Postkeynesianismus

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Postkeynesianismus ist eine wirtschaftswissenschaftliche Schule, die sich, neben anderen Schulen, in der Nachfolge von John Maynard Keynes sieht.

Während der „New Keynesianism“ oder „Neu-Keynesianismus“ sich auf die Aussagen von Keynes stützt, die die Möglichkeit eines längerfristigen ökonomischen Gleichgewichtes zulassen, so dass über die Neoklassische Synthese eine Brücke zur neoklassischen Theorie geschlagen werden kann in dem Sinne, dass zwar kurzfristig die keynesianische Theorie gilt, langfristig aber die Neoklassik, behaupten die Postkeynesianer die auch langfristige Gültigkeit der keynesianischen Theorie.

Unsicherheit statt Risiko[Bearbeiten]

Ihr Ausgangspunkt ist, dass wirtschaftliche Entscheidungen unter Unsicherheit getroffen werden, nicht unter einem berechenbaren Risiko. Die Wirtschaftssubjekte versuchen dieser Unsicherheit zu begegnen, indem sie feste Verträge schließen, die sozusagen Brücken in eine unsichere Zukunft schlagen sollen. Als wichtigste Wirtschaftsverträge gelten die Festlegung des Lohnniveaus und Kreditverträge, in welchen Kredithöhe, Laufzeit und Zinssatz festgelegt werden. Daraus ergeben sich für Löhne, Zinssätze und abgeleitet daraus für die Preise Rigiditäten. Wegen dieser Rigiditäten kann kein Preismechanismus wirken, der kurzfristig Marktungleichgewichte bereinigt. Vielmehr passen sich die Wirtschaftssubjekte über die Mengen an, so dass es dauerhaft zu Marktungleichgewichten kommen kann.

Investitionen bestimmen die Ersparnisse[Bearbeiten]

Wie bei Keynes richtet sich das Investitionsvolumen nicht nach der geplanten Ersparnis, sondern umgekehrt, die Ersparnis passt sich im Kreislaufzusammenhang an die Investitionen an.

In diesem Zusammenhang ist auch die Michał Kalecki zugeschriebene Aussage zu sehen: „Arbeiter geben aus, was sie bekommen, Kapitalisten bekommen, was sie ausgeben.“[1] Geht man von einer klassischen Sparfunktion aus, wonach die Arbeiter ihr Lohneinkommen insgesamt für Konsum ausgeben, die Bezieher von Profit aber ihr Einkommen ganz sparen (vereinfachte Annahme), die gesamtwirtschaftlichen Ersparnisse somit gleich den Gewinnen sind, dann muss sich ergeben, dass das Investitionsvolumen („what they spend“) der Unternehmen, das den Umfang der Ersparnis bestimmt, gleich den gesamtwirtschaftlichen Gewinnen ist: „Capitalists get what they spend“.

Mark up[Bearbeiten]

Die Unternehmen bilden die Preise, indem sie auf die Lohnstückkosten einen bestimmten Aufschlag, einen „mark-up“, erheben. Dieser Mark-up bildet sich durch die Konkurrenzverhältnisse und Kräfteverhältnisse und ist daher nicht rasch veränderbar.

Ablehnung der klassischen Dichotomie[Bearbeiten]

Geld ist kein „Schleier“, der die „reale“ Wirtschaft (Produktion, Beschäftigung usw.) letztlich nicht oder nur kurzfristig beeinflusst, sondern monetäre Größen haben auch langfristig auf Produktion und Beschäftigung Einfluss. Die Postkeynesianer lehnen also die Klassische Dichotomie ab.

Ablehnung des Sayschen Gesetzes[Bearbeiten]

Wie die marxistische Ökonomie lehnen die Postkeynesianer die Gültigkeit des Sayschen Gesetzes ab.[2] Wird in einer unsicheren Welt Geld gehortet, Geld als Wertaufbewahrungsmittel nachgefragt, unterbricht dies den Geldkreislauf und es kommt zu einem allgemeinen Überangebot an Waren. Aus postkeynesianischer Sicht ist dies aber nur deshalb so, weil Geld nicht von Privaten produziert werden kann, sondern institutionell von den Zentralbanken geschaffen wird. Privaten ist die Produktion von Geld als gesetzlichem Zahlungsmittel nicht möglich. Hier kritisieren die Postkeynesianer Karl Marx, bei dem eine Geldware, z. B. Gold, dem Geldwesen zugrunde liegt, so dass auch Private sich jederzeit ihr Geld (Gold) produzieren könnten, wenn in unsicheren Zeiten mehr Geld gehalten werden soll. Auf dieser Grundlage könne aber das Saysche Gesetz nicht widerlegt werden. Die marxistische Ökonomie müsse also als „monetäre Werttheorie“ im Sinne von Michael Heinrich verstanden werden.[3]

Endogene Geldmenge[Bearbeiten]

Die Zentralbank legt den Zinssatz fest und die Banken schlagen darauf einen Mark-up im Moment der Kreditvergabe. Die sich auf Grundlage dieses Zinssatzes ergebende Kreditnachfrage wird von der Zentralbank und den Banken befriedigt oder „akkommodiert“, wobei nur kreditwürdige Kreditnachfrager zum Zuge kommen. Das Kreditangebot ist also bei einem von der Zentralbank gesetzten Zinssatz voll elastisch – so die Sicht der „Akkommodisten“ oder „Horizontalisten“. Die „Strukturalisten“ gehen dagegen davon aus, dass mit steigender Kreditnachfrage schließlich doch der von der Zentralbank geforderte Zinssatz steigt.[4]

Postkeynesianische Ökonomen[Bearbeiten]

Der postkeynesianischen Schule zugerechnet werden Victoria Chick, Paul Davidson, Richard M. Goodwin, Nicholas Kaldor, Michał Kalecki, Steve Keen, Hyman P. Minsky, Luigi Pasinetti, Joan Robinson und William Vickrey. In Deutschland haben z. B. Eckhard Hein, Jürgen Kromphardt und Arne Heise zur postkeynesianischen Theorie veröffentlicht, im weiteren Sinne ließe sich auch der Entwicklungstheoretiker und Politikwissenschaftler Hartmut Elsenhans dieser Richtung zurechnen.

Literatur[Bearbeiten]

  • Paul Davidson: The Post Keynesian school. In: Brian Snowdon & Howard R. Vane (Hrsg.): Modern Macroeconomics. Elgar Publishing, Cheltenham 2005, S. 451-473
  • Christoph Deutschmann: Der linke Keynesianismus. Athenäum, Frankfurt 1973, ISBN 3-7610-5871-3
  • Karl Dietrich, Hubert Hoffmann, Jürgen Kromphardt, Karl Kühne, Heinz D. Kurz, Hajo Riese & Bertram Schefold: Postkeynesianismus. Ökonomische Theorie in der Tradition von Keynes, Kalecki und Sraffa. Mit einer Auswahlbibliographie von Ottmar Kotheimer. Metropolis, Marburg 1987, ISBN 3-926570-00-8
  • Eckhard Hein: Geld, effektive Nachfrage und Kapitalakkumulation. Eine Betrachtung aus Marxscher, Keynesscher und post-keynesianischer Perspektive. Duncker & Humblot, Berlin 1997, ISBN 3-428-08958-8
  • ders.: Verteilung und Wachstum. Eine paradigmenorientierte Einführung unter besonderer Berücksichtigung der post-keynesianischen Theorie. Metropolis, Marburg 2004, ISBN 3-89518-452-7
  • ders.: Money, Distribution Conflict and Capital Accumulation. Contributions to „Monetary Analysis“. Macmillan, Palgrave 2008, ISBN 0-230-52157-6
  • Jan A. Kregel: Die Erneuerung der politischen Ökonomie. Eine Einführung in die postkeynesianische Ökonomie. Metropolis, Marburg 1988, ISBN 3-926570-03-2

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Workers spend what they get, Capitalists get what they spend. In: Southern Economic Journal. Jg 57, Nr. 2 (Januar), Chattanooga Tenn 1991, S. 868-870. ISSN 0038-4038 (Besprechung von "Macroeconomic Problems and Policies of Income Distribution: Functional, Personal, and International, edited by Paul Davidson and Jan A. Kregel, Aldershot, England and Brookfield. Edward Elgar Publishing Co., 1989.")
  2. Zur Abgrenzung zur marxistischen Ökonomie vgl. Eckhard Hein 2008, Kapitel 5 „Monetary Analysis in Marx's Economics.“ S. 13ff.
  3. Eckhard Hein 2008, S.18ff.
  4. Eckhard Hein 2008, S.43ff. Die Zentralbank verzichtet durch die Zinssteuerung darauf, die Menge des emittierten Zentralbankgeld selbst zu steuern. Auch dessen Entwicklung wird allein durch die Nachfrage der Geschäftsbanken bestimmt. Ein Geldmengemultiplikator oder eine multiple Geldschöpfung à la Milton Friedman ist vor diesem Hintergrund irrelevant, da allein schon die Entwicklung der Menge des emittierten Zentralbankgeldes nicht mehr der Kontrolle der Zentralbank unterliegt.