Plessen

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Wappen der Edelherren von Plesse
Wappen der Mecklenburger von Plesse(n)
Burg Plesse bei Göttingen von Matthäus Merian 1655
Burg Plesse heute

Plesse(n) ist der Name einer aus dem Stammesherzogtum Sachsen stammenden Familie, die ab dem 12. Jahrhundert als edelfreie Dynasten eine um die Burg Plesse bei Göttingen gelegene reichsunmittelbare Herrschaft innehatte und über großen, teils weit entfernt gelegenen Streubesitz verfügte. Dieser jüngere Zweig erlosch im Jahr 1571. Dem älteren Zweig gehörten Bernhard I. von Höckelheim/Plesse und seine Agnaten an. Die Ursprünge der bedeutenden Mecklenburger Linie der Familie gehen vermutlich auf das 12., mindestens jedoch auf das 13. Jahrhundert zurück.[1][2][3]

Geschichte[Bearbeiten]

Die Geschichte der Herren von Plesse beginnt mit Helmoldus de Huckelem (Höckelheim) (1097/1144).[4] Seine mutmaßlichen Söhne Bernhard I. (1150–1190) und Gottschalk I. (1170–1190) besaßen seit 1150[5] das bischöflich Paderborner Lehen an der Burg Plesse. Sie nannten sich gelegentlich noch Höckelheim,[6] aber ab 1170 zunehmend Plesse,[7] weil sie fortan die Burg zu ihrem Herrschafts- und Lebensmittelpunkt machten.

Die nachgewiesene Stammreihe der älteren Linie der Herren/Edelherren von Plesse beginnt mit Bernhard I. Mit seinem Bruder Gottschalk I. begann die jüngere Linie. Dessen Enkel Gottschalk III. von Plesse (1238–1300) erwarb in den Jahren 1284/1288 die Anteile der älteren Linie,[8] die damit aus der Erbengemeinschaft ausschied. Die jüngere Linie besaß die Herrschaft bis zum Jahr 1571. In diesem Jahr starb Dietrich IV. Edelherr von Plesse. Mit ihm erlosch die jüngere Linie und die Herrschaft Plesse ging durch lehnsrechtlichen Heimfall auf Landgraf Wilhelm IV. von Hessen-Kassel über.

Vor 1186 trat Helmold von Plesse, ein Ministerialer und Militärführer Heinrichs des Löwen, in Mecklenburg als Kirchenstifter auf. Eine Verwandtschaft mit der Familie Plesse(n) ist wahrscheinlich, aber nicht endgültig gesichert. Der mutmaßliche Urenkel von Gottschalk I., Helmold von Plesse (1263–1283, siehe unten), ist als erster Plessen vollständig in Mecklenburg urkundlich nachweisbar.[9] Damit gilt er als der Stammvater der dortigen Herren von Plesse(n). Er nahm mit seinem Auftritt in Mecklenburg einen Wappenwechsel vor. Seinen Schild schmückte nicht mehr der rote Maueranker, sondern ein schwarzer Stier. Obwohl solche Wappenwechsel nicht grundsätzlich ungewöhnlich sind, wird seine Verwandtschaft mit den burggesessenen Herren/Edelherren von Plesse im einschlägigen Schrifttum auch bezweifelt.[10] In zwanzig Urkunden der Fürsten Johann und Heinrich wurde er stets an vorderer Stelle als Zeuge genannt und dabei oft als „unser Ritter“ bezeichnet.[11] Diese Anrede belegte seine Zugehörigkeit zur „Mannschaft“ und sein Lehensverhältnis zu den Landesherren.[12] Die Herrn von Plessen gehörten zur führenden Schicht bei Hofe, nahmen jedoch keine über den ritterschaftlichen Status hinausgehende Sonderstellung ein. In Mecklenburg wurde die Namensform Plesse erst im 17. und 18. Jahrhundert durch Plessen ersetzt.[9]

Die Herren von Plesse(n) waren vom 14. Jahrhundert bis zum Beginn des 18. Jahrhunderts die beherrschende Familie des Klützer Winkels und, ausgehend von der Dorfkirche Gressow unter dem Patronat von Berend von Plesse, die Hauptförderer der Reformationsbewegung im nordwestlichen Mecklenburg.[13][14]

Plessenwappen im Nonnenchor der Klosterkirche Ribnitz

Als eines der ältesten mecklenburgischen Adelsgeschlechter waren die von Plessen frühzeitig auch mit dem Kloster Dobbertin verbunden. Schon 1343 wurde im Benediktinerinnenkloster Alheydis de Plesse als Priorissa (Priorin) erwähnt. [15] Im Verzeichnis der Priorinnen und Jungfrauen zu Dobbertin von 1491 bis 1560, welches sich im Original im Dänischen geheimen Reichsarchiv zu Kopenhagen befindet und dort am 17. Mai 1859 vom Geheimen Archivrat G. C. F. Lisch aus Schwerin verglichen wurde, werden ab 1491 Caterina, Margarete und Elisabeth van Pletzen (Plessen) als Nonnen im Kloster Dobbertin geführt. In der 1591 aufrestellten Namensliste wird eine Sophia von Plessen als Unterpriorin nicht genannt.[16] Auch nach der Reformation mit der Umwandlung des Nonnenklosters in ein adeliges Damenstift hatten ab 1572 die von Plessen über 300 Jahre viele ihrer Töchter zur Absicherung ihrer Versorgung in den verschiedensten Damenstiften Mecklenburgs untergebracht, vornehmlich im Kloster Rühn, im Klarissenkloster Ribnitz sowie im Kloster Dobbertin. So finden sich zum Beispiel im Einschreibebuch des Klosters Dobbertin 56 Eintragungen von Töchtern der Familien von Plessen aus Barnekow, Cambs, Damshagen, Dolgen, Gressow, Herzberg, Krambs, Klein Renzow, Müsselmow, Raden, Reez, Schönfeld, Steinhusen und Trechow aus den Jahren 1700-1902 zur Aufnahme in das dortige adelige Damenstift; zehn von ihnen wurden als Konventualinnen im Kloster Dobbertin aufgenommen.[17] Neben einigen Wappenschildern und den Allianzwappen der Konventualinnen befindet sich an der nördlichen Gebetsloge auf der Nonnenempore in der Klosterkirche noch ein Bildwappen der 1711 ins Kloster gekommenen Magdalene von Plessen auf Müsselmow. [18]

Ein Teil der Nachfahren Helmolds von Plessen wanderte im 18. Jahrhundert von Mecklenburg über Dänemark nach Holstein aus. Zur in der dänisch-holsteinischen Linie geführten Namensform Scheel-Plessen oder Scheel von Plessen siehe unter Scheel von Plessen.

Standeserhöhungen[Bearbeiten]

Wappen[Bearbeiten]

  • Die früheste Wappenabbildung der burggesessenen Herren/Edelherren von Plesse aus dem Jahr 1209 zeigt auf rotem Schild einen silbernen Maueranker. Das Wappen schmückt zusammen mit zweiundreißig anderen Wappen das Quedlinburger Wappenkästchen,[19] ein Reliquiar aus dem Schatz der dortigen Stiftskirche.[20] Alle Wappen auf dem Kunstwerk sind ohne Helmzier und Decken dargestellt. Spätere Plesse-Wappen zeigen auf silbernem Schild einen roten Maueranker oder, der Überlieferung zufolge, auch einen goldenen Schild mit dem roten Maueranker.[21] Das Vollwappen zeigt über dem Schild den Helm mit Decken in den jeweiligen Wappenfarben und dem roten Maueranker vor einer mit Pfauenfedern besteckten Säule in der Tingierung des Schildes.
  • Das Stammwappen der nach Mecklenburg ausgewanderten Linie zeigt in Gold einen nach rechts schreitenden schwarzen Stier. Auf dem Helm mit schwarz-goldenen Decken zwei halbe rote Räder, ringsum besteckt mit 21 Pfeilschäften, die auf ihrer Spitze Sterne tragen, woraus später natürliche Pfauenfedern wurden.
Historische Wappenbilder und Siegel

Historische Stätten[Bearbeiten]

Biographien[Bearbeiten]

Helmold I. von Höckelheim und ausgewählte Nachkommen[Bearbeiten]

Ritter Helmold von Plesse; unten sind die sieben „Plessen-Kirchen“ aufgeführt. Darstellung von 1743
Volrad von Plesse als Lehrer von Prinz Karl Ludwig, Gemälde von Jan Lievens, 1631
Leopold von Plessen, Minister, Repräsentant auf dem Wiener Kongress, Geheimeraths- und Regierungspräsident von Mecklenburg-Schwerin
Hans von Plessen, Generaloberst mit dem Rang als Generalfeldmarschall, mit 76 Lebensjahren ältester aktiver Offizier des Deutschen Kaiserreiches
Ahnennachweis für Augusta Charlotta Sophia von Plessen (1772-1840, Württembergische Linie der Plessen)
  • Helmold I. von Höckelheim (1144), möglicherweise verwandt mit Gottschalk von Lengede (1070) und den Grafen von Padberg (1030)
  • Bernhard I. von Höckelheim/Plesse (1150–1190), Begründer der älteren Linie, empfängt zusammen mit seinem Bruder Gottschalk I. (Begründer der jüngeren Linie) nach dem Aussterben der Grafen von Winzenburg die Burg Plesse vom Bistum Paderborn zu Lehen
  • Helmold von Plesse († 1186) war ein Ministerialer und Militärführer Heinrichs des Löwen, Stifter mehrerer Kirchen in Mecklenburg, Verwandtschaft wahrscheinlich, aber nicht endgültig gesichert
  • Helmold III. von Plesse (1191–1236), Ritter des Schwertbrüderordens, Gefolgsmann Kaiser Ottos IV., 1211 Befehlshaber eines Kreuzheeres in Livland, Zeuge bedeutender politischer Beurkundungen im Ostseeraum
  • Poppo von Plesse (1209–1247, † vor 1255), Ritter, jüngster Sohn Bernhards I., stiftet mit seinen Vettern aus der "jüngeren Linie" 1247 das Kloster Höckelheim, macht große Stiftungen an Kirchen und Klöster
  • Helmold IV. von Plesse (1240–1268), Alleinerbe Poppos, richtet mit seinen Vettern das Familien-Erbbegräbnis in der Klosterkirche zu Höckelheim ein, streitet mit den Klöstern von Osterode und Walkenried, gibt den Herzögen von Braunschweig-Lüneburg ein bedingtes Beistandsversprechen
  • Helmold V. von Plesse (1269–1292), Alleinerbe Helmolds IV., ist der letzte aus der "älteren Linie" mit einer namhaften Beteiligung an der Burg und Herrschaft, die er 1284/1288 verkauft, macht große Stiftungen an Kirchen und Klöster

Helmold von Plesse(n) (*1263) und ausgewählte Nachkommen (Mecklenburger Linie)[Bearbeiten]

Scheel von Plessen[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

  • Peter Aufgebauer: Die Herren von Plesse und ihre Burg in der Politik des 12. und 13. Jahrhunderts. In: Peter Aufgebauer (Hrsg.): Burgenforschung in Südniedersachsen. Herausgegeben im Auftrag des Vereins der „Freunde der Burg Plesse e.V.“ Buchverlag Göttinger Tageblatt, Göttingen 2001, ISBN 3-924781-42-7.
  • Josef Dolle (Hrsg.): Urkundenbuch zur Geschichte der Herrschaft Plesse (bis 1300). Verlag Hahnsche Buchhandlung, Hannover 1998, ISBN 3-7752-5820-5 (Veröffentlichungen der Historischen Kommission für Niedersachsen und Bremen, Quellen und Untersuchungen zur Geschichte Niedersachsens im Mittelalter 26).
  • Manfred Hamann: Mecklenburgische Geschichte von den Anfängen bis zur Landständischen Union von 1523. Auf der Grundlage von Hans Witte neu bearbeitet. Böhlau Verlag, Köln u. a. 1968 (Mitteldeutsche Forschungen 51).
  • Detlev Hellfaier: Plesser Siegel und Wappen im Stift Freckenhorst. In: Plesse-Archiv. 16, 1980, ISSN 0341-3837, S. 93–114.
  • Nathalie Kruppa: Neue Gedanken zum Quedlinburger Wappenkästchen. In: Concilium medii aevi. 4, 2001, ISSN 1437-9058, S. 153–177, online (PDF; 558 KB).
  • Friedrich Lisch: Das Schloß zu Wismar. In: Jahrbücher des Vereins für mecklenburgische Geschichte und Altertumskunde. 5, 1840, ISSN 0259-7772, S. 5–19.
  • Friedrich Lisch: Thomas Aderpul oder die Reformation zu Gressow, Malchin und Bützow. In: Jahrbücher des Vereins für Mecklenburgische Geschichte und Altertumskunde. Jahrgang. 16, Schwerin 1851, S. 57–97.
  • Verein für Mecklenburgische Geschichte und Altertumskunde (Hrsg.): Mecklenburgisches Urkundenbuch. I. Band (786) bis XXV. Band (1400), Stiller in Kommission u. a., Schwerin 1863–1936.
  • M. Naumann: Die Plessen - Stammfolge am XIII. bis XX. Jahrhundert. Herausgegeben von Helmold von Plessen im Auftrag des Familienverbandes. 2. neu durchgesehene und erweiterte Auflage. C. A. Starke, Limburg an der Lahn 1971.
  • Ulrich von Oeynhausen: Die Plessen und Hohen-Viecheln. Schwerin 1907.
  • Plesse-Archiv (Hrsg.): Flecken Bovenden. Schriftenreihe in jährlicher Folge, 1966–1998. Gesamtherstellung Goltze-Druck, Göttingen.
  • Detlef Schwennicke: Zur Genealogie der Herren von Plesse. In: Peter Aufgebauer (Hrsg.): Burgenforschung in Südniedersachsen. Herausgegeben im Auftrag des Vereins der „Freunde der Burg Plesse e.V.“ Buchverlag Göttinger Tageblatt, Göttingen 2001, ISBN 3-924781-42-7, S. 113–125.
  •  Reinhard Wenskus: Sächsischer Stammesadel und fränkischer Reichsadel. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 1976, ISBN 3-525-82368-1.
  • Joachim Meier: Origines Et Antiqvitates Plessenses, Verlag König, Leipzig 1713.

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Vgl. Archiv für Landeskunde in den Großherzogthümern Mecklenburg und Revüe der Landwirthschaft. Band 17, Verlag A.W. Sandmeyer, Schwerin 1867, S. 395.
  2. Vgl. Bernhard Latomus: Origines Plessiacae Megapolitanae. Anno 1611.
  3. Die Bildersammlung des Vereins. Leichenstein des Helmold Plessen in der Kirche zu Viecheln vom J. 1186. In: Jahrbücher des Vereins für Mecklenburgische Geschichte und Altertumskunde. Bd. 21 (1856). S. 20. (Digitalisat)
  4. UBPlesse Nrn. 4, 13; siehe Literaturverzeichnis: Josef Dolle (Hrsg.): Urkundenbuch zur Geschichte der Herrschaft Plesse (bis 1300)
  5. UBPlesse Nr. 15
  6. UBPlesse Nrn. 29, 24
  7. UBPlesse Nrn. 15, 19, 21, 22, 26
  8. UBPlesse Nrn. 297, 320.
  9. a b Die Plessen. Website „Gut Schönfeld“, Magnus von Plessen, Schönfeld in Mühlen Eichsen
  10. Schwennicke 2001
  11. MUB Nrn. 989, 996, 1040, 1056, 1059, 1078, 1107, 1122, 1158, 1183, 1192, 1193, 1215, 1216, 1230, 1231, 1237, 1311, 1332, 1488, 1524, 1656
  12. Im Mecklenburg des 13. Jahrhunderts spielten geburtsständische Unterschiede in der Ritterschaft keine Rolle mehr, war das Institut der Ministerialität (gar) nicht erst eingeführt worden. Nur wenige hochadlige Geschlechter des Westens, wie etwa die Herren von Plesse, hatten sich an der Siedlung beteiligt. Hamann 1968
  13. Lisch 1851
  14. Berend v. Plesse(n) (1527-1555) in landschaft-mv.de
  15. Mecklenburgisches Urkundenbuch (MUB) Band XI, Schwerin (1875) Nr. 6315
  16. LHAS 2.12-2/3 Klöster und Ritterorden, Dobbertin Nr. 248.Verzeichnis der in Urkunden gefundenen Geschlechternamen sowie der Priorinnen und Klosterjungfrauen zu Dobbertin.
  17. vgl.: M. Naumann: Die Plessen - Stammfolge am XIII. bis XX. Jahrhundert. Herausgegeben von Dr. Helmold von Plessen im Auftrag des Familienverbandes. 2. neu durchgesehene und erweiterte Auflage. C. A. Starke, Limburg an der Lahn, 1971
  18. Friedrich Preßler: Die Wappen der Nonnenempore. In: Kloster Dobbertin, Geschichte-Bauen-Leben Beiträge zur Kunstgeschichte und Denkmalpflege in Mecklenburg-Vorpommern, Band 2, Schwerin 2012 ISBN 978-3-935770-35-4 S. 214–228, Abb. 5. 10.
  19. „Quedlinburger Wappenkästchen“ (PDF; 572 kB)
  20. Kruppa 2001
  21. Hellfaier 1980
  22. Helmold Plesse. In: Bernhard Latomus: Monumenta inedita rerum Germanicarum praecipue Cimbriacarum et Megapolensium - Origines Plessiacae Megapolitanae, 1611. (digital.ub.uni-duesseldorf.de)
  23. Friedrich Schlie: Die Kunst- und Geschichts-Denkmäler des Grossherzogthums Mecklenburg-Schwerin. II. Band: Die Amtsgerichtsbezirke Wismar, Grevesmühlen, Rehna, Gadebusch und Schwerin. Schwerin 1898, Neudruck Schwerin 1992, ISBN 3-910179-06-1, S. 302–311.
  24. Internetseite über Magnus Plessen bei Artnet

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Plessen – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien