Pogrom in Baku

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Besetzung Bakus durch die Sowjetische Armee, Baku im Februar 1990

Das Pogrom in Baku war ein von Aserbaidschanern durchgeführtes Pogrom welches im Januar 1990 an der armenischen Bevölkerung von Baku verübt wurde.

Am 12. Januar 1990 brach ein neuntägiges Pogrom in Baku aus, dem rund 90 Armenier zum Opfer fielen.[1] Neben Morden, mehrheitlich verübt durch Schläge und Messerstiche, kam es auch zu Einbrüchen und Überfällen. Zudem wurden Häuser von Armeniern in Brand gesteckt.[2] Laut Robert Kushen, einem Reporter der Human Rights Watch, waren die Angriffe keineswegs spontan, da die aserbaidschanischen Angreifer Listen von Armeniern und ihren Wohnanschriften besaßen.[3]

Ablauf[Bearbeiten]

Im Januar 1990 entstanden Unruhen in Aserbaidschan und Kundgebungen der Volksfront Aserbaidschans fanden im großen Maße in Baku statt. Die Rhetorik einiger Führer der Volksfront-Partei Aserbaidschans war stark anti-armenisch. Man sprach unter anderem von Deportation der Armenier aus Aserbaidschan.[4] Zudem unternahmen Zentralbehörden, sowie die örtliche Miliz nur sehr wenig, um die Gewaltausbrüche zu stoppen.[5]

Schriftzug auf einer Häuserwand: „Здесь живёт Армянин” (Hier wohnt ein Armenier), Baku im Januar 1990

Die Volksfront Aserbaidschans begann mit der Blockade von Militärkasernen. Der britische Journalist und Schriftsteller Thomas de Waal bezeichnete das Pogrom in Baku als den ersten Teil vom „Schwarzen Januar“. Laut de Waal versammelte sich eine große Menschenmenge auf dem „Lenin-Platz“ (heute Azadliq-Platz) und bei Anbruch der Dunkelheit trennten sich unterschiedliche Gruppierungen von den Demonstranten der aserbaidschanischen Volksfront-Partei und begannen die Armenier zu attackieren. So wie bereits in Sumgait, zeichneten sich die Angriffe durch ein hohes Grad an Brutalität aus und Massaker fanden im Gebiet der armenischen Wohnviertel statt.[6] Laut der internationalen Menschenrechtsorganisation Memorial haben sich Augenzeugen an die Miliz auf den Straßen gewandt, um die benachbarten Angriffe auf die Armenier zu melden, jedoch blieben die Milizsoldaten untätig.[3]

Der mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichnete Journalist Bill Keller, schrieb in einem Bericht am 18. Februar 1990 in der New York Times:

„Hier und da markieren zerschlagene Fenster oder rußgeschwärzte Wände Wohnungen, aus denen die Armenier von Banden vertrieben wurden und ihr Eigentum auf dem Balkon niedergebrannt wurde. Die Armenische Apostolische Kirche, deren Gemeinde innerhalb der vergangenen zwei Jahre durch auf Angst basierende Auswanderungen dezimiert wurde, ist nun eine verkohlte Ruine. Ein Nachbar sagte, dass die Feuerwehr und die Polizei ohne einzugreifen dabei zugeschaut hätten, als das Gebäude bei Randalen zu Beginn des Jahres zerstört wurde.[7]

Beurteilung von internationaler Seite[Bearbeiten]

Am 27. September 1990 wurde auf Initiative von Frankreichs „Helsinki Treaty Watchdog Komitee“ und von Pariser Intellektuellen des Collège international de philosophie ein „Offener Brief zu anti-armenischen Pogromen in der Sowjetunion verfasst. In dem Schreiben heißt es unter anderem, dass die bloße Tatsache, dass sich diese Pogrome in Baku und anderen Teilen Aserbaidschans wiederholt haben und die Tatsache, dass sie alle einem selben Schema folgten, zu der Annahme führt, dass diese tragischen Ereignisse kein Unfall oder spontane Gewaltausbrüche waren.[8]

Das Pogrom in Baku wurde in einem Bericht des UN-Ausschusses für die Beseitigung der Diskriminierung der Frau am 25. Juli 1997 aufgegriffen und wie folgt beschrieben:

„Fünf Tage lang wurde im Januar 1990 die armenische Bevölkerung in Baku, der Hauptstadt Aserbaidschans, ermordet, gefoltert, ausgeraubt und erniedrigt. Schwangere Frauen und Säuglinge wurden belästigt, kleine Mädchen wurden vor den Augen ihrer Eltern vergewaltigt, christliche Kreuze wurden auf ihre Rücken gebrannt und sie wurden aufgrund ihres christlichen Glaubens missbraucht.[9]

Folgen[Bearbeiten]

Die Mehrheit der Armenier floh aus Baku. Unter ihnen war ebenfalls der russisch-armenische Schachweltmeister Garri Kasparow und seine Familie.[10] Gegen Ende April 1993 wurde geschätzt, dass nur noch 18.000-20.000 Armenier in Baku verblieben waren, von denen die meisten ihre armenische Identität geheim hielten. Der Bevölkerungsanteil der Armenier in Baku ist von vormals 16,5 % im Jahre 1979 auf nahezu 0 % im Jahre 2009 gesunken.[11]

Siehe auch[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Thomas De Waal: Black garden - Armenia and Azerbaijan through peace and war, S.90
  2. 1990: Gorbachev explains crackdown in Azerbaijan, BBC, 22. Januar 1990. Abgerufen am 24. Oktober 2012
  3. a b Robert Kushen: Conflict in the Soviet Union: Black January in Azerbaidzhan, 1991, Human Rights Watch, S. 7
  4. Robert Kushen: Conflict in the Soviet Union: Black January in Azerbaidzhan, 1991, Human Rights Watch, S. 8
  5. “Playing the "Communal Card": Communal Violence and Human Rights”, Human Rights Watch. Abgerufen am 24. Oktober 2012
  6. Глава 6. 1988-1990 г.г. Азербайджанская трагедия, BBC. Abgerufen am 24. Oktober 2012 (russisch)
  7. UPHEAVAL IN THE EAST: Soviet Union; A Once-Docile Azerbaijani City Bridles Under the Kremlin's Grip, The New York Times, 18. Februar 1990. Abgerufen am 24. Oktober 2012
  8. An Open Letter on Anti-Armenian Pogroms in the Soviet Union, von Jacques Derrida, Isaiah Berlin, Alain Finkielkraut, Richard Rorty, and Adrian Lyttelton, et al., 27. September 1990. Abgerufen am 24. Oktober 2012
  9. Committee on the elimination of discrimination against women: Seventeenth session, Vereinte Nationen, 25. Juli 1997. Abgerufen am 24. Oktober 2012
  10. Garry Kasparov - Bio
  11. State Statistical Committee of the Azerbaijan Republic, Ethnic composition of Azerbaijan 2009