Präterismus

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche

Präterismus (nach engl. Preterism, aus lat. praeter = vorbei; vorüber; vgl. Präteritum) oder zeitgeschichtliche Auslegung ist eine im Deutschen eher unübliche Bezeichnung für eschatologische Richtungen, die davon ausgehen, dass sich die endzeitlichen Prophezeiungen (z. B. Ankunft des Messias, Ende der Welt, Wiederkunft Christi) entweder beim Fall Jerusalems im Jahre 70 n. Chr. oder beim Untergang Roms im 5. Jahrhundert n. Chr. größtenteils schon erfüllt haben und die erwartete Endzeit (z. B. Reich Gottes) bereits angebrochen ist.

Biblische Grundlage des Präterismus[Bearbeiten]

Das neue Testament geht davon aus, dass die Wiederkunft Christi nahe bevorsteht.[1] Diese Naherwartung wird von Jesus und den Aposteln an mehreren Stellen in den Evangelien und den Apostelbriefen noch weiter präzisiert:

„Wahrlich, ich sage euch: Es stehen einige hier, die werden den Tod nicht schmecken, bis sie den Menschensohn kommen sehen in seinem Reich.“

– (Mt 16,28 ELB)

Auf die Frage seiner Jünger nach dem Zeitpunkt des Endes der Welt (des Zeitalters) (vgl. Matt 24,3) entgegnet ihnen Jesus:

„Wahrlich, ich sage euch: Dieses Geschlecht wird nicht vergehen, bis dies alles geschieht.“

– (Mt 24,34 ELB)

„Die einzig mögliche Deutung, die Jesu eigene Worte zulassen, ist deshalb diejenige, dass Er von der Zerstörung des Tempels sprach, der damals in Jerusalem stand und den Seine Jünger zu jenem bestimmten Zeitpunkt der Geschichte betrachteten. Der Tempel, von dem Jesus sprach, wurde zerstört, als Jerusalem im Jahre 70 der römischen Armee zum Opfer fiel. Dies ist die einzige zulässige Deutung der Prophezeitung in diesem Kapitel. Die Große Trübsal endete mit der Zerstörung des Tempels im Jahre 70 n. Chr.

David Chilton: Die Große Trübsal[2]

Auch Paulus sah seine Generation als diejenige an, „auf die das Ende der Zeiten gekommen ist.“:

„Alles dies aber widerfuhr jenen als Vorbild und ist geschrieben worden zur Ermahnung für uns, über die das Ende der Zeitalter gekommen ist.“

– (1 Kor 10,11 ELB)

Denkschule[Bearbeiten]

Gemäß der präteristischen Denkschule sind diese Präzisierungen so zu interpretieren, dass die Wiederkunft Christi in der gleichen Generation, in der Jesus lebte, d.h. noch während des 1. Jahrhunderts n. Chr. eingetroffen sei. Normalerweise wird die Wiederkunft dann auf das Jahr 70 n. Chr. gelegt, in welchem der 2. Jerusalemer Tempel von den Römern zerstört wurde und das alte Israel unterging. Diese Ansicht wird als voller Präterismus bezeichnet.

Die Herausgeber des präteristischen Online-Archives schlagen eine Unterteilung des heutigen Präterismus in die Richtungen Progressiver voller Präterismus[3] und Moderner Präterismus vor.[4][5]

Gemäss der präteristischen Denkschule berichten die Kapitel 5 bis 11 der Offenbarung des Johannes über den Sieg der christlichen Gemeinde über den Judaismus, die Kapitel 12 bis 19 den Sieg der Gemeinde über Rom und Kapitel 20 bis 22 die Herrlichkeit der Gemeinde. Der Präterismus grenzt sich von der historischen, der idealistischen sowie der futuristischen Auslegungstradition ab. Die historische Richtung sieht in der Offenbarung die Kirchengeschichte vorgeschattet, die idealistische Richtung erkennt in der Offenbarung geistliche Prinzipien und die futuristische Richtung künftige, heute noch nicht eingetroffene Ereignisse.[6]

Geschichte[Bearbeiten]

Die präteristische Denkschule hat eine lange Geschichte: Einer der frühesten Vertreter war Eusebius von Caesarea (ca. 260-ca. 339), der seine diesbezüglichen Meinungen in der Theophania niederlegte. Ein Vertreter war auch der Jesuit Luis de Alcasar während der Gegenreformation in Abgrenzung zu den protestantischen Historizisten. Als erster protestantischer Vertreter des Präterismus gilt Hugo Grotius (1583-1645), in England war es Thomas Hayne (1582-1645). Der französische Gelehrte und Genfer Bibliothekar Firmin Abauzit (1679-1767) vertrat seine präteristische Ansicht im Essai sur l'Apocalypse von 1730.[7][8] Später soll er sich wieder davon distanziert haben. In Amerika wurde die Sichtweise vor allem bekannt durch Robert Townley (1822-1888) durch sein Werk The Second Advent of the Lord Jesus Christ: A Past Event und die von ihm herausgegebene Bibelübersetzung Young's Literal Translation von 1862.

Siehe auch[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

  • Kenneth G. C. Newport: Apocalypse and Millennium: Studies in Biblical Eisegesis. Cambridge: Cambridge University Press 2000 ISBN 0-521-77334-2
  • C. Marvin Pate (Hg.): Four views on the Book of Revelation. (Preterist: Kenneth L. Gentry; Idealist: Sam Hamstra; Progressive dispensionalist: C. Marvin Pate; Classical dispensionalist: Robert L. Thomas.) Grand Rapids, Mich.: Zondervan 2001 ISBN 0-310-21080-1 Google-Booksearch
  • Robert Charles Sproul: The last days according to Jesus. Grand Rapids: Baker 1998, v. a. S. 24 ff. ISBN 080101171X Google-Booksearch
  • Steve Wohlberg: End time delusions: the rapture, the antichrist, Israel, and the end of the world. Shippensburg, PA: Treasure House 2004 ISBN 0768429609 Google-Booksearch

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. z. B. Offenbarung 1,1; Römer 13, 11-12; Römer 16,20
  2. David Chilton: Die Große Trübsal. Reformatorischer Verlag Beese, Hamburg 1996, ISBN 3-928936-12-3, S. 12.
  3. http://www.preteristarchive.com/Preterism/Progressive/index.html (abgerufen am: 13. April 2012).
  4. http://www.preteristarchive.com/Modern/index.html (abgerufen am: 13. April 2012)
  5. http://www.preteristarchive.com/Preterism/Progressive/index.html (abgerufen am: 13. April 2012).
  6. Charles C. Ryrie: Die Offenbarung verstehen. Durchblick und Klarheit über das faszinierendste Buch der Bibel. Christliche Verlagsgesellschaft, Dillenburg 2011, ISBN 978-3-89436-875-3, S. 8-10.
  7. Friedrich Bleek: Vorlesungen über die Apokalypse. Reimer, Berlin 1862, S. 56. Digitalisierte Version (abgerufen am: 13. April 2012).
  8. Johann Samuel Ersch: Allgemeine Enzyklopädie der Wissenschaft und Künste. Zweite Section H-N. Zweiundzwanzigster Theil. Johanne - Jonisches Portal. F.W. Brockhaus, Leipzig 1843, S. 93. Digitalisierte Version (abgerufen am: 13. April 2012).