutschland das Projekt Neue Gepanzerte Plattform. Bundeswehr und deutsche Rüstungshersteller beschlossen, ein gemeinsames gepanzertes Fahrgestell zu entwickeln, auf dem Schützen-, Kampf- und Flugabwehrpanzer aufbauen können bzw. sollen. Das Projekt wurde 1998 aus Kostengründen eingestellt.

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. http://www.automobil-produktion.de/2014/02/c-klasse-wird-ab-juni-in-suedafrika-produziert/
  2. EMP2 – Efficient Modular Platform 2 – The New Vehicle Platform by PSA Peugeot Citroën auf psa-peugeot-citroen.com, abgerufen am 9. April 2015.
  3. Novo Gol - Mudanças para continuar na liderança
  4. Jürgen Pander: Gleich ist geil. In: Spiegel Online, 21. Februar 2012.
  5. Audi Baukastenstrategie (Ralph Hollmig, Leiter Fahrzeugkonzeptsteuerung), Ingolstadt, 2012 (PDF; 1,6 MB)