Platzspitz

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Pavillon im Platzspitz Park (2009)

Der Platzspitz (ursprünglich Platzpromenade) ist ein Park im Herzen Zürichs mit sehr abwechslungsreicher Geschichte. Weltweites Medieninteresse erregte die behördlich lange tolerierte Anwesenheit von Drogensüchtigen aus ganz Mitteleuropa.[1]

Lage[Bearbeiten]

Der Platzspitz liegt auf einem spitz zulaufenden Gelände zwischen den Flüssen Limmat und Sihl, die sich am Ende des Parkes vereinigen. Der Park liegt mitten in Zürich am Rande der historischen Altstadt. Der Zürcher Hauptbahnhof und das Landesmuseum stehen wie ein Riegel zwischen der Innenstadt und der Parkanlage.

Geschichte[Bearbeiten]

Schiessplatz vor den Toren der Stadt[Bearbeiten]

Das Areal auf dem Müllerplan von 1793

Das Gelände wurde ursprünglich als Weide genutzt. Zu Beginn des 15. Jahrhunderts wurde ein Schützenhaus und ein Schiessplatz errichtet. Im 16. und 17. Jahrhundert wurden auf dem Platzspitz Schützenfeste gefeiert, die Monate dauerten. Zu den Wettkämpfen mit Jahrmärkten kamen Besucher aus umliegenden Ländern. Das Knabenschiessen hatte seinen Ursprung ebenfalls auf dem Platzspitz.

Von der barocken Parkanlage zum vergessenen Landschaftspark[Bearbeiten]

Zu Beginn des 18. Jahrhunderts wurden entlang der beiden Flüsse Alleen angelegt, die sich bald grosser Beliebtheit erfreuten. 1780 wurde nach französischem Vorbild eine barocke Parkanlage erbaut. Dazu gehörte ein Denkmal des Dichters und Staatsmannes Salomon Gessner. Es steht noch heute an seiner ursprünglichen Stelle und ist somit länger als irgendein anderes Denkmal in Zürich ortstreu geblieben. Auch einige der Platanen im Park stammen noch aus dieser Zeit. Der Schiessplatz wurde zum Albisgüetli verlegt. Die Parkanlage war grösser als das heutige Gelände und dehnte sich bis zur ersten Häuserzeile am heutigen Bahnhofsplatz aus. Die Zürcher Gesellschaft genoss es fortan, hier zu flanieren und zu promenieren. Persönlichkeiten wie Gottfried Keller und später auch James Joyce sollen den Platzspitz zu ihren Lieblingsorten erkoren haben.

Der Platzspitz auf einer Ansicht der Stadt Zürich aus dem Jahr 1724 (Kupferstich von David Herrliberger)

Mit dem Bau des Hauptbahnhofs, der 1846 auf einem Teil des Geländes gebaut wurde, nahm das Interesse der Bevölkerung am Platzspitz ab. Die Geleise unterbrachen die Promenade entlang der Sihl. Es sollte bis zur Landesausstellung 1883 dauern, ehe der Platzspitz wieder an Bedeutung gewann. Der Park wurde zu einem Landschaftspark umgebaut. Musikpavillon und Wegnetz stammen noch heute aus dieser Zeit. Die erste Schweizerische Landesausstellung wurde zu einem grossen Erfolg. Den Zürchern war der Platzspitz wieder ans Herz gewachsen: Musikpavillon und ein Restaurant durften auf Wunsch der Bevölkerung stehen bleiben.

Mit der Errichtung des Landesmuseums verlor der Park erneut an Grösse. Die neue Mobilität und der aufkommende Verkehr, der einen weiteren Riegel zwischen Innenstadt und Park schob, führten dazu, dass der Platzspitz erneut an Bedeutung verlor.

Needle Park[Bearbeiten]

Gegen Ende der 1980er Jahre wurde der Platzspitz zum Treffpunkt der Drogensüchtigen, die zuvor von anderen Plätzen vertrieben worden waren. Die offene Szene wurde von der Polizei und Politik lange toleriert, so dass der Zulauf immer grösser wurde. Süchtige aus der ganzen Schweiz und aus dem Ausland trafen sich in Zürich und viele liessen sich auf dem Platzspitz nieder. Zeitweise hielten sich bis zu 3000 Drogenkonsumenten im Park auf.

Durch die Zunahme der Nachfrage stieg auch das Angebot an Drogen. Obwohl die Preise sehr tief waren, lebten die meisten der Süchtigen in grösster Armut und beschafften sich durch Diebstähle das Geld für die Drogen. Am Flussufer entstanden mehrmals kleine Dörfer aus provisorischen Behausungen, die vielen Süchtigen vorübergehend als Heimat dienten. Diese wurden allerdings regelmässig nach wenigen Tagen wieder abgerissen; so zum Beispiel «Chaotikon I» (April 1981) und «Chaotikon II» (Mai 1981).

Der Platzspitz erregte als Needle Park internationales Aufsehen. Offener Drogenhandel und -konsum sowie das grosse Elend inmitten der reichen Schweiz brachten Zürich einen zweifelhaften Ruhm. Rund 2000 Personen deckten sich hier täglich mit Drogen ein. Alleine 1991 starben auf dem Platzspitz 21 Personen am Konsum von Drogen. Rund 3600 Mal mussten Sanitäter Menschen wegen Heroinüberdosis wiederbeleben, an Spitzentagen bis zu 25 Mal.[2][3]

Die Spitze zwischen Limmat und Sihl

Die Schliessung des Parks am 5. Februar 1992 zeigte dann aber, dass Repression allein das Drogenproblem auch nicht aus der Welt schafft.[4] Auch nach sechs Jahren Drogenszene auf dem Platzspitz fehlte es an einer gesamtheitlichen Lösung der Drogenprävention, die nicht nur auf Vertreibung der Drogensüchtigen absah, sondern auch eine Wiedereingliederung in die Gesellschaft vorsah und Wege aus der Drogenkriminalität bot. Die Vertreibung der Drogensüchtigen vom Platzspitz verlagerte die offene Szene in angrenzende Quartiere, ehe sie sich auf dem stillgelegten Bahnhof Letten wieder ansiedelte. Erst die Schliessung des Lettenareals am 14. Februar 1995 führte zu einer Wende der Drogensituation und einer Besserung der Lebensqualität in Zürich. Der Erfolg ist dadurch zu erklären, dass das polizeiliche Vorgehen von weitgehenden präventiven Massnahmen in der ganzen Schweiz begleitet wurde. So wurden beispielsweise kantonsfremde Konsumenten konsequent in ihre Heimatkantone zurückgeführt und Fixerräume eingerichtet.

Platzspitz heute[Bearbeiten]

Nach der Schliessung im Jahr 1992 wurde das Gartenbauamt vom Stadtrat beauftragt, den Platzspitz innerhalb eines Jahres und mit geringem Kostenaufwand wieder für die Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Im Juni 1993 wurde der Park wieder geöffnet. Mit Kontrollen und einer Abriegelung des Geländes ab 21 Uhr sollte ein Wiederaufleben der Drogenszene verhindert werden. Das immer stärker aufkommende Leben am Limmatufer unterhalb des Platzspitzs nach der Sanierung des Lettenareals führte dazu, dass sich auch der Platzspitz immer mehr belebte.

Literatur[Bearbeiten]

  • Judith Rohrer-Amberg. Der Platzspitz: Chronik eines Gartendenkmals. Hrsg. anlässlich des Schweizer Jahres der historischen Gärten. Gartenbauamt Zürich, Zürich 1995.
  • Ernst Sieber: Platzspitz – Spitze des Eisbergs. Zytglogge Verlag, Bern 1991, ISBN 3-7296-0373-6.
  • Peter J. Grob: Zürcher «Needle-Park»: ein Stück Drogengeschichte und -politik, 1968–2008. Chronos-Verlag, Zürich 2009, ISBN 978-3-0340-0968-3.

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Platzspitz – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Park- und Grünanlagen. Website der Stadt Zürich, Grün Stadt Zürich. Abgerufen am 30. Dezember 2011.
  2. photowords.com (Version vom 25. Dezember 2008 im Internet Archive)
  3.  André Seidenberg: Als das Heroin Zürich im Griff hatte. In: Neue Zürcher Zeitung. Nr. 29, 4. Februar 2012, S. 20 (online).
  4. Martin Huber: 20 Jahre nach dem «Needle Park» gibt es 5000 Drogenabhängige in Zürich. In: Tages-Anzeiger online, 1. Februar 2012. Abgerufen am 5. Februar 2012.

47.3802777777788.54Koordinaten: 47° 22′ 49″ N, 8° 32′ 24″ O; CH1903: 683170 / 248299