Polizei-Bataillon 306

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Das Polizei-Bataillon 306 war eine militärische Einheit der NS-Ordnungspolizei im Zweiten Weltkrieg. Das Bataillon war aktiv am Holocaust beteiligt. Es ist insbesondere verantwortlich für Massaker an 6.780 Kriegsgefangenen, Kommunisten und Juden in den Stammlagern 307 in Husinka bei Biała Podlaska und 325 in Zamosch (Zamość) im September und November 1941. Angehörige des Bataillons waren zudem an der Ermordung von mehr als 26.200 Juden bei der Räumung des Ghettos in Pinsk Ende Oktober und Anfang November 1942 beteiligt.[1][2][3]

Geschichte[Bearbeiten]

Mit Runderlass des Reichsführers-SS und Chef der deutschen Polizei, Heinrich Himmler, vom 11. Oktober 1939 sollten zur Sicherstellung des Bedarfes an Polizeikräften in den von der Wehrmacht besetzten Gebieten 26.000 ungediente Wehrpflichtige und Angehörige älterer Geburtsjahrgänge als Polizeirekruten angeworben werden. Zu Ausbildungszwecken wurden insgesamt 38 Polizei-Ausbildungs-Bataillone geschaffen, in denen die Rekruten nach Jahrgängen getrennt aufgenommen wurden. Die Rekruten der späteren Polizei-Bataillone 301 bis 325 entstammten den älteren Jahrgängen 1909 bis 1912. Sie wurden als sogenannte „Wachtmeisterbataillone“ bezeichnet. Die Führungspositionen in den Bataillonen wurden meist durch Berufspolizisten besetzt, die die Rekruten ausbildeten. Den Rekruten wurden die Befreiung vom Wehrdienst und rasche Aufstiegsmöglichkeiten versprochen.[4]

Das Polizei-Bataillon 306 wurde am 3. Oktober 1940 aus dem Polizei-Ausbildungs-Bataillon „Frankfurt/Main“ in der Gutleut-Kaserne in Frankfurt am Main gebildet. Zu dieser Zeit wurde das Bataillon nach Lublin verlegt. Dort war es dem Polizei-Regiment Lublin unter dem Regimentskommandeur Oberst Walter Griphan als Stabsbataillon zugeordnet.

Bereits in den ersten Monaten des Einsatzes des Bataillones im Gebiet von Lublin wurden Juden ermordet. Nach einem Befehl hatten die Polizisten Juden bei jeder sich bietenden Gelegenheit zu erschießen.[5]

Im Laufe des Jahres 1941 wurde das Bataillon zur Deportierung von Juden aus Lublin in das Konzentrationslager Auschwitz eingesetzt. Daneben hatte es die „Banditen- und Schleichhandelbekämpfung“ und die „Kontingenteintreibung“ vorzunehmen. Opfer waren polnische Bauern, die hingerichtet wurden. Zudem brannte das Bataillon zahlreiche Höfe bei diesen Aktionen nieder. Juden, die beim Handel mit den Bauern angetroffen worden waren, wurden ebenfalls getötet. Schließlich nahm das Bataillon auch an „Umsiedlungsaktionen“ teil, bei denen polnische Bauern von ihren Gütern vertrieben wurden, um Deutsche ansiedeln zu können.[6] Neben einzelnen Taten traten zunehmend auch Gruppenerschießungen, denen außerhalb Lublins 10-12, dann weitere 15 und 8 Juden zum Opfer fielen.[7]

Vom 21. bis 28. September 1941 wurde die 2. Kompanie und die Reiterabteilung des Bataillons eingesetzt, um 6.000 sowjetische Kriegsgefangene des Stammlagers 307 in Husinka zu erschießen. Im November 1941 folgten weitere 780 Kriegsgefangene aus dem Stammlager 325 in Zamosch. Am 10. Februar 1942 startete das Bataillon eine Vergeltungsaktion an der polnischen Zivilbevölkerung des Gebietes um Lubartów, nachdem ein deutscher Polizist getötet aufgefunden worden war. Dabei wurden mindestens 20 Menschen, darunter auch Frauen, ermordet.[8]

Am 19. Februar 1942 wurde das Bataillon an die Front bei Leningrad verlegt und unter der Kampfgruppe Jeckeln eingesetzt. Dabei war das Bataillon am Kampf gegen angebliche Partisanen eingesetzt. 33.000 Menschen fielen dem Einsatz der Polizei-Regimenter 2, 10, 11, 13, 14 und 15, zu dem auch das Polizei-Bataillon 306 gehörte, zum Opfer.[9]

Im Juli 1942 wurde das Polizei-Bataillon 306 umbenannt in II. Bataillon des Polizei-Regimentes 15. Auch nach seiner Umbenennung zog das Bataillon eine Blutspur. Am 29. Oktober 1942 begann die Räumung des Ghettos Pinsk durch das II. Bataillon des Polizeiregimentes 15, die Polizei-Reiter-Abteilung 2 und einer Kompanie des Polizei-Regimentes 11. Allein an diesem Tag wurden 10.000 Juden ermordet. Am 30. und 31. Oktober sowie am 1. November 1942 wurden insgesamt 15.000 Juden zusammengetrieben, um sie außerhalb der Stadt Pinsk zu erschießen. Weitere 1.200 Juden, insbesondere Kranke und Kinder, wurden im Ghetto sofort hingerichtet.[10]

Kommandeure[Bearbeiten]

  • 06. Oktober 1940 – 19. Februar 1942: Major Ernst Dreier
  • 20. Februar 1942 – 3. Dezember 1942: Hauptmann Paul Landwehr

Ermittlungen wegen Kriegsverbrechen[Bearbeiten]

Gegen Mitglieder des Polizei-Bataillons 306 wurden Strafverfahren in der BRD nach Ende des Zweiten Weltkrieges durchgeführt, so etwa gegen Johann Josef Kuhr vor dem Landgericht Frankfurt am Main von 1962 bis 1973 wegen des Massakers in Pinsk.

Der Polizeioffizier Klaus Hornig verweigerte 1941 die Erschießung sowjetischer Kriegsgefangener und sagte in Nachkriegsprozessen zum angeblichen „Befehlsnotstand“ aus.

Literatur[Bearbeiten]

  • Stefan Klemp: „Nicht ermittelt“. Polizeibataillone und die Nachkriegsjustiz. Ein Handbuch. 2. Auflage, Klartext Verlag, Essen 2011, ISBN 978-3-8375-0663-1, S. 258ff.
  • Torsten Schäfer: „Jedenfalls habe ich auch mitgeschossen“. Das NSG-Verfahren gegen Johann Josef Kuhr und andere ehemalige Angehörige des Polizeibataillons 306, der Polizeireiterabteilung 2 und der SD-Dienststelle von Pinsk beim Landgericht Frankfurt am Main 1962–1973; eine textanalytische Fallstudie zur Mentalitätsgeschichte. LIT-Verlag, Münster 2007, ISBN 978-3-8258-0604-0. (Zugleich Dissertation an der TU Darmstadt 2006.)

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Justiz und NS-Verbrechen, Die deutschen Strafverfahren wegen nationalsozialistischer Tötungsverbrechen, Zusammengestellt im Institut für Strafrecht der Universität von Amsterdam von Prof. Dr. C.F. Rüter und Dr. D.W. de Mildt [1]
  2. http://www.ordnungspolizei.org [2]
  3. Torsten Schäfer: „Jedenfalls habe ich auch mitgeschossen“. Münster 2007, S. 14ff.
  4. Torsten Schäfer: „Jedenfalls habe ich auch mitgeschossen“. Münster 2007, S. 59f.
  5. Torsten Schäfer: „Jedenfalls habe ich auch mitgeschossen“. Münster 2007, S. 75.
  6. Torsten Schäfer: „Jedenfalls habe ich auch mitgeschossen“. Münster 2007, S. 77ff.
  7. Torsten Schäfer: „Jedenfalls habe ich auch mitgeschossen“. Münster 2007, S. 79f., S. 82.
  8. Torsten Schäfer: „Jedenfalls habe ich auch mitgeschossen“. Münster 2007, S. 93–96
  9. Torsten Schäfer: „Jedenfalls habe ich auch mitgeschossen“. Münster 2007, S. 99.
  10. Torsten Schäfer: „Jedenfalls habe ich auch mitgeschossen“. Münster 2007, S. 14ff.