Postpanoptikum

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Das Postpanoptikum (Kunstwort aus dem lateinischen post „nach“, aus dem griechischen pân „alles“ und aus dem griechischen optiké „Kunde vom Sichtbaren“ mit ungefähr der Bedeutung „Ära nach der All-Sichtbarkeit“) ist eine soziologische Figur zur Erfassung der Machtverhältnisse und stellt auch die Pädagogik vor neue Reflexionsaufgaben.

Sie basiert auf der Theorie des Denkers Michel Foucault zum Panoptismus und wurde von dem Soziologen Zygmunt Bauman entworfen. In einem gesellschaftlichen Kontext beschreibt das Postpanoptikum die Produktivität der Macht in sämtlichen Bereichen des Lebens in der gegenwärtigen Postmoderne.

Das Postpanoptikum übt im Gegensatz zum Panoptikum der Moderne Macht aus, ohne an feste Territorien und unbewegliche Gebäuden bzw. Arrangements (z. B. Zellen, Überwachungsturm, Kontrollpersonal vor Ort) gebunden zu sein. Das Postpanoptikum beschreibt den Umstand, dass mittels postmoderner Kommunikationstechnologie (IuK) bzw. elektronischer Signale die Überwachung unabhängig von Ort, Raum und Zeit stattfinden kann. In einem metaphorischen Sinne wird das, was früher der Wachturm in der Mitte des Panoptikums bewerkstelligte, den ungehinderten Blick des Kontrollpersonals in die Zellen aller Gefangenen, in der Postmoderne durch elektronischer Signale übernommen. Exemplarisch steht dafür die elektronische Fußfessel. Mithin gibt es heute „unsichtbare“ Formen der Überwachung im Strafvollzug, aber nicht nur dort. Die Differenzen zwischen dem Ordnungsprinzip des „Panoptikums“ und dem „Postpanoptikum“ versinnbildlichen die gegenwärtigen Transformationsprozesse von der modernen zur postmodernen Macht.

Übertragen auf das gesamt-gesellschaftliche Leben gibt es aktuell Situationen, in denen Menschen im Alltag ständig elektronisch überwacht werden. Dazu zählen beispielsweise Überwachungskameras an öffentlichen Plätzen, GSM-Ortung, die elektronische Online-Durchsuchung oder ein Großer Lauschangriff.

Durch die Produktivität des Postpanoptikums entstehen in der Postmoderne neue Varianten der Überwachung und Kontrolle, wodurch es auch zu anderen Machtkonstellationen kommt. Mit dem Begriff der „Produktivität“ ist jedoch nicht nur die „Effizienz“ gemeint, sondern vor allem, dass Macht im foucaultschen Sinne auch etwas Positives ist. Es entstehen neue Ordnungen, Techniken und gesellschaftliche Herausforderungen, die aus einer soziologischen Sicht vor allem neue In- und Exklusionsprozesse in Gang setzen. Macht ist in diesem Sinne höchst produktiv, nicht zuletzt, da sie immer Widerstand erzeugt.

Die finstere Vorstellung aus dem Roman 1984 von George Orwell sei ein Appell des Widerstandes gegen die totale Überwachung, der in „post-panoptischen“ Zeiten nichts an Aktualität eingebüßt habe. Das Postpanoptikum sei ein Ordnungsprinzip und Bestandteil des soziologischen Diskurses der Macht.

Literatur[Bearbeiten]

  • Zygmunt Bauman: Liquid Modernity. Polity Press, Cambridge 2000 ISBN 074562409X (deutsche Übersetzung: Flüchtige Moderne. Suhrkamp, Frankfurt am Main 2003, ISBN 3-518-12447-1)
  • Michel Foucault: Überwachen und Strafen. Frankfurt am Main 1977. ISBN 3-518-38771-5 (französische Ausgabe: Surveiller et punir – la naissance de la prison. Paris 1975).
  • George Orwell: 1984. Ullstein Taschenbuchverlag, 2002, ISBN 3-548-23410-0