Präexpositionsprophylaxe

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Die Präexpositionsprophylaxe (PrEP) ist eine biomedizinische Präventionsmaßnahme, bei der HIV-negative Personen präventiv Medikamente der antiretroviralen HIV-Therapie einnehmen, um sich vor einer möglichen HIV-Infektion zu schützen.[1]

Als Medikament für eine Präexpositionsprophylaxe wird meist Emtricitabin plus Tenofovir (Truvada) eingesetzt, was sonst Bestandteil einer HIV-Therapie bereits Infizierter ist. Weitere getestete Wirkstoffe sind Tenofovir (Viread) allein[1] und Maraviroc (Celsentri).[2] Im Gegensatz zu den USA[3] ist in der EU noch kein Medikament für die Präexpositionsprophylaxe zugelassen[4] jedoch kann sie im Rahmen des Off-Label-Use von Ärzten auf Privatrezept verschrieben werden.

Schutzwirkung[Bearbeiten]

Die Wirksamkeit hängt maßgeblich vom verwendeten Medikament und der Therapietreue, also der Disziplin bei der Einnahme, ab. Bei der bisher größten PrEP-Studie (VOICE 003) mit über 5000 Teilnehmern und wurde mittels Messung der Medikamentenspiegel eine Therapietreue von nur 50 % festgestellt, was die Schutzwirkung stark einschränkt. Wie sich an den Blutuntersuchungen zeigte, wurde die Präexpositionsprophylaxe im Laufe der Studie immer seltener eingenommen – obwohl es monatliche Beratungen zur Medikamenteneinnahme gab.[5]

Eine Studie, bei der die Schutzwirkung des Medikaments Truvada untersucht wurde, kam zu dem Ergebnis, dass bei Studienteilnehmern, die mehr als die Hälfte aller Tabletten eingenommen hatten, die Wirksamkeit der PrEP bei 50 % lag. Bei einer Adhärenz über 90 % (d.h. 90 % der Tabletten wurden eingenommen) sank die Rate von HIV-Neuinfektionen sogar um 73 %. Von den Männern, die sich während der Studie trotz der Prophylaxe mit HIV infizierten wurde nur bei 9 % ein wirksamer Medikamentenspiegel im Blut nachgewiesen. Im Gegensatz dazu hatten von den Teilnehmern, die sich nicht mit HIV infizierten 51 % einen wirksamen Medikamentenspiegel. So errechneten die Forscher, dass bei einer Adhärenz von 100 %, d.h. es wird keine einzige Tablette vergessen oder zu spät eingenommen, bis zu 95 % der Infektionen verhindert werden könnten.[6]

Studie Wirkstoff Studienteilnehmer Ergebnisse
CAPRISA 004 Perikoitales Tenofovir-Gel südafrikanische Frauen 39 % weniger Infektionen[7]
iPrEx Emtricitabin/Tenofovir-Tablette Männer, die Sex mit Männern haben 42 % weniger Infektionen[6]
Partners PrEP Emtricitabin/Tenofovir-Tablette; Tenofovir-Tablette heterosexuelle Paare in Afrika 73 % bzw. 62 % weniger Infektionen[8]
TDF2 Emtricitabin/Tenofovir-Tablette heterosexuelle Paare in Botswana 63 % weniger Infektionen[9]
FEM-PrEP Emtricitabin/Tenofovir-Tablette afrikanische Frauen Keine Reduktion der Infektionen (Studienabbruch wegen niedriger Therapietreue)
VOICE 003 Emtricitabin/Tenofovir-Tablette; Tenofovir-Tablette; Tenofovir-Vaginalgel Frauen in Simbabwe, Südafrika und Uganda Keine Reduktion der Infektionen (sehr niedrige Therapietreue)[9][10]
Bangkok Tenofovir Study Tenofovir-Tablette männliche i.v. Drogengebraucher in Thailand 48,9 % weniger Infektionen[11]

Kosten-Nutzen-Analyse[Bearbeiten]

Da eine Präexpositionsprophylaxe erhebliche Kosten verursacht (30 Tabletten Truvada kosten laut Apothekenpreisliste 819,49 Euro) stellt sich die Frage in welchem Verhältnis diese zu den Einsparungen stehen, die durch erfolgreich verhinderte HIV-Infektionen zustande kommen. Eine Australische Studie untersuchte den Einsatz der PrEP unter Männern, die Sex mit Männern haben und kam zu dem Ergebnis, dass für die Reduzierung der Gesamtkosten für das Gesundheitssystem ein Einsatz im großen Maßstab nicht sinnvoll ist. Stattdessen sollte die Präexpositionsprophylaxe bei Individuen eingesetzt werden, die einem besonders hohen Risiko für HIV ausgesetzt sind, wie z.B. dem negativen Partner einer serodiskordanten Beziehung.[12]

Kritische Punkte[Bearbeiten]

Von verschiedenen Seiten gibt es Befürchtungen und kritische Fragen bezüglich der Präexpositionsprophylaxe als Strategie, um neue HIV-Infektionen zu verhindern. Die amerikanische Gesundheitsbehörde CDC befürchtet, die PrEP könnte auch mit anderen Medikamenten durchgeführt werden als mit jenen, die sich für HIV-Negative als sicher erwiesen haben. Auch könnte die PrEP anders durchgeführt werden als verordnet (z.B. eine Tabletteneinnahme nur kurz vor oder nach dem Sex).[1] Andere kritische Punkte sind u.a. eine mögliche Resistenzentwicklung, die Auswirkung einer Prophylaxe auf das Risikoverhalten und die Effektivität einer PrEP ohne intensive begleitende Beratung.

Siehe auch[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. a b c PrEP und Mikrobizide HIVreport. Abgerufen am 30. Januar 2014
  2. NIH to test maraviroc-based drug regimens for HIV prevention
  3. FDA approves first drug for reducing the risk of sexually acquired HIV infection
  4. PrEP - Geht's jetzt zur Sache? AIDS-Hilfe Schweiz. Abgerufen am 30. Januar 2014
  5. Quo vadis, HIV-PrEP? Deutsche AIDShilfe. Abgerufen am 30. Januar 2014
  6. a b Grant RM, Lama JR, Anderson PL, et al.: Preexposure chemoprophylaxis for HIV prevention in men who have sex with men. In: N. Engl. J. Med.. 363, Nr. 27, December 2010, S. 2587–99. doi:10.1056/NEJMoa1011205. PMID 21091279. PMC: 3079639 (freier Volltext).
  7. Andrei G, Lisco A, Vanpouille C, et al.: Topical tenofovir, a microbicide effective against HIV, inhibits herpes simplex virus-2 replication. In: Cell Host Microbe. 10, Nr. 4, October 2011, S. 379–89. doi:10.1016/j.chom.2011.08.015. PMID 22018238.
  8. Celum C, Baeten JM: Tenofovir-based pre-exposure prophylaxis for HIV prevention: evolving evidence. In: Curr. Opin. Infect. Dis.. 25, Nr. 1, February 2012, S. 51–7. doi:10.1097/QCO.0b013e32834ef5ef. PMID 22156901. PMC: 3266126 (freier Volltext).
  9. a b CL Celum: HIV preexposure prophylaxis: new data and potential use. In: Topics in antiviral medicine. 19, Nr. 5, December 2011, S. 181–5. PMID 22298887.
  10. Afrika: HIV-Präventionsstudie scheitert am Desinteresse junger Frauen. Deutsches Ärzteblatt. Abgerufen am 30. Januar 2014.
  11. Choopanya K, Martin M, et al.: Antiretroviral prophylaxis for HIV infection in injecting drug users in Bangkok, Thailand (the Bangkok Tenofovir Study): a randomised, double-blind, placebo-controlled phase 3 trial. In: The Lancet. 381, Nr. 9883, June 2013, S. 2083-2090. doi:10.1016/S0140-6736(13)61127-7. PMID 23769234.
  12. Schneider K, Gray RT, et al.: A cost-effectiveness analysis of HIV pre-exposure prophylaxis for men who have sex with men in Australia. In: Clin Infect Dis.. January 2014. doi:10.1093/cid/cit946. PMID 24385445.