Prélude cis-Moll (Rachmaninow)

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Der junge Rachmaninow

Sergei Rachmaninows cis-Moll-Prélude (Прелюдия) op. 3 no. 2 aus den Morceaux de fantaisie ist sein mit Abstand populärstes Klavierstück; an Berühmtheit höchstens vom zweiten Klavierkonzert übertroffen. Mit seiner relativen spieltechnischen Einfachheit ist es eines der bekanntesten Werke der Spätromantik.

Daten zum Werk[Bearbeiten]

Entstanden ist das Werk im Jahr 1892, publiziert wurde es 1893. Der Komponist führte das Stück selbst am 26. September 1892 bei der Moskauer Elektrotechnischen Ausstellung auf. Der gesamte Zyklus wurde am 27. Dezember 1892 in Charkow uraufgeführt. Die Spieldauer ist von Interpret zu Interpret verschieden, Einspielungen dauern meist zwischen drei und fünf Minuten.

Entstehungsgeschichte[Bearbeiten]

Das zweite Stück aus dem Zyklus der fünf Fantasiestücke komponierte Rachmaninow fast unmittelbar nach seinem Abschluss mit der großen Goldmedaille am Moskauer Konservatorium, in Armut und Depression. Die Sammlung ist seinem ehemaligen Professor im Fach Harmonielehre, Anton Arenski, gewidmet.

Analyse[Bearbeiten]

Die musikalische Analyse eines Werkes beruht zu einem großen Teil auf Interpretationen und Deutungen. So ist es nicht verwunderlich, dass viele Interpretationen und musikalische Analysen einander widersprechen. Wo der eine Musikwissenschaftler etwa mehrere Themen sieht, erblickt ein anderer nur die Variation eines Themas.

Erster Teil[Bearbeiten]

Das Stück ist in drei Hauptteile, A-B-A aufgeteilt und endet mit einer Coda. Es beginnt mit drei wuchtigen Oktaven in fortissimo (ff), welche das gebieterische Pochen eines schicksalsträchtigen Motivs (manchmal wird behauptet, dass die einfache Melodie mit den Worten „Gebt uns Brot“ untermalt werden könnte, diese Theorie wurde allerdings nie ernst genommen) symbolisieren. Gleich am Anfang ist man fasziniert von dem untrüglichen Gespür, mit dem der junge unerfahrene Komponist auf neuartige und originelle Weise Wirkungen erzielt. In den Außenteilen ahmt Rachmaninow virtuos die für russische Musik typischen Glocken (vgl. 2. Klavierkonzert, Die Glocken, erste 8 Takte) nach. Ein melancholisches Lento folgt den Glockenschlägen. Jener Dreitonkeim vom Anfang fungiert als dynamisch isoliertes Motto, welches im Verlauf des Lento-Abschnittes variiert wird. Die größte Schwierigkeit des langsamen Teils besteht darin, über den gesamten Abschnitt einen einzigen riesigen Bogen zu spannen, die Melodie nie abbrechen zu lassen, was nur guten Pianisten makellos gelingt. Am Ende des A-Teils wird die Melodie immer leiser.

Ein weiterer Gesichtspunkt des ersten Teils des cis-moll-Preludes ist die spezielle Pedaltechnik, die Rachmaninoff verwendet. Es ist zwar dem Pianisten selbst überlassen, auf seine Art zu interpretieren, meistens jedoch wird Rachmaninoffs Technik angewandt. So verwendet Rachmaninoff, um die meist drei zu einem Grundton gespielten verschiedenen Akkorde nicht zu vermischen, das zweite, mittlere Pedal. Das mittlere (nicht bei allen Klavieren vorhandene) Pedal kann unterschiedliche Funktionen haben, in diesem Fall jedoch bezieht es sich auf die Funktion als Sostenuto-Pedal. Beim Tonhalte-Pedal (auch Sostenuto-Pedal) bleiben die Dämpfer der Tasten, die gerade gedrückt werden, abgehoben, solange man das Pedal niedertritt. Alle anderen Dämpfer funktionieren normal. Gleichzeitig ist es noch möglich, andere Pedale in Verwendung zu haben, um danach gespielte Akkorde aushalten zu können. Dieses Pedal findet vor allem in der Klaviermusik des 20. Jahrhunderts Verwendung. Bei Pianos hat das mittlere Pedal meistens die Moderatorfunktion, bei Flügeln ist es meistens ein Tonhalte-Pedal. Dieses Pedal erzielt jedoch nur seine Wirkung, wenn es erst nach dem Anschlagen der Töne getreten wird.

Auffällig im ersten Teil sind auch die extremen Dynamikbezeichnungen, wo ein ppp (piano pianissimo) keine Seltenheit ist, welches zu Beginn als Kontrast zum fortissimo der ersten 3 Oktaven steht.

Zweiter Teil[Bearbeiten]

Scheinbar aus dem Nichts heraus, ohne eine Unterbrechung oder Zäsur, und sehr mysteriös beginnt anschließend der B-Teil, dessen einzige Vortragsbezeichnung Agitato lautet. Diese Tempobezeichnung variiert jedoch im Laufe des zweiten Abschnittes sehr stark. Bei diesem Teil handelt es sich um einen virtuosen, erregten Triolenabschnitt, welcher mit einer toccatenartig niederbrechenden Martellato-Kaskade schließt, welche als Finale des sich über den ganzen B-Teil erstreckenden Accelerandos den zweiten Teil beendet. Auffällig sind hier ab dem 14ten Takt dieses Abschnittes die 13 Intervalle, die von der linken Hand gespielt werden sollten, aber meist als Arpeggien interpretiert werden, geben Auskunft über die Größe der Hände Rachmaninoffs, dem es ohne weitere Probleme möglich war, eine Duodezime (ein 12-Ton-Intervall) zu greifen. Dieser Teil endet mit zwei wuchtigen Akkorden im fortissimo, die jeweils durch deren Grundtöne in 4 Oktaven und dreifachem sforzato angekündigt werden (Glockenschläge).

Dritter Teil[Bearbeiten]

Wiederkehr des Themas in wuchtigen Oktaven und Akkorden

Schließlich kehrt das Anfangsmotiv „a tempo“ zurück, allerdings nicht wie ursprünglich tastend und fragend, sondern pesante, mit ungeheurer Wucht. Hier kommt endgültig die Größe Rachmaninows (auch im rein physischen Sinne) zum Vorschein; auch wird es hier klar, dass Rachmaninow auf die russischen Glocken anspielt. Eine Steigerung bis zu vierfachem sforzato (sffff) sowie eine Verdoppelung beider Handpartien - vier Notensysteme bei durchklingendem Pedal, hier lässt Rachmaninow nichts unversucht, mit dem Klavier gleich einer Naturgewalt über den Zuhörer hereinzubrechen. Somit ist es eines der wenigen Klavierwerke mit 4 Notensystemen, die außerdem voll ausgekostet werden. Diese Notationsvariante ist jedoch nur für gekonnte Augen geeignet und unmöglich als Blattleseübung zu versuchen. Zweimal sind sogar 12 Töne eines Akkordes auf einen Schlag notiert, was natürlich nur als Art arpeggio möglich ist. Nach Abklingen der Akkorde allmählich hin zur beklemmenden Ermattung des Beginns endet das Stück in einer sehr originellen, wiederum an das 2. Klavierkonzert erinnernden Akkordfolge, und schließlich in einem wehklagenden cis-Moll-Akkord in der ersten Umkehrung. Dieser dritte Abschnitt ist die Krönung des über A und B aufgebauten Gesamten.

Rezeption des Werkes[Bearbeiten]

Während die Moskauer Uraufführung 1892 noch kaum Aufsehen erregte, wurde das cis-Moll-Prélude schon bald zum besonderen Markenzeichen Rachmaninows. Er musste es auf Grund seiner Beliebtheit oft in seine Programme aufnehmen oder auf Verlangen des Publikums, nach legendär gewordenen „cis-Moll“-Rufen wenigstens als Zugabe spielen. So schrieb Ernest Newman in den Londoner Times 1928: „Er ist einer der sehr wenigen Musiker, der die Queen’s Hall in diesen Tagen füllen kann, aber ob er das bewirkt, weil er einer der besten Pianisten ist, oder weil er das cis-Moll-Prélude geschrieben hat, könnte ich nicht sagen.“ Das cis-Moll-Prélude ist in der Tat zum Schlager und zu dem Prélude von Rachmaninow geworden.

Trivia[Bearbeiten]

Eine ganz eigenartige Berühmtheit erlangte das ursprüngliche Klavierstück in der Orchesterfassung mit drohenden Beckenschlägen, wie es früher häufig in Stummfilmen gespielt wurde.

Siehe auch[Bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten]