Pluralistische Ignoranz

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche

Pluralistische Ignoranz ist ein Begriff aus der Sozialpsychologie. Er beschreibt die Situation, in der eine Mehrheit eine Norm insgeheim ablehnt, jedoch fälschlicherweise davon ausgeht, dass die Mehrheit diese Norm akzeptiert (etwa: "jeder glaubt, dass alle anderen daran glauben, während in Wirklichkeit keiner daran glaubt").

Geprägt haben den Begriff Daniel Katz und Floyd H. Allport 1931.[1]

Wenn sich eine Gruppe von Menschen in einer mehrdeutigen, schwer einschätzbaren Situation befindet und keiner weiß, was zu tun ist, versuchen die Anwesenden aus der Beobachtung der jeweils anderen Hinweise auf mögliches sinnvolles Verhalten zu bekommen. Die Gruppe übt auf ihre einzelnen Mitglieder informativen sozialen Einfluss aus. Wenn die anderen aber ebenfalls ratlos sind, entsteht pluralistische Ignoranz. Diese führt − gemeinsam mit der Verantwortungsdiffusion − in einer Notfallsituation dazu, dass niemand einschreitet oder hilft, da sich jeder einzelne dem passiven Verhalten der Menge anpasst. Dies kann fatale Folgen haben, wenn sich niemand aus dieser pluralistischen Ignoranz herauslöst und zum Modell wird, dem die anderen Bystander (Zuschauer) folgen können.[2]

Der Begriff stammt aus dem decision model of bystander intervention von Latané & Darley, mit welchem die Hilfeleistung bzw. ein Unterlassen der Hilfeleistung in Notsituationen durch die Menge der Zeugen erklärt werden soll (Bystander-Effekt). Notsituationen können leicht uneindeutige bzw. schwer zu deutende Situationen sein, die nicht durch die Hinweisreize der Situation selbst eingeordnet werden können. In solchen uneindeutigen Situationen versuchen Menschen, Informationen über ihre Umwelt zu gewinnen, indem sie die Reaktionen ihrer Mitmenschen als Deutungshilfe benutzen.

Dieses Phänomen wurde im Experiment zum informationalen sozialen Einfluss von Muzaffer Şerif untersucht.

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1.  Daniel Katz und Floyd H. Allport: Student Attitudes. Craftsman, Syracuse, N.Y. 1931.
  2. E. Aronson, T. D. Wilson, R. M. Akert: Sozialpsychologie. Pearson Studium. 6. Auflage 2008. ISBN 978-3-8273-7359-5, S. 369

Siehe auch[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

  • Latané, Darley (1968): Group inhibition of bystander intervention. Journal of Personality and Social Psychology, 10, S. 215-221
  • Latané, Darley (1970): The unresponsive bystander: Why doesn't he help?. Eaglewood Cliffs, NJ: Prentice Hall