Plutokratie

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Die Plutokratie oder Plutarchie (griechisch πλουτοκρατία plutokratía ‚Reichtumsherrschaft‘, von πλοῦτος plútosReichtum‘ und κρατεῖν krateín ‚herrschen‘) ist eine Herrschaftsform, in der Herrschaft durch Vermögen legitimiert wird, also die Herrschaft des Geldes (auch „Geldadel“ genannt). Politische Rechte werden anhand des Vermögens vergeben (z. B. über das Zensuswahlrecht). Die Plutokratie ist eine Unterform der Oligarchie.

In einem plutokratischen System gibt es einen hohen Grad an sozialer Ungleichheit bei geringer sozialer Mobilität. In einer Plutokratie sind Ämter in der Regel nur den Besitzenden zugänglich. Es existiert ein Zensuswahlrecht, das Besitzlose von den politischen Bürgerrechten ausschließt, wodurch politische Macht hauptsächlich zum Nutzen der Machtinhaber ausgeübt wird. Damit ist verbunden, dass die finanzielle Macht Einzelner oder von Unternehmen die verfassungsmäßige Ordnung eines Staates umgeht, eigennützig den Staat steuert und demokratische Wahlen möglichst manipuliert.

Geschichte[Bearbeiten]

1817 spricht Adam Weishaupt bereits von „Plutocratie oder Herrschaft der Reichen“ auf Kosten zunehmender Abhängigkeit der Armen, als Ursache jedweder großen Revolution.[1]

Kampfbegriff im Dritten Reich[Bearbeiten]

Im Nationalsozialismus war Plutokratie ein zur Kapitalismuskritik oft verwendeter Begriff. Insbesondere wurde er durch das Reichsministerium für Volksaufklärung und Propaganda unter Joseph Goebbels häufig verwendet, um die britische und US-amerikanische Regierung zu kritisieren. Es wurde unterstellt, dass die reichen Kapitalisten ihren Einfluss insbesondere auf die Konservativen dazu benutzten, ihr eigenes Volk und die vom Britischen Empire beherrschten Völker der Dritten Welt wie Indien zu unterdrücken und ihren Einflussbereich auf das kontinentale Europa auszudehnen („Expansionismus“). Des Weiteren diente der Begriff der Diffamierung des Judentums, dem unterstellt wurde, es habe durch große Kapitalkraft auch Einfluss auf die Politik (siehe auch „Weltjudentum“).

Vor dem Hintergrund der Benutzung des Begriffs im Dritten Reich waren im deutschen Sprachraum auch linke Systemkritiker zurückhaltend mit der Verwendung dieses Begriffes, um nicht in den Verdacht einer Sympathie mit dem Nationalsozialismus zu geraten, verwendeten ihn gar nicht (Tabu) oder mit großer Vorsicht (siehe Political Correctness).

Heute werden in vielen Wissenschaften englische Begriffe als Fachbegriffe verwendet. Die englischsprachige Diskussion (plutocracy) habe dazu beigetragen, den Begriff wieder zu einem wertfreien deskriptiven Fachbegriff zu machen.

Plutokratie in der Gegenwart[Bearbeiten]

In heutiger Zeit erkennen einige Politikwissenschaftler u. a. im System der USA plutokratische Züge, wie auch in vielen anderen westlichen Ländern. Begründet wird diese Sichtweise mit der Struktur der Rekrutierung politischer Eliten, die häufig eng verknüpft sind mit wirtschaftlichen Führungsschichten. Teilweise wird diese Macht zusätzlich durch einflussreiche Massenmedien gestützt – ein Beispiel im Zusammenhang mit der neokonservativen Weltanschauung ist das Wirken des Medienimperiums von Rupert Murdoch.

Kevin Phillips, Autor und politischer Stratege von US-Präsident Richard Nixon, erklärte, die Vereinigten Staaten von Amerika seien eine „Plutokratie“, in denen es eine „Vereinigung von Geld und Regierung“ gebe. Chrystia Freeland verwendet in ihrem Buch Die Superreichen (im Original: Plutocrats), „die untereinander mehr gemeinsam haben als mit ihren Landsleuten daheim",[2] laufend die Wörter Plutokraten bzw. Plutokratie als Bezeichnung für diese “neue globale Geldelite". Die Credit Suisse AG bescheinigt in ihrem Global Wealth Report 2011 den UHNWIs (ultra high net worth individuals) - definiert als „Personen, die ein investierbares Einkommen von mindestens 50 Millionen Dollar besitzen" - einen ähnlichen Lebensstil und zunehmend globalen Charakter, so dass sie immer mehr eine Gemeinschaft bilden.[3] Diese Kreise seien "definiert durch Interessen, nicht durch die Geographie".[4] Die Globalisierung der Superelite beginnt in der Schule und setzt sich fort auf den Elite-Universitäten. Die Klasse der Plutokraten ist eine Welt, in der "das Spezialgebiet des Diploms mehr zählt als die Nationalität".[5] Man trifft sich regelmäßig auf Konferenzen (Weltwirtschaftsforum Davos, Bilderberg-Konferenz, Boao Forum, TED (Konferenz), Digital Life Design usw.), wie auch in exklusiven Hotels und auf privaten Parties.[6] Im Dienst dieser Oberschicht stehen die „Einkommensverteidigungsindustrie“ aus Rechtsanwälten, Steuerberatern und Lobbyisten[7] sowie die Lieferanten von Luxusartikeln und -dienstleistungen, von denen die „Stars“, wenn sie Glück haben, ebenfalls zu Superreichen werden können.[8] Am stärksten vertreten ist die Finanzbranche; insbesondere die Betreiber von Hedgefonds, Risikokapitalfirmen und Beteiligungsgesellschaften bilden den „Milliardärskreis“.[9]

Neben dem technologischen Fortschritt im Bereich Information und Kommunikation und der Globalisierung ermöglichte und beschleunigte auch die weltweite Tendenz der Liberalisierung seit den 1980er Jahren den rasanten Aufstieg der neuen Oberklasse. Mit der über drei Jahrzehnte lang fortgesetzten, parteiübergreifend gebilligten Deregulierung der Finanzmärkte vollzog sich eine Kaperung des Staates[10] durch die Finanzindustrie, die schließlich mit der Finanzkrise und der Bankenrettung durch die Staaten so offensichtlich wurde, dass sie - bislang erfolglosen - Protest auslöste. Hinzu kam seit 1990 die Transformation der staatlichen Planwirtschaften in privatkapitalistische Marktwirtschaften. Die Erbeutung von Renteneinkommen auf Kosten der Allgemeinheit geschieht auch in der klassischeren Form durch mächtige Gruppen, die ihren Einfluss geltend machen, um die wirtschaftlichen Spielregeln zu verändern.[11] So spielten westliche Regierungen, besonders in Washington und London, indem sie die Finanzmärkte deregulierten, sogar eine noch größere Rolle beim Aufstieg der Globalen Superelite, als der Verkauf staatlicher Vermögenswerte in den Schwellenländern.[12] „Der Versuch, die Spielregeln zu den eigenen Gunsten zu beeinflussen ist keine Verirrung, es ist das, was Unternehmen anstreben.“[13] Dies durch legale Korruption[14] mittels Wahlkampfspenden und Lobbyismus zu erreichen, ist das einträglichste Geschäft überhaupt und verschafft zusätzlich politische Macht.[15]

Wie sehr sich in den letzten Jahrzehnten die Einkommenspyramide in den USA zugespitzt hat, zeigen die von Emmanuel Saez ermittelten Zahlen für die Entwicklung der Durchschnittseinkommen von Bevölkerungsschichten in USA in US $ .[16]

soziale Schicht 1970 Relationen 2012 Relationen Steigerung um Steigerung der Relation
reichste 0,01 % 2.290.000 76 21.570.000 720 842 % aufs 9,5-fache
reichste 0,1% 844.000 28 4.661.000 165 452 % aufs 6-fache
reichstes 1 % 340.000 11 1.021.000 33 200 % aufs 3-fache
reichste 10 % 137.000 4 244.000 8 78 % aufs Doppelte
restliche 90 % 33.000 1 30,000 1 - 9 % -------

Von 1946 bis 1963 lag der Spitzensteuersatz für Einkommen über 2,5 Millionen (heutige) Dollar bei 91 Prozent; und bis 1981 blieb er bei 70 Prozent. Heute hingegen werden die Superreichen überhaupt nicht mehr gesondert besteuert. Die sehr moderate Spitzensteuer von 36,9 Prozent greift schon ab einem Jahreseinkommen von 400.000 Dollar, ganz abgesehen davon, dass für die Superreichen Schlupflöcher geschaffen und Schutzschirme aufgespannt wurden, mit denen sie ihre steuerliche Belastung noch weiter verringern. Dazu sagte Warren Buffett 2011: "Klassenkampf herrscht in den USA seit 20 Jahren, und meine Klasse hat gewonnen."[17]

Siehe auch[Bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten]

 Wiktionary: Plutokratie – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen

Literatur[Bearbeiten]

  • Wilhelm Traugott Krug: Allgemeines Handwörterbuch der philosophischen Wissenschaften, Brockhaus, Leipzig 1834 (online)
  • Chrystia Freeland: Die Superreichen. Aufstieg und Herrschaft einer neuen globalen Geldelite. Westend, Frankfurt/Main 2013, ISBN 978-3-86489-045-1. (Original: Plutocrats: The Rise of the Global Super-Rich and the Fall of Everyone Else. Allen Lane 2012)

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Adam Weishaupt: Über die Staatsausgaben und Auflagen. 1817. (online) S. 69:
    „Dadurch, daß einige zu reich werden, indem der größere Theil verarmt, entsteht eine Plutocratie oder Herrschaft der Reichen, welche die Aermern nöthigt sich den Reichen in die Arme zu werfen, um bei diesen ihren Unterhalt zu suchen. Dieß und keine andere, ist die Ursache aller großen Revolutionen; und man kann mit Recht behaupten, jeder Machtwechsel sei die Folge eines vorhergegangenen Geld- oder Güterwechsels."
  2. Chrystia Freeland: Die Superreichen. Aufstieg und Herrschaft einer neuen Geldelite Frankfurt/Main 2013, S. 20
  3. Global Wealth Report 2011, Credit Suisse Research Institute, 19. Oktober 2011, S. 16 f., zit. n. Crystia Freeland: Die Superreichen. Westend, Frankfurt/Main 2013, S. 77 f.
  4. Chrystia Freeland: Die Superreichen. Westend, Frankfurt/Main 2013, S. 78
  5. Chrystia Freeland: Die Superreichen. Westend, Frankfurt/Main 2013, S. 80
  6. Chrystia Freeland: Die Superreichen. Westend, Frankfurt/Main 2013, S. 86 ff.
  7. Winters, Jeffrey A., Oligarchy, Cambridge u.a. 2011 S. XII, zit. n. Crystia Freeland: Die Superreichen. Westend, Frankfurt/Main 2013, S. 88.
  8. Chrystia Freeland: Die Superreichen. Westend, Frankfurt/Main 2013, S. 124.
  9. Chrystia Freeland: Die Superreichen. Westend, Frankfurt/Main 2013, S. 143 ff.
  10. Crystia Freeland: Die Superreichen. Westend, Frankfurt/Main 2013, S. 255.
  11. Chrystia Freeland: Die Superreichen. Westend, Frankfurt/Main 2013, S. 220.
  12. Chrystia Freeland: Die Superreichen. Westend, Frankfurt/Main 2013, S. 253.
  13. Chrystia Freeland: Die Superreichen. Westend, Frankfurt/Main 2013, S. 314.
  14. Daniel Kaufmann, ’’Corruption and the Global Financial Crisis’’, Forbes, 27. Januar 2009 (http://forbes.com/2009/01/27/corruption-financial-crisis-business-corruption09_0127corruption.html), zit. n. Chrystia Freeland: Die Superreichen. Westend, Frankfurt/Main 2013, S. 256 f.
  15. Crystia Freeland: Die Superreichen. Westend, Frankfurt/Main 2013, S. 256 f.
  16. Emmanuel Saez: Striking it Richer: The Evolution of Top Incomes in the United States. http://elsa.berkeley.edu/~saez/saez-UStopincomes-2012.pdf, zit.n. Marco d'Eramo, [1]
  17. Marco d'Eramo, http://www.taz.de/1/archiv/digitaz/artikel/?ressort=me&dig=2014%2F01%2F04%2Fa0154&cHash=403bcf2c04c5828bd0efc77337fb2e49