Pogrom von Istanbul

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Karte des Pogroms in Istanbul

Der Pogrom von Istanbul (griechisch Σεπτεμβριανά, türkisch 6–7 Eylül Olayları) bezeichnet gewalttätige Ausschreitungen gegen die christliche, vor allem griechische Minderheit in Istanbul, Izmir[1][2][3] und in der türkischen Hauptstadt Ankara[3] in der Nacht vom 6. auf den 7. September 1955. Den Verbrechen fielen auch türkische Juden und Armenier zum Opfer.

Hintergrund[Bearbeiten]

Nach der Eroberung von Konstantinopel 1453 durch die Osmanen hatte die griechische Bevölkerung der Stadt weiter zugenommen. Sie bekleideten unter der Herrschaft der Sultane bedeutende Rollen im Sozial- und Wirtschaftsleben sowie in der Politik und Diplomatie. Auch nach der Unabhängigkeit Griechenlands 1829 änderte sich nichts daran.

Ermutigt durch die Niederlage des Osmanischen Reiches im Ersten Weltkrieg, versuchte das Königreich Griechenland die Umsetzung der „Megali Idea(Großen Idee), indem es das Osmanische Reich angriff und den Griechisch-Türkischen Krieg begann mit dem Ziel, von Griechen bewohnte Territorien in Kleinasien und Ostthrakien einzuverleiben. Nach der Niederlage Griechenlands wurde im Vertrag von Lausanne 1923 ein radikaler Bevölkerungsaustausch vereinbart: Beinahe alle in der Türkei lebenden Christen (Griechen), etwa 1,5 Millionen Menschen, wurden nach Griechenland verschoben, und rund 500.000 Muslime (Türken) mussten Griechenland verlassen. Ausgenommen waren einerseits die Istanbuler Christen (Phanarioten) und Inselgriechen, anderseits die Muslime (u.a. Pomaken, d. h. bulgarische Muslime) in Westthrakien.

Nach dem Griechisch-Türkischen Krieg misstrauten sich beide Seiten. Die Istanbuler Griechen, die vom Bevölkerungsaustausch ausgenommen waren, begannen Istanbul zu verlassen.

Durch neue, gegen die griechische Minderheit gerichtete Gesetze aus dem Jahr 1932 wurde diese Abwanderung beschleunigt. Nun war Griechen die Ausübung von 30 Berufen verboten, darunter das Schneider- und Tischlerhandwerk, die Berufe des Arztes, Rechtsanwalts und des Immobilienmaklers.

Chronologie[Bearbeiten]

Für den am 6. September 1955 ausgebrochenen Pogrom vermuten manche Quellen wie Human Rights Watch[4] eine staatliche Organisation hinter den Massenausschreitungen, andere setzen dies als gesichert voraus.[5][6][7]

Während türkische Zeitungen damals von 11 Toten sprachen,[8] gehen neuere Untersuchungen von 15 Toten aus[9] (einschließlich zweier orthodoxer Priester und eines Armeniers).[10]

Die Ursachen, die zu der Gewaltorgie gegen Minderheiten führten, sind vielschichtig und nicht durch eine einfache Formel zu erklären. Ursachen sind im türkischen Nationalismus, der nach dem Untergang des Osmanischen Reiches aufkeimte, und in dem eskalierenden Zypernkonflikt zu suchen. Auch erlebte die Bevölkerung einen sinkenden Lebensstandard. Ursachen waren neben einem Preisverfall für landwirtschaftliche Erzeugnisse auf dem Weltmarkt auch Misswirtschaft und Korruption. Die Popularität der damaligen Staatsführung unter Ministerpräsident Adnan Menderes sank dramatisch ab. Eine Eskalation zwischen den Religionen wurde von der Regierung auch dadurch gefördert, dass sie sich vom Prinzip des Laizismus abwandte und einen islamischen Staat etablieren wollte.

Premierminister Adnan Menderes erläuterte diese folgendermaßen:[11]

„Wir haben unsere bis jetzt unterdrückte Religion von der Unterdrückung befreit. Ohne das Geschrei der besessenen Reformisten zu beachten, haben wir den Gebetsaufruf wieder auf das Arabische umgestellt, den Religionsunterricht an den Schulen eingeführt und im Radio die Rezitation des Koran zugelassen. Der türkische Staat ist muslimisch und wird muslimisch bleiben. Alles, was der Islam fordert, wird von der Regierung eingehalten werden.“

Seit langem wird von Historikern und Politikwissenschaftlern vermutet, dass der Staat bei der Planung des Pogroms mitwirkte[2] und der Zypernkonflikt bewusst hochgespielt wurde.[5] Demnach wurde die alte griechische Gemeinde Istanbuls ohne eigenen Einfluss von dem Streit getroffen. In ihr habe die damalige Regierung den Sündenbock gefunden, der für die wirtschaftlichen und politischen Missstände herhalten sollte.

Auslöser[Bearbeiten]

Siehe auch: Geschichte Zyperns unter britischer Herrschaft.

Die Osmanen mussten 1878 Zypern an Großbritannien verpachten. 1914 wurde die Insel von britischen Truppen annektiert und 1925 zur Kronkolonie erklärt. Bereits 1878 versuchten die Zypern-Griechen unter Erzbischof Sophronios den Anschluss Zyperns an Griechenland, den sogenannten „Enosis“ (griech.: Ένωσις), durchzusetzen. In dieser Zeit gab es mehrere Revolten, die von den britischen Besatzungstruppen niedergeschlagen wurden.

Im April 1955 strengte die „Griechisch-Zypriotische nationale Organisation der zypriotischen Kämpfer“ EOKA einen bewaffneten Kampf gegen die auf Zypern stationierten Streitkräfte der britischen Kolonialmacht sowie die seit der osmanischen Eroberung dort lebende Minderheit der Zypern-Türken an. So erhielt der Pogrom weitere Intensität durch den Zypernkonflikt.

Die seit 1954 gegründeten Bewegungen „Nationale Union der Türkischen Studenten“, „Nationale Föderation der Türkischen Studenten“ und „Zypern ist Türkisch“ nutzten die Aktivitäten der EOKA in Zypern, um gegen die Mehrheit der Griechen und das Ökumenische Patriarchat von Konstantinopel zu protestieren.

1955 versuchte die türkische Regierung, unterstützt von der türkischen Presse, die Türken gegen die Griechen aufzuhetzen, um dadurch die Ernsthaftigkeit der türkischen Ansprüche auf Zypern unmissverständlich zu unterstreichen. Einige Wochen vor den Ereignissen vom 6./7. September 1955 hielten einige türkische Politiker anti-griechische Reden. Am 28. August behauptete Menderes, dass die griechischen Zyprioten ein Massaker gegen die türkischen Zyprioten planen würden.

Ereignisse[Bearbeiten]

Am 6. September 1955 berichtete der türkische Rundfunk, im Geburtshaus des türkischen Staatsgründers Kemal Atatürk in der nordgriechischen Stadt Thessaloníki sei eine Bombe explodiert. Daraufhin druckte die Istanbuler Express-Zeitung sofort eine Sonderausgabe mit dem Titel: „Das Geburtshaus unseres Ahnen wurde bombardiert“. Als Schuldige machte das Blatt die Griechen aus. Atatürks Geburtshaus war schon damals ein Museum und Teil des türkischen Konsulats. Daher hat die Forschung inzwischen auch von einem „Bombenattentat auf das türkische Konsulat“[12] gesprochen.

Der Zeitpunkt des Attentats war bewusst gewählt worden, da es die seit dem 29. August 1955[13] tagende und noch nicht abgeschlossene Londoner Dreiparteien-Konferenz torpedierte, die über den Zypernkonflikt diskutierte.[12] Die von der britischen Regierung eingeladene Dreierkonferenz sollte ein friedliches Miteinander von Griechen, Türken und Engländern, die eigene Interessen verfolgten, im Mittelmeerraum erzielen. Jedoch versuchte die britische Regierung während der Konferenz, Griechen und Türken gegeneinander auszuspielen, wollte es aber vermeiden, dass die Lage durch eine militärische Auseinandersetzung zwischen den beiden Staaten eskalieren würde.[14] Der Pogrom unterbrach die Konferenz.

Der türkische Nobelpreisträger Orhan Pamuk berichtete in seinem Buch Istanbul : Erinnerungen an eine Stadt, dass der türkische Geheimdienst hinter der Aktion stand,[15] während der Ökumenische Rat der Kirchen in Österreich „türkische Provokateure“ vermutete und berichtete, dass im Garten des Atatürk-Hauses zwar eine Ladung Dynamit explodiert sei, jedoch nur Sachschaden angerichtet worden sei.[5]

In Istanbul[Bearbeiten]

Der zu dieser Zeit gegründete nationalistische Verein Kibris Türktür Cemiyeti (dt. Zypern ist türkisch) verteilte und verkaufte in ganz Istanbul die Sonderausgabe der Istanbuler Express-Zeitung. Die Mitglieder versuchten mit Hilfe der Eilmeldung Propaganda für sich zu machen, Erregung zu schüren und das Volk hinter sich zu bringen.

Der Pogrom selber war von langer Hand geplant, denn die nationalistisch-religiös aufgewiegelten Schläger kamen am 6. September mit verschiedenen Verkehrsmitteln von weit her. Diese Tatsache wurde unter anderem deutlich, als Behörden nach den Gewaltexzessen am Bahnhof Haydarpasa Plünderer stellten, die mit ihrem Raubgut in ihre Heimatstädte İzmit und Adapazarı zurückfahren wollten. Zudem hatten sich die Anführer der Extremisten Wochen zuvor aktuelle Listen mit den Adressen von Häusern und Arbeitsplätzen von Christen besorgt.[5][7]

Gegen 18 Uhr begann in Istanbul ein Zug von angeblich 250.000 Personen durch die Straßen zu ziehen[1] und zu marodieren. Nicht nur von auswärts kommende Schläger übten Gewalt aus, sondern auch Istanbuler Bürger machten sich als Helfer, Täter bzw. Mitläufer schuldig. Muslimische Bewohner Istanbuls sollen in jener Nacht ihre Häuser mit der Landesfahne beflaggt haben, um dem marodierenden Mob zu offenbaren, welches Haus zu schonen sei bzw. welches sie angreifen konnten.[16] In einigen Fällen hatten Helfer des Pogroms Häuser mit der Aufschrift „Kein Türke“ versehen, um darauf hinzuweisen, dass diese zur Plünderung offenstanden.[5]

Mord, Vergewaltigung und schwerste Misshandlung, unter anderem Zwangsbeschneidungen, gingen mit der Zerstörung einher. Weiterhin zählte man in Istanbul 32 schwerverletzte Griechen. Von den insgesamt 80[17] orthodoxen Kirchen in und um Istanbul wurden zwischen 60[17] bis 72[5][7] „mehr oder weniger beschädigt“[17] bzw. in Brand gesetzt.[7] Zu den beschädigten Gotteshäusern gehörte auch St. Maria, welche einst von dem Eroberer Konstantinopels, Mehmed II., seinem griechischen Architekten Christodulos geschenkt worden war.[18] Neben den Kirchen wurden mehr als 30[5] christliche Schulen in Brand gesetzt.[7] Weiterhin schändete der Mob christliche Friedhöfe, Gebeine der Geistlichkeit, verwüstete rund 3.500 Wohnhäuser,[5][4] 110 Hotels, 27 Apotheken und 21 Fabriken[10] und mehr als 4.000[4][5] bis 5.000[3] Läden und Geschäfte. In den Wirren des Pogroms wurden auch einige Geschäfte von Muslimen angegriffen.[7] Bei den Ausschreitungen gegen die Minderheiten sah die Polizei untätig zu[5] bzw. duldete sie wohlwollend.[2] Der Ökumenische Patriarch Athinagoras I., Oberhaupt der orthodoxen Christenheit, harrte im Phanar aus, der zwar belagert, aber nicht gestürmt wurde.[5]

Der schnelle Transport der Schläger innerhalb der Stadt wurde mit PKW, Taxis, LKW und Bussen, aber auch mit Dampfern und militärischen Transportmitteln gewährleistet.

In Izmir[Bearbeiten]

In Izmir verliefen die Ereignisse genauso tragisch wie in Istanbul. Der Gouverneur von Izmir, Kemal Hadimil, wurde später als Initiator der Ausschreitungen bezeichnet und soll von örtlichen Pogrombefürwortern auf den Schultern getragen worden sein. Die Aggressionen wurden schneller beendet als in Istanbul, dem Zentrum der Gewalt.[3]

In Ankara[Bearbeiten]

Auch in der türkischen Hauptstadt kam es zu inszenierten „spontanen“ Gewaltausbrüchen gegen die griechischen Bewohner, doch wurden diese ebenfalls schneller unter Kontrolle gebracht als in Istanbul.[3]

Schäden[Bearbeiten]

Der insgesamt verursachte Sachschaden wird je nach Quelle unterschiedlich beziffert:

  • türkische Regierungsstellen: 69,5 Millionen Türkische Lira (24,8 Millionen US-Dollar)[19]
  • britische Diplomaten: 100 Millionen Pfund Sterling (rund 200 Millionen US-Dollar)
  • Weltrat der Kirchen: 150 Millionen US-Dollar
  • griechische Regierungsstellen: 500 Millionen US-Dollar.[10]

Als Entschädigung für die Ausschreitungen zahlte die damalige türkische Regierung bisher insgesamt 60 Millionen Türkische Lira (knapp 21,5 Millionen US-Dollar).

Unmittelbare Folgen[Bearbeiten]

Die damals unter Menderes amtierende türkische Regierung von der Demokrat Parti versuchte, den Pogrom der politischen Linken um Aziz Nesin, Kemal Tahir und den Sozialisten anzuhängen. Die nach dem Militärputsch von 1960 eingeleiteten Verfahren machten jedoch alleine seine DP-Regierung und seine anhaltenden Provokationen für die blutigen Übergriffe verantwortlich.

In der Folge des Pogroms verließen rund 100.000 Griechen ihre alte Heimat.[7] Während 1945 fast 125.000 orthodoxe Griechen als Minderheit in Istanbul lebten,[20] sank ihre Zahl als Folge des Pogroms von 1955 dramatisch. 1999 lebten noch 2.500 Griechen in der Türkei.[21] Davon wohnten 2006 noch 1.650 in Istanbul.[20]

Danach[Bearbeiten]

Am 27. Mai 1960 übernahmen die türkischen Streitkräfte unblutig die Macht im Lande. Die Putschisten leiteten Gerichtsverfahren, die Yassıada-Prozesse, gegen Menderes und Funktionäre seiner Regierung und Partei ein, insgesamt 592 Menschen. Nach dem damaligen türkischen Strafgesetzbuch war die Todesstrafe gegen Personen möglich, „die die Verfassung zu ändern, ersetzen oder außer Kraft zu setzen anstreben“. Menderes wurde unter anderem wegen der Organisation antigriechischer Ausschreitungen im Jahre 1955, der Bedrohung des Lebens des früheren Präsidenten İsmet İnönü, der Organisation von Krawallen zur Zerstörung einer Zeitung und der Korruption angeklagt[22] und zusammen mit dem Gouverneur von Izmir[3], Kemal Hadimil, Celal Bayar, Fatin Rüştü Zorlu, Hasan Polatkan und zehn weiteren früheren Regierungsbeamten zum Tode verurteilt. Neben Menderes wurden noch die Minister Zorlu und Polatkan hingerichtet, die übrigen Todesurteile in lebenslange Haftstrafen umgewandelt. Celal Bayar wurde aus Altersgründen verschont.

Der Pogrom von Istanbul hat dazu geführt, dass fast alle Griechen, Armenier und Juden der Türkei den Rücken gekehrt haben und auswanderten. Für eine große Zahl dieser Minderheiten waren die schrecklichen Ereignisse ein gewichtiges Indiz dafür, dass sie als gleichwertige „türkische Staatsbürger“ niemals anerkannt werden würden. Sie befürchteten vielmehr, auch in Zukunft Übergriffen ausgesetzt zu sein.

Die Ereignisse von 1955 hatten eine moralische Stärkung der griechisch-orthodoxen Kirche zur Folge und gaben ihr in aller Welt Auftrieb.[17]

Orhan Pamuk, ein türkischer Autor, gegen den die Istanbuler Staatsanwaltschaft Anklage wegen „öffentlicher Herabsetzung des Türkentums“ erhoben hatte, berichtete in seinen Jugenderinnerungen über die blinde Zerstörungswut seiner Landsleute gegen alle Nichtmuslime.[15] Und für den 1995 verstorbenen Schriftsteller und Dramatiker Aziz Nesin waren die Täter von damals „Menschen, die Monster wurden“.[5]

Der für den Pogrom 1955 verantwortliche türkische Ministerpräsident Menderes genießt bis heute in der Türkei sehr hohes Ansehen. Seit den 1980er Jahren wurden Straßen nach ihm benannt und in Istanbul ein monumentales Mausoleum, das Anit Mezar errichtet, in das am 17. September 1990 mit einem Staatsakt seine Gebeine sowie die der beiden mithingerichteten Minister, geschafft wurden. 1987 benannte man den internationalen Flughafen von Izmir nach ihm und gründete 1992 die „Adnan-Menderes-Universität“. 2006/2007 wurde sein Leben für eine umfangreiche türkische Fernsehserie verfilmt.

Internationalisierungsversuche[Bearbeiten]

Angaben in Vryonis’ Buch zufolge hatten die Griechen bei ihren Internationalisierungsversuchen der Vorwürfe wenig Erfolg. Die Massenausschreitungen von Istanbul wurden durch internationale Organisationen wie der NATO oder der UNO bis heute nicht erforscht. Der britische NATO-Vertreter Cheetham empfand es als „unerwünscht“, die Massenausschreitungen zu erforschen. Der US-Vertreter Edwin Martin empfand das Vortragen vor die NATO als übertrieben. Franzosen, Belgier und Norweger mahnten die Griechen dazu, „die Vergangenheit ruhen zu lassen“. Der Rat der NATO veröffentlichte eine Botschaft, die türkische Regierung hätte alles getan, was zu erwarten wäre.[23]

Stand der Forschung[Bearbeiten]

Im Westen beschäftigte sich noch 1955 die katholische Kirche öffentlich und detailliert mit dem Pogrom,[17] während die Ereignisse von der Politik fast totgeschwiegen wurden. Bereits 1956 wurden die „ungeheuerlichen Ausschreitungen“ (zit.) im damals aktuellen politischen Kontext von dem anerkannten Historiker Hans von Rimscha (1899–1987) und dem Politikwissenschaftler Erik Boettcher in der deutschen Universitätsliteratur angeschnitten.[24] Im selben Jahrzehnt erschien das Thema noch öfter mehr oder weniger ausführlich in verschiedenen fachlichen Abhandlungen, wobei es stets in Kontexten behandelt wurde, so 1959 beim Soziologen Walter Sulzbach.[25] Zudem fand es frühen Eingang an deutschen Hochschulen.[2] Auch in den folgenden Jahrzehnten war der Pogrom in deutschsprachigen wissenschaftlichen Veröffentlichungen präsent,[26] doch wurde keine eigene Fachabhandlung darüber verfasst. So konnten die Geschehnisse von 1955 auch keiner breiteren Öffentlichkeit bekannt werden.

Zu den im Jahr 2005 veröffentlichten wichtigen Publikationen gehört die Ausarbeitung des griechischen Byzantinisten Speros Vryonis[10] sowie die Veröffentlichung des Fahri Çoker-Archivs. Konteradmiral Fahri Çoker war Richter bei den Standgerichten in Beyoğlu, die im Anschluss an die Ereignisse die Vorfälle untersuchten. Çoker schenkte Fotos und Dokumente, die bei den Verfahren verwendet wurden und sich seither in seinem Besitz befanden, dem Tarih Vakfı („Stiftung für Geschichte“) mit der Bedingung, sie nach seinem Tod zu veröffentlichen. Çoker verstarb 2001. Die 2005 erschienene Publikation beinhaltet 246 Fotos und 175 Dokumente zu den Vorgängen.[27]

Siehe auch[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. a b Michael Knüppel: Die Türkisch-Orthodoxe Kirche. Pontus Verlag, Mönchengladbach 1996, ISBN 3980517802, S. 106
  2. a b c d Münchener Hochschule für Politische Wissenschaften (Herausgeber): Politische Studien. Olzog Verlag, 1964, S. 560
  3. a b c d e f Wolfgang Freund (Hrsg.): Orient Nr. 1/1992. Deutsches Orient-Institut, Hamburg 1992, ISBN 3-89173-024-1, S.128
  4. a b c Human Rights Watch: Greece. The Turks of Western Thrace. 1999, Seite 8 (PDF; 350 kB)
  5. a b c d e f g h i j k l Vor 50 Jahren zerstörte ein Pogrom das alte Konstantinopel. Ökumenischer Rat der Kirchen in Österreich (ÖRKÖ), 5. September 2005, archiviert vom Original am 22. Oktober 2007, abgerufen am 16. Juli 2014.
  6. Die Tageszeitung Radikal berichtet in diesem Zusammenhang über eine Studie von Dr. Dilek Güven und über die Veröffentlichung des Privatarchivs des damaligen obersten Militärrichters der Ausnahmezustandverwaltung, Konteradmiral Fahri Çoker. Die Studie geht von einer zentralen staatlichen Planung der Ereignisse aus. In einer dreiteiligen Serie fasst die Tageszeitung die Studie zusammen: Teil 1, Teil 2 und Teil 3
  7. a b c d e f g Thomas Seibert: Heikler Jahrestag für Ankara. Antigriechischer Pogrom wird neu aufgearbeitet. In: Der Tagesspiegel vom 7. September 2005 (Artikel zum 50. Jahrestag)
  8. Yeni Sabah 8. September 1955, Hürriyet 8. September 1955, Cumhuriyet 8. September 1955
  9. Helsinki Watch Report, 1990, S. 50
  10. a b c d Speros Vryonis: The Mechanism of Catastrophe: The Turkish Pogrom of September 6–7, 1955, and the Destruction of the Greek Community of Istanbul. Greekworks.com, New York 2005, ISBN 0-9747660-3-8.
  11. Ahmet N. Yücekök: Türkiye’de Örgütlenmiş Dinin Sosyo-Ekonomik Tabanı. Ankara 1971, S. 93
  12. a b Klaus Detlev Grothusen, Winfried Steffani, Peter Alexander Zervakis: Zypern; Verlag Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 1998, ISBN 3525362080, S. 86
  13. Wolfgang Freund (Hrsg.): Orient Nr. 1/1992, Deutsches Orient-Institut, Hamburg 1992, ISBN 3-89173-024-1, S. 127
  14. Wolfgang Freund (Hrsg.): Orient Nr. 1/1992, Deutsches Orient-Institut, Hamburg 1992, ISBN 3-89173-024-1, S. 125
  15. a b Orhan Pamuk: „Istanbul“. Erinnerungen an eine Stadt; Hanser 2006; ISBN 3-446-20826-7
  16. Cem Özdemir: Die Stadt meiner Mutter; in: Der Tagesspiegel vom 30. November 2003
  17. a b c d e Herder-Korrespondenz. Monatshefte für Gesellschaft und Religion, Herder Verlag, Freiburg 1955, S. 125
  18. Steven Runciman, Peter de Mendelssohn (Übersetzung): Die Eroberung von Konstantinopel 1453, C.H.Beck Verlag, München 2005, ISBN 3406025285, S. 209
  19. Türkischer Wechselkurs 1923-1990 (Version vom 23. Juli 2011 im Internet Archive)
  20. a b Günter Seufert, Christopher Kubaseck: Die Türkei – Politik, Geschichte, Kultur, C.H.Beck Verlag, München 2006, ISBN 3406547508, S. 162
  21. Human Rights Watch: Greece. The Turks of Western Thrace; 1999; Seite 2, Fußnote (PDF; 350 kB)
  22. Time-Artikel The verdict, Ausgabe vom 22. September 1961
  23. George Gilsons Rezension des Buches von Speros Vryonis, Abschnitt Eyes shut on pogrom
  24. Hans von Rimscha, Erik Boettcher: Das Sowjetsystem in der heutigen Welt, ISAR Fachbuch Verlag, München 1977, S. 1956
  25. Walter Sulzbach: Imperialismus und Nationalbewußtsein, Europäische Verlagsanstalt, Hamburg 1959, S. 179
  26. Theodor Veiter: Nationalitätenkonflikt und Volksgruppenrecht im 20. Jahrhundert, Forschungsstelle für Nationalitäten- und Sprachenfragen, Braumüller Verlag, Wien 1977, S. 91
  27. Tarih Vakfı Yurt Yayınları: 6-7 Eylül Olayları. Fotoğraflar - Belgeler. Fahri Çoker Arşivi, Istanbul 2005, Vorwort von Dilek Güven, S. ix